Art by TERATOGEN: Das Universum des Dr.Winter

Veröffentlicht am 15.05.2017

Der österreichische Künstler Max Winter, besser bekannt unter Dr.Winter oder Teratogen, hat in letzter Zeit vor allem durch das wunderbare Artwork der neuen IN THE WOODS...-Platte von sich reden gemacht, und auch anderweitig ist der kreative Grazer alles andere als untätig. Grund genug für Stormbringer, mal im Atelier von Herrn Winter durchzuklingeln...

 

Max, hast du Malerei und Bildhauerei eigentlich studiert? Und war das der ausschlaggebende Moment in deinem Leben, die künstlerische Laufbahn einzuschlagen?

Das war leider kein Studium, es waren drei verschiedene Meisterklassen an der Ortweinschule in Graz. Diese Art von Unterricht gibt es in Österreich nur an dieser Schule. Es waren 20 Atelier-Stunden pro Woche und mit dem Zeugnis hat man nicht viel anfangen können. Aber ich habe in der Zeit ziemlich viel für mich persönlich gelernt.

Auch bei mir fängt die Geschichte wie bei den meisten anderen "Künstlern" an, nämlich mit "Ich habe schon seit ich denken kann gezeichnet…". Dann wird es aber ein bisschen komplizierter. Ich habe zwar normale Sachen wie Autos, Roboter und dergleichen gezeichnet, aber ich kann mich sehr gut erinnern, dass mich nackte Frauen schon sehr sehr früh fasziniert haben. Noch bevor ich gewusst habe, dass sie "da unten" anders aussehen. Außerdem habe ich schon sehr früh Filme und Magazine angeschaut, in denen Horror und Erotik vorgekommen sind. Dementsprechend haben meine Zeichnungen ausgesehen.

Bis ich elf Jahre alt war habe ich in einer größeren Stadt gelebt, danach sind wir in ein Kaff gezogen, wo ich auch zur Schule gegangen bin. Am Ende der achten Klasse hat unser Klassenvorstand den Eltern per Brief mitgeteilt in welchen Bereichen ihr Kind am besten war und welche Laufbahn es einschlagen sollte. Dass ich im Kunstunterricht gut war, haben sie alle komplett ignoriert. Das lag sicher daran, dass meine Zeichnungen schon damals nicht jugendfrei waren oder dass die Namen mancher Mitschüler auf Gräber "gemeißelt" waren, was eigentlich vom "Live After Death" Cover von IRON MAIDEN inspiriert und nicht böse gemeint war. Wenigstens haben sie mich nicht zum Psychiater geschickt. Jedenfalls musste ich wegen ihnen dann Automatisierungstechnik in der HTL besuchen, da meine Eltern auch nichts von meiner "Kunst" wissen wollten und sich gefreut haben, dass ihr Sohn Ingenieur wird. Das ging so lange gut bis ich etwa 17 war und die Schule geschmissen habe. Nach einer planlosen Phase habe ich dann die Ortweinschule entdeckt.

Apropos Erotik und Horror: Kennt irgendwer von den Lesern eine Szene in der eine Frau in einem Kübel Wasser ertränkt wird während ihr gleichzeitig die Kehle durchgeschnitten wird? Ich muss so um die 7 oder 8 gewesen sein als dieser Film tagsüber (!) im Fernsehen lief. Ich würde sehr gerne wissen wie der Film heißt und ob er wirklich so schockierend ist wie ich ihn in Erinnerung habe.

Wir werden es herausfinden denke ich! Was bedeutet eigentlich Teratogen? Ein Fantasiebegriff?

