Flusensieb #6 - 10 übersehene Platten

Veröffentlicht am 10.05.2017

Das Flusensieb ist ein Ort, an dem man sich an Dinge erinnern kann, die man vorher gar nicht wusste. Ein Ort, an dem zehn beinahe übersehene Platten doch einen stormbringerischen Blick und Kommentar bekommen. Diesmal beginnt die Reise durch die neulich nicht besprochenen Werke im unheimlich schwarzen Tal nahe der Postapokalypse, wo ein Rap-Metaller einen Dirkschneider verschluckt hat, bevor eine Weile beinahe geschlafen wird, und ein Zauberlehrer zur Flöte greift. Außerdem gibt es ein sabberndes Etwas, künstlerische Hassliebe und brasilianische Wikingerimitate. Viel Spaß!

 

AETHYR – Uncanny Valley

AETHYR – die griechischen, nicht die russischen oder spanischen – laden auf ihrem Dabutalbum ein ins „Uncanny Valley“. Das unheimliche Tal hält jedoch nicht etwa einen Ausflug in angenehm melodiös ausgeschmückte Dunkel-, Gothic- oder Horror-Musik bereit, sondern reißt an sich, verschlingt und vernichtet. Verstörend, hypnotisch, deprimierend rücken die schwarzmetallenen Klangwände auf den bemitleidenswerten Besucher zu und wollen ihn zerquetschen. Nicht mit knochenbrechender Brutalität, sondern mit langsamer, unausweichlicher Schwere, die in den Körper dringt und darin jede Motivation zur Flucht und letztendlich das Leben selbst erdrückt. (jazz)

 

SCENARIO II – A New Dawn

Noch besser als die Zombie-Apocalypse, ist nur der Soundtrack zur Post-Apocalypse von SCENARIO II. Wenn die Luft durchtränkt ist von Asche-Partikeln und die Welt in Trümmern liegt, genießt man den Tag am besten unter der ozonbefreiten Atmosphäre, lässt sich die Haut knusprig schwarz bruzzeln und führt sich den schwungvollen und absolut hörenswerten Gewaltmarsch aus melodischem Riffing, sphärischem Sondteppich und symphonischen Einlagen, treibendem Tempo und kraftvoll-brachialem Screams, gepaart mit keineswegs endzeitlich klingenden Female Vocals zu Gemüte. Neugierig geworden? Eine Reise in die dystopische Zukunft, jetzt buchbar mit SCENARIO II. (lisi)

 

HACKTIVIST – Over-Throne

„Eigentlich alles“ sei kein Musikgeschmack, wollen uns Subgenrefanatiker immer wieder weismachen. Die EP „Over-Throne“ von den britischen HACKTIVIST beweist das Gegenteil. Hier paart sich Hip-Hop mit recht djentigem Metal. Natürlich sind Rap Metal oder Nu Metal keine ganz neuen Ideen, aber unter den vier Tracks dieser EP ist eine Acoustic-Version und ein Remix, die Singer-Songwriter-Stimmung, Softrock-Ambiente oder auch clubreife Elektro-Sounds mitbringen. Der Alptraum für jeden Trve-Metaller – ein gelungener Beweis für die enorme Vielseitigkeit von HACKTIVIST. Reißt die Genremauern ein! (jazz)

 

RAVEN LORD – Down The Wasteland

„Donnernde Basslinien, hämmernde Drums und Gitarrenriffs von der Schärfe einer Rasierklinge“, verspricht das zweite Album von RAVEN LORD und tatsächlich wartet „Down The Wasteland“ mit einem Kracher nach dem anderen auf, die musikalisch etwas an JUDAS PRIESTs „Painkiller“-Ära erinnern. Lediglich die ruhige letzte Nummer fällt völlig aus der Reihe. Woran sich bei RAVEN LORD jedoch die Geister schieden werden, ist der Gesang von Csaba Zvekan, der stellenweise klingt, als hätte er Udo Dirkschneider verschluckt, was aber einen durchaus reizvollen Kontrast zu den kräftigen, aber wenig besonderen „normalen“ Gesangspassagen ergibt. (BS)

 

