GUNS N´ROSES in Hannover - das Jahrhundertkonzert der gefährlichsten Band der Welt!

Veröffentlicht am 28.06.2017

Als sich am frühen Abend in Hannover am Hermesplatz Menschen wie Metallspäne magnetisch zu einem bestimmten Punkt hingezogen fühlen und dort versammeln, kann noch keiner von ihnen ahnen, dass er einer von 75.000 Auserwählten ist, die eine Zeitreise machen werden. Doch diese Wanderung wirkt früh wie der Beginn einer rituellen Zusammenkunft, denn viele von ihnen drücken das Zugehörigkeitsgefühl zu ihren Idolen in Kleidung aus, die ein Emblem mit Revolvern, Rosen und nicht selten Blut ziert. Die Leute sind gekommen, um die Wiedervereinigung der kultisch verehrten GUNS N`ROSES zu feiern, was keiner mehr für möglich gehalten hätte, da die Originalmitglieder dieser Band zwei Jahrzehnte zerstritten waren.

So trägt die Tour auch den Namen NOT IN THIS LIFETIME TOUR - GUNS N´ROSES haben schon immer dafür gestanden, das Unmögliche möglich zu machen. Nomen est allzu häufig auch Omen und heute sollen höhere Gewalten den Gunners ihre Gunst zuwenden. Bevor die Größten jedoch auftreten, stellt die erste von zwei geplanten Vorbands Kontakt zu den Toten her. PHIL CAMPBELL AND THE BASTARDS SONS - der Name sagt es bereits, beinhaltet den Mann, der von 1983-2015 für Gitarre und Backing Vocals bei MOTÖRHEAD zuständig war. Mit "Ace of Spades" schließen sie souverän ihr Set ab und hinterlassen einen Hauch von Lemmy.

Jetzt wird es ernst - nach etwas Vorbereitung betreten merkwürdige Gestalten die Bühne und ziehen augenblicklich dunkle Wolken magisch an. Die in Deutschland seit jeher eher wenig beachteten New Wave-Mystik-Industrial-Punker um Jaz Coleman, beginnen mit wuchtig donnernden Hits wie "Eighties", "Love Like Blood" und "Pandemonium" die Zeitreise einzuleiten - Sie haben ihre eigene Reise 1979 begonnen, also ganze sechs Jahre bevor sich die Gunners gründeten. Auch die Zusammenarbeit von KILLING JOKE mit Dave Grohl im Jahre 2003 verschaffte der Combo in Deutschland nicht den verdienten Durchbruch. Es ist also nicht verwunderlich, dass ein Teil des Publikums nicht so recht weiß, was diese Typen da auf der großen Bühne machen. Da hilft auch der hervorragende Sound nicht weiter, zu seltsam sind ihre Klänge, die sie kraftvoll in den tief hängenden Himmel hämmern, wie in einen mit Wasser überfüllten Magen. Frontmann Jaz Coleman hat die Augen weit aufgerissen, als würde sich für ihn bereits abzeichnen, was er da heraufbeschwört. Ein kleiner Blitz löst sich von seinen Pupillen, stößt wie ein Zitteraal in den Himmel und verliert sich in den Wolken. Zeit, sich aus dem Staub zu machen - KILLING JOKE verlassen nach hervorragender Arbeit die Bühne.

Es tröpfelt, dann beginnt ein starker Schauer, der sich wieder verzieht. Es bleibt wechselhaft. Kein Grund sich Sorgen zu machen - die Umbaumaßnahmen finden längst auf der Bühne statt. "Vocal-Check! Vocal-Check!" Kurze Zeit später beginnen auf den großen Bildschirmen animierte Anheizer zu flimmern. Die GUNS N`ROSES Fans drängen sich dichter zur Bühne hin, man spürt die Vorfreude auf Axl Rose, Slash und Duff McKagen. In den letzten Jahren gab es keinen Grund ihre Namen laut auszustoßen - sie waren für Beschwörungsformeln nicht zugänglich.

Es beginnt einfach so. Ein paar Männer materialisieren sich auf der Bühne. Eigentlich ganz unspektakulär, ohne minutenlanges Intro oder sonstigen Schnickschnack. "It`s so easy" nach mehr als zwanzig Jahren Abwesenheit, 75.000 Menschen zu mobilisieren. Man muss ihnen nur in Aussicht stellen, Teil von etwas Größerem zu werden!