Wikipedia sagt: "Teratogene (altgriechisch τέρας téras, deutsch "Ungeheuer" und γένεσις génesis, deutsch "Ursprung", "Entstehung") sind äußere Einwirkungen, die Fehlbildungen beim Embryo hervorrufen können." Dazu gehören übrigens auch Alkohol und Tabakrauch. Ich habe den Begriff am 22. Juni 2003 in einem Medizinbuch einer Freundin gefunden. Ich kenne das Datum, weil wir an diesem Tag zum MINISTRY-Konzert am Donauinselfest gefahren sind. Mir hat der Name sehr gut gefallen, und noch mehr die Bedeutung. Eigentlich habe ich nach einem Titel für das erste Album meines Musikprojektes gesucht. Meine "Musik" sollte ein bis dahin noch unbekanntes Teratogen sein. Aus dem Album ist noch immer nichts geworden...

Das Logo dazu wurde vom Hammer-Logo aus PINK FLOYDs "The Wall" inspiriert. Mein Logo zeigt eine Chirurgenschere und gleichzeitig eine vereinfacht dargestellte Person die vorwärts geht sowie eine die rückwärts geht, was Stillstand bedeuten soll. Einerseits weil ich die moderne Welt nicht besonders leiden kann (ich habe nicht mal ein Smartphone!), andererseits weil Menschen meiner Meinung nach noch immer nicht aus den Fehlern ihrer langen, armseligen Vergangenheit gelernt haben.

Du nennst dich Dr.Winter. Ich nehme an, du hast nicht wirklich einen Doktortitel, das ist einfach nur, weil es cool klingt, oder?

Auch Dr.Winter war ein Pseudonym für mein Musikprojekt. Meine Erklärung dafür war damals, auch so um 2003 herum, folgende: "Doktor" steht für den Drang, Dinge, die für die meisten banal und uninteressant sind, zu verstehen und zu hinterfragen, und "Winter" steht für die Apathie, Melancholie und Kälte die ich - scheinbar grundlos - in mir fühle. Ein bisschen kitschig, aber so ähnlich kann man das noch immer stehen lassen.

Später fand ich mein Pseudonym für den Artwork-Teil nicht mehr so passend, aber jetzt ist es ein bisschen spät um es noch zu ändern. Apropos ändern: Ich habe erst vor zwei Jahren meinen Namen für viel Geld offiziell in Winter ändern lassen. Wer schlau ist, findet meinen alten Namen in den Tiefen des Internets. Und nein, ich hatte bei der Namensfindung niemals den Dr. Sommer von der BRAVO im Kopf.

Du hast dich neuerdings wieder ins Gespräch gebracht durch das Artwork für IN THE WOODS… Wie bist du dazu gekommen, oder sind die Jungs auf dich gekommen?

Ich werde zwar öfter mal von Bands angeschrieben, aber so gut - oder besser gesagt: einzigartig - bin ich nicht, dass sie sich um mich reißen. Das mit IN THE WOODS… war Glück. Ich bin durch meine Arbeit am PC oft online, und ich verfolge Bands die mir gut gefallen. Wenn ich mal sehe, dass eine von ihnen im Studio ist, frage ich vorsichtig nach ob sie etwas brauchen. Bei IN THE WOODS…  hat sich Drummer Anders Kobro sofort gemeldet, und als allererstes habe ich ihnen das Logo aufpoliert und ein T-Shirt gemacht. Er hat mir dann grob (und sehr chaotisch) erzählt welche Sachen für ihn gerade wichtig sind, und ich habe eine Skizze gemacht. Anscheinend habe ich seine Vorstellungen gleich beim ersten Mal genau getroffen. Während sie eineinhalb Jahre am Album gebastelt haben, habe ich das Artwork verfeinert. Komischerweise habe ich Details eingebaut die in den Liedern vorkommen, ohne die Lieder oder Texte gehört zu haben. Am Ende waren alle sehr begeistert. Ein Kommentar auf YouTube hat mir besonders gefallen: "...came here because the album cover art is so amazing, probably one of my favourite cover arts of all time along with some Maiden albums...". Das ist ein großes Kompliment für mich als langjährigen IRON MAIDEN- und Derek Riggs-Fan! In der Zwischenzeit habe ich das Artwork für EWIGKEIT gemacht, deren Line-Up nur aus James Fogarty besteht, also dem neuen IN THE WOODS…- Sänger.

