ROCK HARD FESTIVAL 2014

Veröffentlicht am 18.06.2014

Freitag

Es ist ja schon eine liebgewonnene Tradition, dass eine Teutonen-Thrash-Combo das RHF stilecht eröffnen darf. Dieses Jahr wurde dem Mainzer Quartett NOCTURNAL diese Ehre zuteil und wie schon Kollege Thomas Patsch in seinem Bericht aus Landeck Anfang dieses Jahres feststellen durfte (zum Live-Review) pflügt das simple, ohne Firlefanz gezockte Thrash-Brett ordentlich in die Rübe. Dreh- und Angelpunkt von NOCTURNAL ist natürlich die wilde, aber hübsche Amazone Tyrannizer, die mit ihrem Growl’n’Scream-Vocals Songs wie den Opener „Storm From The Graves“, das bestialische „Disgracer“ oder den Rauskicker „Rising Demons“ veredelte. Dass die Hälfte der Setlist vom aktuellen „Storming Evil“-Werk (zum CD-Review) war leuchtete ein, aber auch ältere Tracks wie „Hellhunt“, „Beast Of Hades“ (beide vom „Violent Revenge“-Longplayer) oder das schon zehn Jahre alte „Merciless Murder“ zündeten. Gediegenes Thrash-Futter und ein cooler Beginn des diesjährigen Band-Reigens.
[-Reini-]

Das RHF hat für mich im Vorfeld immer so Wackelkandidaten am Start. Voriges Jahr waren es etwa ORCHID, die dann allerdings einen mehr als fetten Gig abgeliefert haben und obendrein vom Auditorium frenetisch abgefeiert wurden. Dieses Jahr war ich bei ZODIAC ein wenig skeptisch. Sicher, die Band rund um Ausnahmesänger Nick Van Delft funktioniert auf Platte ebenso superb wie in kleineren Clubs, aber auf einer großen Festivalbühne bei Sonnenschein? Keine Panik, ZODIAC haben mit ihren tief im Blues verwurzelten Sound auch das RHF verzaubert. Zu Gute kam den Münsteraner einerseits das bestens gelaunte Publikum, wie auch der Umstand, dass man die Setlist im Vergleich zur GRAND MAGUS, AUDREY HORNE-Tour im Frühjahr dieses Jahres ein klein wenig adaptierte. Statt „A Bit Of A Devil“ durfte „Downtown“ den Einstand markieren und statt des ZZ TOP-Covers „Blue Jean Blues“ gaben ZODIAC das doch beschwingtere „Cortez The Killer" von NEIL YOUNG zum Besten. Auch die „Diamond Shoes“ vom Debütwerk gefielen außerordentlich, bevor uns Nick & Co. mit dem schon als „Jammin‘ Song“ angekündigten Ausnahmetrack „Comin‘ Home“ entließen. Und ich bleibe dabei: Verdammt nochmal ist diese Band großartig!
[-Reini-]

Szenenwechsel in die Hartwurst-Abteilung. Nach den Schicksalsschlägen der Vergangenheit ist das polnische Prügel-Kollektiv DECAPITATED heute stärker und tighter als jemals zuvor. Mit ihrer an MESHUGGAH erinnernden Rhythmik und der Brachialität von FEAR FACTORY legen die Vier das Amphitheater binnen drei Songs in Schutt und Asche, und beweisen mit ihrer eigenwilligen Art einmal mehr, dass sie zurecht mit VADER und BEHEMOTH zur Speerspitze polnischer Death-Metal-Combos gehören. Die 2009 von Mastermind Waclaw „Vogg“ Kieltyka zusammengestellte, aktuelle Truppe agiert höchst professionell und auf den Punkt, einzig die anfänglichen Soundprobleme und die langen Pausen zwischen den Songs lassen den Set ein wenig sperrig erscheinen. Sänger Rafal Piotrowski wirkt ein wenig steif und präpotent, dafür entschädigt die exzellente Arbeit von Kieltyka, der seinen Klampfen den Sound einer ganzen Gitarrenarmee entlockt.
[-Mike-]

