Flusensieb #3 - 10 Platten im Schnelldurchlauf

Tag und Nacht wird in den Texter-Kellergewölben des Stormbringers die Peitsche geschwungen und doch geht den ausgemergelten Gestalten an den Schreibmaschinen das eine oder andere Kostbarkeitchen der metallischen Kunst durch die Lappen. Die zehn Etappen der Reise durch die Flusen beginnt diesmal im Schatten der Streicher und führt vorbei an Black-Metallern in Surfshorts, dicken Eiern ohne Schmackes und multiplen Oktopuspersönlichkeiten, über die Landebahn des Glam Metals, durch den Milchzahnhagel und den Bärensturm bis zum Nostalgie-Stammtisch, dem DJ-Pult mit Rute und einem Black-Noise-Picasso.

 

 

 

Ein gut gekleideter Orchestermusiker zieht zu später Stunde leicht verträumt seine Bahnen durch dunkle, viktorianisch anmutende Gassen an einem kleinen Mittelaltermarkt vorbei. Im Schein von Mond und Fackel öffnet er seinen Koffer und spielt wunderbar vielsaitige Emotionen in die Welt hinaus. Auch die jungen Männer, die sich zu ihm gesellen, entlocken ihren „Schattensaiten“ und dem Schlagzeug traumhafte Klänge. CARPE NOCTEM laden mit Celli und Geige ein, die Nacht zu nutzen – zu Träumen oder Träume zu leben. (jazz)

 

Kennt ihr diese genialen Surf-Rock-Interpretationen norwegischer Black Metal Klassiker auf YouTube? Ja? Prima, dann wisst ihr jetzt zu einem Bruchteil, wie „Mayhem In Blue“ von HAIL SPIRIT NOIR klingt. Oder wie es beginnt, denn wie den finnischen Kollegen ORANSSI PAZUZU ist dem griechischen Trio absolut nichts heilig. So würde das wohl klingen, wenn Fenriz Mütze und Fahrrad gegen Surfbrett und Sonnenbrille eintauschen, in Badelatschen einen Blunt paffen und anschließend völlig high den Stummel auf ein in Treibstoff getränktes sakrales Bauwerk schnippen würde. Ungefähr zumindest. (P.S.)

 

Einmal generischen Glam Metal bitte? Wie wär's mit der europäischen Ausgabe der bereits 2010 erschienen EP „Off Your Rocker“ von JETBOY? Mickey Finn reihert sich durch sieben Songs (drei davon „live“), wobei lediglich „Going Down (From Above The Clouds)“ und der Bonustrack „Stolen People“ Potenzial zum Überflieger zeigen, was aber insgesamt zu wenig ist, um das durchschnittliche Gesamtwerk von der Landebahn abheben zu lassen. (BS)

 

„Mama, tut denen was weh?“, fragte wahrscheinlich jüngst ein kleiner Junge in LA, als er am Probenraum von FACE YOUR MAKER vorbeikam. „Ja und nein, mein Sohn“, antwortete die Mutter mit riesigen Tunneln in den Ohren. „Das ist Deathcore. Das ist Musik gewordener Hass. Das breakdownt dir die übertriebene Brutalität so derbe in die Fresse, dass es Milchzähne hagelt. Das tätowiert dir in Zeitlupen-Doom-Core-Manier Verzweiflung per Presslufthammer direkt in die Seele. Das ist 'Ego : Death'!“ (jazz)

 

FULL SCALE RIOT wurde unter anderem vom ehemaligen M.O.D.-Gitarristen Tim McMurtrie gegründet. Leider kommt die Band auf ihrem Debüt Album „Empower“ nicht an die Klasse der Legende heran. In eher dünnem Soundgewand möchte man Dicke-Eier-Hardcore gemischt mit etwas Punk und teilweise Rap-artigem Gesang auf den Hörer loslassen. Wäre etwas mehr Schmackes dahinter, könnte das auch ganz gut funktionieren, doch so verpufft leider viel von den doch ganz brauchbaren Songs, in denen vieles irgendwie etwas aneinandergetüftelt klingt. Stellenweise möchte man wohl etwas an BODY COUNT erinnern. Hardcore- und Punk-Freaks können gerne mal ein Ohr riskieren. (M.E.)