Wie läuft es dann aber normalerweise ab? Kommst du mit diversen Artworks daher und die Band sucht sich dann was aus, oder arbeitest du dann genau nach irgendwelchen Vorgaben?

Es läuft meistens wie beim IN THE WOODS…- Artwork beschrieben ab. Meistens haben die Bands noch keine Vorstellung von dem was sie wollen, und ich versuche ihnen meinen Stil aufzudrücken. Oft funktioniert es, ein paar Mal habe ich sogar den Albumtitel bestimmt. Wenn es mir zu kitschig wird, breche ich ab und empfehle andere Künstler. Erst vor kurzem wollte jemand eine "Fabrik des Schmerzes", deren Wände mit Cannabisblüten bewachsen sind, haben. Die Idee ist nett, aber das ist nichts für mich. Ich bin gespannt ob sie dabei bleiben und wie das Ergebnis aussehen wird. Meine Existenz hängt nicht von meinem Hobby ab, das ist ein großer Vorteil.

Was war die aufregendste "Auftrags-Arbeit" die du bisher machen konntest ?

Das war das erste Mal, dass ich ein Artwork für eine meiner Lieblingsbands gemacht hab, davor war es nur für Freunde und Bekannte. Ich habe HAEMORRHAGE seit ihrem Debüt geliebt und 2008 über MySpace gefragt ob ich ihnen ein Werk von mir schenken darf. Gitarrist Luisma hat mir geantwortet und ein paar Wochen später waren ich und meine Freundin auf dem Cover zu sehen. Es ist das erste Mal dass ich ein Vinylcover gemacht habe, das erste Mal dass es für eine größere Band war und das erste Mal dass HAEMORRHAGE ein fremdes Artwork benutzt haben, der Gitarrist ist sonst dafür verantwortlich. Das hat mich damals sehr gefreut.

Das andere Mal ist noch nicht so lange her. Es war das JACK FROST-Musikvideo für "Half A Man" von ihrem letzten Album "Mélaina Cholé", welches übrigens mein Lieblingsalbum 2015 ist. Phred Phinster scheint so etwas wie ein Seelenverwandter von mir zu sein. Wer seine Texte kennt und meine Bilder sieht, wird es vielleicht verstehen. Ich habe sie das erste - und leider letzte - Mal 1996 in Graz im Vorprogramm von den damals noch sehr guten CRADLE OF FILTH gesehen und mich sofort in ihre Musik verliebt. Über die Jahre habe ich ununterbrochen ihre Arbeit verfolgt und war immer wieder erstaunt, wie oft Phred mir aus der Seele singt. Das Zimmer, das im Video zu sehen ist, war komplett leer. Um es wie ein verwahrlostes Pflegeheim aussehen zu lassen habe ich zwei Monate lang jede einzelne der Requisiten gesucht und penibel da rein platziert, sogar die Bilder auf der Wand sind extra von Kindern gemalt worden um der Geschichte eine noch trostlosere Note zu verleihen. Eine Bekannte von mir arbeitet in einem Kindergarten und sie hat den Kindern den Auftrag gegeben glückliche Menschen zu malen. Als die Band dann am ersten Drehtag in der Früh angeläutet hat - mit einiger Verspätung, weil sie den noch betrunkenen Sänger wach kriegen mussten - war es schon ein schönes Gefühl. Ihr Alkohol- und Schweißgeruch waren sehr authentisch hehehe...

Ich weiß, dass das alles auch nur Menschen sind, aber hin und wieder bin ich ein kleiner Fanboy. Ich habe allerdings Angst, jemanden wie Mike Patton persönlich zu treffen, wenn der mir auf die Nerven geht, war's das mit all seiner genialen Musik. Ähnlich geht es mir mit Al Jourgensen von MINISTRY.