Kult Ihr Assis! Die Kapuzenmänner MIDNIGHT aus Ohio fegten über das Gelsenkirchener Amphitheater als gebe es kein Morgen mehr. Absoluten Kultstatus hatte die Truppe bei mir schon im Vorfeld, saß doch Gitarrist Commandor Vanik mit einem lässigen EWIG FROST-T-Shirt bei der Signing Session, und jeder der dieses Energiebündel auf der Bühne versäumt hatte, darf sich heute noch in den Arsch beißen. Da wird vom Verstärkerturm gesprungen, in den Fotograben gejumped oder sich einfach nur irre im Kreis herumgedreht. Der Ruhepol bei der Geschichte ist Sänger/Bassist Athenar, der dieses Stil-Sammelsurium aus schnellen MOTÖRHEAD, noch schnelleren VENOM, einer duftenden Speed-Metal-Note und ganz, ganz viel Kult eher souverän denn quirlig dirigierte. Bei all diesem Suchtfaktor, den die Band von vornherein ausstrahlt, muss man aber auch anmerken, dass die Songs an sich schon sehr limitiert sind und spätestens nach 30 Minuten ein gewisser Wurschtigkeits-Faktor Einzug hält. Sicher, älteres („White Hot Fire“, „Rip This Hell“) wie neueres („You Can’t Stop Steel“, „Satanic Royalty“) Material ist live cool anzusehen, aber für mich persönlich wurde der Abnutzungsfaktor mit zunehmender Dauer immer höher. Da war der Rezensent dann direkt froh, dass nach exakt 36 Minuten schon mal Schicht im Schacht war. Nach einer längeren Rückkopplungsorgie erschienen Vanik und Athenar aber nochmal auf der Stage. Einerseits um zuerst den ultimativen Axt-Kampf (letzterer sogar mit brennendem Bass!) auszutragen und andererseits um uns mit „Violence On Violence“ endgültig das Genick zu brechen. Kultig? Ja. Langlebig? Eher Nein.
[-Reini-]

Das Publikum ist spasstechnisch jetzt bestens vorgewärmt, ein guter Boden für die APOKALYPTISCHEN REITER, die mit ihrer Mischung aus Fun, Charme, Spielwitz und Härte heute für mich die eindeutigen Gewinner sind. Mit einem charismatischen Sänger wie Fuchs an vorderster Front hat man schon mal gute Karten, den Rest erledigt die Band mit ihrem Mut zum kompromisslosen Crossover, musikalisch erstklassig dargeboten. Drummer Georg „Sir G.“ Lenhart gehört für mich schon lange zu den Geheimtipps der Szene, und das Duo Volk-Man und Ady zerstört Saitentechnisch alles, was im Wege liegt. Das Publikum ist entzückt und dankt es der Combo unter anderem mit einem Crowdsurfing-Stakkato der Extraklasse - ich habe doch echt während eines einzigen Songs das eine Mädel an die sieben Mal an mir vorüberflitzen sehen! Die Setlist aus achtzehn (!) Songs ist vom feinsten, und die schwitzende Meute darf unter anderem zu „Hört Auf“, „Es Wird Schlimmer“ und dem Brutalo-Doppel „The Smell Of Death“/“Reitermania“ gepflegt abhotten, oder sich bei nachdenklichem wie „Wo Es Dich Gibt“ und „Seemann“ gegenseitig mit feuchten Augen in den Armen liegen. Absolut gut!
[-Mike-]

Dass die Schweizer Dunkelfritzen von TRIPTYKON danach einen groben Stimmungs-Schnitt machen würden, war klar. Tom G.Warrior löst den Knoten aber exzellent indem er von vorne herein auf sämtliche Formalitäten scheißt, und den Gig einem guten Freund widmet. Nein, nicht dem kürzlich verstorbenen Band-Spezi H.R.Giger (dem durch das Bühnendesign und Tom’s Gitarre eh schon genug gehuldigt wird), sondern ausgerechnet Götz Kühnemund. Da konnte man doch den einen oder anderen Bierbecher hinter der Bühne aus den Händen einiger Leute gleiten hören, meine ich. TRIPTYKON ziehen ihren Set weiter kompromisslos durch, eröffnet gleich mal durch das zähe Doppel „Black Snow“ und „Goetia“. Die Frage, ob die Band zum zweiten Mal ihrer Headliner-Position gerecht werden kann, muss aber mit einem "jein" beantwortet werden. Zu düster ist die Stimmung, nicht jeder der zuvor auf Party getrimmt wurde kann die derben Brocken Metall schlucken, die ihm da serviert werden. Dennoch ziehe ich den Hut vor den Vieren, die mit der Wurstigkeit einer Dampfwalze über alles hinweg rollen was sich ihnen in den Weg stellt. Als Sahnehäubchen auf dem dunkelschwarzen Kuchen kommen natürlich die CELTIC FROST-Klassiker „Circle Of The Tyrants“ und (zur Abwechslung mal) „Visions Of Mortality“ zum Zug, sogar den HELLHAMMER-Klassiker „Messiah“ hat man diesmal im Talon. Das Publikum beginnt zwar ab der zweiten Hälfte langsam aber sicher abzuwandern, der Freitag verhallt mit TRYPTIKON dennoch mit einem fetten Ausrufezeichen, wenn auch mit dem einen oder anderen Abzug in der B-Note.
[-Mike-]

