ROCK HARD-FESTIVAL 2015

Veröffentlicht am 02.06.2015

Freitag

Bei schönstem Sonnenschein eröffnen heuer die Berliner Sunnyboys von SPACE CHASER den bunten Reigen im Gelsenkirchener Halbrund. Wer sein Debut-Album schon von einer Legende wie Harris Johns abgemischt bekommt, der muss auch auf der Bühne ordentlich Gas geben können. Und Gas ist die Devise der Jungspunde. Zwar ist der Sound anfangs etwas verwaschen, dafür kann man ab dem ersten Takt einen amtlichen Circle Pit vor der Bühne verbuchen. Noch ist die Combo irgendwo im OVERKILL-Dunstkreis zu verorten, hat aber gute Ansätze, ein bisschen Eigenständigkeit zu entwickeln, was auf diesem Sektor ja nicht mehr ganz so leicht ist. Mit einer geilen Coverversion von ANTHRAX‘ „Caught In A Mosh“ kann man dann – passend zum Treiben in der Audience – nochmal alle Reserven mobilisieren. Ein gelungener Startschuss!

Setlist SPACE CHASER:
Loaded to the Top
Thrashold
Watch the Skies
Interstellar Overlords
Predator
Decapitron
Caught in a Mosh
Skate Metal Punks

Viele im jetzt schon gut gefüllten Amphitheater warten dann schon sehnsüchtig auf ihn: Paul DiAnno. Über den IRON MAIDEN-Ursänger braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren, heute wird er von den ARCHITECTS OF CHAOZ unterstützt, die als Ruhrpottler quasi ein Heimspiel abliefern. Paul hat ein beleidigtes Knie und wird daher im Rollstuhl auf die Bühne gekarrt, absolviert das Konzert dann tapfer im Sitzen. Es ist bewundernswert, was dieser Mann nach all den Tiefschlägen seiner Karriere immer noch an positiver Energie ausstrahlt. Von fast ganz oben nach so ziemlich ganz unten und wieder halb retour – Paul hat alles durch, und dementsprechend kann ihn auch kein kaputtes Knie den Tag verderben. Supersympathisch in seinen Ansagen, ist er gesanglich aber ein wenig neben der Spur. Der groovige Metal der Chaos-Architekten wird trotz Soundproblemen solide vorgetragen und das Publikum geht fein mit, aber da ist halt diese gewisse Schiefheit, diese Dissonanz, wenn Paul gewisse Töne einfach nicht mehr trifft. Als Referenz kommt natürlich (oder besser: leider) „Killers“ zum Zuge, die Ur-Fans freut‘s, die Ohren eher nicht so - die alte Stimme schimmert nur noch ab und an durch. Wenigstens ist es authentisch und ungekünstelt, und es gibt wenige Szene-Urgesteine, die an den schrulligen Briten an Charisma heranreichen. Heute war‘s insgesamt aber eher ein „genügend“, gottseidank durch eine Wagenladung positiver Vibes fast wieder wett gemacht wurde.

Setlist ARCHITECTS OF CHAOS:
Erase The World
Horsemen Of Death
Architects Of Chaoz
Dead Eyes
How Many Times
When Murder Comes To Town
The Children Of Madness
Killers

Der versierte Thrash der Phoenix-Posse von FLOTSAM AND JETSAM kann danach gottlob mit Spitzen-Sound begeistern, und nicht nur das. „No Place For Disgrace“ eröffnet den Set und alles wird gut. Eric A.K. läuft zur Bestform auf. Der Helge Schneider-Lookalike hirscht von einem Ende der Bühne zum anderen, von hinten ständig in Trab gehalten durch Michael Gilbert’s Gitarrenwand und dem ultra-präzisen Spiel von Drum-Neuzugang Jason Bittner (SHADOWS FALL, TOXIK). Die Band, in der Jason Newsted sein Handwerk gelernt hat ist heute tighter und besser als je zuvor, nicht nur hier in Gelsenkirchen, sondern überhaupt. Mit „Dreams Of Death“ und dem überragenden „I Live You Die“ folgen noch zwei Tracks vom Über-Album „No Place For Disgrace“, der Rest der Setlist rekrutiert sich aus vier Songs vom legendären „Doomsday For The Deciever“-Debut, dem epischen „Suffer The Masses“ von „When The Storm Comes Down“ und als gelungenen Abschluss das überraschende „Me“ vom vielfach unterbewerteten „Drift“-Album. Diese Band muss nach der „No Place…“-Neueinspielung vom Vorjahr endlich auch wieder ein amtliches Album nachlegen! Heute sind die Flotzillas der erste Höhepunkt des Festivals und können durch die Bank und ohne Durchhänger überzeugen.