Ziemlich aufregend war auch, dass sich der Grazer Bürgermeister das Musikvideo zu NORIKUMs "The World's Disease" bei voller Lautstärke auf einer großen Leinwand anschauen musste. Das Video hat bei den "Rockin' Movies", einem Musikfilm-Festival, das von Vojo Radkovic und Rudi Dolezal ins Leben gerufen wurde, einen Anerkennungspreis gewonnen und wurde komplett gezeigt, und zwar zwischen Hipster-Schnulzen und belanglosen Soft Rock-Nummern. Angeblich hat er sich öfter die Hand vor die Augen gehalten...

In deinen Bildern kommen immer wieder halbnackte und nackte Frauen vor. Welche Symbolik steckt dahinter?

Eigentlich kommen nackte Menschen vor, nicht nur Frauen! Aber gut, Frauen kommen öfters vor. Ich vermute mal der Grund ist, dass ich sie einfach schöner finde, mehr steckt nicht dahinter. Außerdem stimmt ein Mann seltener zu wenn es um (halb-) nackte Fotos geht, aber ich arbeite daran. Was ich mache sind Geschichten erzählen. Und in den Geschichten sind nicht nur die Frauen die Opfer, jeder tut jedem weh, wie es gerade passt. Die meisten verstehen die Gesamtidee aber nicht und versuchen nicht einmal zwischen den Zeilen zu lesen. Es ist ja auch nicht so einfach bei den meisten meiner Sachen. Dabei ist ein nackter Mann, der über einer trockenen Landschaft einem Köder (der ein roter Stöckelschuh ist) an einem Angelhaken hinterher "schwimmt", noch eindeutig. Vor kurzem ist ein Musikvideo von mir auf YouTube gelöscht worden. Darin sieht man unter Anderem, wie meine Freundin mir öfters in die Rippen tritt. Ich vermute mal, das war der Grund.

Wenn ich ein Model suche oder fotografiere, achte ich darauf, dass es "gewöhnliche" Menschen sind, also keine Subkultur-Personen. Wenn es möglich ist, retuschiere ich ihnen alle Tattoos weg, und sie müssen Piercings, Festivalbänder und ähnliche Dinge entfernen. Ich habe vor etwa zwei Jahren das Musikvideo zu ELLENDEs  "Weltennacht" gemacht und die Hauptdarstellerin hatte ein ziemlich großes Tattoo über den Arm verteilt. Wir haben extra aus USA dieses eine Make-up aus der Zombie Boy-Werbung besorgt um es abzudecken. Jedes Kleidungsstück, jeder Haarschnitt, jedes Tattoo hat eine Bedeutung, und durch Nacktheit wird über die Darsteller nicht zu viel verraten. Wenn sie angezogen sind, muss auch jedes Detail stimmen. Man wird bei mir nie einen Arzt mit langen Haaren sehen zum Beispiel. Sie müssen alle in der Rolle glaubwürdig erscheinen, wie sie es auch in Filmen tun.

Was denkst du darüber, dass sich viele Menschen heutzutage bei solchen Bildern gleich über Sexismus und dergleichen echauffieren?

Vor 20 Jahren war das noch nicht so ein Thema, oder zumindest habe ich es nicht mitbekommen. Es ärgert mich sehr, dass man in der heutigen Zeit auf jede Kleinigkeit achten muss die man tut oder sagt. Es ist nicht nur Sexismus, alles wird auseinandergenommen und analysiert, irgendjemand ist immer beleidigt. Bestes und gleichzeitig schlimmstes Beispiel war die Geschichte mit dem Hemd, dass der Wissenschaftler Dr. Matt Taylor (übrigens auch ein Metal- Fan) bei einer Pressekonferenz anhatte. Ich mag das nicht zu ausführlich hier erklären, es finden sich genug Artikel zu dem Thema im Internet. Das hat mich extrem wütend gemacht, da musste ich sofort mal wieder ein paar ANAL CUNT-Texte durchlesen...

