Das Metalmuseum: AVENGED SEVENFOLD - City of Evil

Veröffentlicht am 09.05.2017

"Walk the city lonely
Memories that haunt are passing by
A murderer walks your street tonight
Forgive me for my crimes, don't forget that I was so young
Fought so scared in the name of God and country"

"Einsam begehe ich die Stadt,
Erinnerungen, die mich heimsuchen, ziehen vorüber,
ein Mörder wandelt heute Nacht auf euren Straßen
Vergebt mir für meine Verbrechen, vergesst nicht dass ich so jung war,
ich so angstvoll Im Namen von Gott und Land kämpfte"

AVENGED SEVENFOLD - M.I.A. (2005)


Als durchschnittlicher Metaler der Gegenwart hat man im Zuge seiner Konzert/Festival-Karriere sicher schon mehr als einmal "Diskurse" über verschiedenste Dinge innerhalb unseres Musik-Universums mitbekommen, oder vielleicht sogar selbst daran teilgenommen. Wenn man Glück hat, dann entwickeln sich aus solchen Gesprächen nach kurzer Zeit unterhaltsame Diskussionen, von denen alle Teilnehmer etwas mitnehmen können; Sei es eine neue Band, die einem empfohlen wird, seien es praktische Tipps für die eigene Band, oder sei es etwas vollkommen anderes. Allerdings kennt wohl auch jeder "diesen einen" Freund oder Bekannten, der sich selbst immer für eine Spur klüger als jeder andere hält und den Gesprächspartnern gegenüber eher als eine Art ungewollter Professor entgegenkommt. Denn, wie er weiß, haben alle anderen nämlich keinen Geschmack und können ja gar nicht wissen, was gut ist, und was man als "richtiger" Metalhead denn hören "darf" und was nicht, was er einem aber, entgegenkommend wie er ist, mitteilt. Im selben Atemzug werden dann auch gerne einige Bands genannt, ein ums andere Mal fällt da auch der Name AVENGED SEVENFOLD. "Die Band ist doch nichts als reiner Kommerz, das kannst du dir doch nicht anhören!" wird dann getadelt. Ja, dass die Band in den letzten Jahren durchaus auch Anklang bei den Freunden von weniger harter Musik gefunden hat, ist ja nicht zu bestreiten. Auch ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass die Band auch jüngere Hörer für sich begeistern kann. Aber muss man deswegen jetzt automatisch davon ausgehen, dass die Musiker hinter dem Namen AVENGED SEVENFOLD nur simplifizierte, weichgespülte Schaufelware produzieren, wie es viele gerne hinstellen? Wenn man auf die nun bereits fast 18 Jahre der Bandgeschichte zurückblickt, begann der wirklich große Boom um die Band im Jahre 2005, in dem ihr vielseits hochgelobtes drittes Studioalbum "City of Evil" erschien. Plötzlich standen die fünf Jungs im Rampenlicht der Welt, plötzlich lagen alle Augen auf ihnen, was wohl auch seinen Grund hatte. Bis heute zählt der Song "Bat Country" aus dem Album zu den bekanntesten Werken der Band und auch viele andere Nummern daraus sind bis heute bekannt und auch beliebt. Ist die Band also wirklich so furchtbar, wie es viele Mitglieder der Community einem weismachen wollen? Oder ist der Erfolg der Band, der nun schon über mehr als ein Jahrzehnt andauert, dann doch irgendwo berechtigt? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Es wird also Zeit, einmal mehr in die Vergangenheit zu reisen und das Album über die "Stadt des Bösen" noch einmal unter die Lupe zu nehmen!