Samstag

Seit 6 Wochen laufen bei mir die beiden ROXXCALIBUR-Silberlinge in Dauerrotation und die Vorfreude auf dieses Konzert ist dabei ins Unermessliche gestiegen. Freudeschreiend begrüße ich daher den Opener des zweiten Festivaltages und dieser legt auch gleich mit einem NWOBHM-Cover-Hitfeuerwerk abseits von IRON MAIDEN oder DEF LEPPARD los. Es wird nicht viel herumgeredet (als Opener hat man ja bekanntlich nicht alle Spielzeit der Welt) sondern einfach nur abgerockt, und das schon zahlreich erschienene Publikum tut das gleiche. Bei Nummern wie „Running For The Line“, „Lady Of Mars“ oder dem obligatorischen Rausschmeißer „See You In Hell“ weiß man nicht ob man zuerst mitschreien, die Faust in die Höhe recken oder sich den Schädel abbangen soll (Warum nicht alles gleichzeitig? -Mike-). Herrlich ist das! Einer der besten Starts in einen der besten Festivaltage bisher in Gelsenkirchen.
[-Thomas-]

Für solche Momente liebe ich das Rock Hard Festival: eine mir unbekannte Band kommt auf die Bühne, spielt und siegt auf allen Linien. In diesem Falle geht es um DEAD LORD, eine, sagen wir mal, von THIN LIZZY beeinflusste Truppe aus Schweden. Leichte Blueseinflüsse, schöne Melodielinien, Twin-Guitars die bis zum Duell ausarten, spielfreudige und gut aufgelegte Musiker - Hardrockerherz was willst du mehr? Der Menge scheint es auch gefallen zu haben, denn nach Auskunft eines Mitarbeiters am Merch-Stand war das DEAD LORD-Debütalbum aus dem Jahre 2013 die meist verkaufte Scheiblette an diesem Tag. Und mit der Nummer „Hammer To The Heart“ wurde uns laut O-Ton eines Kumpels "deeeer Sommerhit des Jahres 2014" dargebracht. Spitze! [-Thomas -]

Zugegeben, SCREAMER sind bis dato spurlos an mir vorübergegangen, auch waren die Vorzeichen für die RHF-Show nicht wirklich berauschend. Erst vor ein paar Monaten hat sich Sänger/Bassist Christoffer Svensson von der Band verabschiedet, sodass NIGHT-Sänger/Bassist Burning Fire unter Zeitdruck in das Band Line-Up integriert werden musste. Mr. Fire hielt sich dann während des kompletten Auftrittes auch dezent zurück und überließ den beiden Gitarristen Anton Fingal und Dejan Rosic die Kommunikation mit dem Publikum. Ich muss ja zugeben, dass mich SCREAMER nicht wirklich vom Hocker gerissen haben, eher belangloses Sing-Along wie „Keep On Walking“ ist nicht zwingend dazu geeignet mich zu euphorisieren. Die speedigeren Sachen wie „Phoenix“ oder das zum Schluss rausgehauene „Screamer“ würden eher dazu taugen, sind aber im Endeffekt auch nicht wirklich die Burner. Sei’s drum, dem Publikum hat es augenscheinlich gefallen, an sich ja sowieso das Einzige was zählt. [-Reini-]

