Flusensieb #9 – 10 schnelle Reviews

Veröffentlicht am 02.07.2017

Auch im neunten Flusensieb finden sich zehn kurze Reviews. Wieder sind ein paar Platten liegengeblieben, die hier die letzte Chance bekommen, dem metallophilen Publikum nahegelegt oder eben auch nicht nahegelegt zu werden. Diesmal wird sich vor alten Helden verbeugt, nordfinnischer Hass begonnen und mit Schlagsahne gegrüßt. Radiofreundlicher Rock wird von progressiver Epik gefolgt, bevor eine Abrissbirne ein Puppenhaus liebkost. Dann gibt es noch eine Fratze mit High Speed, spanische Magie, Hausfrauencharme und vehallte Vocals. Viel Spaß!

 

MIDNIGHT RIDER – Manifestation

Der Vierer aus Nordrhein-Westfalen legt gleich mit dem Debutalbum kräftig vor. Komplett retro und zutiefst organisch klingend, huldigen die Koblenzer dem klassischen Heavy Metal. Die Combos, in denen MIDNIGHT RIDER bereits Erfahrung sammelten, stehen für eiserne Qualtität. METAL INQUISITOR und METALUCIFER sind Indikatoren dafür, dass hier erfahrene Könner rund um Mastermind Blumi am Werk sind. „Manifestation“ selbst ist eine gelungene, tiefe Verbeugung vor den alten Helden. Im Speziellen erinnert das Quartett gesangstechnisch an JUDAS PRIEST´s Rob, während die Gitarrenarbeit SABBATH´sche Anleihen hat. (T.P.)

 

A LIE NATION – Begin Hate

Wenn die zweite EP einer Schwarzmetallkapelle „Begin Hate“ heißt, was haben sie dann vor dem Hass gemacht? Im finnischen Norden Schneemänner gebaut? Wenn ja, dann wohl nur, um sie schwungvoll wieder zu zertreten. A LIE NATION vereinen im Namen wortspielerisch geschickt Entfremdung (alienation) und Lügennation (auch alien nation und ally nation liegen klanglich nahe). Ihr Black Metal ist melodisch geprägt bis heavy-metallisch grundiert. Diese Mischung aus treibendem Vergnügen und runtergeholztem Unvergnügen geht unwahrscheinlich gut auf und lässt auf einen baldigen Langspieler hoffen. (jazz)

 

HOUSE OF LORDS – Saint Of The Lost Souls

Die Stammcombo rund um Frontmann James Christian bürgt seit jeher für Qualität. Das italienische Frontiers Label steht dem in Nichts nach und bildet einen sicheren Hafen für die halbe Melodic-Hardrock-Welt. Obwohl wohl nur mehr echte Anhänger mit den Amerikanern rechneten, sorgt das neue Album doch für einen überraschend gut platzierten, kräftigen Schlagsahne-Guß auf dem cremig-bunten Früchtebecher. Große Melodiebögen, viel Melodie und gelungene Refrains krönen den neuen Dreher der Kalifornier, der mit Titeln wie „New Day Breakin´“ oder „Harlequin“ sein Zielpublikum naturgemäß bei 80er Hardrock/Glam/Melodicfans und sonstigen Liebhabern weichgespülter Sounds findet. Sehr gelungene Platte! (T.P.)

 

NIGHT RANGER – Don´t Let Up

„Don't Let Up“ heißt das neueste Studioalbum von NIGHT RANGER und der Name ist Programm. Die Band, insbesondere Sänger Jack Blades und Gitarrist Brad Gillis, zeigen noch keine Ermüdungserscheinungen und kredenzen den Hörern hier ein Album, das (abgesehen von der moderneren Produktion) mit den Alben ihrer Blütezeit in den 80ern vergleichbar ist. Abgesehen von dem etwas schwächelnden „We Can Work It Out“, sind die Songs allesamt netter, radiofreundlicher Rock mit guten Hooks, aber mehr hatten NIGHT RANGER auch zu Zeiten von „Midnight Madness“ und „7 Wishes“ nicht zu bieten. (B.S.)

 

DOOMOCRACY – Visions & Creatures Of Imagination

Wer die klassischen CANDLEMASS vermisst und auch eine progressive Schlagseite goutiert, liegt bei den Griechen goldrichtig. Der Fünfer kredenzt auf dem Zweitling eine nahezu ideale Mischung aus der Doom-Epik SOLITUDE AETURNUS', perfekt platzierten progressiven Strukturen und orientalischen Einsprengseln, die auch den Metal-Normalhörer nicht verschrecken. Sänger Michael Stavrakakis klettert die Tonleitern auf und ab, derweil melodisch-griffige Songs und wuchtige Doom-Riffs in der düster-dunklen Grundstimmung ihre volle Wirkung entfalten können, der Rest erledigt die gelungene „Morrisound“-Produktion. (T.P.)

