Das Metalmuseum: IRON MAIDEN - The Number of the Beast

Veröffentlicht am 16.06.2017

"As the guards march me out to the courtyard
Somebody cries from a cell "God be with you"
If there's a God, then why has he let me go?"

"Als die Wachen mich hinaus auf den Hof führen
schreit jemand aus der Zelle "Möge Gott mit dir sein"
Wenn es einen Gott gibt, warum hat er mich dann verlassen?"

IRON MAIDEN - Hallowed be thy Name (1982)


Als IRON MAIDEN im März 1982 ihr Album "The Number of the Beast" veröffentlichten haben sie den Metal, wie man ihn bis dahin kannte, grundlegend verändert und sich damit selbst ein Denkmal für eines der wichtigsten Alben des Metals gesetzt, Ende der Analyse.

Okay, nein, so einfach ist es dann doch nicht. Zu wichtig ist das Stück Musikgeschichte, das hier heute zur Diskussion steht, als dass man es einfach mit einer floskelbelegten Lobpreisung ohne wirklichen Inhalt gut sein lassen könnte. Alles, auch der Metal, hatte irgendwann einmal seinen Anfang, der Weg zu wirklicher Größe und Bedeutung ist lang, und er ist schwer. Viele Hürden müssen bis dahin genommen werden: Die Entwicklung eines eigenständigen Stils, das Entdecken durch die, die dafür bereit sind, die Akzeptanz jener, die nicht dafür bereit sind. Mit dieser Entwicklung im Metal sind einige Bands unwiderruflich verbunden, und das Echo ihrer Namen hallt auch nach mehr als 50 Jahren Musikgeschichte immer noch in den Köpfen derer nach, die in dieser beinah mythischen Zeit schon dabei waren. Im Fall des heutigen Ausstellungsstück des Metalmuseums hallt der Name der Band, um die es gehen soll, auch heute noch sehr laut, und das nicht selten in Sirenen gleichendem Falsett, das genauso gut ein Vorbote eines bevorstehenden Bombenhagels sein könnte: IRON MAIDEN, eiserne Jungfrau, die du deine Bewunderer seit jeher fest in deinem stählernen Griff hast, hallowed be thy name! Mit dem Album über die Zahl der Bestie, die schon in der Offenbarung des Johannes Erwähnung fand, hast du dich in die Köpfe deiner Fans gebrannt und schaffst es auch nach mehr als 45 Jahren mit deinem Schaffen die nietenbesetzten Massen zum Jubeln zu bringen. Dafür gebührt dir ewiger Respekt, und ewig sollst du als Quelle für mitreißende Musik gelten, von der Angst vor der Dunkelheit, die deine Hörer 2 Minuten vor Mitternacht überkommt, bis hin zum Erreichen der Lichtgeschwindigkeit sollst du die Menschheit mit großen Hymnen bereichern! Aber um wieder auf den Boden zu kommen: "The Number of the Beast" stellt bis heute einen der größten, wenn nicht DEN größten Erfolg in der Geschichte der Band dar, was wohl nicht zuletzt daran lag, dass einer der fähigsten Sänger der NWoBHM, Bruce Dickinson, für das Album zu der Band stieß und den damals neuen, heute legendären Sound aus dem Osten Londons entscheidend formte und die Herzen der Fans mit seinen Bandkollegen im Sturm eroberte. Lieder wie "The Number of the Beast" oder "Hallowed Be Thy Name" gelten als zeitlose Klassiker und es gibt wohl keinen Enthusiasten der härteren Musik, der diese noch nicht gehört hat oder zumindest von ihnen gehört hat. Es gibt noch viele andere Gründe, sich eines der Alben, mit denen alles begann, noch einmal zu Gemüte zu führen, diese wird man sich aber in der kommenden Festivalsaison wieder einmal zur Genüge ausdiskutieren können, warum also nicht nochmal seine Kenntnisse auffrischen? In diesem Sinne: Rein in die Zeitmaschine, ab zum März 1982 und auf zum nächsten Plattenladen!