Setlist FLOTSAM & JETSAM
No Place For Disgrace
Desecrator
She Took An Axe
Dreams Of Death
Hammerhead
Iron Tears
I Live You Die
Suffer The Masses
Me


Passend dann auch die Todeswalze von GOD DETHRONED. Henri Sattler ist wieder "back in business", nachdem er die Band ja bereits an den Nagel gehängt hatte. Gemeinsam mit Drum-Tier Michiel Van Der Plicht, der ein gnadenlos präzises Trommel-Dauerfeuer abliefert, und den Aushilfs-Saitenarbeitern Jeroen Pomper (ABSORBED) und Ian Jekelis (ABIGAIL WILLIAMS) setzt man zumindest im Sound heute neue Maßstäbe: brilliant und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk treffen die Brutalo-Kanonaden zielsicher mitten ins Mark. Mit einer ausgewogenen Mischung aus Alt und Neu lassen die Holländer keine Wünsche offen, und irgendwie gehen die straighteren, gebremsten Hämmer wie „Hating Life“ oder „The Grand Grimoire“ immer noch besser als die Blastbeat-Abfahrten von „In The Sign Of The Iron Cross“ oder "Paschendale". Ganz hab ich mir den Reigen nicht gegeben, weil das Bier rief nämlich und ich natürlich folgen musste. Die fünf Songs, die mir den Scheitel gefönt haben, waren aber allererste Güte, und die Setlist bestand eh hauptsächlich aus älterem Material. Man darf vielleicht auf ein neues Album – das dritte der WWI-Trilogie –hoffen!

Setlist GOD DETHRONED
Hating Life
The Art of Immolation
Through Byzantine Hemispheres
Nihilism
Boiling Blood
Swallow The Spikes
Soul Sweeper
No Man's Land
Soul Capture 1562
Villa Vampiria
Sigma Enigma
The Grand Grimoire

Dann der Stilbruch. Ich weiß echt nicht, wie es Bobby Liebling schafft sich morgens selbst anzuziehen. Als wir in den Fotograben geleitet werden, hockt der schrullige Ami irgendwo in einem Eck wie ein verschrecktes Kaninchen, und muss erst überredet werden, doch bitte dann auf die Bühne zu gehen, weil da seine Band PENTAGRAM bereits die ersten Takte von "Sign Of The Wolf“ klopft. Es ist wirklich ein gruseliges Schauspiel, diesem Menschen bei seiner Performance zuzusehen, der irgendwie wirkt wie eine Mischung aus drogenbenebeltem Uhu, dem Typen aus „Schweigen Der Lämmer“ und Salvador Dalí. In rosaroter Jeans und Shirt inklusive Frauenschuhen, stellt Bobby erstmal seinen Rucksack und seine Jacke seelenruhig am Drumriser ab, als würde er abends heimkommen. Paradoxerweise ist der Set von PENTAGRAM dann aber verdammt stark, Bobby Liebling nach drei Nummern in seinem Takt und voll textsicher, die Band agiert fehlerlos und groovt wie Sau. Schließt man die Augen, könnte man öfters meinen, hier wäre OZZY OSBOURNE am Werk. Und irgendwie sind da ja diese Parallelen zwischen alten BLACK SABBATH und PENTAGRAM. Die benebelten Ansagen bekommt nicht mal der Oz-Man so authentisch hin, Bobby’s Uhu-Blick zwischen Erstaunen und Entsetzen macht oft echt Angst, und das Gehabe ist nicht nur einmal etwas zu weiblich. Egal, es macht Spaß, zu den Slo-Mo-Klassikern wie "The Ghoul" und "Be Forewarned“ mit dem Arsch zu wackeln, und trotz der oftmaligen Orientierungslosigkeit des Haupt-Protagonisten ist der Gig am Ende echt toll. Natürlich wird Mister Liebling anschließend von der Bühne geführt, den Ausgang hätte er wohl alleine nicht mehr gefunden.

Setlist PENTAGRAM
Sign Of The Wolf
Forever My Queen
The Ghoul
Review Your Choices
Starlady
Ask No More
When the Screams Come
All Your Sins
Dying World
Petrified
Relentless
Be Forewarned
Last Days Here