 

INTESTINAL DISGORGE – Sonic Shrapnel

R}feN%$vn^r°Äe'h#nj~Y/f:o*hd;gfb verhält sich zu Text wie INTESTINAL DISGORGE zu Musik – es bedient sich seiner Elemente, aber das Ergebnis ist ungewöhnlich bis fragwürdig. Der Noise-lastige Brutal Death Metal oder auch Goregrind der wahnsinnigen Texaner liebkost deine Gehörgänge wie eine Abrissbirne ein Puppenhaus. Zieht doch einfach mal eine Metallgabel über Porzellan oder einen Fingernagel über eine Tafel und spart euch das äußerst passend benannte Album „Sonic Shrapnel“ – könnte ein ahnungsloser Kunstkostverächter hier raten. Ich rate zum Gegenteil: Lasst diesen kranken Krach in eure Ohren und Herzen! (jazz)

 

BLOOD FEAST – The Future State Of Wicked

Das reformierte Blitzkrieg-Thrash-Kommando aus New Jersey (samt der markanten Coverfratze) begleitet die Thrasher seit den tiefen Achtzigern, dennoch liefert die Italo-Connection mit dem vorliegenden Album „The Future State Of Wicked“ erst seinen dritten Longplayer ab. Der hat es aber in sich: Straightes Gebretter, SLAYER-Soli und vor allem das Kreisch-Organ von Fronter Chris Natalini (Geschmacksache) sorgen für genreeinschlägige Arschversohlung. „INRI“ & Co. reißen Rüben ab. Wer seinen Thrash Metal im Stile der halsbrecherischen High-Speed-Liga und ohne Firlefanz eingeschenkt haben will, darf bei der von Altmitglied Adam Tranquilli angeführten Thrash-Armada gerne zugreifen. (T.P.)

 

THE WIZARDS – Full Moon in Scorpio

Die Zauberer lassen nach ANGELUS APATRIDA auch die iberische Halbinsel wieder einmal auf dem Radar der internationalen Musikwelt auftauchen. Im Zuge des allgemeinen Retro-Hypes drohte der Vierer, zudem noch ohne potentes Label im Rücken, in der Belanglosigkeit unterzugehen. Die Spanier steuern hier allerdings mit atmosphärischem Sound und warm-kernigem Riffing kräftig dagegen. Zwischen staubigen Wolken und klassischem, Seventies Hardrock/Heavy Metal begeistert das Quartett mit lässigen Krachern wie „Calliope (Cosmic Revelations)“ und überzeugt zudem mit einem Frontmann, der hin und wieder auch an THE CULT´s Ian Astbury erinnert. (T.P.)

 

SATAN'S HALLOW – Satan's Hallow

Auf dem heurigen Keep-It-True-Festival lieferte der feurige Fünfer als Opening Act eine famose Performance ab. Auch wenn der stimmgewaltigen Frontfrau Mandy Martillo zumindest live ein wenig „Hausfrauencharme“ anhaftet, überzeugt das Chicago-Quintett mit einem feurigen und gelungenen Debutalbum. „Reaching For The Night“, „Beyond The Bells“ oder „The Horror“ sind tolle Kracher, die sich umgehend im Gehörgang festsetzen und an flottes NWoBHM-Songmaterial, diesfalls natürlich female fronted, erinnern. (T.P.)

 

ANTICHRIST – Sinful Birth

Das Quintett ist ein Garant für Thrash-Abreibungen und auch Album Nummer Zwei, auf das Fans der gerne für Underground-Festivals gebuchten Skandinavier satte sechs Jahre zu warten hatten, explodiert gleich eingangs – der Genreliebhaber fühlt sich von der ersten Sekunde an wie Zuhause. Wessen Urenkel die Schweden sind, macht auch der neue Dreher umgehend klar. Niemand geringerer als Onkel Tom Araya und seine Truppe steht Pate für die Jungspunde, was auch an den verhallten Vocals liegt. Die sirrende Gitarrenarbeit gemahnt des Öfteren an die Teutonen-Thrasher DESTRUCTION, auch nicht die schlechteste Referenz für das dynamisch-räudige High-Speed-Gebräu! (T.P.)


Mehr Flusensieb!


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