FULL METAL CRUISE 2013

Veröffentlicht am 05.06.2013

Besser als Kapitän Remko Fehr kann man es eigentlich nicht zusammenfassen. Aber ist ja nicht so, als wäre man noch nie auf einem Schiff gewesen und hätte sich bei der Gelegenheit ein paar Metal-Bands reingezogen. Nach zwei mal Sweden Rock Cruise und der Mutter aller Krawallkreuzfahrten, der 70.000 Tons Of Metal war der Autor dieser Zeilen wieder mal schwer auf Meeres-Entzug und hatte außerdem ein rundes Wiegenfest zu feiern. Also musste eine Cruise her. Was für ein Zufall, dass die von den Wacken-Veranstaltern organisierte „Full Metal Cruise“ auch gleich noch genau auf den runden Geburtstagten fiel. Klein, wie die Welt nun mal ist, befand sich auch unser Schreiberling Christian Wilsberg an Bord. Also haben wir beschlossen, euch die ganze Sause und unsere Eindrücke in einer Art "Ein Thema - Zwei Meinungen" näherzubringen. -Mike-

Die Bands:

Christian: Im Vorfeld waren ja einige Beschwerden über das Line-Up der FMC zu hören. Zu Power- und Heavy-lastig, komplettes Aussparen von Death und Black, zu viele "Kirmesbands" der Marke SANTIANO, MAMBO KURT, BLAAS OF GLORY etc. Und vergleicht man das Billing mit der Konkurrenzveranstaltung in der Karibik muss man tatsächlich objektiv eine Qualitätsdifferenz bescheinigen. Die Wacken-Veranstalter setzen eigentlich ausschließlich auf Altbewährtes wie die omnipräsente DORO und andere Klassiker wie U.D.O., GAMMA RAY, KREATOR oder die Power-Metal Heroen SABATON. Letztendlich liefern auch die meisten musikalischen Acts trotz der ungewöhnlichen Location ihre routinierten Shows ab. GAMMA RAY rocken gut gelaunt wie immer, KREATOR lassen sich ihre Misanthropie trotz der sie umgebenden Dekadenz nicht nehmen, ONKEL TOM und BETONTOD sorgen für Trinklaune, FIREWIND überzeugen auf ganzer Linie. Erwähnenswert ist die All-Stars Truppe DEVIL'S TRAIN, die im Vorfeld unter den Cruisegästen einige Tänzerinnen gecastet hat, welche sehr zur Freude der männlichen Gäste zu klassischem Hardrock auf der Bühne ihre Hüften kreisen lassen dürfen. SABATON können das auch, denken sich die Schweden, und holen prompt einen männlichen Fan auf die Bühne, der zur Hymne "Metal Crüe" die Hüllen fallen lässt. HEAVEN SHALL BURN lassen sich ihren Circle Pit auch im bestuhlten Theater nicht nehmen und fordern ihr Publikum einfach zum Rennen um das gesamte Auditorium auf. MASTERPLAN treten mit neuem Line-Up auf und machen ihre Sache großartig, Neu-Sänger Rick Altzi hat sichtlich Spaß und wird vom Publikum begeistert aufgenommen. "Wer war der Kerl mit der bombastischen Stimme da?" und ähnliche Komplimente hört man von ungläubigen Gästen, die vorher wenig bis gar nichts mit Roland Grapows Projekt (das nun hoffentlich wieder zur vollwertigen Band aufsteigt) zu tun hatten. ESKIMO CALLBOY ernten im Vorfeld die meisten Unkenrufe. Ihr elektronischer Metalcore passt auch wirklich nicht zum sonst klassisch angehauchten Material. Auch Performancetechnisch erlaubt man sich beim ersten Gig im Theater einen Patzer: Einer der Gitarristen spielt ganze vier Songs lang in einer falschen Stimmung, ohne es zu merken. Trotzdem erzeugen die vergleichsweise Jungspunde mit ihren komödiantischen Ansagen ordentlich Stimmung, welche zwei Tage später auf dem Pooldeck sogar noch übertroffen wird. Sehr kritisch beäugt werden muss das in Amsterdam stattfindende Landkonzert von AVANTASIA. Der örtliche Veranstalter hat es ein wenig zu gut gemeint mit dem Vorverkauf. So ist die Location 'Melkweg' dermaßen hoffnungslos überfüllt, dass man schon von einem Sicherheitsrisiko sprechen kann. Viele der spätankommenden Cruisegäste sehen das ähnlich und verlassen die Location nach wenigen Songs trotz 40,- € Aufpreis. Die tapferen Aushalter berichten trotzdem von einer erstklassigen Performance.