Axl Rose wirbelt mit Schmuck und Stoff behangen wie ein wilder Voodoo-Priester über die Bühne und erzeugt somit einen Tornado, dessen Sog die Wolken über Niedersachsen konzentriert. Während Slash mit seinem virtuosen Gitarrensound die Blitze zu lenken scheint, steht Duff McKagan stramm wie ein Blitzableiter, um die massiven Energien zu erden. GUNS N´ROSES sind in Top-Form, Axl schreddert die Lyrics aus dem Rachen, es bereitet ihm sichtlich Vergnügen, immer noch solche Massen bewegen zu können. Die Zuschauer sind mit ihm außer Rand und Band. Nach etwa einer Viertelstunde haben sie so viel Energie ausgestoßen, dass es am Himmel kracht. Auf den großen Bildschirmen wird durch Zufall eingefangen, wie jemand auf der Bühne den Arm ausstreckt und Slash auf die Schulter klopft. "Welcome to the Jungle" war gerade erst angestimmt, nun ist der Song schon wieder beendet. Slash wirkt nur eine Sekunde überrascht, dann verlässt er rasch die Bühne.

Axls Unberechenbarkeit machte stets den Kick aus, ein GUNS N`ROSES Konzert zu besuchen. Aber man wird älter und weiser. Mit pubertärer Provokation, wie als Axl einst in einem Pariser Casino gesichtet worden sein soll, während er zu diesem Zeitpunkt in einem anderen Land auf der Bühne hätte stehen müssen, wird er heute nicht mehr seinen Prominenstatus verteidigen können. Dafür braucht er schwerere Geschütze: Ein Konzertabbruch durch höhere Gewalt. Und die ersten Hardliner von Fans jubeln schon! Der Auftritt umfasste gerade einmal drei ganze Songs, authentischer geht es gar nicht mehr! Und als die ersten verständnislosen Fans wütende Pfeifkonzerte beginnen, wird sich auch der letzte alte Hase gedacht haben: "Danke, lieber Gott, dass ich dabei sein durfte!"

Spätestens jetzt hat sich die Investition für Ticketpreise ab 95€ bis etwa 170€ für die "Front of Stage"-Karten gelohnt.

Aus den Lautsprechern erfolgt nun eine Sicherheitswarnung. Ein Sturm sei aufgekommen, man könne die Ausmaße noch nicht einschätzen, man solle sich in eine der vier zur Verfügung stehenden Hallen zurückziehen. Band und Managemant würden sich in der Zwischenzeit beraten.

Einer aus der Menge brüllt: "Wir bleiben hier!", als könnte ihn irgendjemand auf der Bühne oder im Himmel hören und würde den Einwand berücksichtigen. Darauf antworten ihm ein Dutzend Mitstreiter mit dem Grölen der Melodie von WHITE STRIPES` "Seven Nation Army". Einige Hundert machen es ihnen nach. Ironischerweise enthalten die Lyrics den Satz "A seven nation army couldn`t hold me back." Manche werden ihren Standpunkt wirklich verteidigen und sich nicht von der Stelle rühren.

Die Bewegung der Masse beginnt im ersten Moment zäh, aber geordnet. Der Veranstalter macht seinen Job am Mikrofon gut, dirigiert die meisten Fans bestimmt und beschwichtigend. Doch in der Nähe der Hallen kommt die Masse ins Stocken, manche wissen nicht wohin, andere haben beschlossen, sich nicht weiter von der Bühne zu entfernen, während die Menschen weiter hinten nach vorne drängen. Es wird eng, erste aufgebrachte Stimmen werden laut, kurzzeitig könnte man befürchten, gleich würde eine Panik ausbrechen. Doch der Ausbruch findet über den Köpfen der Menschen statt - der Wolkenruch, um genau zu sein. Unmengen von Wasser fallen herab und stehlen die Sicht. Der Mann am Mikrofon muss sich noch einmal ins Zeug legen, um Schlimmeres zu verhindern. Glücklicherweise besinnen sich die Fans dennoch relativ schnell. Drei Parteien entstehen: Die Unbeweglichen, die Schutzsuchenden in den Hallen und die resignierten Heimkehrer. Aber man trifft an den Ausgängen auch immer wieder Grüppchen, die gerade hereinkommen und fragen, was denn passiert und ob das Konzert pausiert oder ganz abgebrochen sei. Auf diese Frage kann man nur Mutmaßungen entgegnen, bis es am Mikrofon neue Informationen gibt. Die Band werde versuchen, gegen 22:00 Uhr wieder aufzutreten. Doch daran wollen viele nicht mehr glauben.