Der Release von "City of Evil" stellte einen Wendepunkt in der Geschichte der Band AVENGED SEVENFOLD in fast allen vorstellbaren Aspekten dar. Sowohl musikalisch, als auch in Sachen Bekanntheit und Ausrichtung der Band blieb hier kein Stein auf dem anderen. Das, was sich 2005 aus dem Projekt der Truppe um Frontmann M. Shadows entwickeln sollte, schien nur wenige Jahre zuvor undenkbar, sah die Orientierung der Band damals doch noch wesentlich anders aus, diese lag nämlich zunächst im Metalcore. Die ersten schüchternen Schritte auf dem Weg zu den Rampen der Welt wurden zunächst mit zwei Demos um die Jahrtausendwende genommen. Mit den Releases ihres ersten Albums "Sounding the Seventh Trumpet" und dem 2003 folgenden Nachfolger "Waking the Fallen" konnten die Musiker dann bereits langsam aber sicher eine Fanbase um sich scharen, der wirklich große Erfolg blieb aber noch aus. Allerdings wurden in dieser Zeit auch größere Labels auf die noch junge Band aus Kalifornien aufmerksam, und plötzlich ging alles relativ schnell: Nur kurz nach dem Release von "Waking the Fallen" verließ AVENGED SEVENFOLD ihr damaliges Label "Hopeless Records" und ging einen Vertrag mit "Warner Bros. Records" ein. Wenige Monate später, am 7. Juni 2005 war es dann schließlich soweit: Der Release des dritten Albums und damit auch das Debüt bei einem Major Label stand ins Haus. Hatte sich die Arbeit, die in das neue Bandwerk gesteckt wurde, gelohnt? Wie würde die Musikwelt darauf reagieren? Diese und ähnliche Gedanken wären durchaus annehmbar gewesen, war man in den Monaten vor dem Release doch durchaus fleißig gewesen: Neuer Sound, neues Image, neues Genre. Auf die bis dahin oft eingesetzten gescreamten Vocals wurde mehr oder weniger vollends verzichtet, die Musik war wesentlich melodischer und die Stimmung eine völlig andere. Ein mutiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg, ein Schritt, der sich, trotz großer Verluste in der eigentlichen damaligen Fanbase, auszahlen sollte. Das Experiment stieß auf ein sehr positives Medien-Echo, inbesondere die Gitarrenarbeit auf dem Album und der Esprit, den die Musiker auf den Aufnahmen an den Tag legten, wurden hoch gelobt. Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, die in gängigen Rock-Radios gespielt wurden, lag der Musik von Synyster Gates und Co. eine höhere Komplexität zugrunde, diese wurde jedoch, sicher nicht unwissentlich, mit einer auch für eine breitere Audienz zugängliche Eingängigkeit kombiniert. Was herauskam, war eine von altbekannten Genregöttern aus den 80ern inspirierte und im Stile des jungen Jahrtausends eingekleidete Melodie-Explosion, die reichlich Spaß, und vielen wohl auch Lust auf mehr machte. Von einem Tag auf den anderen war AVENGED SEVENFOLD in aller Munde: Der Mainstream-Erfolg war da, die Plattenverkäufe schossen in die Höhe, Songs des Albums tauchten etliche Male in anderen Medien auf, sogar einen MTV Video Music Award brachte das Album der Band ein. Was weiter folgte, ist Geschichte.

Was machte AVENGED SEVENFOLD auf "City of Evil" denn nun aber plötzlich so dermaßen richtig, was den explosionsartigen Aufstieg der Band von einer im Vergleich unbekannten Band zu einem weltweiten Phänomen binnen so kurzer Zeit erklären könnte? Hier spielten wohl viele Faktoren gleichzeitig zusammen, der Hauptgrund kann aber wohl am offensichtlichsten Ort gesucht werden: Dem veränderten Stil. Sieht man sich die Zielgruppe für die Musik der Band an, so kam für diese das, was die Band mit "City of Evil" zu Release auf den Tisch brachte, musikalisch wohl einer Offenbarung gleich. Das ganze Album ist regelrecht vollgestopft mit schnellen, hochmelodischen Notenteppichen, denen das Duo Gates und Vengeance seinen ganz eigenen Charme aufdrückt und die den Hang dazu haben, einen sehr schnell in den Bann zu ziehen. "Hymnenhaft" und "einem Duell gleichkommend" sind da wohl noch die besten Ausdrücke, um die packenden Schlagabtäusche zwischen den beiden Gitarristen zu beschreiben, wohl einem der herausstechendsten Merkmale des Albums, das in den folgenden Jahren zu den gepriestensten Stilmitteln der Band werden sollte. Beide wollen, sowohl im Studio als auch live, zeigen was sie können, stacheln sich gegenseitig auf und spornen sich dabei ganz nebenbei zu immer neuen Höchstleistungen an, was sich beispielweise auf "Trashed an Scattered" sehr schön beobachten lässt. Aber nicht nur die Gitarrenarbeit auf "City of Evil" ist herausstehend, ein weiteres Genie kann man hier auch bei der Arbeit hinter dem Drumset beobachten. James Owen Sullivan, liebevoll "The Rev" genannt (er ruhe in Frieden), machte mit seinem von Mike Portnoy inspirierten Drumplay den andern Musikern wohl erst richtig "Freuer unterm Hintern" und hält dafür auch noch heute, selbst acht Jahre nach seinem Ableben, ein festen Platz in den Herzen der Fans und auch der Band. Man hatte offensichtlich Spaß daran, was man da machte, das ist nicht zu überhören, und dieser Spaß und die Freude, die die Musiker an ihrem neuen Stil fanden, übertrug sich damals wie heute auch nahtlos auf den Hörer. Dabei war ihnen auch egal, dass ihr neuer Stil oftmals als "zu wenig heavy" bezeichnet wurde, solange man Freude in das eigene Schaffen legen konnte. Ein Kommentar von M. Shadows zum Stilbruch auf "City of Evil" in einem Interview ("When we started working on this record, we said, 'You know what? None of our favorite bands are super extreme, they just write really good melodic songs that are still heavy") untermauert diese These zusehens. Wie die Band selbst kurz nach Release zugab, kam diese Entscheidung zwar nicht vollkommen ohne den Hintergedanken mit der eigenen Musik auch mehr Menschen zu erreichen, doch ist es wirklich so unverzeihlich, mit der Musik an der man Freude hat auch viele andere zu begeistern und damit dann auch Geld zu verdienen? "Sellout" hat da dann doch eine etwas andere Definition.