GLASGOW COMA SCALE – Enter Oblivion

Manches Künstlers beste Einfälle ereilen ihn in den Momenten, da sein Bewusstsein weicht und er sein Selbst der Unwelt des Schlafes übergibt: „Enter Oblivion“. Diese Einfälle bedeuten hier qualitativ hochwertigen, aber durchaus auch streckenweise nur daherplätschernden Post-Rock bis -Metal, der den Hörer mal in andere Bewusstseinszustände schickt, ihm mal aber auch nur ein dezentes Gähnen entlockt. Ob die Musik nun Begleitsoundtrack zum Nickerchen war oder schwerwiegende Einwirkungen auf den Geisteszustand des Konsumenten hatte, lässt sich nach dem Aufwachen mit der GLASGOW COMA SCALE ermitteln. (jazz)

 

HYPOCRAS – Implosive

Anscheinend ist bei der Zombie-Eberjagd Viking Metal unabdinglich, anders lässt sich HYPOCRAS's würzweingetränkte EP „Implosive“ wohl nicht erklären. An sich funktioniert das Vorhaben ja recht in Ordnung, Death Viking Metal mit, na ja, "Lizenz zum Flöten" trifft es wohl am Besten. Nicht gerade besonders, aber stimmig. Anscheinend begann der Würzwein zum Ende hin auch bereits ordentlich zu ballern, wurde nach getaner Arbeit im Wald als Bonus doch noch ein "Fucked Up Ibiza Vikings Remix" (das steht da so!!!) aufgenommen. Kann man mögen, muss man nicht, ein bisschen Selbstironie ist aber wohl nie schlecht. (DC)

 

A CUNNING MAN – Practical Applications Of Theurgy

Irgendwo im schottischen Schottland sitzt der durchaus nicht ganz ungeschickte Ged Cartwright und nennt sich A CUNNING MAN. Als solcher schrieb er das Sachbuch „Practical Applications Of Theurgy“. Ein Zauberlehrling mit offenen Ohren nimmt schnell wahr, dass ihm der One-Man-Band-Lehrer nicht eine einzelne magische Schule nahelegt, sondern nach den verschiedensten Kräften des Metals greift: Von Melodeath und Prog über Black und Ambient bis zu Power. Das EP-Sachbuch ist mit nur drei Kapiteln etwas kurz geraten, in seiner Vielseitigkeit leider doch monoton, sehr weich und etwas zu zurückhaltend – Hokuspokus ohne richtige Effekte. (jazz)

 

JIM JIDHED – Push On Through

JIM JIDHED, die Stimme von ALIEN (nein nicht das sabbernde Etwas, sondern die Rockband), veröffentlicht mit „Push On Through“ sein mittlerweile sechstes Soloalbum. Jim ist seiner Linie treu geblieben und bietet knackigen AOR, welcher auf diesem Album etwas heavier rüberkommt. Von Balladen, die hier aber nicht schmalzig wirken, bis zu geilen Rocknummern, veredelt mit der hervorragenden Stimme vom Jim, werden alle Facetten des AOR auf dem Album „Push On Through“ abgedeckt. Für Fans dieses Genres absolut empfehlenswert und für alle Anderen gilt: Ab zur Glotze, DVD-Player auf Start und die Alien-Reihe gucken (jetzt mit dem sabbernden Etwas)! (WT)

 

SUNLIGHT'S BANE – The Blackest Volume: Like All The Earth Was Buried

Wie unnachgiebig, unbarmherzig, brutal und rücksichtslos Extreme Metal sein kann, zwingen uns SINLIGHT'S BANE auf. In radikaler Ignoranz der Genregrenzen werden Black und Grind und Death und Noise und Doom und Sludge zu einem ungemütlichen Krach zusammengeschmissen, der weder in seiner Rhythmik noch in irgendeinem anderen Aspekt gefällig sein möchte. „The Blackest Volume: Like All The Earth Was Buried“ macht dein Leben nicht besser, sondern tut ernsthaft weh. Genau das ist des Albums große Qualität, denn aus der Perspektive der Kunst ist Hass auch Liebe. (jazz)

 

ARMORED DAWN – Power of Warrior

ARMORED DAWN sind brasilianische Einhornreiter, bei denen man sehr deutlich erkennt, dass die dem armen Kriegspony nur einen Knüppel schief auf die Stirn gebunden haben. Auf dem äußerst eloquent benannten Erstlingsalbum „Power of Warrior“ wird das Einmaleins des hardrockigen Powermetals heruntergebetet, wobei der Vorbeter an pseudoepischer Ernsthaftigkeit nur von einem 12-jährigen Rollenspielnerd überboten werden kann, der gerade mit einem Besen die Hochbettburg seines kleinen Bruders erobert hat. Südamerikas Laienwikinger machen Powermetal ohne Power! (jazz)

 

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