Positiv überrascht bin ich dann auch von den Headlinern VENOM. Nix mit Gerumpel, nix mit Timing-Fehlern, dafür Spielwitz und fast schon zu präzise dargebotene Versionen der Klassiker "Welcome To Hell", "Black Metal" und "Witching Hour". Dazwischen feuern Cronos, La Rage und Dánte ein buntes Feuerwerk an Oldies und Newies ab, im wahrsten Sinne - bei mindestens jedem zweiten Song gibt's Flammen, was beim heutigen kühlen Gelsenkirchner Abend auch nicht so schlecht kommt. Axeman La Rage glänzt durch solide Gitarrenwände, die manche Bands auf zwei Klampfen nicht zuwege bringen, Trommeltier Dánte ist eine Show für sich und würde mit seiner Akrobatik (die Becken hängen ca. 1,5m über den Toms!) jeder Glam-Band zur Ehre gereichen. Und Cronos... ist einfach Cronos. Da kann er auch noch so peinlich angezogen sein. VENOM anno 2015, das macht einfach unheimlich Spaß, und am Ende denkt man, sie hätten neben dem Black Metal auch noch den Punk erfunden. Eineinhalb Stunde Arschtritte aus der Hölle - schön, wenn man sich dabei nicht allzu ernst nimmt. Nach satten vier Zugaben (inklusive natürlich "In League With Satan", das vom gesamten Halbrund mitgeplärrt wird) verabschiedet sich die Legende aus Newcastle und schon heute Abend weiß man wieder, warum man jedes Jahr zu Pfingsten hier ist: es ist schlicht und einfach "leiwand", und der Stil-Mix stimmt auch wie jedes Jahr - für jeden Geschmack was dabei.

Setlist VENOM
Rise
Hammerhead
Bloodlust / Black Flame (Of Satan)
Die Hard
Long Haired Punks
Buried Alive
The Evil One
Welcome to Hell
Antechrist
Countess Bathory
Flight of the Hydra
The Death of Rock 'n' Roll
Grinding Teeth
Pedal to the Metal
Warhead
Encore:
Black Metal
In League with Satan
Fallen Angels
Witching Hour

Samstag

Heute ist der einzige Tag, an dem das Wetter ein wenig schlechter zu sein scheint, es ist eingezogen und frisch, aber nicht kalt. Wenn man an zuhause denkt, wo sich die Daheimgebliebenen an tagelangem Dauerregen erfreuen dürfen, ist das jedoch alles nicht so schlimm. Besser immerhin als die 24/7-Sonnenbestrahlung vom Vorjahr, wo das Bier gleich doppelt so schnell verdunstet und einem die Haut in Fetzen abfällt. Die frühen Bands DESERTED FEAR und MOTORJESUS lassen wir aus, man will ja schließlich auch ohne Stress frühstücken und noch was einkaufen. Erstere hätte ich zwar gerne gesehen aber was soll's. Und MOTORJESUS waren ja 2012 eh auch schon mal im Amphitheater zu Gast. Pünktlich zu den Frankokanadiern von VOIVOD sind wir aber gestellt, denn das ist Pflichtprogramm, da hilft keine Entschuldigung. Der Slot ist zwar immer noch undankbar früh, aber die gute Laune der Punkthrashavantgarde-Legenden ist vom Opener weg ansteckend. Der neue Basser Rocky füllt die oftmals vakante Lücke am Viersaiter super aus und hat seinen Spaß mit sich und dem Publikum. Sänger Snake hüpft und rennt non-stop herum, grinst dabei debil und liefert eine tolle Performance - der Mann ist immerhin auch schon 50. Chewy, der das schwere Erbe des verstorbenen Piggy verwalten muss, versucht gar nicht erst, diesen zu kopieren. Er hält sich meist am Original, schafft es aber, sich immer wieder auch selber einzubringen. Und Drummer und Band-Herz/Seele Away möchte man am liebsten mit nach Hause nehmen - gigantisch, wie viel Sympathie der graumellierte Tausendsassa selbst von hinter dem Kit ausstrahlt ( ich habe den als Michel Langevin geborenen Kerl übrigens interviewt. Hier geht's zum Interview!). Mit "Tribal Convictions", "The Unknown Knows" und "Order Of The Blackguards" kommen echt progressive Genickbrecher zum Zuge, da nimmt sich "The Prow" vom "Angel Rat"-Album schon fast als Alternative-Hit aus. Mit "We Are Connected" stellen VOVOD auch einen neuen Song vor, der voraussichtlich auf der kommenden Split-7" mit AT THE GATES zu finden sein wird. Das Halbrund kocht somit bereits zur frühen Stunde, und als sich die Band mit "Voivod" verabschiedet, wünscht man sich doch noch den einen oder anderen Track.