Aber um auf Sexismus zurückzukommen: Ich bin kein großer Menschenfreund, es gibt viele Personen die ich mag oder bewundere, aber für die Menschheit als Ganzes habe ich nicht viel Positives übrig. Aber: Frauen respektiere ich aus vielen Gründen um einiges mehr als Männer. Ich glaube, wenn es keine Männer gäbe, wäre dieser Planet um ein Vielfaches schöner, liebevoller und friedvoller. Ich hatte wegen dieser Meinung schon einige Streitgespräche mit von Testosteron überschäumenden Männern, die das nicht so sehen. Ich bin, ähnlich wie Lemmy in seiner gleichnamigen Doku erzählt, eher unter Frauen aufgewachsen. Auch jetzt im Moment sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben Frauen. Und trotzdem werde ich es mir niemals verkneifen, einen sexistischen Witz zu erzählen.

Was sind deine künstlerischen Einflüsse? Deine Bilder haben teilweise diese Düsternis, die man etwa von Alfred Kubin kennt, und auch Tod, Zerstörung, Angst und Verlorenheit dürften auch eine große Rolle bei dir spielen…

Ja, leider! Ich wünschte es wäre anders, aber ich bin ein Pessimist durch und durch. Ich kann zwar Freude empfinden und Spaß haben - sonst könnte ich mich ja nicht so in mein Hobby reinsteigern - aber ich sehe nicht viel Positives auf der Welt. Zumindest nicht was Menschen betrifft. Und ich habe das Bedürfnis, die negativen Dinge, die ich sehe und erlebe irgendwie weiter zu geben. Blöderweise mache ich das immer ziemlich abstrakt, weswegen ich - wie erwähnt - öfter mal missverstanden werde.

Möchtest du eher provozieren oder zum Nachdenken anregen – oder beides?

Eigentlich zum Nachdenken anregen. Meine Bilder sind für "Normalsterbliche" vielleicht unangenehm, aber ich finde nicht, dass es zum Provozieren reicht. Ich habe viele Sachen in meiner Umgebung miterlebt, die viel schlimmer waren als meine Werke. Was mich provoziert sind zum Beispiel die Schweineköpfe bei MAYHEM-Konzerten. Und nein, ich bin kein Vegetarier und MAYHEM ist eine meiner Lieblingsbands.

Ich weiß nicht ob das auch unter das Thema Sexismus fällt, aber von all den schlimmen Sachen, die sich Menschen gegenseitig antun, faszinieren mich negative Geschichten zwischen Männer und Frauen am meisten. Vor über 20 Jahren hat sich ein Freund von mir wegen der vollbusigen Rothaarigen, die ihn verlassen hatte, mit der Pistole seines Vaters in den Mund geschossen, und zwar in der von ihm liebevoll aufgebauten Kellerbar in einem Mehrparteienhaus. Er wurde um die 18 Jahre alt. Ein Bekannter von mir ist nach einem Streit mit seiner Freundin betrunken mit Vollgas gegen einen Baum gefahren, dabei wurde er geköpft. Dann hat es bis vor kurzem einen fast hundertjährigen Mann in unserem Wohnhaus gegeben, der an warmen Tagen immer auf seinem Balkon gesessen ist und dabei ein eingerahmtes altes Foto seiner verstorbenen Frau angestarrt hat. Soweit ich das erkennen konnte war sie auf dem Foto noch sehr jung. Ich frage mich warum er kein aktuelleres Foto angeschaut hat. Jedenfalls ist er inzwischen in einem Altersheim. Auch solche eher netten, aber dennoch traurigen Geschichten machen mir sehr zu schaffen. Es gibt noch viele andere solcher Anekdoten, vielleicht schreibe ich mal ein Buch über so etwas. Andererseits gibt es das ja schon alles, alleine was Charles Bukowski und David Lynch so fabriziert haben...

Was mich noch sehr aufregt ist Politik, Religion und wie Menschen mit diesem Planeten umgehen, aber diese Art von Bildern überlasse ich anderen.