Die Hitze drückt, und SOLSTAFIR aus Island sind angerückt um uns ein wenig abzukühlen. Schade, dass der Beginn der Show mit technischen Problemen durchwachsen ist, weil ein Amp (wegen der Hitze gar?) nicht mehr so ganz wollte. Dafür fiedelten die schrulligen Nordmänner ihren rudimentären Musik-Cocktail vom Post-Rock bis zum Black Metal souverän ins verschwitzte Halbrund, und irgendwann vergisst man auch, dass einem schon das Wasser hinten reinläuft. Melancholische Soundscapes irgendwo zwischen PINK FLOYD und ENSLAVED wollen zwar momentan nicht so richtig zünden, aber wenn man die Augen schließt, bekommen Klangeruptionen wie „Svartir Sandar“ oder „Goddess Of The Ages“ so richtig plastische Formen. SOLSTAFIR reizen dann auch ihre Spielzeit bis zur letzten Sekunde aus und haben insgesamt sicherlich ein paar Freunde dazubekommen, auch wenn sie ein wenig verhalten wirkten. Ist wohl eine Isländische Eigenart.
[-Mike-]

Das volle Kontrastprogramm – wie so schön am RHF üblich – bekommen wir dann in Form der dänischen Altspatzen von den PRETTY MAIDS vorgesetzt. Unglaublich, wie agil die beiden Endfünfziger Ronnie Atkins und Ken Hammer noch über die Bühne huschen. Zelebriert wird der pure Metal mit Achtziger-Nostalgie-Touch, aber immer auf modern gepimpt und somit nicht ganz so altbacken wie befürchtet. Die starken Songs des aktuellen Albums „Motherland“ kommen live gleich noch mal um ein Eck prägnanter rüber, und wenn die Klassiker ausgepackt werden, feiert das Publikum die Truppe nach allen Regeln der Kunst. Drummer Allan Tschicaja ist übrigens ein echtes Powerhouse, auch wenn die restlichen Mannen gar keinen Arschtitt von ihm nötig hätten, denn auch so läuft das Werkel gut geölt (mit viel Schweiß), und mit Mitgröhl-Evergreens wie „Future World“ oder „Back To Back“ beweisen uns die hübschen, wenn auch leicht ergrauten, Jungfern, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören.
[-Mike-]

Was für eine deathmetallische Wand aber auch! Als Classic-Set angekündigt haben die Florida-Death-Helden OBITUARY das Amphitheater in Schutt und Asche gelegt. Wer gleich zu Beginn mit vier Tracks vom kultigen „Slowly We Rot“-Album auffährt kann sowieso wenig bis gar nichts falsch machen. Schon gar nicht, wenn man sogleich „Infected“, einen der Hämmer von „Cause Of Death“ nachschiebt. Aber OBITUARY hatten auch Lust und Laune etwas neues, vom kommenden, noch unbetitelten Album zu spielen. Glaubt man der Setlist, nannte sich der eine neue Song „Visions In My Head“, der zwar zu Beginn ob seines mondän wirkenden Anfangsriff ein wenig irritierte, sich in weiterer Folge aber enorm abwechslungsreich und ganz klar in alter OBITUARY-Tradition durch die PA wälzte. In weiterer Folge torpedierten die Tardy-Brothers (Drummer Donald kämpfte zwischen den Songs des Öfteren spürbar mit der Hitze), Basser Terry Butler, sowie die Gitarrenfraktion Trevor Peres und Kenny Andrews die Meute mit weiteren Classics (Hammer „The End Complete“!), sowie noch zwei weiteren neuen Tracks, die zwar nicht angekündigt wurden, glaubt man aber rockpalast.de auf die Namen „Violence“ und „Inked In Blood“ hören. Beide im typischen OBITUARY-Gewand und auch in der mit Klassiker über Klassiker gespickten Set-List definitiv keine Filler. Ach ja, bevor ich es vergesse: Ich hatte doch tatsächlich schon vergessen was für eine unglaubliche Walze ein „Slowly We Rot“ aber auch ist - Hammer! Bewundernswert während des gesamten Gigs war übrigens der mittlerweile leicht ergraute Fronter John Tardy, der sich partout nicht von seinem langärmeligen Pullover trennen wollte und nach dem Gig sympathietechnisch durch den Photo-Pit lief und sich mit seinen Fans abklatschte.
[-Reini-]