Setlist VOIVOD
Kluskap O'Kom
Tribal Convictions
Ripping Headaches
The Unknown Knows
Order OfTthe Blackguards
The Prow
Overreaction
We Are Connected
Voivod


Bei AVATARIUM machen wir Pause, treffen Freunde und knüpfen Kontakte im VIP/Pressezelt. Da man dort aber einen großen Flachbild-TV aufgestellt hat, wo die Liveübertragung des WDR läuft, kann man die Band rund um CANDLEMASS-Capo Leif Edling trotzdem begutachten. Nach dem hyperaktiven Crossover von VOIVOD wirkt das eher ruhigere, aus Seventies Rock und Doom Metal fusionierte Hybrid der Schweden erst etwas deplatziert, alleine die ätherische Performance von Jennie-Ann Smith ist aber schon die nähere Auseinandersetzung mit der Materie wert. Insgesamt eine interessante Combo mit überlangen Songs, die man im Auge bzw. im Ohr behalten sollte. Überraschend viele Leute wollen das Spektakel, bei dem nur noch Dunkelheit und Räucherstäbchen fehlen, von der Nähe sehen und so ernten AVATARIUM trotz geringem Bekanntheitsgrad schon ordentlich Applaus.

Setlist AVATARIUM
Moonhorse
Bird of Prey
All I Want
Deep Well
Pandora's Egg
Avatarium

Jetzt gleich KATAKLYSM ins Rennen zu schicken ist nicht nur ein kompletter Irrsinn, sondern fast schon fahrlässig. Das Death-Powerhouse aus Montreal geht ab dem ersten Beat dermaßen weg, dass viele schon Tote und Verletzte im kochenden Circle Pit befürchten. Gottlob ist Rücksicht hier aber immer noch das oberste Gebot, und so haben alle einfach nur eine riesen Party zusammen. Alter, was für ein Brett! Unglaublich, was eine Gitarre so an Lärm machen kann, unglaublich mit welcher Präzision man hier zu Werke schreitet. Das Energielevel ist auf 200%, der Sound glasklar, die Band super drauf und wie immer mega-sympathisch. Drummer Oli Beaudoin ist einfach nur unglaublich und kloppt mit der Präzision eines Uhrwerks, die Rhythmik bewegt sich gottlob meistens im bangfreundlichen Uptempo-Bereich, ansonsten bekäme man hier gesplitterte Halswirbel. Natürlich sind manche Ansagen von Maurizio Iacono prollig wie Sau, aber angesichts der Wucht von Gassenhauern "As I Slither" oder "Push The Venom" gehört das alles sowieso zum Programm. Leider kann ich mir nicht den gesamten Set reinblasen lassen, weil ich zum Interview mit VOIVOD-Drummer Away antreten muss. Aber das was ich da gesehen und gehört habe, hat nicht nur mir schlichtweg die Sprache verschlagen. Auch wenn manche KATAKLYSM immer noch als zu kommerziell abcanceln, das heute hier war ein Lehrstück an Brutalität und Präzision - Musik zum Stahl schneiden.

Setlist KATAKLYSM
To Reign Again
If I Was God... I'd Burn It All
As I Slither
At The Edge Of The World
Push The Venom
Like Animals
Thy Serpents Tongue
Taking The World by Storm
Let Them Burn
In Shadows & Dust
Crippled & Broken


Wenige Wochen zuvor haben SANCTUARY in Österreich gespielt und - man muss es leider so sagen - ziemlich abgekackt. Das lag vornehmlich am Zustand von Basser Jim Sheppard und auch Warrel Dane hatte schon bessere Zeiten. Die große Frage daher: wie schlagen sich die Seattle-Metaller heute, wo das RHF doch ein wichtiger Event für jede Band ist, um sich von der Zuckerseite zu präsentieren? Zu frühabendlicher, wolkenbehangener Kulisse ertönen die ersten Takte von "Arise And Purify" und als erstes fällt auf: SANCTUARY haben einen neuen Bassisten. Ob Jim Sheppard nur temporär nicht mehr in der Band ist oder komplett gekickt wurde, entzieht sich allerdings - genauso wie der Name des ziemlich kurzfristig eingestellten "Neuen" - meiner Kenntnis. Und ich möchte hier nicht mutmaßen.
Warrel Dane, diesmal nüchtern, ist nach wie vor ein Hingucker, das muss man ihm lassen. Der durchgeknallte Blondschopf, Herr der tausend lustigen Kopfbedeckungen, ist aber weit davon entfernt was man als eine gute Stimme bezeichnen könnte. Die Jahre, in denen sich der gute Mann um sein Organ sprichwörtlich "nix geschissen" hat, zeigen halt ihre Spuren. Die hohen Parts kann er nur noch dann "singen", wenn er das Mikro einen halben Meter weit weg hält, in den Mitten ist er zwar immer noch stark, aber im Vergleich zu früheren Großtaten ist das Gesamtergebnis einfach nur traurig. Aber genug der Beschwerden, SANCTUARY präsentieren sich heute insgesamt tight und mit gutem Sound, sind gut drauf und fetzen eine Setlist raus, die keine Kritik zulässt: "Die For My Sins" und "Battle Angels" vom Debut "Refuge Denied" kommen Seite an Seite daher, drei Songs von "Into The Mirror Black" stehen auf dem Programm, der Rest sind klarerweise Tracks vom gelungenen "The Year The Sun Died"-Album. Eine gute Performance immerhin, verglichen mit den letzten Halb-Auftritten, aber bei weitem kein Höhepunkt. Einziger Lichtblick ist die Gitarrenfraktion: Nick Cordle passt perfekt in die Band und bildet mit Lenny Rutledge eine undurchdringbare Soundwall. Zu alter Form werden die Burschen, wohl auch wegen Warrel Dane, aber wohl nicht mehr auflaufen.

