SUICIDE SILENCE - der "Suicide Silence"-Gangbang

Veröffentlicht am 20.02.2017

SUICIDE SILENCE sind wohl das Flaggschiff des Deathcore – die bekanntesten und beliebtesten Vertreter des Death-Metalcore-Genres. Nach dem tödlichen Unfall des Sängers Mitch Lucker waren einige Fans mit dem neuen Frontmann Eddie Hermida – auch Ex-Sänger von ALL SHALL PERISH – nicht ganz einverstanden, für viele stellte er allerdings einen passablen bis würdigen Nachfolger dar. Nicht zuletzt das sehr gelungene 2014er Album „You Can't Stop Me“ trug seinen Teil dazu bei.

Nun kursiert seit einer Weile der Song „Doris“ vom neuen Album „Suicide Silence“ durch die Welt der Corebegeisterten und wird überwiegend negativ bis vernichtend diskutiert. Vielerorts heißt es jedoch auch – zu Recht! –, dass man erst einmal das Album abwarten solle, bevor man SUICIDE SILENCE verurteilt. Verurteilungen von Bands wegen eines neuen Elements, wegen eines Stilwechsels, wegen Weiterentwicklung sind ohnehin eher albern und kleingeistig. Eine negative Meinung zu neuem Output zu haben, muss allerdings erlaubt sein, wenn man Kunstkritik nicht sowieso ganz allgemein verteufeln möchte.

Eine leicht negative Meinung bildete sich meinerseits schon bei einem Konzert 2016, auf dem Eddie fast gar nicht gegrowlt, sondern ständig nur mittelmäßig gescreamt hat – das klang relativ schwach. Nun setzt sich dieses hysterische Gekeife auf dem Album-Opener „Doris“ fort und gesellt sich zu zahlreichen anderen fragwürdigen Entscheidungen, was die Vocals betrifft. Das soll keine generelle Absage an Klargesang im Allgemeinen oder Eddies Stimme im Speziellen sein – auf keinen Fall, aber doch gegen so manchen Laut, der da Eddies Kehle entspringt. Nennen wir es ein Experiment mit sehr fragwürdigem Erfolg und fahren fort.

„Silence“ macht mit reichlich Atemgeräuschen sowie einem tragenden, leidenden Gesang weiter und trägt damit etwas post-hardcoriges in den Klang von SUICIDE SILENCE hinein, ohne dabei komplett ins Softe abzudriften. Der Song reißt hin und her zwischen einem musikalisch respektabel arrangierten, emotionalen Stück mit zunächst eingängigem, interessanten Gesang und einer beinahe wirren Überreizung der Stimme. Etwas weniger wäre hier vielleicht mehr.

Mit „Listen“ gibt es dann auch endlich wieder ein Stück Brutalität, die hier und da groovt, träumerisch abdriftet und flächendeckend etwas rauschend neben der Spur klingt. Die neue Tendenz, statt der doch sehr simplen Deathcore-Songstruktur eine semi-progressive Klangkollage abzuliefern, wirkt gleichzeitig übertrieben und halbgar.

Der Songtitel „Dying In A Red Room“ weckt Interesse, klingt ungewohnt metaphorisch. Er liefert auch etwas sehr Ungewohntes: nörgeligen, ruhigen Balladen-Gesang und spaciges Atmosphären-Gedudel über Gitarrenrauschen, bei dem ständig die Hoffnung auf durchkommende Härte enttäuscht wird – wie ein Alien mit Liebeskummer in einer Therapiesitzung, das lernen muss, seine Aggressionen nicht in sich hineinzufressen, und dabei leider scheitert.

Hardcoriger, fast ein wenig an SUICIDE SILENCE vor 2017 erinnernd, geht es in „Hold Me Up Hold Me Down“ zu. Jedenfalls für circa eine Minute, bevor es nacheinander verspielter und weinerlicher wird, aber auch wieder zum Breakdown-Growling zurückfindet und erkennen lässt, dass der Deathcore die Band nicht vollkommen verlassen hat. Nicht wirklich überzeugend, ist dies doch der erste (und einzige) Song vom Album „Suicide Silence“, den ich nicht komplett ungern einmal live hören würde.

„Run“ klingt wie ein Cover von irgendwelchen anderen Bands, die nicht meinem persönlichen Musikgeschmack entsprechen – aufgenommen in einem zweitklassigen Tonstudio. „The Zero“ ist nicht einmal das und so skipwürdig wie selten etwas. „Conformity“ soll die sanfteste der neuen Seiten von SUICIDE SILENCE zeigen, beweist allerdings vor allem, dass Eddie nicht unbedingt ein wirklich guter Klarsänger ist – ist er überhaupt (noch) ein guter Sänger? Dennoch ist es einer der hörenswerteren Songs, insbesondere wegen der Musik im dritten Viertel des Stücks.

Die Platte endet in dem Titel „Don't Be Careful You Might Hurt Yourself“, das zunächst wie eine Entschuldigung für alles zuvor gehörte zu sagen scheint: „Es gibt uns noch! SUICIDE SILENCE sind nicht tot!“ Leider nicht ohne das erstens nur mittelmäßig zu tun und es zweitens zu unterbrechen, um den merkwürdigen neuen Stil durchzusetzen und am Ende komplett albern zu werden. Hoffentlich ist das eher ein Hinweis darauf, dass das ganze Album als Scherz angelegt ist, als einer darauf, dass die Band den Fans die Zunge herausstreckt.

Ich habe jedenfalls keine Lust mehr. Ja, das ist eine subjektive Meinung, nicht viel mehr, nicht viel weniger. Aber dieses Album scheint mir wirklich nicht gut. Natürlich ist daran nicht alles schlecht und jede Band hat das Recht auf Weiterentwicklung und so weiter und so fort, aber ich werde es nicht wieder hören – absichtlich sicher nicht! – und mir auch sehr ernsthaft überlegen, ob ich nochmal ein Konzert von SUICIDE SILENCE besuchen werde – wohl nur in der Hoffnung auf möglichst viele alte Songs. Schade! Die Hoffnung darauf, dass es sich hierbei nur um ein Experiment handelt, ein Versehen, das in Zukunft wieder gutgemacht wird, behalte ich.

1,5 von 5 Punkten / Jazz


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Jazz
Seite 3: Lucas Prieske
Seite 4: Mike Seidinger
Seite 5: Anthalerero
Seite 6: Das Fazit


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