FLYING COLORS - Flying Colors

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VÖ: 26.03.2012
Bandinfo: FLYING COLORS
Genre: Rock
Label: Mascot Records
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Lineup  |  Trackliste

Wer dachte, Herr Portnoy würde sich nach seinem DREAM THEATER-Ausstieg kreativ etwas einbremsen (schließlich war sein Argument damals, er wäre ausgebrannt...), der kennt den König des "mit tausend Ärschen auf einem Kirtag" schlecht. Neben seinem Hobby TRANSATLANTIC und der unterstützenden Tätigkeit für Neal Morses Solo-Tournee wuchtet der charismatische Kontrollfreak in diesen Tagen just zwei Scheiben in die Regale: ADRENALINE MOB's "Omertá" und das für mich etwas bemerkenswertere FLYING COLORS-Debut. Die weiteren Musiker dieses erlesenen Zirkels: Neal Morse, sein DEEP PURPLE-Namensvetter Steve, DIXIE DREGS-Tieftöner Dave LaRue und ALPHA REV-Sänger Casey McPherson.

Das Resultat dieser äußerst fruchtbaren Zusammenkunft kann sich nicht nur hören lassen - es ist bei weitem das beste Prog-Scheibchen (auch wenn es eigentlich gar keines ist), das ich seit längerem zu Gehör bekommen habe. Herrlich unkompliziert präsentiert das Quintett seine Zuckerseite, ohne dabei prollig zu wirken, ohne andauernd sagen zu wollen: hey, Alter, ich bin der Meister auf meinem Instrument, und ihr seid alle scheiße. Dass die Kollegen ihr Handwerk verstehen wissen wir, und ich möchte den Begriff Supergroup hier nicht wieder bis zum Exzess strapazieren. Jeder hat für FLYING COLORS sein Ego zurückgeschraubt, um in der Gruppe das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Da manifestieren sich dann offenkundige Vorlieben für die BEATLES ("Love Is What I'm Waiting For"), für die GENESIS der frühen Achtziger ("Blue Ocean"), allgegenwärtig zeigen sich Einflüsse wie SUPERTRAMP ("Fool In My Heart") oder MUSE ("All Falls Down"), und der obligatorische Longtrack "Infinite Fire" erinnert nicht von ungefähr an TRANSATLANTIC oder die FLOWER KINGS. Mit "Kayla" ist den Herrschaften noch dazu eine Ballade mit einem Jahrhundert-Refrain gelungen (...wetten, den bekommt ihr nicht mehr aus dem Kopf?), die sich zwar ein wenig in Bombast-AOR suhlt, aber dennoch tonnenweise Charme versprüht. Das überaus harte "Shouda Coulda Woulda" fällt ein wenig aus dem Rahmen, denn über weite Strecken dominiert hier doch der etwas gedrosselte Mainstream-Rock.

Natürlich kann man argumentieren, dass diese Mucke alles andere als zeitgemäß ist, und dass die Truppe allzu sehr in vergangenen Tagen und Veröffentlichungen wühlt, um daraus ein "modernes" Album zu erschaffen. Aber schlussendlich gewinnt "Flying Colors" auf ganzer Länge, weil die Chemie stimmt, Casey McPherson ein toller Sänger ist, Steve Morse hier einige seiner besten Gitarrensoli ever verewigt hat, Mister Portnoy sich meistens dezent und songdienlich in den Kontext stellt, und die Songs fast allesamt Ohrwürmer sind. Und mit dem einen oder anderen Alternative-Tupfer zwischen den Zeilen kann man die elf Tracks vielleicht auch einem jungen Publikum schmackhaft machen. Fazit: eine Prog-Rock-Scheibe mit wenig Prog, dafür viel Rock, Herz, Hirn und Bauch.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (24.04.2012)

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