Fünf Jahre nach ihrer RHF-Premiere durften Oberspaßbacke Phil Rind und seine Jungs wieder für gute Laune sorgen. Der etwas beleibtere Fronter/Bassist ist sowieso eine Ausnahmeerscheinung im Metal-Business. Nimmt niemanden und nicht mal sich selbst tierisch ernst und ist gar putzig anzusehen, wenn er schelmisch/schüchtern bis in die oberen Reihen ins Publikum winkt. Dabei haben SACRED REICH wirklich formidable Thrash-Hammer in ihrer Karriere geschrieben. Viele davon sind heute Klassiker und zünden auch noch 18 Jahre nach dem letzten regulären Album „Heal“. Dass dieses doch recht zwiespältige Release heute live kaum mehr gewürdigt wird, lässt sich ebenso verschmerzen wie der Umstand, dass man von „Independent“ nur mehr den Titeltrack live bringt. „Ignorance“, die „Surf Nicaragua“-EP und „The American Way“ haben genug Thrash-Happen parat um eine knapp 70-minütige Show auf die Beine zu stellen. Wenn Phil Rind dann einmal in Fahrt ist, bleibt sowieso kein Auge mehr trocken: „We are the most un-metal Metal band on earth. We don’t Wear Metal-clothes, look at me, I am fat, I have short hair…“ nur um gleich darauf mit „If You’re Happy And You Know It Clap Your Hands“ einen Klamauk-Song ins Auditorium zu schmettern, der noch dazu bei der dritten Wiederholung in ein „If You’re Happy And You Know It Show Your Tits“ enden durfte.

„Oh shit, what if my wife back home would hear that!“. SACRED REICH haben aber nicht nur für gute Laune gesorgt, sondern auch amtlich alle Ärsche versohlt. Zwar hat Rind „State Of Emergency“ als „Crimes Against Humanity“ angesagt, seinen Faux-Pás aber zugleich ausgebessert, und nach dem obligatorischen Set-Ender „War Pigs“ sah man eigentlich nur zufriedene Gesichter in Gelsenkirchen.

Dass dies noch nicht alles war ist klar, SACRED REICH kamen umjubelt auf die Bühne zurück, Gitarrist Wiley Arnett stimmte kurz „Ain’t Talkin‘ Bout Love“ von VAN HALEN an, ehe man mit „Paranoid“ eine weitere BLACK SABBATH-Nummer im Programm hatte, worauf sich Phil hinreißen ließ zu behaupten „If we will ever return here then as a BLACK SABBATH-Coverband!“ Was schade wäre, denn auf eine Jahrhundertnummer wie das abschließende „Surf Nicaragua“ würde man dann nämlich vergeblich warten. [-Reini-]

Von der Phoenix-Posse zum Phönix aus der Asche. Obwohl SACRED REICH für mich persönlich heute nicht mehr zu toppen sind, können CARCASS ja eigentlich nichts falsch machen. Im Prinzip treten Bill Steer, Jeff Walker und Co. immer mit derselben Setlist an, nur die Reihenfolge der Songs ändert sich ab und an mal. Aber das ist echt egal, denn an Intensität können sie heute sogar OBITUARY überbieten. Das liegt einerseits am glasklaren Sound, zum anderen bedient man mit Songs aus sämtlichen Band-Epochen eine breite Palette an Fans. Jeff Walker glänzt wieder mal mit seinen schrulligen Ansagen („We got something slower for you now, it's a ballad“ –und ab geht die Blastbeat-Orgie!), technisch reicht der Truppe momentan wahrscheinlich niemand das Wasser - da ist alles auf den Punkt, fast schon zu perfekt. Und wenn einem nach „Captive Bolt Pistol“ , „Ruptured In Purulence“ und „Heartwork“ die Genickmuskulatur streikt, dann ist das doch ein gutes Zeichen. Die Leute beginnen zwar wieder mal ziemlich früh, abzuwandern – wahrscheinlich aus Angst, sich beim Eingang um ein Taxi prügeln zu müssen – aber das tut der Stimmung im Amphitheater keinen Abbruch. CARCASS untermalen den späten Sonnenuntergang um halb Elf mit ihrer unverkennbaren, ureigenen Mucke, und es ist einfach nur schön, dass die Jungs zurück im Business sind, und das noch dazu ziemlich fett.
[-Mike-]

