BILL MURRAY, JAN VOGLER & FRIENDS

Text: Daniel Hadrovic | Fotos: Florian "King" Santos, Gabriel dos Santos Dias
Veröffentlicht am 05.06.2017

Es beginnt im Theater Wolfsburg und Stormbringer ist vor Ort, um über den Start der Welttournee von Bill Murray & Friends zu berichten. Zuvor testen wir, wie gut sich einer der ganz großen deutschen Autohersteller als Sponsor und die engagierten Damen an der Bar machen. Die Angestellten sorgen von Beginn an für eine entspannte und ehrlich wirkende Atmosphäre. Aber wir wollen es wissen und bestellen einen Drink, der nicht auf der Karte steht - nichts Exotisches, bloß drei Wodka. Die schlanke Dame mit der blondgelockten Mähne hat sicherlich schon einige stressige Stunden der Vorbereitung hinter sich, wird von uns aus routinierten Handlungsabläufen herausgerissen und wirkt dennoch leicht amüsiert. Sie hätten keinen Wodka erklärt sie uns, denkt eine Sekunde nach und bittet uns, kurz zu warten. Nachdem sie hinter einer Tür verschwindet, bleibt sie nicht zu lange weg und kehrt mit drei gut gefüllten Gläsern Wodka auf Eis zurück und bleibt freundlich. (Später werden wir dasselbe Ergebnis bei einer anderen Servicedame erzielen. Souveränität und Kompetenz lassen sich auch an kleinen Dingen messen.)

Im Foyer bietet sich ein Bild, das nicht unbedingt unerwartet ist. Die Reichen sind gekommen, aber auch diejenigen, die vorgeben, reich zu sein, die Modebewussten, die Nerds mit Ghotbusters-Logo auf dem T-Shirt, tätowierte Skatertypen, die Jungen und die Alten, alle sind da, um die ungewöhnliche Künstlervereinigung zu erleben. Sicherlich ist ein Großteil allein wegen dem Mann hier, der sich nicht nur als Geisterjäger in der Filmgeschichte verewigt hat. Der Ausnahmeschauspieler, der früh sein Medizinstudium abbrach um sich der Kunst zu widmen, aber über die Jahre immer wieder zu verstehen gab, nicht unbedingt mit der künstlerischen Ausrichtung zufrieden zu sein die ihm ein Vermögen einbrachte, tritt mit Ende Sechzig mit einem Programm auf, das es nicht jedem Zuschauer leicht machen wird. In Begleitung bedeutender Musiker, allen voran seinem deutschen Freund Jan Vogler, Intendant der Dresdner Musikfestspiele und Cello-Virtuose und zwei hübschen Damen, den Weltmusikerinnen Vanessa Perez am Klavier und Mira Wang an der Geige, will er ein Programm aufführen, das große amerikanische Literatur mit klassischer Musik verbindet.

 

Bill Murray verwirklicht sich vielleicht erst in reifem Alter selbst. Inzwischen hat er sich mit seinen filmischen Welterfolgen angefreundet und Blockbustern wie "Täglich grüßt das Murmeltier", dessen Ursprungsidee mehr in Richtung Kunstfilm ging. Wir erinnern uns auch daran, dass das Zugeständnis in den frühen 80ern bei Ghostbusters einen Part zu übernehmen, die Produktion der Literaturverfilmung "Auf Messers Schneide" von W. Somerset Maugham geknüpft war. Dort war er einmalig am Drehbuch und angeblich auch an der Regie mitbeteiligt. Ein gebildeter Mann also, der seinen persönlichen Weg zwischen Kunst und Kommerz finden musste, möchte große amerikanische Literatur in Amerika am Leben erhalten und sie im Rest der Welt wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Die Deckenbeleuchtung geht pünktlich aus. In der Dunkelheit ertönt eine vertraute Stimme aus den Lautsprechern, deutlich dem amerikanischen Raum zuzuordnen, die sich als Jan Vogler vorstellt und automatisch dringt der Humor des Komikers in die Vorfreude der Zuschauer und die wahre Natur gibt sich womöglich in einem unschuldig naiven Scherz wie von selbst zu erkennen -  Er scherzt und wird dann ernst:

"Ich werde jeden Gast später persönlich begrüßen, aber schalten Sie bitte Ihre Handys aus. Es stört die Vorstellung."

Nur wenige Sekunden später gleiten die Vorhänge beiseite. Die Künstler treten gemeinsam auf, entspannt, von elitärem Gehabe keine Spur. Jan Vogler lächelt, wirkt glücklich und leger, strahlt eine Zufriedenheit aus, wie ein Vater mit seiner Familie beim sonntäglichen Frühstück. Aber er ist eine Persönlichkeit - da ist ein Stolz erkennbar, eine Erhabenheit geradezu.

Vanessa Perez und Mira Wang, erwartungsgemäß schillernd und doch angenehm unaufdringlich gekleidet, wirken absolut bescheiden. Liegt es am Auftritt mit Freunden, oder liegt es am überschaubaren Ensemble? Vielleicht übersieht man angenehme Gesichter einfach in größeren Mengen.

