SUICIDE SILENCE - der "Suicide Silence"-Gangbang

Veröffentlicht am 20.02.2017

Als Band ist man heutzutage fast schon dazu gezwungen, sich stetig neu zu erfinden. Auch vor SUICIDE SILENCE macht der Zahn der Zeit nicht halt, sodass sich auch die fünf Amis nun genötigt fühlen, sich von Genregrenzen freizuspielen. Und eines darf an dieser Stelle gleich angemerkt werden – selbiges ist den Herren auf ihrem schlicht selbstbetitelten Album auch vollauf gelungen. Also das Freispielen – über den Rest würde man gerne den Mantel des Schweigens bereiten, ist aber dennoch gezwungen sich auf eine gewisse, halbwegs seriös wirkende Weise, darüber auszulassen.

Bereits das vorab veröffentlichte „Doris“, gleichzeitig der Opener des Albums, ließ die Wogen hoch gehen und goss mit enorm schrägen Tönen fleißig Öl ins Feuer der Diskussionen. Vermutete man zunächst noch, dass dies einen einmaligen Ausreißer auf „Suicide Silence“ darstellen sollte, so wird man im Verlaufe des Albums eines Besseren belehrt, indem einige Tonnen Kerosin in die fröhlich lodernden Flammen gepumpt werden. Schräge Töne und markerschütterndes Geheule, wahlweise einen Halbton bis drei Töne in Schräglage, kennzeichnen einen Titel der so gar nichts mit Stille gemeinsam hat – höchstens die versucht sphärischen Parts in „Listen“ könnte man dem Versuch zuordnen, ein wenig Frieden in diese musikalische Welt aus Schmerz zu tragen. Apropos Schmerz: Sich selbsttätig gen Himmel rollende Fußnägel sind alles andere als angenehm – auf der Schmerzskala in einer Liga mit der gesanglichen Leistung auf „Dying In A Red Room“ und seiner Auswirkung auf den Gehörgang des Rezensenten. „The Zero“, „Conformity“ - nicht einmal die vielfältigen Abstrusitäten der regelmäßigen Stormbringer-Undergroundexpeditionen verlangen so viel Selbstbeherrschung um nicht der Verzweiflung anheim zu fallen – der Proberaumsound stammt nicht wirklich von einem renommierten Produzenten, oder?

Einzig „Hold Me Up, Hold Me Down“ ist als brauchbar zu erachten, da es tatsächlich noch etwas nach Death und Core klingt – allerdings fehlt der Punch, der akustische Tritt in die Magengrube, der aus dem bis dato entsetzten Krampf im Trommelfell ein wohlig-schmerzhaftes Vibrieren macht. Wo ist die süße Pein, zu der es sich an Feierabend, nach acht Stunden Frondienst, angemessen eskalieren lässt? Nicht in „Run“ jedenfalls, in dessen Verlauf sogar die redaktionelle Expertin für Schmerzen dazulernt, auf wie vielen Wegen man Hammer, Amboss und Steigbügel foltern kann. „The Zero“, „Conformity“ - nicht einmal die vielfältigen Abstrusitäten der regelmäßigen Stormbringer-Undergroundexpeditionen verlangen so viel Selbstbeherrschung um nicht der Verzweiflung anheim zu fallen. Ist „Don't Be Careful You Might Hurt Yourself“ eine Botschaft, bezogen auf dieses Album und seine Auswirkungen auf das Gehör? Man weiß es nicht, doch selten empfing man die Stille nach Beendigung des Hördurchganges mit solch offenen Armen.

SUICIDE SILENCE brechen mit ihrem selbstbetitelten Neuling mit so gut wie allem, was ein gutes Album eigentlich ausmachen sollte. Stringentes Songwriting ist nicht vorhanden, man sucht vergeblich die deathcorige Härte im verwässerten Alternativgedudel, der (Clean-)Gesang (mangels anderer Bezeichnungen für diese... Geräusche, verwenden wir dieses Wort einfach einmal in diesem Zusammenhang) ist so schief, dass es schon körperlich schmerzt und die Produktion würde selbst Garagenbands mit schamgeröteten Häuptern zurück in ihren Probekeller wanken lassen. Entweder haben es sich die fünf Amis alle Substanzen eingeworfen die sie nur finden konnten und haben anschließend unter den Auswirkungen dieser „Suicide Silence“ im Badezimmer ihres Wochenenddomizils aufgenommen, oder aber... es steckt pures Kalkül dahinter. Ein bewusstes Statement, um dem Konsumenten einen schonungslosen Spiegel vorzuhalten, was unter dem Deckmantel der Kunst oder des kommerziellen Erfolges an den Endverbraucher verscherbelt wird nur um Kassen zu füllen, und von diesen mitunter auch noch unwissend abgefeiert wird. In diesem Falle: Plansoll mit Bravour erfüllt.

SUICIDE SILENCE gebührt entweder ein Oscar für die künstlerische und schauspielerische Höchstleistung, bewusst und mit Berechnung so dermaßen schief und ohrenfolternd zu agieren – oder man ruft hier und jetzt eine Petition ins Leben, um die Einäscherung dieses Tonträgers und aller seiner Kopien zu beantragen. Der Rezensent schwankt, röchelt in einem Akt der Verzweiflung, und fällt schließlich auf das Feld mit der Nummer Eins.

1 von 5 Punkten / Anthalerero


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Jazz
Seite 3: Lucas Prieske
Seite 4: Mike Seidinger
Seite 5: Anthalerero
Seite 6: Das Fazit


WERBUNG: Hard
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