Setlist SANCTUARY
Arise And Purify
Let The Serpent Follow Me
Seasons Of Destruction
Die For My Sins
Battle Angels
Exitium (Anthem Of The Living)
Question Existence Fading
Frozen
The Year The Sun Died
Future Tense
Taste Revenge

Da könnte man sich ein Scheibchen von Metal-Queen DORO abschneiden, die genauso lange im Business ist und frisch und knackig wie am ersten Tag wirkt. Man kann den Hardrock von ihr und ihrer früheren Band WARLOCK mögen oder nicht, man kann ihr Kuschelrock vorwerfen, aber was die 1,55m große Sirene heute hier abzieht, ist echt ganz ganz großes Kino. Die Setlist besteht fast ausschließlich (wie versprochen) aus WARLOCK-Songs, "Earthshaker Rock" "True As Steel" oder "Burning The Witches" heute hier live zu erleben gleicht einem Jahrhundert-Ereignis. Dessen ist sich auch das Publikum bewusst, und feiert die Metal-Queen in einer fetten Party nach allen Regeln der Kunst ab. Mit feuchten Augen skandieren die Mittvierziger in der Audience "All We Are", und es werden Jugenderinnerungen wach, an Zeiten, in denen DORO samt weißem Pferd in verträumter Märchenlandschaft in unseren Teenie-Zimmern von der Wand lächelte. Die Powerfrau hat nichts von ihrer Ausstrahlung eingebüßt, im Gegenteil. Mit ihren charmant-naiven Ansagen zeigt sie sich down to earth und gleichzeitig dennoch irgendwo unerreichbar weit oben am Metal-Thron. Da sei es ihr auch verziehen, das schnulzige "Für Immer" (in der noch schnulzigeren deutschen Version) zu bringen und auch das JUDAS PRIEST-Cover "Breaking The Law" hätte sie sich sparen können. "Revenge", heute der einzige Song aus dem aktuellen Soloalbum "Raise Your Fist", passt immerhin gut in den Oldie-Reigen, und die Backing-Band ist einfach nur überirdisch gut. DORO zeigt wieder mal allen Nörglern wo der Metal-Hammer hängt, dass mit ihr immer noch schwer zu rechnen ist, und dass man auch im "Alter" noch ordentlich Gas geben kann. Respekt, kleine Frau!

Setlist DORO
Touch Of Evil
I Rule The Ruins
Burning The Witches
Metal Racer
True As Steel
Hellbound
East Meets West
Evil
Für Immer
Revenge
Breaking the Law
All We Are
Out Of Control
Earthshaker Rock


Jede andere Band wäre nach dieser Performance kläglich gescheitert. Das hat man wohl schon so kommen sehen, und mit KREATOR quasi die Lokalmatadoren (neben SODOM) aus dem Pott geladen. So voll hat man das Halbrund selten gesehen, ich verziehe mich auf die oberen Ränge und lasse das Spektakel in seiner vollen Wucht auf mich wirken. KREATOR live ist immer eine Macht, das weiß man, heute noch umso mehr, denn durch die Stimmung vervielfacht sich das Potential der Essener Thrasher noch zusätzlich. Die brennen dann nicht nur optisch die halbe Bühne ab, sondern auch noch akustisch das ganze Amphitheater. Mille hat auch begriffen, dass Ansagen wie "do you want to kill each other?" in der heutigen Zeit nicht ganz so gut kommen, und hält sich diesbezüglich nobel zurück. Vor der Bühne ist ohnehin Krieg, wenn die Vier solche Granaten wie "Extreme Aggression" oder "Pleasure To Kill" abfeuern. Auch zu vielfach ungeliebten Ausflügen wie "Renewal" oder "Phobia" steht man mittlerweile, und so liest sich die Setlist nicht nur wie ein buntes Panorama der KREATOR-Historie, sondern wie ein Lehrbuch der harten Mucke. Mille, Ventor, Speesy und Sami haben heute alles richtig gemacht, fahren mit einer ungeahnten Kompromisslosigkeit über die 8.000 anwesenden Metalheads drüber, die noch dabei sind, sich die DORO-Tränen abzuwischen. Besser und mehr geht einfach nicht, und selbst als ich eine Stunde später im Hotelbett liege, hallt in meinen Ohren noch "Flag Of Hate" nach.