Mike: Die Band-Auswahl war zwar durchwegs passabel, aber so manchen Act hätte man sich schenken können. Ein ERIC FISH mit seinem gähnlangweiligen Gothic-Kuschel-Akustik-Trallalla fällt hier ziemlich aus dem Rahmen und würde sogar in der Leipziger Morizbastei die Leute zum kollektiven Heimgehen animieren. Alleinunterhalter MUTZ ist ok, aber das dazugehörige Lagerfeuer hatten wir leider nicht an Bord – tödlich, wenn die Leute nach Stimmung dürsten! Bands wie HEAVEN SHALL BURN oder ESKIMO CALLBOY mögen einen mehr oder weniger gewissen Ruf haben, aber zum Rest wollen sie nicht so passen, sind trotzdem live voll ok und können auch ein paar neue Fans gewinnen. Mit U.D.O. und DORO hat man gleich mal die Grande Dame und den Großmeister des Teutonen-Stahls an Bord, und mit ihnen noch weitere Hochkaräter wie MASTERPLAN, FIREWIND, die unvergleichlichen CIRCLE II CIRCLE (spielen im Theater SAVATAGE's "Edge Of Thorns" Album komplett durch!), oder die Arschtreter von DEVIL’S TRAIN, der neuen Spielwiese von Trommeltier Jörg Michael und MYSTIC PROPHECY-Sirene R.D.Liapakis. Das groovt, schaukelt und fetzt ohne Ende, da sind Screamo-Kapellen echt fehl am Platz, zumal das Publikum zu zwei Dritteln jenseits der 30 zu sein scheint. Aber es funktioniert, und so kann man getrost zwischen den Saufköppen von BETONTOD, den Thrashern von KREATOR und den allgegenwärtigen IN EXTREMO herumswitchen, die mit zwei großartigen Shows beeindrucken können. Ein weiterer Pluspunkt: die Spielzeiten überschneiden sich nicht, man kann sich quasi jede Band ganz ansehen - vorausgesetzt, man macht bis morgens durch, denn Schluss ist oft erst um drei Uhr morgens.

Das Publikum:

Christian: Die im Vorfeld anhaltende Kritik über das Line-Up ist mit Betreten des Schiffes verflogen. Was nach der Gangway auf den Gast und auf den Schreiber wartet, sucht absolut Seinesgleichen. Die 2.000 zahlenden Gäste zelebrieren das einmalige Event mit der größtmöglichen Euphorie, überall lachende Gesichter, Ausgelassenheit. Bei Gesprächen mit der Schiffscrew und der Rezeption wird mir erläutert, dass normalerweise 20 Minuten nach Check-In Dauertelefonterror herrscht und es Beschwerden über verwelkte Blumen, tropfende Wasserhähne, quietschende Türen und ähnliche Belanglosigkeiten hagelt. Während der Cruise jedoch klingelt erst am Mittwoch, am vierten Tag der Tour, zum ersten Mal das Telefon, weil das Video On Demand Programm auf der Kabine nicht funktioniert. Beschwerden gibt's Seitens des Publikums nur darüber, dass die Schiffscrew pflichtgemäß in blauer Uniform auftreten muss. Sowas geht nicht, schwarze Shirts müssen her. Dieser Bitte wird auch tatsächlich nachgegeben! Genauso mokieren wir das normalerweise übliche Siezen, unter Metallern spricht man sich mit "Du" an, genau das wollen wir auch von der Crew hören. Trotz penibler Vorschriften und Disziplin wird auch das zu unseren Wünschen geändert. Bei der obligatorischen Seenotrettungsübung feiern wir die Crew, als ob gerade AC/DC die Bühne betritt. Diese Stimmung wird sich ungebrochen bis zum Check-Out sieben Tage lang aufrecht erhalten, wo mir um 08.00 Uhr morgens noch die Kinnlade runterfällt, als etwa 20 Metalheads beim Suchen ihres Gepäcks die eigens komponierte Kreuzfahrthymne "Hard On The Wind" anstimmen. Trotz des massiven Alkoholkonsums lassen sich kaum Ausfälle, Beschädigungen, Verschmutzungen und schon gar keine Form der Aggression aufzählen.