Wollte man einen Anfangspunkt für die Geschichte des Albums markieren, so wäre dafür wohl am besten der September 1981 geeignet. In dieser Zeit entschloss sich der damals bei SAMSON unter dem Namen Bruce Bruce tätige Bruce Dicksonson wohl dafür, dass es Zeit für neue Aufgaben sei und verließ die Band der er nur 2 Jahre lang angehörte. Seine neueste Herausforderung sollte er in IRON MAIDEN finden, doch scheinbar war er noch nicht bereit dafür, Neues zu schaffen. Was dafür der Grund gewesen sein mag, nun, ist es wirklich so wichtig? Fest steht, dass die Band Ende Oktober 1981 eine kleine Tour in Italien veranstaltete, man könnte meinen, um sich für ihr nächstes Album "warm zu spielen". Danach war es wohl Zeit, auch den eigenen Landsleuten das neue Line-Up zu präsentieren, was mit einem Gig nur wenige Wochen später wohl auch eindrucksvoll gelang. Danach wurde es endlich Zeit, mit den Arbeiten an dem Album zu beginnen, dass der Band schließlich den Spitznamen "The Beast" einbringen sollte. Auch im Songwriting-Prozess sollte sich einiges im Gegensatz zu früheren Alben ändern, war "The Number of the Beast" doch das erste Album, an dessen Schreibprozess sich auch Gitarrist Adrian Smith beteiligen sollte, und das Einzige, in dem auch der damalige Drummer Cliff Burr für einen schreiberischen Beitrag Erwähnung fand. Aber auch der neue Sänger schien sein Mojo gefunden zu haben, denn auch er ließ es sich nicht nehmen, einigen Liedern wie "Children of the Damned" oder "Run to the Hills" seinen Stempel aufzudrücken. Obwohl wirkliches "Songwriting" aufgrund einer Klausel im früheren Vertrag mit SAMSON offiziell nicht gestattet war, beeinflusste Dickinson genannte Songs jedoch passiv mit, wenn auch nicht in dem Ausmaß, als dass es als "Songwriting" gelten würde. Ob ohne diese Klausel alles anders gekommen wäre, ob wir ein noch einschlagenderes Album bekommen hätten? Oder wäre "The Number of the Beast" vielleicht nie der Erfolg geworden, den es heute darstellt? Wir werden es wohl nie erfahren. Was jedoch feststeht ist, dass die Band im Gegensatz zu den eigentlichen Tonaufnahmen vergleichsweise sehr viel Zeit in das Schreiben der Songs steckte, wurden doch die meisten Songs komplett neu geschrieben, ohne auf alte Ideen der Band zurückzugreifen. Obwohl sich diese "from the scratch" Attitüde der Band für das Album auszahlen sollte, so bedeutete sie jedoch auch, dass für das eigentliche Aufnehmen und Mixen der Songs nur mehr ungefähr 5 Wochen blieben, einfach gesagt: Stress pur. Will man urbanen Legenden glauben, so waren die Aufnahmen für das Album regelrecht verflucht, so sollen die Sessions in den Battery Studios doch gesäumt von "unerklärlichen Ereignissen" gewesen sein. Flackernde Lichter, plötzliches Aufgeben des Studioequipments, das Übliche, was man beim Aufnehmen eines Heavy Metal Albums eben erwartet. Den Gipfel dieser Ereignisse stellte ein Autounfall dar, bei dem der Produzent Martin Burch mit einem Bus zusammenstieß, in dem sich Nonnen befanden. Die Reparaturkosten für den Unfall: 666 Pfund. Ein Böses Omen? Halbwahrheit? Oder eine Geschichte, geklaut aus einer Folge X-Faktor? Entscheidet selbst. Was jedoch bewiesen ist: Um die Veröffentlichung des Albums zu einem möglichst großem Erfolg zu machen starteten die fünf Briten die legendäre "The Beast on the Road Tour", die mit 180 Konzerten die zweitgrößte Tour in der Geschichte der Band darstellt, und am 29. März 1982 war es dann schließlich soweit: "The Number of the Beast" erscheint und die Arbeit der Band schien sich bezahlt gemacht zu haben, denn das Album stieg direkt auf Platz 1 oder UK Charts ein und verblieb für weitere 31 Wochen im Ranking. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu ewigem Ruhm war genommen.

