Flusensieb #5 – 10 übersehene Platten

Veröffentlicht am 24.04.2017

Im Flusensieb ist wieder so einiges hängengeblieben. Diesmal steht schwarz ein Rapunzelturm am Hang, gottlos erklingt der Djent, hysterisch die Feiglinge, vordergründige Schönheit wird von einer Klangästhetikkeule zertrümmert und das Schwert liegt fest in der Hand, bevor ins Ambienttal der mystischen Psychose hinabgestiegen wird. Und am Ende des blutigen Regenbogens klingt Ungarn nach Mexiko, Death und Power nach Mariachi. Ist denn gar nichts mehr heilig? Viel Spaß!

 

 

HORN - Turm am Hang

„Rapunzel, lass dein HORN herunter! Lass baumeln und ich kraxel munter! Doch ach, der 'Turm am Hang' gelegen, der Zopf zu kurz, so wie das Leben.“ „So kommt das Sterben!“, lacht der Schnitter – Inspiration dieses deutschsprachigen Midtempo-Black-Metal mit zurückhaltenden Folk- und Pagan-Anleihen, die fernab jeder Wikinger-Schunkelei naturnahe Atmosphären erschaffen. Zur Musik fügen sich Lyrics und maßgeschneidertes Artwork zum Gesamtkunstwerk, das sich deutlich vom klassischen Schwarzwurzeltee unterscheidet. (DH)

 

BENEATH A GODLESS SKY - Beaneath A Godless Sky

D-d-d-djent, d-djent, d-djent, d-d-d-djent, d-djent! Neeeooo, neeeooo! Dümm, dümm, d-d-d-d-d-dümm d-d-dümm! Öööööörrrr! D-d-deouu-deouu! Onomatopoetische Genrebenennung in der XXL-Edition. BENEATH A GODLESS SKY aus Paris djenten auf ihrer EP „Beaneath A Godless Sky“ nach allen Regeln des Genres und seiner Einflüsse: Progressive Passagen folgen den Breakdowns des Metalcore, hardcorige Shouts treffen auf deathige Growls, treffen auf gekonnten Cleangesang und natürlich groovt es immer wieder sehr lässig, ohne an Härte einzubüßen – und irgendwo haucht der Post-Hardcore. Klingt so Metalcore, wenn er erwachsen wird? (jazz)

 

COWARDS - Still

Pariser EPs aus corenahen Genres gab's gerade im 2-für-1-Angebot und deshalb sind COWARDS auch hier reingerutscht. Im Gegensatz zu ihren gottlos unterhimmelten Kollegen sind sie aber mehr so Black-Tech-Hardcore-Sludge-Metal mit einem hysterischen Vocalfreak, der genüsslich versucht, eine Schiefertafel zu zerkauen. Als Beschallungstherapie für jemanden mit zwanghafter Fröhlichkeit wahrscheinlich wirkungsvoll, als Musik bedarf die EP „Still“ eines höheren Kunstverständnisses oder eines mentalen Totalschadens oder halt einfach guten Geschmacks – und dicker Wände! (jazz)

 

PIKES EDGE - All Of Our Beauty

Spieglein, Spieglein, die Menschheit macht ihr schönstes Gesicht: „All Of Our Beauty“, doch den wahren Kern sieht man nicht. Die Münchner von PIKES EDGE rücken uns Heuchlern mit der Heavy-Metal-Ramme zu Leibe und verwandeln alles Glänzende in Quarzsand und Staub. Straight-forward der Sound, eingängig das Songwriting. Mit neuer Band, ausdrucksstarkem Gesang und einer Moralpredigt im Handschuhfach, lehrt uns der charismatische Frontmann die Furcht vor dem Tag, an dem die Fassade bröckelt: Endzeitstimmung! (DH)

 