Mike: Die Freak-Dichte ist, wie auf allen Metal-Events, moderat und überschaubar, der Großteil des Publikums rekrutiert sich aus Rock-Volk jenseits der Dreißig, meist Pärchen, oder Junggesellen-Cliquen, die zum Feiern kommen. Insgesamt ist das Publikum aber wie immer angenehm und alle Angestellten erzählen, wie sehr sich das Publikum auf "normalen" Kreuzfahrten vom schwarzen Pulk unterscheidet – meistens nämlich negativ. Im Unterschied zu anderen Krawall-Cruises hat man sich hier nicht die Mühe gemacht, eines der beiden Schwimmbecken abzudecken, um so die Leute vor der Bühne unterzubringen, was sich spätestens am zweiten Tag als großer Gag erweist, als die ersten alkoholisierten Metaller bei steifem Südwind und 15 Grad zu VAN CANTO in den eisigen Fluten headbangen. Nun hat man ja schon diverse Vergleiche, hier mal die „70.000 Tons Of Metal“ gemacht, dort ab und an mal eine „Sweden Rock Cruise“. Aber so sehr Otto Normalverbraucher die Rockmusik-Kreuzfahrten mittlerweile auch verdammen oder pauschalisieren mag, ist doch jeder Trip für sich speziell, individuell und für die Teilnehmer natürlich DAS Lebensereignis. Wenn sich rund 2000 Rock- und Metal-Fans auf einem pipifeinen Cruiseliner einfinden, befürchten nicht nur die Betreiber desselben Armaggeddon, Sodom und Gomorrha in einem. Nur ja weit weg mit denen von jeglichem Land, denken sich die Zyniker, und die, die es nicht besser wissen, stellen sich einfach die Musikantenstadel-Kreuzfahrt ohne Karl Moik vor. Aber Halt! Wo sind die ganzen Alkoholleichen? Wo sind die zertrümmerten Inneneinrichtungen, die vollgekotzten Marmorvertäfelungen? Wo sind all die, die man sich normalerweise auf Festivals nicht neben sich wünscht, und sollen sie doch neben der eigenen Klappe bitteschön auch noch die vom Kofferraum zumachen? Ja, wo? Nun, jedenfalls nicht auf diesem Schiff.
Laut Bord-Arzt wurden hier in den sieben Tagen gerade mal drei (!) halbwegs schwere Fälle auf die Krankenstation eingeliefert, durchwegs Schnittwunden durch Glasscherben, wie ich so höre, und ein Krieslaufkollaps. Einmal wurde in unserer Gegenwart der Kotzeimer ausgepackt, und ansonsten…nüsch! Werden wir etwa erwachsen? Mitnichten.
Aber man kann auch gepflegt abfeiern, nichts dabei kaputt machen, die Leute ringsrum mit Respekt (ganz großes Wort auf diesem Schiff!) behandeln, und trotzdem Spaß haben! Und wenn's arg kommt kann man sich immer noch auf die Kabine zurückziehen, wo nix ist mit Party – einfach Ruhe und Wasser vorm Fenster.

