SWEDEN ROCK CRUISE 2011

Veröffentlicht am 02.05.2011

Und für das Gebotene ist die Sache auch noch halbwegs erschwinglich! Mehrere Male bereits ist die "Silja Galaxy" zwischen Stockholm und dem finnischen Turku (Åbo) hin- und hergependelt, hatte dabei etwa 2.000 Metalheads und eine Handvoll Bands mit an Bord. Und wer es einmal gemacht hat, der wird wieder kommen.

Der Suchtfaktor ist groß, und das Erlebnis eigentlich mit nichts zu vergleichen. Außer vielleicht mit "70.000 Tons Of Metal", aber das ist eine andere Geschichte...

So begab es sich also, dass neun Wahnsinnige aus Wien und Graz gen Stockholm aufbrachen. Die Landung in der beschaulichen schwedischen Hauptstadt (oder besser: fast 50 Kilometer außerhalb derselben...) gelang erst beim zweiten Versuch, und so waren alle froh, als wir im Zug Richtung Stadtzentrum saßen. Und gleich mal lernten, dass es in Schweden verpönt ist, Alkohol in der Öffentlichkeit zu konsumieren. Noch schnell ein paar Formalitäten wie essen, trinken, Geld wechseln und Lebensmittel einkaufen erledigt, und schon geht's mit der Metro in wenigen Minuten zum Värtahamnen (Fährhafen), wo sich schon abzeichnet, dass hier heute kein normaler Fährverkehr herrscht. Das Terminal ist voll mit Altrockern, Sleaze-Tussis, Metalheads und anderen illustren Gestalten, die irgendwo auf harte Musik stehen.

Mit etwas Verspätung kommt dann auch "unsere" Galaxy in den Hafen geschippert, und nach kurzem In-der Schlange-Stehen dürfen wir die heilige Rock-Arche dann auch betreten.

Und die ist riesig. In den endlosen Gangfluchten finden wir aber trotzdem gleich unsere Vierer-Kabinen: die sind toll gelegen, denn zum Konzertsaal "Starlight", wo die Bands auftreten, sind es nur einige wenige Meter. Und nach ein paar Runden durch das Labyrinth der sechs Decks (unter anderem zum Supermarkt, wo man Dutyfree-Alk abgreifen kann, und zu Joe's Bar - mal sehen was an der Theke so läuft) bekommen wir schön langsam eine Ahnung von den Dimensionen dieses Kahns.

Pünktlich zu Sonnenuntergang legen wir ab und schippern erst mal durch das Stockholmer Insel-Archipel in die Ostsee hinaus. Das bekommt aber eh keiner mehr wirklich mit, denn die Zeichen stehen auf Party, und die Action ist erst mal drinnen angesagt. Raus geht man vorerst nur zum Rauchen. Ist ja eh zappenduster und arschkalt draußen, also was soll's.

Wir finden uns nach einer kurzen Einweihungs-Kabinenparty (mit mehr oder weniger "Voigas") im Konzertsaal ein, in dem anscheinend normalerweise Pianisten oder Swing-Orchester aufgeigen - es gibt mehr Sitz- als Stehgelegenheiten. Für unsere von der Anreise geschundenen Leiber aber auch nicht das Schlechteste. Wir nehmen gleich eine ganze Koje vor der Bühne in Beschlag. Als die Iren von PRIMORDIAL die Bühne entern (sic!), reißt es aber auch uns von den Sesseln. Vor der Bühne, wo eigentlich so eine Art Tanzfläche installiert ist, finden sich dann auch ein paar Idealisten ein.

Das Schiff ist groß, alles verläuft sich irgendwo, und wer grad Bock auf Konzert hat, ist halt da. Die meisten sitzen aber entspannt rum, saufen, was an den beiden Bars so hergegeben wird, oder nützen die schöne Aussicht vom halbrunden Balkon auf die Bühne. PRIMORDIAL meistern den knapp 45minütigen Gig mit Bravour. Auch wenn der Großteil der Leute lieber Party-Musik hören möchte - der Applaus ist in Ordnung.

Da kommen die Bayern von BONFIRE grade richtig. Wenn man bedenkt, dass die gesetzten Herrschaften bereits seit Mitte der Siebziger ihr Unwesen treiben, müsste man ihnen eigentlich noch viel mehr Tribut zollen. Aber Claus Lessmann und seine Truppe lässt absolut nix anbrennen, und zockt sich durch ein Best-Of der guten Laune. Clausis Ansagen in akzentfreiem Englisch sind einfach nur Kult, und auch hier oben im Norden dürfte jeder irgend eine Nummer der Hardrock-Veteranen aus Ingolstadt kennen. Immerhin wird da und dort auch mal ordentlich mitgegröhlt. Und wo gegröhlt wird, gehört bekanntlicherweise auch gut geölt.

Also gleich mal ab an die Bar, ein "Öl" (schwedisch für "Bier") bestellen. Mittlerweile hat unser Kahn offenes Gewässer erreicht und schaukelt relativ amtlich hin und her. Und als die Grande Dame des Heavy Metal die Bühne entert, stolpern einige vor der Bar bereits im Takt hin und her. Mich mit eingeschlossen. DORO ist zwar so klein, dass man sie zwischen ihren Musikern kaum ausmachen kann, überzeugt dafür aber mit großer Stimme, Stimmung, und der einen oder anderen WARLOCK-Nummer, klar. Danach gehen die meisten entweder irgendwo über die Reling kotzen (nicht wegen DORO wohlgemerkt, sondern wegen des Seegangs), oder in eine der unzähligen Kabinen zur amtlichen Party. Geht scho, gemma Voigas. Wir landen in jener unseres norwegischen Freundes Espen, und finden im Gänge-Gewirr irgendwann um drei Uhr morgens sogar noch unsere eigene Koje. Mit kurzem Zwischenstopp in der Metaldisco im Bug der Galaxy wohlgemerkt. Aber die Müdigkeit überkommt uns jäh, die Reisestrapazen werden offenbar, und dann ist erst mal Schicht im Schacht.