THE RITUAL AURA - Tæther

Trotz des Horrorambientes und der harten Death-Metal-Schiene passen die Klänge von THE RITUAL AURA fast besser in große Konzertsäle als in kleine Clubs. Präzision, Können, Klassik , Prog und Tech machen „Tæther“ zu ganz großer Kunst. Die Australier schleichen sich unauffällig an und ballern dir mit vollem Schwung die Klangästhetikkeule an dein Ohr, dringen ganz Tief in ungeahnte Ecken deiner Psyche und füllen sie mit einem diffusen Gefühl zwischen grundzufriedener Traurigkeit und verzweifeltem Glück. Berauschend wunderschön! (jazz)

 

DON'T DROP THE SWORD - Into The Fire

Wenn BLIND GUARDIAN Koks wären, dann haben DON'T DROP THE SWORD einige Lines davon gezogen. Denn die deutsche Truppe klingt fast mehr nach den Gardinen als die Gardinen selbst – melodisch, episch, gut! Im namensgebenden Titeltrack knallt man dem Hörer, neben aller Epik für Freunde teutonischen Melodic-Metals, dann doch ein paar harsche Growls um die Ohren, die sich mit ausufernden Gitarrenejakulationen duellieren. Die Quotenballade gemahnt schwer an Bardengesänge im Einbruch der Nacht und fräst damit eine ordentliche Rille ins Ohr. „Into The Fire“ macht Laune, wird also definitiv auf der nächsten Redaktionsparty in den Ring geworfen! (AM)

 

DRAUGURINN - Myrkraverk

Man nehme einen dramatisches, langsam erzähltes schwedisches Horrordrama und entferne die wenigen Dialogzeilen sowie das Bild und man erhält „Myrkraverk“ von DRAUGURINN. Weniger Musik denn Stimmung – tragisch, lethargisch, ängstlich, ein wenig fade und dann doch wieder nervenzerreißend. Ein weiterer grausamer Ritualmord wird unverfolgt vergessen. Die letzte Hoffnung versiegt in leeren Augen hinter rostenden Gitterstäben. Nur der Mond wirft sein Licht auf das Mädchen, das ohne Abschiedsbrief in den dunklen See steigt. (jazz)

 

TERVAHÄÄT - Kalmonsäie

Das 2-für-1-Angebot galt auch für skandinavische Ambient-Klänge. Aber die finnischen TERVAHÄÄT bringen wesentlich mehr Instrumenteinsatz, der sich hier mit sakral anmutenden Chorälen, dort mit gemurmelter Mystik verbindet. Wie Meditation zum Geräusch knirschender Zähne will die rituelle Musik bei anhaltendem Schmerz beruhigen, betäuben, hypnotisieren. Doch das ist nur eines von vielen, schweren Gefühlen, die „Kalmonsäie“ pflanzt – wenn man es lässt. Die Empfehlung, dies zu tun, steigt mit abnehmender Anfälligkeit für Depressionen. (jazz)

 

BRIEG GUERVENO - Valgori

BRIEG GUERVENO ist Autor, Komponist, Performer und Bretone – und diese Eigenschaften formen den Rahmen seines musikalischen Ausdrucks. Maßgeblich beeinflusst von der Folklore seiner Heimat, beziehen sich die Texte und Themen seines dritten Albums „Valgori“ auf die melancholische Ästhetik traditioneller bretonischer Lyrik. Mit seinen Mitmusikern hat er ein düsterkaltes Arrangement sehr persönlicher Progressive-Songs geschaffen, mit denen man an von grauer Gischt umrauschten Steilküsten, der pinkfloydfarbenen Geistermöwe nachspüren kann. Wer PAIN OF SALVATION schätzt, sollte sich mit „Valgori“ unbedingt einmal im Dunkeln verabreden. (DH)

 

BLOODRAINBOW - Upheaval

Möchte man bei der Platte „Upheaval“ seinen Ohren trauen, so scheint es, als fielen brutal grunzende Wikinger in Mexiko ein – aber auf besonders epische Weise. Mariachi Power Death Metal aus Ungarn mit dem Namen BLOODRAINBOW. Lass das mal einsickern! Nochmal: In allen Rottönen des Blutes leuchtet ein Regenbogen über einem epischen Mexiko des Todes. Hell yeah! Das muss man nicht lieben, aber reinhören vielleicht schon mal – oder es sich wenigstens mal vorstellen! (jazz)

 

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