Das Schiff und seine Freizeitmöglichkeiten

Christian: Ähnlich der "Majesty Of The Seas" (70.000 TONS OF METAL) bietet auch die "Mein Schiff 1" der TUI CRUISES einer der wohl außergewöhnlichsten Locations, auf der man ein Metal-Festival abhalten kann. Das 4-Sterne Kreuzfahrtschiff, das ansonsten vorwiegend anspruchsvolle Urlauber in die ganze Welt hinaus schippert, bietet sämtliche Annehmlichkeiten eines Luxusurlaubes. Wer sich nicht in einer der zahlreichen Restaurants und Bars kulinarischen Köstlichkeiten hingibt, kann im (zugegebenermaßen recht kalten) Swimmingpool und den angrenzenden Whirlpools entspannen oder auf den Sonnendecks relaxen. Wer sich das Geld für die nächste Kreuzfahrt erzocken will, kann sein Glück im Bordcasino versuchen. Wem die leckeren Speisen auf die Hüften schlagen, trainiert die überflüssigen Pfunde im Fitnessstudio ab und lässt sich in der Wellness-Oase mit zahlreichen Spa-Behandlungen verwöhnen. Auch eine Sauna darf natürlich nicht fehlen. Die Kabinen sind in allen Kategorien komfortabel eingerichtet. Gerade die Glücklichen, die eine Balkon- oder Verandakabine für die Woche ihr Eigen nennen dürfen, vergessen zeitweise, dass sie sich hier auf einem Festival befinden. Die meisten dieser Einrichtungen werden auch auf diesem Trip frequentiert, obwohl ich persönlich niemanden auf dem Golf-Abschlagsplatz erblicke. Hervorzuheben wäre noch, dass wirklich fast jedes Detail dem Event angepasst wird. Während beim Spaziergang durch die Einkaufspassage oder die Galerie normalerweise seichte Lounge-Musik ertönt, greift man heuer auf kreuzfahrttaugliche Songs von RUNNING WILD und Konsorten zurück. Auch das Bordfernsehen unterlegt sein Tagesprogramm mit der passenden Dosis Metal. Alles für den Gast, so soll es sein. In diesem Atemzug sei noch einmal die mehr als großartige Crew aus allen Abteilungen an Bord gelobt, die uns die Woche über alle Wünsche erfüllt. Wie in der Rubrik "Publikum" schon erwähnt, herrscht hier die ganze Zeit über ein gegenseitiger Respekt, den die Angestellten vom "normalen" Publikum so nicht gewöhnt sind.

Mike: Nach gefühlten drei Stunden haben wir endlich unsere Bordkarte und dürfen die Kabine mit Ausblick beziehen –ich hatte schon Hotelzimmer, die waren wesentlich kleiner. Überhaupt ist die „Mein Schiff 1“ - so dämlich der Name auch klingen mag - ein superfeiner Kahn, auf dem man sich auf Anhieb wohlfühlt. Etwas neuer als die „Majesty Of The Seas“, mit mehr Bars und Restaurants, und dem gesamten Wohlfühl-Programm einer normalen Cruise. Aber wie immer ist hier nix normal, auch seitdem die harten Kreuzfahrten boomen ist die Zeit am Schiff immer noch Ausnahmezustand. Nach der gähnlangweiligen (aber leider gesetzlich vorgeschriebenen) Seenot-Rettungsübung am Sonntag klappern wir die Bars der Reihe nach ab. Das geht dann vom Casino, in dem Konzerte stattfinden und wo man auch rauchen darf, quer übers Schiff ans andere Ende zur „Himmel & Meer Lounge“, wo man auf großzügigen Matratzenflächen einfach chillen und den grandiosen Ausblick aufs Meer genießen kann. Gleich dahinter bekommt man in der Disco „Abtanzbar“ die volle Metaldröhung in moderater Lautstärke, da kann man auch fein auf kleinen Couches herumlungern und mit lecker Cocktails in der Hand mit den anderen Freaks kommunizieren. In Amsterdam gönnen wir uns mal eine Massage im Spa-Bereich, wo auch der Tätowierer sein "Studio" hat. Langweilig wird einem hier wohl nicht, denn wenn man mal nicht den Konzerten lauscht, kann man die kleine Shopping Mall besuchen, Sushi- und Steak-Restaurants frequentieren (gegen Aufpreis), an den diversen Bars abhängen, die Decks ablatschen und Seeluft schnuppern. Wie Kollege Wilsberg bereits erwähnte: die Crew war stets zu Diensten und man fühlte sich immer versorgt und betreut, dafür auch von mir ein dickes Lob!

