DECAPITATED und der "Anticult" - 10 Jahre nach dem Unfall: Lest We Forget

Veröffentlicht am 03.07.2017

Dieser Tage veröffentlichen die Polen DECAPITATED ihr bereits siebtes Album und es scheint so, als wäre beim Quartett um Wacław "Vogg" Kiełtyka wieder ansatzweise die Normalität eingekehrt. Der am kommenden Freitag erscheinende "Anticult" (die Rezension dazu findet ihr hier) ist meiner Meinung nach nämlich das bislang zweitbeste Release nach dem 2006er "Organic Hallucinosis" und man spürt anhand der Güte des deftigen Songmaterials regelrecht, dass man nach den gutklassigen "Carnival Is Forever" und "Blood Mantra" endlich seinen Stil gefunden hat und sich deutlich präziser und erprobter darin auszudrücken weißt. Auch mit Anleihen früherer Werke wird hier auf ganz hohem Niveau mit derben Grooves, messerscharfen Death-Metal-Riffs und angepissten Vocals ein Abgesang auf sämtliche, vermeintlich göttliche Abbilder abgehalten, weswegen man nach gut 37 Minuten mit einem breiten Grinsen der Zufriedenheit, aber auch mit ordentlich durchfrisierter Statur dasitzt - und zitternd den Repeat-Button betätigt.

Dass man als Fan überhaupt noch mal solche Glücksmomente mit DECAPITATED haben würde, war am 02. November 2007, also vor fast genau zehn Jahren, völlig undenkbar, denn nur kurz zuvor, am 29. Oktober, wurde die Band mit ihrem Bus in einen Verkehrsunfall auf dem Weg nach Gomel (Weissrussland) verwickelt, bei dem sie mit einem LKW kollidiert sind. Dabei erlitten der Sänger Adrian "Covan" Kowanek und das damalige Drummer-Talent Witold "Vitek" Kiełtyka (der jüngere Bruder von Wacław Kiełtyka) mehrere schwerwiegende Kopfverletzungen, wobei letzterer diesen an besagtem 02. November schließlich im Alter von nur 23 Jahren erlag. 

Covan hingegen hat den Unfall überlebt, lag aufgrund medizinischer Fahrlässigkeiten bei der Operation aber für lange Zeit im Koma, ehe er im April 2008 nach Hause durfte - wo sich seither seine Familie ganztäglich um ihn kümmert, da er zwar immer wieder Fortschritte macht, aber immer noch nicht kommunizieren oder gar für sich selbst sorgen kann. Grund dafür ist, dass er wohl durch diese medizinischen Fehler an einer zerebralen Hypoxie leidet, bei der insbesondere das Gehirn durch eine zu geringe Sauerstoff-Zufuhr in Mitleidenschaft gezogen wird, was ihn traurigerweise zu einem Pflegefall macht, dessen vollständige Genesung in der Familie oberste Priorität hat. Aufgrund finanzieller Knappheit in Bezug auf die permanente Unterbringung in einem Krankenhaus wurde Covans alter Proberaum in ein Behandlungszimmer umfunktioniert, in dem man sich fürsorglich um ihn kümmert. Durch finanzielle Unterstützung der Regierung, Steuererleichterungen und "Against the Odds", einer Charity-Aktion von Anna Dymna, ist es ihnen möglich, über die Runden zu kommen, wenngleich psychische Probleme nach dem jahrelangen Kampf nicht ausbleiben sollten.

Dennoch geben seine Eltern und Verwandten nicht auf und tun alles Erdenkliche dafür, dass er irgendwann wieder seiner Leidenschaft nachgehen kann. Nach zwei in der Planung gescheiterten Zellbehandlungen in Deutschland und China (beide Kliniken wurden geschlossen) formulierten sie 2014 bei den Kollegen von The Metal Observer den Wunsch einer Überdruckkammer, die man bereits ein Jahr später präsentieren konnte. Seither macht Adrian Kowanek kleine, aber positive Fortschritte, die sein Vater mit der Besteigung des Himalayas vergleicht. 

Beispiellos ist in diesem Fall auch der finanzielle Support und das persönliche Erscheinen vieler Metalfans (wer spenden möchte, kann das noch immer hier bzw. via Paypal an intech2@interia.pl ​tun), wofür sich die Familie natürlich aufrichtig bedankt. Auch Wacław "Vogg" Kiełtyka gibt seinen (noch) ehemaligen Kollegen nicht auf (was in vielen anderen Fällen leider nicht immer selbstverständlich ist), besucht ihn desöfteren und widmet ihm bzw. der Erinnerung an seine Geschichte ganze Konzerte seiner Band DECAPITATED. Für Vogg selbst ist die Band eine Art Therapie; natürlich auch, weil er seinen Bruder verloren hat und dessen Erbe nicht einfach aufgeben will. Nach der Re-Union und insbesondere mit dem bärenstarken "Anticult" sind DECAPITATED jedenfalls das Musterbeispiel, dass man selbst nach den größten Schicksalsschlägen niemals aufgeben sollte und so ist die Intention dieses Artikels simpel: auch zehn Jahre nach dem Unfall sollte immer noch Platz für einen ausführlichen Reminder bleiben. Einen Reminder, der nicht nur dem Support der Metalgemeinde Anerkennung schenken soll, sondern vor allem auch dem unermüdlichen, aufreibenden Engagement von der Familie und den Freunden von Adrian "Covan" Kowanek. Auf dass er irgendwann wieder auf der Bühne stehen und sich die Seele aus dem Leib brüllen kann!


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