Steven Wilson - The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)

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VÖ: 01.03.2013
Bandinfo: STEVEN WILSON
Genre: Progressive Rock
Label: KScope
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Die Lobeshymnen in den diversen Internet- und auch Monatsprintpostillen könnten überschwänglicher nicht sein. „The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)“, das dritte Solowerk des britischen Ausnahmemusikers STEVEN WILSON, müsste nach den verschiedenen Meinungen so etwas wie die Wiederauferstehung des traditionellen Prog Rock/Metal sein. Das kann aber per se schon nicht möglich sein, denn WILSONs 2011er Doppelalbum-Geniestreich „Grace For Drowning“ bleibt auch nach mehrmaligem Durchlauf des neuen Werkes im Direktvergleich immer eine anständige Nasenlänge voraus. Warum das so ist, ist natürlich – so wie jede Musikkritik dieser Welt – schwer subjektiv, aber ich kann zumindest versuchen, diese für mich in Stein gemeißelte Tatsache zu erklären.

Punkt 1: Es fehlt an Atmosphäre. War „Grace For Drowning“ ein Füllhorn des Ideenreichtums, eine Wundertüte der Innovation, ein Mahnmal akustischer Tapferkeit, versinkt „The Raven…“ mit fortlaufender Spieldauer zu stark im Treibsand der Pluralität. Wie man es vom guten Mr. WILSON gewohnt ist, scheinen sich wieder einmal zu viele Ideen in seinen Hirnsynapsen verfangen zu haben, nur dass er sie diesmal nicht gut genug gefiltert, sondern vielmehr auf Biegen und Brechen in die knappe Stunde Albumzeit gepresst hat. Siehe das starke, aber viel zu überschichtete „The Watchmaker“ oder die mit allerlei Nebeninstrumenten aufgeputschte Jam-Spielwiese „The Holy Drinker“.

Punkt 2: Das Album klingt zu fröhlich. Ja kann man so etwas überhaupt kritisieren? Natürlich – können tun wir alles. Die Meinung muss ja nicht geteilt werden. Wo sich der Vorgänger streckenweise total in die abstrusesten akustischen Abgründe begeben hat (erinnert euch an „Remainder The Black Dog“ oder „Track One“), wirkt die WILSONsche Instrumentierung hier ungewohnt positiv. Vor allem das entspannt loungige „Luminol“ und das jazzig-progressive „The Pin Drop“ sind wahre Wächter des Lichts.

Punkt 3: Es fehlt an Tempo. Auf seinem Opus Magnum „Grace For Drowning“ war WILSON noch gut und gerne für so manchen Geschwindigkeitsausritt zu haben, wagte sich trotz der ausufernd-komplexen Polyrhythmik noch das eine oder andere Mal auf das Gaspedal. Auf „The Raven…“ herrscht naturbelassene Ruhe, die sich zwar angenehm zwischen KING CRIMSON und JETHRO TULL bettet (von PINK FLOYD hingegen ist hier nur mehr wenig geblieben), schlussendlich aber nur am Ende des abschließenden Titeltracks so richtig aus seiner Schutzhöhle hervorprescht.

Das Alles ist aber bei weitem nicht so schlimm geraten, wie es sich wohl liest. „The Raven…“ wäre ohne seinen direkten Vorgänger nämlich ein fragloses Referenzwerk in einer von Prog-Perlen ohnehin nicht stark bestückten Welt. Das von 70er-Jahre-Prog-Hero ALAN PARSONS koproduzierte Werk offenbart STEVEN WILSON einmal mehr in Bestform. Die Filmscore-Zitate sind aufgrund einer jazzigeren Ausrichtung ins Hintertreffen geraten, die Experimentierfreude hat sich ein weiteres Mal gesteigert, und das Wichtigste – STEVEN WILSON schafft es einmal mehr, sich nicht zu wiederholen, sondern das eigene Rad wieder ein Stück neu zu erfinden. Das alles verdient Lob, Respekt und Anerkennung. Wer jetzt noch einen Direktvergleich zu seiner eigenen Diskografie braucht – WILSON ist weitaus näher an der Elegie von STORM CORROSSION als am wuchtigeren PORCUPINE-TREE-Sound. „The Raven…“ ist ein weiteres Topalbum des britischen Musikkünstlers – nur eben kein Jahrhundertalbum wie „Grace For Drowning“.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (28.02.2013)

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