Du arbeitest auch oft mit Metaphern – etwa der Aasgeier auf der versunkenen Freiheitsstatue...

Ich war von Anfang an ein großer Fan von Albumcovern, und es hat nicht lange gedauert bis mir die ersten aufgefallen sind, in denen Metaphern vorgekommen sind. Wenn ein Albumtitel direkt dargestellt wird, ist es langweilig. Am liebsten habe ich es, wenn etwas ganz Anderes auf dem Cover zu sehen ist als der Titel. Stell dir vor wie kitschig das "Wish You Were Here"-Cover von PINK FLOYD ausgesehen hätte, wenn es direkt dargestellt worden wäre.

Deine Bandbreite ist im Grunde aber ziemlich bunt – da gibt es spacige New Age-Gemälde genauso wie Szenen mit blutigen Kettensägen-Mördern. Da lässt du dich nicht so festlegen auf ein Genre, oder?

Ja, ich tue mir sehr schwer einen bestimmten Stil zu bevorzugen, ich liebe alle möglichen Arten von Kunst und Albumartworks, von traditioneller Malerei (Eliran Kantor fällt mir spontan ein) bis hin zu futuristischen Designs (wie etwa Trine + Kim Studio oder Ritxi Ostáriz).

Es gibt aber einige Künstler die mich besonders inspiriert haben. Allen voran Storm Thorgerson (Hipgnosis). Niemand schafft es so wie er, einen Albumtitel zu bebildern. Und dabei hat er fast ausschließlich mit Fotografie gearbeitet. Alleine sein Cover für PINK FLOYDs "A Momentary Lapse Of Reason" gibt mir immer wieder ein Gefühl von Ehrfurcht. Ich habe viel von ihm gelernt. Und geklaut, hahaha. Dann ist da Travis Smith (Seempieces). Ich habe seine Cover und Layouts schon geliebt bevor ich ihn als Künstler wahrgenommen habe. Ähnlich geht es mir mit Orion Landau, der sehr viele Artworks für Relapse Records entworfen hat.

Derek Riggs und sein Eddie waren vermutlich der Grund warum ich selber mal Cover entwerfen wollte. Als Kind war einer meiner ersten Original Tonträger eine "The Number Of The Beast"- Kassette. Ich habe sie oft auf meinem 200 Schilling-Walkman gehört, und dabei habe ich mindestens einmal die ganze Spielzeit über auf das winzige Cover gestarrt. Später sind CDs und Vinyl hinzugekommen, was mir das Entdecken von Details sehr erleichtert hat. "Seventh Son Of A Seventh Son" von IRON MAIDEN ist immer noch eines meiner Lieblingscover aller Zeiten, das hat aber sicher auch viel mit Nostalgie zu tun.

Die Anderen sind nicht wirklich Coverkünstler, haben mich aber auch sehr beeinflusst - wobei ich glaube, dass ich schon "auf ihrer Wellenlänge" war, bevor ich sie überhaupt entdeckt habe: Gottfried Helnwein und Manfred Deix. Ich glaube über die Zwei muss ich nichts erzählen. Die Werke von Joel Peter Witkin finde ich übrigens auch extrem gut.

Welche Arbeit war am umfangreichsten oder am anspruchsvollsten bisher für dich?

Das war kein Cover, sondern das Musikvideo für ELLENDEs "Weltennacht". Es hat ewig gedauert bis wir die passende Location und Darsteller gefunden haben, bis alle Zeit hatten und das Wetter gepasst hat. Und das alles musste auch fast gratis machbar sein. Nach dem Dreh hatte ich mit anderen Problemen zu kämpfen, wie zum Beispiel unkontrolliert fliegende Insekten in den Szenen. Bei einigen Szenen habe ich diese Insekten alle rausretuschiert, das waren 25 einzelne Bilder pro Sekunde. Dann kommen da einige Szenen vor, in denen Röhrenfernseher-Aufnahmen zu sehen sind. Das ist kein Computereffekt! Ich habe mir einen alten Fernseher besorgt, die Aufnahmen auf einer DVD vorbereitet und sie dann immer wieder aus verschiedenen Winkeln vom Fernsehbildschirm abgefilmt.