Die ELECTRIC BOYS hab ich leider nicht mehr gesehen, aber man bekommt an allen Ecken mit, wie populär die Jungs (die sich vor kurzem nach längerer Pause wiedervereinigt haben) in ihrer Heimat Schweden sind. Da laufen sogar deren Balladen auf Hochzeiten. Wie mir zu Ohren kam, waren sie aber irgendwo von "awesome" bis "incredible". Na dann. Gute Nacht.
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Die finnische Hafenstadt Turku (schwedisch Åbo) haben wir doch glatt verschlafen. So wie die meisten anderen Nasen auch. Kein Wunder, wenn der Kahn dort um acht Uhr morgens anlegt, um eine Stunde später wieder gen Stockholm aufzubrechen. Vom lauten Motorengeräusch beim aus-dem-Hafen-bugsieren werden wir aber kollektiv munter. Und unisono schallt es durch den Raum: Kaffee muss her! Also, schnell in die Wäsche gehüpft, und irgendwo ein paar Decks höher ein Café gefunden. Draußen zieht eine unwirkliche (und unwirtliche) Szenerie vorbei: das Wasser zwischen den unzähligen Inseln der finnischen Schären ist zugefroren, und die Galaxy bahnt sich wacker ihren Weg durch die von der Hinfahrt noch lockeren Eisschollen. In der Ferne sieht man noch Land, kleine und große Inseln, die meisten unbewohnt. Mehr sehen wir von Finnland heute nicht.

Wir geben uns das Spektakel an Deck. Genauer gesagt auf dem Sonnendeck, das sich ganz oben am Heck des Schiffes befindet, und wo man in Windfängen ungestört sein Guten-Morgen-Bier süffeln kann. Ich lasse erst mal alles auf mich einwirken (Bier, Landschaft, Atmosphäre), und komme zu der Feststellung: das ist echt geil hier! Vom Gesamtpaket her kann sich das vollkommen zurecht "genial" schimpfen, vor allem für diesen läppischen Preis (Ticket mit Kabine kostet sowas um die 65 Euro). Nach einem Zwischenstopp in Mariehamn, irgendwo im Niemandsland zwischen Finnland und Schweden, erreichen wir (wenn auch nur kurz) die offene See, und unsere internationale Partie (aus insgesamt 7 Nationen!) trifft sich in Joe's Bar zum verspäteten Irish-Coffee-Breakfast. Die DJs Tobbe und Hakim von der schwedischen Rock'n'Roll-Combo THE SCAMS ballern ein Best-Of-Programm der harten Mucke durch die Speaker, und der Meute gefällt's.

Schön langsam kommt auch wieder Leben in den Kahn, obwohl wir bereits die schwedischen Schären erreichen. Das Eis hat sich verdünnisiert, die Sonne lacht vom Himmel, und nach einem opulenten "All You Can Eat"-Massaker im Bordrestaurant sind wir mehr oder weniger bereit für die letzte Dröhnung. Die kommt in Form der aus Örebro stammenden True-Metaller WOLF und der Holländischen Thrash-Institution LEGION OF THE DAMNED über uns hereingebrochen. Während erstere eher eine Art Weckfunktion erfüllen und die Leute nur mühsam von den Bars loseisen können, fahren Maurice Swinkels und seine Thrash-Combo dermaßen kompakt über die verdutze Zuschauerschar drüber, dass grossteils nur offene Münder übrigbleiben. Dieser Gig ist so ziemlich der beste, den ich von LOTD bislang gesehen habe, und das, obwohl es erst halb vier am Nachmittag ist. Oder besser: schon.

Nach dieser metallischen Explosion brauchen wir ein Bier und Frischluft. Also raus aufs Sonnendeck. Dort treffen wir noch BONFIRE-Clausi zum Smalltalk, und dann heißt es schon wieder zurück in die Kajüte - schön langsam ans Packen denken. Denn mehr oder weniger pünktlich um 18:30 legen wir wieder in Stockholm's Värtahamnen an. Schade, denn erst jetzt hätten sich die meisten an den lockeren Rhythmus an Bord gewöhnt. Immerhin 24 Stunden, für die einen Party nonstop, für andere Kurzurlaub mit Metal-Dröhnung. Aber: wir kommen wieder, das ist klar. Es hat einfach alles gepasst: die Leute waren supercool und nett, es gab keine Reibereien, alle waren gut drauf und gemeinsam hat man sich diesen Event zum unvergesslichen Erlebnis gemacht. Metal verbindet eben.

Wir checken aus und schleppen unsere Kadaver zur nahe gelegenen U-Bahn, die uns mitten nach Stockholm in unser Hostel bringt. Die nächsten zwei Tage ist Sightseeing angesagt. Samstag mittags treffen wir uns nochmal mit allen Leuten unserer "Seven Nation Army" zum opulenten Brunch. Und es werden bereits Pläne für die nächste SWEDEN ROCK CRUISE geschmiedet, und sogar schon für die "70.000 Tons Of Metal" nächsten Jänner. Aber das ist bekanntlich eine andere Geschichte.


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