Die Landgänge und die Zusatzkonzerte

Christian: Während den Anlegezeiten in den Häfen Southampton, Le Havre und Amsterdam kann der Gast auf ein dem Event zugeschnittenes Angebot von Landausflügen zurückgreifen. Diese Art der Ausflüge erweitern das Spektrum des herkömmlichen Urlaubs enorm und sind auf Kreuzfahrten nicht wegdenkbar, kann man doch in wenigen Tagen viele attraktive Sightseeing-Highlights abklappern. Ob das jetzt auf einer FULL METAL CRUISE dringend nötig ist, sei mal dahingestellt. Das Publikum ist in erster Linie an Bands, Konzerten und Partys interessiert. Diese müssen sich während der sehr langen Liegezeiten (teilweise von 07.00 Uhr morgens bis 23.00 Uhr nachts) in Geduld üben, derweil findet an Bord keinerlei musikalische Aktivität statt. Man möchte jedem Besucher die gleichen Leistungen bieten. Einerseits löblich, gucken diejenigen, die nicht bereit sind, durchschnittlich ca. 50-80 € für einen Landausflug zu zahlen, doch ziemlich in die Röhre. Es bleibt die Möglichkeit, einen Landgang in Eigenregie zu initiieren oder ebenfalls gegen Zusatzkosten eines der Landkonzerte zu besuchen. Unser illustres Ründchen an Mitstreitern entscheidet sich an diesen Tagen in erster Linie zum Verweilen auf dem Schiff, um ein wenig Energie zu tanken und zu Entspannen. Lediglich in Amsterdam nutze ich die Möglichkeit, die AVANTASIA Show zu besuchen, was ich aber auf Grund der gemeingefährlich überfüllten Halle zugunsten eines eiskalten Heinekens in der benachbarten Bar wieder aufgeben muss. Wirklich, was die örtlichen Veranstalter hier verbrochen haben entbehrt jeglicher Vernunft. Es herrscht ein Gequetsche und Gedränge, dass es im Falle einer Massenpanik schnell hätte ganz böse enden können. Abschließend wünsche ich mir hier persönlich zukünftig eine bessere Gewichtung zwischen Land- und Schiffsprogramm. Kürzere Liegezeiten und kein Verlass auf örtliche Veranstalter zugunsten der einen oder anderen Band mehr an Bord.

Mike: Da muss ich dem Christian ein wenig widersprechen: die Metaller sind sehr wohl an den Landausflügen interessiert, und allein in Amsterdam sieht man an allen Ecken das FMC-Logo auf Shirts und Pullis. Das Angebot ist denkbar abwechslungsreich und reicht von Städtefahrten nach London oder Paris bis zu regionalen Sightseeing-Trips. Hier wird neben Musik also auch noch genügend Rahmenprogramm geboten. Teile davon muss man zwar zum Paket dazukaufen, aber so kann jeder hier sein individuelles Reisepackage zusammenstellen. Wir selber waren in Stonehenge, haben uns in Ruhe Le Havre angesehen, und Amsterdam exzessiv mit Sightseeing zugemüllt. Von den Landkonzerten haben wir uns nur SAXON in Southampton reingepfiffen, weil sie genau an meinem Geburtstag waren. Übrigens ganz großes Kino! Dass während der Liegezeiten keine Bordkonzerte stattfanden, war einerseits kulant den Landgängern gegenüber, andererseits hatte man so auch mal Ruhe an Bord und konnte einfach irgendwo gemütlich vergammeln. Dass das manche langweilig fanden, kann ich nachvollziehen, uns wurde jedenfalls nicht fad.