Setlist KREATOR
Enemy Of God
Terrible Certainty
Phobia
Awakening Of The Gods
Endless Pain
Warcurse
Phantom Antichrist
From Flood Into Fire
Extreme Aggression
Suicide Terrorist
Black Sunrise
Hordes Of Chaos (A Necrologue For The Elite)
Renewal
Civilization Collapse
Encore:
Violent Revolution
Pleasure To Kill
Encore 2:
United In Hate
Flag Of Hate
Betrayer

Sonntag

Der dritte Tag beginnt mit einem entspannten Interview mit KATAKLYSM-Gitarrist J.F. Dagenais (geht Mitte Juli online) im Gelsenkirchner Stadtpark und einer Listening Session des neuen Albums "Of Ghosts And Gods", weswegen wir auch die ersten drei Bands (AIR RAID, SPIDERS und SINNER) auslassen müssen. Der Reigen im Amphitheater beginnt für mich mit CHANNEL ZERO, die nicht nur in ihrer Heimat Belgien längst Kultstatus genießen. Frontmann Franky De Smet Van Damme wirkt zwar die meiste Zeit wie ein unterbeschäftigter Waldorfschüler, wenn er bereits während der ersten drei Songs etwa 20 Flaschen Wasser auf sich selbst und den Fotografen im Graben verteilt, ist aber am Ende eine echte Ausnahmeerscheinung am Mikro. Optisch erinnert der Brüllwürfel ein wenig an Glenn Danzig, der sich im XtraX-Laden verirrt hat, akustisch gibt's nix zu mäkeln - die Band hat Spaß und das Publikum braucht um diese Uhrzeit eh einen fetten Arschtritt. Den bekommt es auch in Form von "Bad To The Bone" oder dem schon als Klassikern durchgehenden "Suck My Energy" und "Black Fuel". CHANNEL ZERO leben nicht vom High Speed, sondern von ihrer im Hardcore verwurzelten Brutalität, die Songs sind immerhin im richtigen Tempo für Festivalbesucher, die schon seit drei Tagen "Schwerstarbeit" leisten. Franky kann es einfach nicht lassen und performt die letzten beiden Songs nicht auf der Bühne, sondern huscht durchs Publikum bis zum FOH, und macht während des Singens auch noch locker und lässig Selfies mit Fans. So muss das. Unterm Strich macht das alles die Belgier einfach nur sympathisch, und das hört man dann auch am Beifall.

Setlist CHANNEL ZERO (unvollständig)
Repetition
Bad To The Bone
Kill All Kings
Duisternis
Suck My Energy
Black Fuel


Ich erinnere mich noch (oh, welch Wunder!) an den Kauf der RAGE-Scheiblette "Reflections Of A Shadow" anno 1990, das Trio gehörte damals quasi zur Grundausstattung jedes Teutonen-Metal-Freundes. 25 Jahre später und nach diversen Schmonzetten mit Orchester und halbgaren Wiederbelebungsversuchen treten Manni, Efti und Peavey im damaligen Line-Up unter dem Namen REFUGE an, um... ja warum eigentlich? So sehr sich die Burschen aus Herne auch Mühe geben, irgendwie will bei den alten Songs nicht so wirklich der Funke überspringen. Ich schaue mir das Ganze vier Songs lang an, dann verziehe ich mich in den schattigen Biergarten. Deswegen kann ich hier auch keine großartige Kritik abgeben, einzig die Reaktionen einiger Leute, die von "naja" über "etwas halbgar" bis "nicht ganz so toll wie erwartet" alle Facetten der Enttäuschung abdecken, bestätigen mir, dass es ein guter Zeitpunkt für eine Pause war. Der Zenit von RAGE war eh schon länger überschritten, da hilft auch die Reanimation des vielleicht besten Line-Ups anscheinend wenig. Was schade ist, denn gerade Tracks wie "Invisible Horizon" oder "Firestorm" waren immer die Gute-Laune-Kracher vor dem Herrn. War wohl nicht ihr Tag...