Sonntag

Pünktlich zum Konzertbeginn von IRON SAVIOR um zwölf Uhr mittags beginnt es zu regnen und dieses Naturereignis beschert mir einen Anblick, den ich so am RHF noch nie gesehen hatte: komplett leere Ränge und ca. 400 Leute dichtgedrängt vor der Bühne im Kampf um die vorderen Plätze als wären sie die größten Fans der Welt. Vielleicht lag es aber auch an der knappen Überdachung vor der Bühne? Wenn man der Musik lauschte dann natürlich nicht, denn die Hamburger Truppe um den sympathischen Frontmann und Produzenten-Legende Piet Sielck bietet ausgezeichneten Powermetal der gut ins Ohr geht und Spaß macht. Petrus hatte dann auch ein Einsehen: der Regen wurde weniger, die Leute wurden mehr und IRON SAVIOR schließlich zu Recht von einer ansehnlichen Menschenmenge abgefeiert. Mein Favorit: „Heavy Metal Never Dies“.
[-Thomas-]

„Jeder liebt BLUES PILLS, ob jung, ob alt, ob Black Metaller, Thrasher, Alt-Rocker oder Hipster!“ Ein Werbeslogan den man ohne zu zögern unterschreiben kann. Auch auf großer Festivalbühne wusste die schwedisch-französisch-amerikanische Allianz zu überzeugen. Das liegt zum einem am erst 18-jährigen Gitarren-Wunderkind Dorian Sorriaux (für mich sowieso der Jimi Hendrix der Neuzeit) und dann natürlich an Wunderstimme Elin Larsson, die am RHF auch im kurzen Schwarzen ohne Schuhe eine blendende Figur abgab. Musikalisch ist die mittlerweile in Schweden sesshaft gewordene Combo sowieso über jegliche Zweifel erhaben. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass die BLUES PILLS bis dato noch nicht einmal ein vollständiges Album veröffentlicht haben. Das ist Ende Juli 2014 spruchreif und wurde gleich mit dem Einstieg „High Class Woman“ gewürdigt. In weitere Folge spielte sich diese hyper-sympathische Truppe in eine Art Rauschzustand, Larsson brillierte in beeindruckender Art und Weise mit ihrer einzigartig kraftvollen Stimme, Sorriaux hat sowohl den Soul, den Blues und den Rock ´n´ Roll (samt Wah-Wah-Soli) in seinen Fingern und die US-Connection Zack Anderson bzw. Cory Berry webte zwar unauffällig, aber nachhaltig den Rhythmus-Teppich. Gerade die leisen Töne, „Dig In“ oder „Black Smoke“ wussten vollends zu überzeugen. Dass hinter den BLUES PILLS aber auch harte Rocker stecken bewies der Track „Devil Man“ und wem beim zum Chillen geeigneten, abschließenden „Little Sun“ nicht die Gänsehaut emporstand, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen. (Und was empfiehlst du mir jetzt als Therapie...? -Mike-)
[-Reini-]

Zum drückend schwülen Wetter passen ORPHANED LAND wieder mal am besten. Ersatz-Jesus Kobi Farhi und seine Wüstensöhne strotzen vor Spielfreude, und bringen ihr übliches Best-Of-Set, in dem ich (und einige Fans mehr) aber zumindest den Tanzbodenkracher "Sapari" vermisse. Egal, auch um die frühe Uhrzeit können die Israelis das geschlauchte Publikum bis in die obersten Reihen zum mitwippen und mitklatschen bewegen, und mit "All Is One", dem grandiosen "Birth Of The Three" und natürlich "Norra El Norra" (bei dem alle wie immer kräftig mitsingen) sind ORPHANED LAND dann erstens über alle spielerischen Zweifel erhaben, und zweitens über alle Genre- und Kulturgrenzen hinweg einfach nur gut.
[-Mike-]

Überraschung des Tages sind danach die Finnen von INSOMNIUM, die trotz Stilverschiebung die Stimmung im Halbrund halten können und einem druckvoll und wuchtig ins Gesicht fahren. Sänger Niilo glänzt mit kauzig-sympathischen Ansagen ("Kauft unser Merchandise, sonst müssen wir es wieder mit nach Hause schleppen!"), das Gitarrenduo Ville Friman/Markus Vanhala arbeitet präzise und fegt dennoch agil und grazil über die Bühne. Der Schwerpunkt der Songs liegt auf den letzten beiden Alben "One For Sorrow" und "Shadows Of The Dying Sun", souverän und ohne Durchhänger fönen die Nordmänner ihren melancholisch-kühlen Slow-Death ins schwitzende Publikum, das die musikalische Abkühlung auch dankbar annimmt und dementsprechend Stimmung macht.
[-Mike-]