Das Essen und Trinken:

Christian: Oh ja...ein Kommentar zur Verpflegung auf der Cruise könnte ganz schnell den Umfang der kompletten siebenbändigen Harry-Potter Romanreihe erreichen. Daher kurz und knapp: Man kann sich binnen einer Woche vergnüglich und genüsslich eine ausgewachsene Schwangerschafts-Wampe anfuttern, ohne auch nur einen Cent extra zu zahlen. Das Buffetrestaurant "Anckelmannsplatz" wechselt mehrmals täglich seine gigantische Auswahl, im Hauptrestaurant "Atlantik" stellt man sich seine eigenen qualitativ hochwertigen Menüs zusammen. Wer im äußerst unwahrscheinlichen Falle des Nicht-Fündig-Werdens nach Ersatz sucht, der greift zurück auf die äußerst beliebte Pizza im Restaurant "La Vela", auf Snacks in der "Tapas & Más" Bar, eine Fischauswahl im "GOSCH Sylt" oder Sushi in der "Blauen Welt" Bar. Gegen Aufpreis nimmt man eines der Gourmetmenüs im "Richards" oder die Überdosis Fleisch im Steakhouse "Surf'n'Turf" zu sich, aber ehrlich, bei der Qualität und Vielfalt im All Inclusive -Angebot kann man sich das schenken. Und wer nach nächtlichen Exzessen einen Fressflash verspürt, der bedient sich am 24-Stunden-Grill "Cliff 24" einer leckeren Currywurst mit Pommes oder diverser Sandwiches. Der größte Unterschied zu den "70.000 Tons Of Metal" besteht aber darin, dass an Bord der FMC auch die Getränke im Komplettpreis enthalten sind. Heißt: 80% der alkoholischen und nichtalkoholischen Getränke gehen aufs Haus. 32.000 Liter Bier werden vernichtet, ein Fass hält in Stoßzeiten nach Aussagen des Barpersonals genau 8 Minuten lang. Im Vergleich dazu werden lediglich 7.000 Liter Softdrinks benötigt, wobei hier der Mischverbrauch für Longdrinks und Cocktails schon inbegriffen ist. Wenn der Ansturm an den Bars zu groß wird, wird gleich eine zweite Bierbar neben dem Hauptausschank improvisiert. Wenn's auch hier zu heftig wird, stellt man zusätzlich eine Kühltruhe voller eiskalter "Becks"-Dosen aufs Schiff. Schlaraffenland, so muss das sein. Harte Alkoholika gibt's nachmittags nur gegen Bezahlung, aber ab 18.00 Uhr fallen auch hier die Schranken. Schon witzig, wenn man eine Konzertlocation betritt und man vom Chefkellner erst mal ungefragt einen Havanna Cola und einen Sex On The Beach für die Begleitung in die Hand gedrückt bekommt, während von anderer Seite ein Kellner sein frisch gezapftes Bier wahllos in die Runde verteilt. Durch Glück vermeide ich auch stets lange Wartezeiten auf Nachschub, was anderen leider nicht immer gelingt. Die Leber lässt grüßen!

Mike: Da hat der Christian eh schon das meiste wunderhübsch ausgeführt. Ergänzend wäre noch zu sagen, dass im Gegensatz zur bekannten All Inclusive-Verarsche hier Qualitätsware ausgeschenkt wurde, und der Alkohol in den Cocktails (ab 18 Uhr gratis) war auch nicht grade wenig. Natürlich muss man da auch die Aussage meiner Freundin gelten lassen: "Das ist nicht gratis - schließlich haben wir genug für den Trip bezahlt". Mag schon sein, aber auf dem Schiff fühlt man sich trotzdem wie im Schlaraffenland. Und das Personal ist wirklich fett am improvisieren, sobald sie irgendwo Engpässe bemerken. Ich habe denke ich sicher drei Kilo zugenommen, allein im "Anckelmanssplatz" beim Frühstücken. Einmal gaben wir uns dem Dinner im "Atlantik" hin - Siebengang-Menü auf pipifeiner Tafel mit dreitausend Besteckteilen, zwei Leibkellnern und Serviette am Schoss. Sieht schon schräg aus, wenn das in weiß gehaltene Restaurant mit Metallern vollgestopft ist, und alle benehmen sich...gesittet!