Setlist REFUGE
Firestorm
Solitary Man
Nevermore
Death In The Afternoon
Enough Is Enough
Invisible Horizons
Certain Days
Light Into The Darkness
Shame On You
Baby, I'm Your Nightmare
Don't Fear The Winter
Refuge

Dass gute Laune nicht an den Haaren herbeigezogen werden muss, zeigen uns anschließend MICHAEL SCHENKER'S TEMPLE OF ROCK, auf die anscheinend sehr viele gewartet haben. Zu Recht, wie sich spätestens nach den ersten Akkorden von UFO's "Doctor Doctor" herausstellt. Nimmt man die Performance der SCORPIONS beim letztjährigen "See-Rock" in Graz als Referenz, dann nehmen sich Michael Schenker und seine Mannen heute wie eine frisch aus dem Saft gezogene Jungspund-Kapelle aus, die trotz Star-Faktor ziemlich down to earth rüberkommt. Am Bass der langjährige SCORPIONS-Tieftöner Francis Buchholz, der gemeinsam mit seinem Weggefährten Herman "The German" Rarebell an den Trommeln ein solides Rhythmus-Fundament legt. Gesangsmeister Dougie White (RAINBOW, PINK CREAM 69) performt sowohl die UFO-Klassiker wie auch die obligatorischen SCORPIONS-Eckpunkte "Lovedrive", "Coast To Coast" und natürlich "Rock You Like A Hurricane" erdig und mit viel Gespür für das Wesentliche in den Songs. Michael Schenker mit seinem putzigen Hauberl und 60 Lenzen am Buckel wirkt drahtig und agil, steht als Star der Combo aber wohltuend nicht im Mittelpunkt und überlässt auch dem Ausnahme-Musiker Wayne Findlay des Öfteren das Feld. Die gelungene Mischung aus MSG, UFO, SCORPIONS und "eigenem" Material kann überzeugen, und nicht nur die Alten im Publikum sind berechtigterweise begeistert. Dort die SCORPIONS mit unfassbar überzogener Selbstbeweihräucherung, halbgarer und liebloser Performance und einer Bühnenshow, die jeden Epileptiker umgehen ins Grab befördern würde - und heute hier MICHAEL SCHENKER'S TEMPLE OF ROCK, die ihrem Namen durchaus gerecht werden und beweisen dass alt und berühmt nicht gleich abgehoben und realitätsfremd bedeutet. Beide Daumen hoch für eines der Highlights des Festivals!

Setlist MICHAEL SCHENKER'S TEMPLE OF ROCK
Doctor Doctor (UFO)
Live And Let Live
Lights Out (UFO)
Where The Wild Winds Blow
Natural Thing (UFO)
Victim Of Illusion (MSG)
Lovedrive (SCORPIONS)
Coast To Coast (SCORPIONS)
Vigilante Man
Before The Devil Knows You're Dead
Lord Of The Lost And Lonely
Rock You Like A Hurricane (SCORPIONS)
Rock Bottom (UFO)


Mit OVERKILL im Billing kann man generell nix falsch machen. Die unkaputtbare New Yorker Institution hat 2011 bereits als Headliner groß am RHF abgeräumt, und man weiß bei Blitz und Co. eigentlich immer, was einen live erwartet. Die Erwartungen werden auch heute zu hundert Prozent erfüllt, und die Liste an Klassikern unterscheidet sich nur minimal von der üblichen Tour-Setlist. Klar, Überraschungen gibt's da keine, OVERKILL decken fast alle Epochen ihres Schaffens ab, Blitz ist wie immer agil wie ein junges Reh, in den Gesangspausen zieht er sich aber zum Krafttanken hinters Drumkit zurück und nuckelt dort abwechselnd an seiner Wasserflasche und an der obligatorischen E-Zigarette. Es ist eine Freude, dieser Band einfach nur zuzusehen, wie sie quasi im Vorbeigehen alles kurz und klein schlägt, das Publikum hängt ihnen an den Lippen, und natürlich werden "The End Of The Line" und "Rotten To The Core" brav mitgeschrien. Musikalisch eine ultra-toughe Einheit, betonieren OVERKILL ihre Hammer-Riffs mit oftmaliger Punk-Schlagseite ins Halbrund, dass es kein Entkommen gibt. Die Farbe des Tages ist eindeutig grün (nicht nur wegen meines Rockodile-Shirts), die Autogrammstunde wieder mal die mit den meisten Leuten. Einziges Manko ist, dass die Jungs fast schon ein wenig zu vorhersehbar sind. Was am Ende aber wurst ist, denn mit Hitgaranten wie dem SUBHUMANS-Cover "Fuck You", dem neueren "Ironbound", dem dann doch halbwegs überraschenden "End Of The Line" und natürlich "Elimination" im Gepäck kann einfach nix schiefgehen. Für viele war das heute schon der Headliner, denn alles was nach OVERKILL auf die Bühne muss hat ja sowieso automatisch verloren. Denkt man zumindest ...