Auch im Bereich der Vocals hat sich im Zeitraum zwischen "Waking the Fallen" und "City of Evil" einiges getan. Im Gegensatz zu früheren Werken verlässt sich Frontmann M. Shadows auf dem damalig neuesten Werk nicht länger auf gescreamte Vocals, ganz im Stile des früher verfolgten Metalcore, sondern ging dazu über, ausschließlich klaren Gesang zu verwenden, was viele Fans zur damaligen Zeit auf eine Rachenoperation zurückführten, der sich der Sänger nach der Warped Tour 2003 unterziehen musste. Derartige Gerüchte wurden allerdings sowohl vom damaligen Produzenten Andrew Murdock, als auch von der Tatsache, dass auch bei wesentlich späteren Auftritten gescreamte Vocals genutzt wurden, als haltungslos erwiesen, viel mehr war es eine Entscheidung des Sängers selbst, von diesem Zeitpunkt an klar zu singen. Mit dem Ziel, seiner Stimme auf "City of Evil" einen raueren Ton mit mehr Wiedererkennungswert zu geben, arbeitete Shadows im Vorfeld mit dem Vocal Coach Ron Anderson zusammen, der vor ihm schon Größen wie Axl Rose unter seine Fittiche nahm. Was dabei heraus kam, war wohl genau das, was sich der Frontmann der Band erhoffte: Im Gegensatz zu früheren Aufnahmen klang M. Shadows auf "City of Evil" wesentlich erwachsener und schroffer, was dem neuen Image der Band zugute kam und sich mehr als passend in die Harmonik der Band einfügen konnte. Auch im Bereich der Lyrics schlug die Band neue Wege ein: Waren die Texte der Band im Vorgänger noch wesentlich düsterer und stellenweise fast schon deprimierend, so versuchte man sich auf dem 2005 erschienenen Werk an verschiedenen Thematiken, die von Einflüssen aus der Bibel ("Beast and the Harlot"), über Anspielungen auf neuzeitliche Literatur ("Bat Country"), bis zu sozialkritischen Themen wie die Auswirkungen der Gräuel des Krieges ("M.I.A.") gehen. All das gibt dem Album eine nicht vordergründige, aber doch vorhandene Tiefe und legte auch den Grundstein für später aufgegriffene lyrische Themen der Band, die großen Anklang in der wachsenden Fanbase finden sollten.

Trotz allem Gesagtem wird es wohl immer Leute geben, die den Einschlag von AVENGED SEVENFOLD in den Mainstream missbilligen, und dazu hat wohl auch jeder ein Recht. Es wäre allerdings falsch, den Musikern ihr Talent abzusprechen und sie als "nur eine weitere Mainstream-Band" zu bezeichnen, die keinerlei Beachtung verdient hat. "City of Evil" bewies damals und auch heute, dass es möglich ist den Schwerpunkt seines Schaffens mehr in Richtung eines größeren Publikums zu setzen, ohne dabei seine Seele zu verkaufen. Natürlich, Songs wie "Seize the Day" sind jetzt nicht unbedingt das, was unter die Riege des Metal fällt, doch die Band beteuerte auch immer wieder, dass sie das auch nicht weniger interessieren könnte. Was für sie zählt ist die Musik selbst, als was diese nun eingestuft wird ist egal. Gute Musik bleibt gute Musik, ob das nun "echter Metal" ist oder nicht ist unwichtig, auch wenn das viele nicht hören wollen. AVENGED SEVENFOLD dehnt seit Jahren die Definition dessen, was unter den Banner des Metal fällt und sie werden das wohl auch noch viele weitere Jahre tun. Denn wer sollte sie denn jetzt noch aufhalten?


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