Bill Murray ist die Ruhe selbst. Er begrüßt unspektakulär, zieht sich irgendwann einen Stuhl heran, setzt die zwei Hälften seiner Magnetverschlussbrille zusammen, wenn er von den Blättern liest. Cello, Geige und Klavier verströmen die angenehmsten Klänge, dermaßen harmonisch erklingen sie... Es sind Stücke von Gershwin, Bach und Anderen. Haben Sie es gemerkt? Wir sind bereits mittendrin.

Es folgen Texte von Mark Twain (1835-1910), Walt Whitman (1819-1892) und vielen mehr. Das Publikum verpasst nahezu jede Gelegenheit zu klatschen, wenn Mr. Murray das Lesen beendet. Die Texte dürften wenigen Zuschauern geläufig sein, es ist anspruchsvolles Englisch - wir meinen es nicht böse. Ganz klar sehe ich das Verständnis, das die Künstler aufbringen, Vanessa Perez und Mira Wang interagieren ganz würdevoll mit dem Publikum, sie nicken sanft und lächeln an den nötigen Stellen und wer seine Augen und sein Herz offen hat, der reagiert auf die Zeichen der Damen. An zwei Stellen unterstützt Herr Vogler, er steuert ebenso stilvoll und nonverbal den weiteren Verlauf, Herr Murray, was soll man sagen, ist die Ruhe selbst. Der Applaus setzt ein, energisch und ehrlich, aber erst wenn das Publikum sich kollektiv sicher ist, keinen Text dadurch zu unterbrechen.

Die großen Momente sind, wenn Bill Murray als Sänger einsetzt. Emotional, authentisch und bedeutsam. "When will I ever learn to live in God?" von Van Morrisson lässt mich an das Charly Rose Interview vom Februar 2014 denken, in dem er aufgefordert wird: "Tell me what it is that you want, that you don´t have."

Murray antwortet: "I´d like to be more consistently here, you know? (...) Because it´s so inpropably and so impossible, I just like to really see how long I could last as beeing really here..."

Vom Wunsch nach bewusster Wahrnehmung und langem Leben, lässt sich leicht auf Spiritualität schließen. Die Menschen im Saal werden ihn in dieser Aufführung sicherlich ganz bewusst wahrgenommen haben, denn bisher gab es nicht viele Möglichkeiten, ihm zu begegnen.

Steaphen Fosters (1826-1864) "Jeanie with the light brown hair" interpretiert die Gruppe faszinierend seriös neu, ebenso wie Songs von Leonard Bernsteins (1918-1990) "West Side Story" Musical.

Bevor "America" beginnt, lässt sich Murray nicht einen Seitenhieb auf Donald Trump wegen dem inzwischen zerrütteten Verhältnis zwischen den USA und Deutschland nehmen. "Es tut uns leid, Deutschland zu enttäuschen."

Aber solang Amerika solche Ausnahmekünstler wie ihn exportiert, werden wir hoffentlich wieder einen Weg zueinander finden.

Immigrant goes to America

Many hellos in America

Nobody knows in America,

Puerto Rico`s in America!

Die Show nähert sich ihrem Ende, der Applaus nimmt stetig zu, bis er in ersten minutenlangen Standing Ovations gipfelt. Die Künstler verneigen sich zum ersten Mal an diesem Abend, eine Zugabe wird folgen - Die Empfangsdamen aus dem Foyer bringen Blumensträuße auf die Bühne. Ein wunderbarer Abend wird so mancher denken, doch Bill Murray beginnt, einzelne Blumen herauszuziehen und sie in die erste Reihe der Zuschauer zu werfen. Der Applaus wird lauter, niemand hält es mehr auf den Sitzen, freudiges Lachen ertönt, als er nicht nur den Musikerinnen Blumen überreicht, sondern auch noch eine Blume Jan Vogler unter den Kragen schiebt. Nun hält den Schauspieler nichts mehr. Er stürmt voller Elan die Stufen auf beiden Seiten des Saals hoch und ermöglicht seinen Fans, wovon sie nicht zu träumen gewagt hätten: Einen Blick aus der Nähe auf ihn. Etliche Smartphones werden gezückt, die Bildschirme leuchten auf. Das ist der echte Bill Murray, keine Attrappe, nicht bloß ein Schatten seines jugendlichen Selbst. Er ist und bleibt Dr. Peter Venkman, Frank Cross, Phil Connors, Bob Harris - er ist Bill Murray, der Komiker, der Charakterdarsteller, der Exzentriker, der Bodenständige, der unverstandene Künstler, die lebende Legende, die er vermutlich die längste Zeit nicht sein wollte. Unter dieser fast 10 Minuten anhaltenden zweiten Welle der Standing Ovations, geht eine Künstlertruppe, die alle Erwartungen übertroffen hat. Langsam leert sich der Saal, unten gibt es Häppchen und Drinks...

Encore?

Keine halbe Stunde nach Beendigung, schlendern einige dunkel gekleidete Menschen durch das Foyer und steuern zielstrebig den Tresen an... Sie werden sich einen Drink im gesonderten Bereich gönnen und sich einige Minuten dem Blitzlichtgewitter auf der frei begehbaren Seite aussetzen.

Vielen Dank.

 


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