Setlist OVERKILL
Armorist
Hammerhead
Electric Rattlesnake
Powersurge
In Union We Stand
Rotten To The Core
Bring Me The Night
End Of The Line
Horrorscope
Hello From The Gutter
Overkill
Ironbound
Encore:
Bitter Pill
Elimination
Fuck You (The Subhumans cover)
Take On The World (Judas Priest Cover)

Doch da hat niemand die BLACK STAR RIDERS auf dem Schirm gehabt. Während die ersten Nasen bereits abwandern, legen ex-THIN LIZZY-Recke Scott Gorham und seine Allstars einen Set auf die Bretter, der als Abschluss würdiger nicht hätte sein können. Ihr alle, die ihr da schon im Taxi oder sonst wo wart: selber schuld! Wer "Jailbreak" oder "Emerald" in für die Ewigkeit bestimmten Versionen heute versäumt hat, dem ist echt nicht mehr zu helfen. Ricky Warwick erweist sich als die einzig logische Besetzung als Frontmann und glänzt als sympathische Rampensau vor dem Herrn. Schließt man die Augen, so klingt der Ire dem unerreichbaren Phil Lynott nicht unähnlich, und mit Sicherheit lächelt der viel zu früh verstorbene Lockenkopf irgendwo vom abendlichen Frühsommerhimmel. Ähnlich wie MICHAEL SCHENKER bringen die Riders teils eigene Songs und teils THIN LIZZY-Monumente, wobei natürlich "The Boys Are back In Town" und als Abschluss das traditionelle "Whisky In The Jar" (im Original übrigens nicht von METALLICA...) nicht fehlen dürfen. Unvergleichlich die Spiellaune des Quintetts, hier regiert die gute Laune und der Rock'n Roll, da wirkt nix gekünstelt, da gibt's keinen Durchhänger, da geht das verbliebene Publikum mit als gäbe es kein morgen. Die Band sieht sich gottlob nicht als THIN LIZZY-Kopie, sondern eher als Sachverwalter des Backkataloges dieser irischsten aller Bands. Mit Jimmy DeGrasso am Schlagzeug und Damon Johnson an der zweiten Klampfe hat man überdies auch noch zwei erfahrene Musiker an Bord geholt, die ihre Sporen unter anderem bei ALICE COOPER verdienten. Es regieren Spaß und Kurzweil, der Gig ist leider viel zu schnell vorbei, und nicht nur ich würde mir wieder mehr von diesen Bands wünschen, die Musik eben um der Musik Willen machen, ohne Kompromisse und mit Blut, Schweiß und (Freuden-)Tränen. Die BLACK STAR RIDERS sind nicht nur ein krönender Abschluss, den viele gar nicht so erwartet haben, für mich sind sie der Höhepunkt dieses Festivals!

Setlist BLACK STAR RIDERS
Bound For Glory
Jailbreak (Thin Lizzy)
Kingdom Of The Lost
Are You Ready (Thin Lizzy)
Bloodshot
Charlie I Gotta Go
Bad Reputation (Thin Lizzy)
Soldierstown
Suicide (Thin Lizzy)
All Hell Breaks Loose
Through The Motions
The Boys Are Back In Town (Thin Lizzy)
Finest Hour
Emerald (Thin Lizzy)
The Killer Instinct
Rosalie (Bob Seger)
Whiskey In The Jar (Thin LIzzy)

Die Freudentränen sind getrocknet, das Gewand ist vom Staub befreit, und das Vorhaben, mich diesmal kürzer zu fassen habe ich jetzt endgültig ad acta gelegt. Das ROCK HARD FESTIVAL ist und bleibt für mich der Wohlfühlfaktor unter den unüberschaubar gewordenen Rock-Events. Es bleibt das jährliche Familientreffen in einer ansonsten zu sehr mit sich selber beschäftigten Musikwelt. Und es ist einfach nur schön, wenn man sich voll auf die Musik konzentrieren kann, abseits all der zu groß geratenen Events, die glauben, das Publikum mit Bungee-Jumping, Wet-T-Shirt-Contests, Air-Guitar-Wettbewerben und sonstigen verzichtbaren Unmöglichkeiten rund um die Uhr bespassen zu müssen. Das ROCK HARD FESTIVAL funktioniert auch nur als solches im Amphitheater Nordsternpark, und bleibt leider die große Ausnahme in einer Welt, wo pro Woche bereits drei Festivals in deiner Nähe stattfinden. Und zwar deswegen, weil sich hier ausnahmsweise alles nur um eines dreht: die Musik.


(Diese Zusammenfassung spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wieder, und weder der Inhalt noch die angeführten Setlists erheben Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit)


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