Auch wenn im Nachhinein meine älteren Werke nicht sehr professionell wirken, versuche ich im Moment ihrer Entstehung immer mein Bestes zu geben. Es geht mir nicht primär ums Geld.

Apropos Geld: Kann man vom Entwerfen von Artworks in Österreich überleben, oder wodurch sicherst du deine Existenz?

Ich glaube nicht, dass man davon gut leben kann, wenn man nicht sehr bekannt ist, aber es war nie meine Absicht davon zu leben. Ich arbeite seit fast elf Jahren bei einer Firma als Video-Cutter. Allerdings ist es nicht so aufregend wie es klingt, wir machen eher Trainingsvideos und die meisten davon sind auch noch Desktop-Aufnahmen. Aber ich habe durch die Arbeit in der Firma viel gelernt, außerdem helfen sie mir hin und wieder indem sie mir Equipment borgen oder einen Green Screen zur Verfügung stellen. Ein fixes Gehalt ist auch sehr angenehm, also kann ich mir aussuchen wann oder für wen ich etwas mache. Ich habe schon oft Anfragen mit nein beantwortet, manchmal aus Zeitgründen, aber meistens war es einfach nicht mein Ding. Ich kann kitschige Sachen nicht leiden. Drachen, Wikinger, Krieger, Elfen und ähnlichen Mist habe ich schon als Kind gehasst. Außerdem arbeite ich hauptsächlich mit Fotos. "Zombies" fotografieren geht ja grade noch, aber einen Drachen habe ich noch nicht live gesehen. Wenn ich von Teratogen leben müsste, müsste ich alles annehmen was kommt. Stattdessen kann ich mir hin und wieder einen kleinen Wunsch erfüllen, wie zum Beispiel das Musikvideo für JACK FROST.

Eines ist aber sicher: Auch wenn ich im Lotto gewinnen sollte, würde ich mein Hobby immer noch fortführen. Oder dann erst recht! Weil dann könnte ich Leute für wirklich widerliche Dinge bezahlen hahahaha...

Gibt's irgendwelche Wunsch-Projekte, die du unbedingt mal machen möchtest, irgendwelche Bands mit denen du arbeiten willst?

Meine Lieblingsbands sind seit vielen Jahren IRON MAIDEN, FAITH NO MORE, MINISTRY (solange Paul Barker noch dabei war) und PINK FLOYD. Mir ist bewusst, dass sie alle viel zu groß sind für mich, aber ich würde extrem gerne mal etwas für FAITH NO MORE entwerfen, ihre simplen Artworks waren immer an der Grenze zum schlechten Geschmack, hatten aber alle irgendwie etwas faszinierendes, besonders in Verbindung mit den Albumtiteln.

Von den "kleineren" Bands gibt es viele mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde. Bei einigen habe ich es schon geschafft – wie eben HAEMORRHAGE, BRUTALITY, JACK FROST, IN THE WOODS…, mit einer verhandle ich gerade, und bei manchen werde ich einfach nicht aufgeben: THERAPY?, KILLING JOKE, TODAY IS THE DAY etwa. Ich lasse mich aber auch gerne von mir unbekannten Bands überraschen, wie es etwa bei COLLAPSIAN der Fall war, eine kleine aber extrem gute Sludge-Doom Band aus Arizona.

Dr.Winter war übrigens noch so nett, uns drei Packages mit CDs seiner Artworks für eine VERLOSUNG zur Verfügung zu stellen.

Links:

www.teratogen.at
www.facebook.com/teratogen
http://drwinter.deviantart.com
www.behance.net/teratogen
https://vimeo.com/teratogen
www.discogs.com/artist/2431210-DrWinter


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