 

Wer dachte, ein Sharknado wäre gefährlich, der kennt den BEARSTORM noch nicht, der von Virginia aus über die Welt tobt. Schwärze und Tod sind nur zwei der Merkmale dieser Naturgewalt, die in ihrer Unberechenbarkeit geradezu progressiv ist. Drei Seuchen trägt der Sturm mit über diesen Planeten: Die erste ist die düstere Verzweiflung, die zweite die unkontrollierbare Verwirrung und die dritte die Angst vor der Natur – „Biophobia“. Aus Angst vor der Katastrophe in Bunker zu fliehen wäre jedoch vielleicht etwas voreilig. Manch einem mag das laue Lüftchen auch nur ein müdes Schulterzucken wert sein. (jazz)

 

EUFOBIA – also Angst vor dem Guten – wird im werten Zuhörer wohl kaum aufkommen, wenn er das herrlich musikalische Gebolze vom gleichnamigen Album „Eufobia“ hört und beinahe gezwungen wird, dieses nach allen Regeln der Kunst zu feiern. Bis – ja, bis beim Einsetzen der Stimme ein inneres Angstgefühl doch durchzubrechen beginnt wie die schleimigen Tentakeln eines verschluckten Oktopus. Besitzt der Sänger eine multiple Persönlichkeit und predigt uns in mehreren Stimmen von Hass und Schrecken? Oder ist es lediglich der modernen Technik geschuldet, die den Hörer derart in Verwirrung stürzt? Ein solides musikalisches Machwerk! Stimmlich aber … (lisi)

 

Eine Kneipe, irgendwas zwischen urig und versifft. Eine Hand voll alter Kumpels, die man liebt wie Brüder. Viel Bier, ein paar Schnaps und dann wird mitgegrölt. Das ist die Zeit, wenn auch die extraharten Kerle voreinander ihre Gefühle zeigen. In diese melancholisch-herzliche Stimmung gehört der Hard Deutschrock von HOPSCOTCH. „Lebenszeichen“ ist gradlinig, unintellektuell, direkt und unkompliziert, aber auch gestrig, einfach und stammtischig. Verklärte Nostalgie und Emotionen, die nicht wirklich verstanden, aber mit ernstem Gesicht und einer gutgemeinten Faust gegen die Schulter stumm quittiert werden. (jazz)

 

Also, es gibt einfach nichts, was es nicht gibt. Da denkt man, dass eine Fernsehserie, in der der Teufel beginnt, Verbrecher zu jagen, das Maß aller Dinge ist, und dann beginnt der ja eigentlich folkige KRAMPUS plötzlich, neben der Rute ein DJ-Pult auszupacken und auf genannter Rute herumzufideln, während der Nikolo langsam, aber sicher einen Schritt zurückweicht und nur nervös lacht. Wenn sich dann auch noch ein leicht punkiger Sound dazugesellt, ist die Verwirrung perfekt. Doch das Allerschlimmste und Abstrusteste daran: Diese Mischung auf „Counter//Current“ funktioniert?! Ne, ohne Spaß, ist geil. Irgendwie. (DC)

 

„Das ist doch keine Kunst! Das kann ich auch!“, hört so mancher Museumsbesucher, wenn er mit Idioten durch die Picasso-Ausstellung schlendert. Auf ebendiese Situation muss sich auch der Fan von GNAW THEIR TONGUES einstellen, wenn er den experimentellen Noise-Black-Metal seinen weniger aufgeschlossenen Freunden vorführt. Kostverächter werden sich die Ohren zuhalten und von „unerträglichem Krach“ sprechen, aber Kunst stirbt dort, wo sie sich zum Sklaven des Konsumenten macht. So stempelt „Hymnes for the Broken, Swollen and Silent“ dem klangästhetischen Empfinden des melodieverliebten Langweilers ein fettes „Fuck you!“ aufs Trommelfell. (jazz)

 

Mehr Flusensieb gibt es hier:
Flusensieb #1
Flusensieb #2


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