Nun aber zu dem, was wirklich zählt: Die Musik. Nun ja, was gibt es da Großartiges zu erzählen, was wir nicht schon alle wissen? Das Album, von dem wir sprechen, beinhaltet große Hymnen, unvergessliche, mitreißende Riffs, es stellt die Quintessenz einer damals noch jungen Generation von Musikern dar, deren Energie, Wildheit und Spaß an der Musik das Erbe dessen darstellte, was Jahrzehnte zuvor mit Musikern Robert Plant, Tony Iommi und vielen Anderen seinen Anfang nahm und eine neue Generation von Musikliebhabern hervorbrachte. Die Musik auf "The Number of the Beast" ist mal schnell, mal ist sie gemächlich, meist ist sie aggressiv, dabei jedoch überraschend eingängig und es gebraucht keiner langen Zeit, einen an das Klangbild zu gewöhnen. Der Opener "Invaders", der nicht schlecht an ein ähnlich betiteltes Lied von JUDAS PRIEST erinnert, schafft es mit Leichtigkeit, mit seinem hohen Tempo den neuen Hörer für sich zu gewinnen und ihn nach mehr lechzen zu lassen. Dabei ist irrwitziges Tempo weit nicht das Einzige was das Album zu bieten hat, das Hauptaugenmerk liegt hier viel eher auf einem vielseitigen Mix, der viele hochmelodische Soundkulissen mit einem vorerst nicht vordergründigen Hauch Brachialität und Epik versieht. "Epik" ist auch das Stichwort, wenn es darum geht, den längsten Song des Albums und gleichzeit auch einer der bekanntesten Songs der Band überhaupt zu beschreiben: "Hallowed Be Thy Name", was zu deutsch etwa so viel wie "Geheiligt werde dein Name" bedeutet (ironisch, nicht wahr?), unterlegt seine Geschichte musikalisch anfangs mit einem akustischen Intro in mittelalterlichem Gewand, bevor sich der Heavy Metal plötzlich über die Ruhe hinweg setzt und die Ruhe der Rastlosigkeit Platz machen muss. Was folgt, sind kurzlebige, wie Blitze einschlagende Akkorde, die sich nach und nach in ein kontinuierliches, mehrstimmiges Riff-Meer verwandeln und den Hörer sicher durch die wilden 7:13 des Songs begleiten. Nicht selten wird das beschriebene, stetige Hörerlebnis durch Gesang und Lyrics noch wesentlich eindringlicher spürbar, doch dazu gleich mehr. Nicht wegzudenken, wenn es um Dinge wie Atmosphäre und Immersion geht sind, neben der eigentlichen musikalischen Arbeit, auch die auf dem Album vorkommenden, gespochenen Intros, die den Hörer auf die Thematik vorbereiten, die die folgenden Minuten abzudecken versucht, welche das auch immer sei. Ein Punkt, den man auf dem Album trotz allem Lobes jedoch anmerken sollte ist, dass die Eingängigkeit der Musik manchmal auch begleitet wird durch den, zugegeben erst bei mehrmaligen Hören und mehreren Durchläufen aufkommenden Gedanken, dass einige Songs auf dem Album überraschend ähnlich klingen. Obgleich es keinen "schlechten" Song auf dem Album gibt, hat man manchmal das Gefühl, dass in einigen Songs mehr Arbeit steckt, als in anderen, ebenso sollte angemerkt werden, dass es vielleicht von Vorteil gewesen wäre, sich mehr Zeit für die Fertigstellung des Albums zu lassen, so hätten etwaige Fehler auf dem Album, wie ein fehlendes Gitarrensolo auf "Gangland", verhindert werden können, doch Dinge wie diese sollen im Endeffekt keinen Zacken aus der Krone, die "The Numner of the Beast" trägt, brechen.

Gesanglich und lyrisch sieht es bei "The Number of the Beast" da nicht unähnlich aus: Packend, aggressiv und in der ganz eigenen Genialität unglaublich fesselnd. Den Grund dafür könnte man einerseits simpel darin suchen, dass Bruce Dickinson schlichtweg zur Spitzenklasse an Sängern gehört, die der Heavy Metal der 70er hervorgebracht hatte. Der Sänger, der mit seiner eindringlichen Stimmgewalt und seinem sirenenhaften Gesangstil seit jeher die Massen zu elektrisieren wusste, trug ohne Frage einen beträchtlichen Teil dazu bei, dass man heute nur mehr in Ehrfurcht den Namen der eisernen Jungfrau in die Mund nimmt, doch ist das für viele weit nicht das einzige, was die Faszination der Musik der Band, in diesem Fall spezifisch der gesanglichen Leistungen auf "The Number of the Beast", ausmacht. Viel mehr ist es die Kombination aus erwähnter roher Stimmgewalt und den Themen, die in den Liedern des Albums behandelt werden. Diese können heute wie damals mit Recht als "kultig" bezeichnet werden, zumals sich tatsächlich mehr als genug Referenzen auf Bekanntes finden lassen. Seien es Lyrics, deren Thematik an Fernsehserien, Filme oder Geschichten angelehnt sind ("The Prisoner" und "Children of the Damned"), seien es Aufarbeitungen von geschichtlichen Ereignissen ("Run to the Hills"), von Albträumen inspirierte Geschichten mit biblischen Twist ("The Number of the Beast") oder seien es schlichtweg Episoden aus einer mehrteiligen Rahmengeschichte ("22 Acacia Avenue"), die Band hat hier durchaus einiges abgedeckt und viele der lyrischen Thematiken oder auch der schreiberischen Stilmittel sollten später von vielen anderen wieder aufgegriffen werden. Die Mischung macht's in diesem Fall, und die Mischung ist gut, auch wenn sie etwas zusammengewürfelt scheint. Nichtsdestotrotz haben die Lyrics auf dem Album das Prädikat "kultig" durchaus verdient, und das sogar, ohne in irgendeiner Weise überspitzt oder etwas in dieser Richtung zu sein.

Letztendlich bleibt hier nicht viel mehr zu sagen, als dass wir Musikern wie IRON MAIDEN, die mit Alben wie "The Number of the Beast" den Metal salonfähig gemacht haben wohl zu verdanken haben, dass das heutige metallische Ökosystem, in dem wir leben, so groß und vielfältig ist und bis zum heutigen Tage so viele verschiedene musikalische Gattungen daraus sprießen. Gute Musik bleibt gute Musik, auch wenn sie schon fast 50 Jahre auf dem Buckel hat, und gerne erinnert man sich an die "gute, alte Zeit" zurück, auch wenn man ihr nicht nachhängen und die Augen vor dem verschließen sollte, was die Vergangenheit in der Gegenwart hervorgebracht hatte (Spoiler: so Einiges!) Was bleibt also noch weiter zu sagen, als: "Thank you, IRON MAIDEN! Thank you for the music you brought us!"


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