Sonstiges & Drumherum:

Christian: Neben der exorbitant guten Stimmung und dem exzessiven Feiern (ich schmeiß da nur mal die Bollerwagentour am Vatertag über alle Bars und Decks in die Runde) zeichnet sich ein Festival dieser Art vor allem durch die Nähe zu den Bands aus, denen außer der eigenen Kabine keine Rückzugsmöglichkeit vor der feiernden Masse geboten wird. Der Großteil der Teilnehmer weiß mit den dauerfeiernden Fans souverän umzugehen, ohne hier jetzt genau Namen nennen zu wollen ("What happens on the ship, stays on the ship!"). Aber Umschreiben geht ja. Wenn sich der Frontmann einer hanseatischen Gute Laune-Kapelle nichtsahnend mit Wolldecke und Buch an Deck entspannen will, jedoch von ein Paar grölenden Fans zu einem der 16 Biere, die um sie herum gebunkert sind, eingeladen wird, dann nimmt er dieses auch grinsend an und verbringt ein fröhliches halbes Stündchen in angenehmer Unterhaltung. Sehr netter Zeitgenosse. Ebenso wie das Gelsenkirchner Original, welches sich eigentlich konstant in Barnähe auf Deck 11 aufhält [...sehr gut umschrieben, Kollege! Mike]. Dieser Herr lässt sich zu einem amüsanten Grinsen hinreißen, als zwei Strahlemänner auf ihn zukommen und nett nach einem Foto fragen, jedoch kein passender Fotograf in der Nähe gefunden wird und man so aus Ermangelung einer Alternative dessen Gesprächspartner mit einem "Äääähm, du - kannst mal ein Bild schießen?" höflich um Hilfe bittet. Dass es sich bei diesem Gesprächspartner um einen bedeutenden Essener Kollegen handelt, der etwas verdutzt, aber freundlich der Aufforderung nachkommt, erkenne ich....äh....ich meine...erkennt der Fan erst fünf Minuten später, der sich daraufhin in Grund und Boden schämt. Und so geschehen noch einige weitere Kuriositäten, die das Gesamtbild der Cruise für den Einzelnen enorm prägen, doch deren komplette Aufzählung völlig den Rahmen dieses Berichts sprengen würden.

Mike: Den Rahmen sprengen wir hier ohnehin schon. Von der Abwechslung her ist die FMC bisher ungeschlagen, auch wenn die Bands mit dem Wow!-Faktor sich in überschaubaren Grenzen halten, kann man mit einem Kontrastprogramm punkten, das von Kinofilmen, Lesungen, Meets&Greets, Workshops bis hin zu Metal-Kochshows mit Tim Mälzer (!) reicht. Auch Hardcore-Comedian BEMBERS ist an Bord und bespasst die illustre Schar mit derben Jokes seines Programms "Und die Erde ist doch eine Scheisse" - auch optisch passt der sympathische Einbauschrank voll und ganz auf die FMC!
Wir sind am Schiff mal vergammelt, mal vor Ekstase herumgehöppelt, mal halbwegs müde in der Kabine gelegen, und die meiste Zeit an irgendwelchen Bars gelehnt und bei Selbstbedienungs-Buffets gestanden. Zwischendurch waren glaub ich auch Bands. Und, ja bis auf wenige Mimosen (DORO, U.D.O. ...) trifft man auch alle irgendwann an Bord, speist neben IN EXTREMO, macht Fotos mit KREATOR oder talkt mit dem sehr umgänglichen MR.BIG-Frontmann Eric Martin, steht mit einem sturzbetrunkenen, bereits erwähnten Gelsenkirchner Original um drei Uhr morgens plötzlich im Aufzug, weil dieser seine Kabine nicht mehr findet. Schlichtweg: man ist auf einer Ebene, Stars und Fußvolk, die Bar als kleinster gemeinsamer Nenner funktioniert halt immer. Im Vergleich zum amerikanischen Pendant fehlt es der FMC jedoch ein wenig an Internationalität, der Großteil der Belegschaft ist deutsch, ein paar Finnen, Schweizer, Belgier und Iren kann ich ausmachen. Ironischerweise muss man sagen, dass auf der „Mein Schiff 1“ (eigentlich ein dämlicher Name für ein Schiff - als würde man seinen Hund „Mein Hund 1“ nennen…) gar nicht so viel Metal und Rock das Thema war, eher das Zeug dazwischen. Den meisten Spaß haben halbwegs gut aufgetankte Metaller nach meinen neuesten Erkenntnissen demnach bei MAMBO KURT, wo sie dann schon mal bei „Ice Ice Baby“ oder SCOOTER kräftig abshaken, oder bei den Proll-Rockern von BETONTOD, die zwar wie eine Mischung aus den Toten Onkelz klingen, aber dreimal die meisten Leute vor die Bühnen ziehen können. Einfach geht halt immer. Das sollte sich auch der DJ vom Hamburger „Ballroom“ hinters Ohr schreiben, der zur besten Zeit lieber selbstverliebt frickeliges MEGADETH-Gesülze und hoch-technische Progressive-Langweiler in den Schacht schieben mochte, anstatt ordentlich die Party zu machen. AC/DC, ACCEPT oder PRIEST geht immer, und alles wo man nicht mehr wie drei Selbstlaute auswendig können muss. Dafür ein Nicht genügend, setzen! Gottlob einer der wenigen Schwachpunkte auf diesem Trip, der allen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Preis- Leistungsverhältnis & Fazit:

Christian: Dass man sich diesen Spaß einiges kosten lässt, dürfte klar sein. Angefangen von ca. 950,- € krabbeln die Preise je nach Belegung und Art der Kabine schnell in den vierstelligen Bereich. Generell sind die Kabinenpreise um einiges höher als beim Konkurrenzdampfer in der Karibik. Verhältnismäßig ist dies aber absolut in Ordnung, da man trotz des schwächeren Billings ganze sieben Tage Urlaub an Bord eines der schönsten Kreuzfahrtschiffe genießen kann und eben von der inkludierten Vollverpflegung profitiert. Außerdem spart man an der Anreise, selbst aus dem Süden kann man inzwischen dank der neuen Fernbusse sehr günstig nach Hamburg gelangen. Trotzdem muss man sich natürlich fragen, ob das Gebotene den happigen Gesamtpreis rechtfertigt. Der Rezensent beantwortet diese Frage für sich persönlich mit einem lauten "Ja!". Was einem hier an primärer (Band, Schiff, Essen usw.) und sekundärer (Crew, Service, einzigartige Erlebnisse usw.) Leistung entgegengebracht wird ist schlicht und ergreifend großartig. Aber allein diese Leistungen bereitzustellen kostet natürlich einen riesigen Haufen Geld, der auch irgendwie wieder reinkommen muss. Außerdem hoffe ich, dass es auf Grund der Popularität dieser Ereignisse nicht zu einem Ausverkauf kommt, unter dem zwangsläufig die Qualität leidet. Die FMC verbuche ich als eines der gewaltigsten und besten Ereignisse meines Lebens - und ich fange schon jetzt an zu sparen für die hoffentlich stattfindende Neuauflage 2014.

Mike: Im direkten Vergleich mit der "70.000 Tons" erscheint mir das Leistungsangebot eigentlich auf Augenhöhe, wenn nicht sogar ein wenig billiger. Man darf nicht vergessen, dass man hier eine Woche auf All Inclusive-Basis fressen und saufen darf, in der Karibik sind es ja nur knappe fünf Tage mit exkludiertem Alkohol. Da man ja nur einmal 40 wird, leistet man sich auch mal eine Außenkabine mit Fenster für schnuckelige 1.650,- pro Person, wobei ich rückwirkend jeden Euro als bestens angelegt betrachte. Hoffentlich sehen das auch die Veranstalter so, denn die erste echte europäische Metal-Cruise darf meinetwegen 2014 gerne eine Fortsetzung haben, vielleicht mit einem etwas dichterem Bandaufgebot. Aber im Gesamten kann man der Crew, den Veranstaltern und allen Beteiligten nur ein dickes Lob aussprechen. Für eine Zeit lang ist für mich jetzt erst mal Ruhe mit Cruisen - aber irgendwann sind wir wieder an Bord, hier oder irgendwo anders auf der Welt!


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