Dave Wyndorf war erstaunlich fit beim folgenden MONSTER MAGNET-Gig. Davon zeugte schon die Tatsache, dass der (Fake?)-gitarrenspielende Frontman nach dem zweiten Song („Medicine“) seine Sonnenbrille ablegte und ins Publikum blinzelte. Hilfreich bei der wirklich guten Vorstellung von MONSTER MAGNET war neben einem gut aufgelegten Mr. Wyndorf auch die Songauswahl. Bis auf den Titel-Track des letzten Albums konzentrierte sich der Fünfer ausschließlich auf die Neunziger Jahre und ließ gerade mit dem „Superjudge“ Quattro-Einstieg wenig anbrennen.

Ob Wyndorf jetzt wirklich Gitarre gespielt hat oder nicht, ist Makulatur, sein „Effekt-Board“ benutzte er aber gern und auch oft und zauberte diverse wirklich abartige Psycho-Sounds aus diesem in Brusthöhe angebrachten Tableaus. Zwischenzeitlich kämpfte Wyndorf zwar mit der einsetzenden Lethargie im Publikum („Are You Still Here, This Is A Rock-Show“), mit zunehmender Dauer ließen sich aber auch die RHF-Besucher von den Stoner-, Doom-, Psychedelic-Sounds zeitloser Klassiker wie „Dopes To Infinitiy“, „Tractor“ oder „Powertrip“ mitreißen. Und dass als Rauskicker ein frenetisch mitgesungenes „Space Lord“ kommen würde, war ohnehin jedem, der MONSTER MAGENT schon live erleben durfte, klar. Well Done Mr. Wyndorf.
[-Reini-]

ANNIHILATOR haben nach diesem bunten Entspannungs-Trip natürlich doppelt leichtes Spiel. Das momentan neben Kerry King/Gary Holt wohl effektivste Gitarrenduo Jeff Waters und Dave Padden kommen, sehen und siegen - egal wann, egal wo und unter welchen Umständen. Mittlerweile würde nicht mal ein globaler Stromausfall der geballten Live-Urgewalt dieser Combo einen Strich durch die Rechnung machen, und das gewitzte Gitarrenspiel wird durch eine feine Setlist aus Alt und Neu zusätzlich unterstrichen: natürlich "Alice In Hell" (schon 25 Jahre auf dem Buckel, aber geht immer noch weg wie Sau!), natürlich "King Of The Kill" und "Reduced To Ash". Als aktuelles Material kommen "Smear Campaign", "Deadlock" und "No Way Out" zum Zug, und nach dem rasanten Finale "Human Insercticide" raucht den meisten wohl nicht nur von der Hitze der Schädel. Herrgottsakra, ist das einfach nur geil!
[-Mike-]

Und weiter geht's mit Abwechslung pur. Die kalifornischen Hardrocker TESLA nach diesem Inferno auf die Bretter zu schicken, das geht wohl auch nur auf dem RHF. Erstaunlich, wie das immer noch zu vier Fünftel in Originalbesetzung musizierende Veteranen-Kollektiv die gute Stimmung aufgreifen und mit Klassikern wie "Gettin' Better", "Heaven's Trail", "Modern Day Cowboy" oder "Comin' Atcha Live" zumindest am Leben erhalten können! Die Thrasher haben die Plätze zwar weitgehend mit den älteren Herren und Damen im Publikum getauscht, die aber feiern Steven Tyler-Look-and-Soundalike Jeff Keith und seine Sunnyboys ordentlich ab. Irgendwo merkt man aber schon, dass sich alle vor TESTAMENT nochmal irgendwo gepflegt ein Bier reinstellen wollen und auch die Abnützungserscheinungen der letzten drei Tage lassen sich bei einigen nicht mehr leugnen. Trotzdem: Respekt nach über 30 Jahren Hardrock vom feinsten wirken TESLA fit und motiviert und geben mit "MP3" sogar noch eine Nummer vom brandaktuellen Album "Simplicity" zum besten, und das Ganze bei brilliantem Sound.
[-Mike-]

Der Notnagel-Headliner! Ok, das war jetzt unfair. TESTAMENT hatten zwar zum Abschluss des diesjährigen RHF die größten Mosh-Pits, den protzigsten Bühnenaufbau und als einzige Band des gesamten Festivals sowohl eine Phyro-Show als auch eine (erbetene) Wall-Of-Death im Programm, an der Set-List bzw. dem Sound muss man aber dennoch Kritik üben.