In den circa Eineinhalb Stunden ohne Bewegung auf der Bühne, weiß der Himmel die Zuschauer zu begeistern. Die Schwärze zieht wie ein Rudel schmutziger Ratten weiter. Orangerote Muster wie auf einem persischen Teppich entrollen sich auf einem rosafarbenen Himmel. Der Anblick ist atemberaubend. An manchen Stellen haben helle Wolken seltsame Schlieren gebildet, als wären dampfende Sterne vom Himmel gefallen. Aber der späte Abend einigt sich mit dem Himmel schließlich auf schwarze Vorhänge. Dies wäre ein würdiger Abschluss eines fantastischen Events. Aber im Licht aufgehender Scheinwerfer geben sich tausende von Menschen zu erkennen, die Lust auf Hardrock haben.

Auf der Bühne setzt plötzlich Regung ein. Zwar führt das zu Jubel im Publikum, aber noch weiß niemand, was wirklich vor sich geht. Wird das Equipment abgebaut? Mit Sicherheit - aber nicht jetzt und nicht von diesen Leuten. Als die Band wieder die Bühne betritt, ist erst zu erkennen, was wirklich geschehen ist. Die Rock-Legenden haben ein Loch ins Raum-Zeit-Kontinuum gerissen. Axl Rose` Gesicht erscheint auf dem großen Bildschirm. Der Sänger wirkt jünger, vitaler und leidenschaftlicher als bevor er die Bühne verlassen hat. Und er ist nicht allein.

"You know where the fuck you are? You are in the Jungle, Baby! You gonna die!"

Jetzt kann GUNS N`ROSES nichts mehr stoppen. Sie brettern ihre Hits runter, ein Mega Hit nach dem anderen. Die Zuschauer sind mehr denn je bereit, Party zu machen. Axl Rose ist nun der Dirigent am Mikro. Besser hat er viele Jahre nicht geklungen, so wie die Männer an den Instrumenten. Viele große Hits werden gespielt, aber zu großen Überraschungen wird es wohl nicht mehr kommen... Nicht bis zum Zeitpunkt, als Axl Angus Young ankündigt. Manchem verdutzten Gesicht ist noch nicht ganz bewusst, dass er den Angus Young von AC/DC meint, aber da hüpft der schmale Mann auch schon mit seiner Gitarre auf die Bühne. Die Zuschauer begrüßen ihn mit überschwänglichem Applaus. Angus unterstützt die Gunners bei "Whole Lotta Rosie" und "Riff Raff". Nach weiteren großen Nummern wie "Sweet Child o`mine", ist es wieder Zeit für die Totenbeschwörung. Auf dem Bildschirm erstrahlt ein abstrakt dargestelltes Schwarzes Loch in schwarzer und tiefblauer Farbe. Die Hommage an Chris Cornell wird mir "Black Hole Sun" zelebriert.

GUNS N`ROSES ziehen ihr dreistündiges Programm bis etwa 1:20 Uhr durch und beenden mit der grandiosen energiegeladenen Performance von "Paradise City" und riesigem Feuerwerk das längste Konzert der Bandgeschichte.

Internationale Medien werden von diesem Abend berichten. Slash wird sich später zu der Show per Internet Post äußern. Es ist die Sprache von einem Jahrhundertkonzert. Diese Zeitreise dürfte so einige Kritiker verstummen lassen.

 

© Dennis Kalichuk

War noch die Rede von einer 25 Jahre alten offenen Rechnung mit Hannover gewesen? Diese Rechnung ist beglichen. Aber da ist noch was mit der Chinesischen Demokratie zu klären. Wir werden sehen, was das nächste GUNS N`ROSES Album für ein Statement wird.

 

(Mit freundlicher Unterstützung von Dennis Kalichuk http://www.denniskalichuk.com/ , Florian Eßer und Marco Helbig.)


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