Wardruna - Yggdrasil

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VÖ: 22.03.2013
Bandinfo: Wardruna
Genre: Folk Metal
Label: Indie Recordings
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Lineup  |  Trackliste

Gaahl. Kristian Espedal. Der ehemalige GORGOROTH-Sänger gilt ja mittlerweile in der Szene – fast pathetisch klingend - als Synonym für die Dualität des Menschen, als Symbolfigur für die Demaskierung der gesamten Black Metal Szene mit all ihrer Evilness, für Kontroversen, Widersprüche, aber auch für die Fragilität und Aberwitzigkeit des BM und der involvierten Protagonisten (man ziehe auch die entlarvend-konsternierende Doku „Until The Light Takes Us“ hinzu). Die Geschichte um Gaahl darf dabei bei unserer geschätzten und wohl gut informierten Leserschaft als bekannt vorausgesetzt werden. Doch lassen wir persönliche Neigungen und Vorlieben des Künstlers, Wertungen, Vorurteile, Kritik und Co. außen vor und wenden wir uns dem neuen Betätigungsfeld des ehemaligen Frontmanns der einst plakativ-überzogen, aber super unterhaltsam agierenden Norweger (man erinnere sich an die skandalträchtige und auf der DVD „Black Mass Krakow“ festgehaltenen Show im polnischen Krakau) zu.

Ja genau, der einstige Black Metal-Gott hat sich mit dem ehemaligen GORGOROTH-Drummer, Multiinstrumentalisten und Songwriter Einar „Kvitrafn“ Selvik zusammengetan, WARDRUNA zu erschaffen. Nach dem Hammer-Debut („Gap Var Ginnunga“ von 2009) erblickt nun das zweite Album (einer als Runaljod-Trilogie angelegten Serie rund um die Runenreihe des sog. älteren Futhark) das Licht der schwarzen Sonne. Aber nein, das Album erblickt nicht nur das Licht der technisierten, zivilisierten Welt, nein, vielmehr strahlt es wie ein anachronistisch anmutender Monolith in die moderne Welt hinein. Wer die Dunkelheit und Tiefe in Acts wie DEAD CAN DANCE, CORVUS CORAX, MASSIVE ATTACK, WOLVES IN THE THRONE ROOM o.ä. Acts erfahren darf bzw. die Neo/DarkFolk/Ambient-Schiene zu schätzen weiß, den umschlingt mit diesem Album ein gegen die Kälte der harschen Realität, geprägt von Wirtschaftskrisen und Globalisierung, wärmender Mantel. „Yggdrasil“ durchströmt den Hörer mit einem warmen Gefühl, es atmet, es pulsiert. Betört von den sonoren Stimmen, den (alt-)norwegischen, unverständlichen Texten und alten Instrumenten kehrt man unweigerlich zurück zu seinen Wurzeln, man hat das Gefühl, zu Mutter Natur heimzukehren und fühlt sich dem Ursprünglichen, Reinen nah. Nicht von ungefähr wurde das Album teils im Freien eingespielt und Soundteile direkt von dort importiert.

Hier brennen die rituellen Feuer, mit denen den alten Göttern gehuldigt wird, hier kommen alte Essenzen und Wirkstoffe zum Einsatz, welche die Sinne benebeln, in einem Akt der unfreiwilligen, aber gleichsam unweigerlichen Bewusstseinserweiterung darf der Funke den aufgestapelten Holzhaufen in einem entfachen und das alte Feuer lichterloh brennen. Auf „Yggdrasil“ prallt die heimelige Wärme des knisternden Lagerfeuers auf den klirrend-kalten Wintersturm, weiches Holz auf schroffe Felsbrocken, hier branden gewaltige Emotionen auf und verschmelzen meditative Gesänge mit repetitiven Trommelrhythmen. Jeder Track ist erdig und ehrlich, Musik zum Er- und Durchleben, nicht kopflastig, sondern aus dem Solarplexus heraus.

Die neuen kraftstrotzend-rhythmisch-meditativen Oden sprechen das Existenzielle im Menschen an, entlocken ihm grundlegende Fragen zum Sein, zur Spiritualität und führen ihn auch an die dunklen Abgründe des Endes. Hier wird das Primitive, das Alte beschworen, die Rückbesinnung, das Traditionelle, WARDRUNA erschaffen höchst ergreifende Musik aus dem Norden, die alle Sinne anspricht und sich auf die urwüchsige Naturmystik beruft, in der auch das Archaische, Runen, magische Momente und zwischenweltliche Phänomene ihren Platz finden. „Yggdrasil“ ist die unmissverständliche Aufforderung das Licht zu dimmen, den Kamin anzuheizen um, Personen des Vertrauens um sich geschart, Räucherstäbchen anzuzünden und sich von dieser wuchtigen (und wichtigen) Ausgeburt der Urwüchsigkeit, der urtümlichen Kraft und des Mystizismus, vollends vereinnahmen zu lassen. Eigentlich ist es aber eine Aufforderung, sich schleunigst in die Natur zu begeben um deren Geheimnisse kennenzulernen und aufzusaugen, um dem Gefühl eines transzendenten Zustands näher zu kommen und sich den Klängen der Natürlichkeit fernab der Industriegesellschaft hinzugeben (dass auf der Scheibe keine krachigen E-Gitarren zum Einsatz kommen sei nur der Vollständigkeit halber vermerkt).

Für dieses, eine tiefgründige, weitläufige und intensive Soundlandschaft kreierende, mächtige und erhabene Album darf eigentlich kein regulärer Maßstab angelegt werden, mir ist das Album aber jedenfalls 4,5 Punkte wert. Wer einen Draht zu dieser Art von Musik hat darf ein eindringliches Werk genießen!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Thomas Patsch (13.03.2013)

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