Gene Hoglan, ein Tier von einem Schlagzeuger, derart in den Vordergrund zu mischen, dass von den Rhythmus-Gitarren der Herren Skolnick und Peterson oft wenig bis gar nichts zu hören war, hätte nicht sein müssen und sollte darüber hinaus auch jedem erfahrenen Mischer nach ein, zwei Songs auffallen. Dass die Thrasher zudem die ersten sechs Songs lang nur einen älteren Track aufboten war schon nahezu grenzwertig. Auch versteifte man sich im weiteren Verlauf ganze dreimal auf das von Mal-Wieder-Bassist Steve Steve DiGiorgio eingespielte „The Gathering“-Album (inklusive „Riding The Snake“ und nicht wie im Internet kursierend „The New Order“!) und den blendend aufgelegten Chuck Billy hab ich auch schon in besserer Sangesform und vor allem textsicherer („Disciples"-Ausrutscher Olé!) gesehen.

Zwar war die Heavy-Metal-Frog-Aktion (vorm letzten Song!) ziemlich cool und auch sympathisch (Fotobeweis unten!), aber allein der Zugaben-Block spottete meiner Meinung nach jeglicher Beschreibung. Anstatt die Meute mit „Burnt Offerings“, „Alone In The Dark“ oder von mir aus auch „Apocalyptic City“ zu verwöhnen, mussten wir uns durch „D.N.R.“, „3 Days In Darkness“ und dem abschließenden „The Formation Of Damnation“ wurschteln. Ich weiß zwar nicht ob MEGADETH das Festival ehrwürdiger abgeschlossen hätten, aber die TESTAMENT-Show hinterließ, bei aller Brachialität, einen fahlen Beigeschmack.
[-Reini-]

Und schon sind drei schweißtreibende Tage im Flug vergangen, wir haben reichlich Bier, Sonnencreme und Kalorien verbraucht und wieder mal festgestellt: nach rund acht Bands am Tag braucht man anschließend keine Metal-Disco mehr, vor allem wenn der DJ die Energie eines schlafenden Igels hat. Die Kauf- und Fress-Meile ist nahezu unverändert geblieben, und auch die "Bandidos" haben - zum Unverständnis vieler - immer noch ihren festen Platz am Festivalgelände. Die Security ist immer noch die coolste der Welt und unschöne Zwischenfälle gab's so gut wie keine. Im Gegenteil: Bands wie OBITUARY oder ANNIHILATOR kann man am RHF auch im Publikum finden, und letztere beenden ihre wegen des großen Ansturms nicht vollendete Autogrammstunde kurzerhand noch nach ihrem Gig. Wir tippen wieder brav unsere Zusammenfassung in den Laptop, lassen die schönen Momente nochmals Revue passieren und fragen uns, warum die Zeit hier immer so schnell vergeht. Herzlichen Dank an dieser Stelle an unseren Kumpel Thomas Felber, der uns bei der ein oder anderen Combo ausgeholfen hat, als wir noch beim Frühstück saßen. Und das ursprüngliche Vorhaben, endlich mal einen kurzen, knackigen und kompakten RHF-Bericht abzuliefern wurde durch die ausschweifenden Erzählungen des Kollegen Reither einmal mehr ins Reich der Utopie verbannt. (It Is What It Is Mr. Seidinger ;-) - reini -)

Zusammenfassend können wir auch im vierten Jahr im Ruhrpott sagen: das RHF wird auch mit verändertem Background das bleiben was es immer war, nämlich ein saugeiles, familiäres und vor allem übersichtliches Festival, und ein schöner Kontrapunkt zu all der ausartenden Mega-Festival-Kultur. Wenn es andernorts nur noch darum geht, möglichst viele Leute möglichst lange mit genrefremdem Schnickschnack zu bespassen, so ist Gelsenkirchen und sein Amphitheater fast wie Urlaub auf einem anderen Stern, mit Gleichgesinnten die eigentlich nur wegen einem immer wieder hier her kommen: Metal in all seinen Variationen. Und nachdem mit OVERKILL bereits die erste Band für 2015 bekanntgegeben wurde, kann man wohl jetzt schon sagen: Man sieht sich nächstes Jahr im Pott. Prost! [-Mike-]

Hier geht's übrigens zur Galerie vom RHF 2014!


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