WINTERSUN - das 'The Forest Seasons' Gangbang-Review

Über WINTERSUN und all das, was seit dem Erscheinen des Selftitled-Debüts im Jahre 2004 passiert ist, könnte man wahrscheinlich eine Einleitung verfassen, die alleine schon größere Ausmaße als so mancher Stephen-King-Wälzer annehmen würde. Stolze 13 Jahre und ein halbes "Time" später sind wir aber tatsächlich am Ziel und können, sofern wir denn wollen, am 21. Juli das zweite vollwertige Album der Finnen um Jari Mäenpää in den Händen halten. Zum Zeitpunkt dieser Rezension sind zwar schon unzählige Durchläufe passiert, aber so richtig glauben kann ich selbst es auch immer noch nicht. Dafür sind allerdings auch wirklich zu viele mal unterhaltsame, mal komplett alberne Geschichten an die Öffentlichkeit gelangt, aber wie sagt man so schön? Jegliche Publicity ist gute Publicity, sonst hätten sie ihm beim Crowdfunding nicht die Bude eingerannt. Trotzdem hat Jari Mäenpää für die Zukunft offensichtlich daraus gelernt und an seiner Kommunikation nach außen gefeilt haben, schließlich wurde "The Forest Seasons", anders als eben bei "Time", tatsächlich erst dann angekündigt, als das Projekt komplett abgeschlossen in den Startlöchern stand.

Das Mordsvertrauen und die Geduld seiner Fanscharen, die ihm sein Studio wahrscheinlich sogar eigenhändig in die finnische Pampa zementieren und zimmern würden, wird nun jedenfalls fürstlich belohnt und nach dem Genuss von "The Forest Seasons" bin ich sogar fast versucht, ebenfalls Hand anzulegen. Ich will ehrlich sein: WINTERSUN gehören auch bei mir schon seit gut zehn Jährchen zum engeren Kreis der Favoriten, aber der Hick-Hack der jüngeren Vergangenheit hat mich dann doch etwas abgenervt zurückgelassen und dafür gesorgt, dass ich mich erstmal ein Stückchen von den Finnen bzw. ihrer Außendarstellung distanziert und einfach den Beginn der Crowdfunding-Promotionphase, die das Feuer dann aber doch wieder entfacht hat, abgepasst habe.

Extrem lange Rede, kurzer Sinn: Die Wartezeit wird sich für viele gelohnt haben, wenngleich WINTERSUN natürlich nicht alle Kritiker belehren können werden - dafür ist die Produktion zu fett, die Arrangements sind zu vielschichtig und das komplette Drumherum spielt natürlich auch eine nicht unwesentliche Rolle. Das macht "The Forest Seasons" zu einer speziellen Angelegenheit für die Sorte Mensch, die einen Nerv für derlei Irrsinn haben. Dennoch stellt man fest, dass der Zweieinhalbling ("Time I" kann man ja nicht als ganzes Album werten) der Finnen längst nicht so ein Multilayer-Overkill mit drölfmillionen Spuren ist, wie es "Time I" ist. Das liegt einerseits daran, dass Herr Mäenpää eine wuchtige, transparente Produktion vollbracht hat, bei dem das menschliche Gehör jedes noch so kleine Detail mühelos filtern kann, und andererseits daran, dass man das eigene musikalische Brimborium extrem songdienlich verwendet und sich eben nicht die vollen 54 Minuten in Exzess-Sphären vorgearbeitet hat.

Tatsächlich wird "The Forest Seasons" seinem Vier-Jahreszeiten-Konzept jederzeit gerecht und beherrscht dabei ein überaus variables Stimmungsinventar, dem sich alles unterzuordnen hat. So brechen beispielsweise in "Awaken from the Dark Slumber (Spring)" die ungestümen Gitarren die durch das sphärische Ambient-Intro erschaffene Düsternis auf, ehe man das Tempo deutlich anzieht und klug gestreute Background-Gesänge anmutig neben den gewaltigen, mit vielen neoklassischen Feinheiten verzierten Riffwänden galoppieren. In "The Forest That Weeps (Summer)" dominiert dafür die blumige Getragenheit, die durch gelegentliche Folkeinsprenkler und episch-glorreiche Chorgesänge (Mitglieder von TURISAS, ENSIFERUM und vielen weiteren bekannten finnischen Metalgruppen sind hier beteiligt) verfeinert wird und sich ohne Anpassungsschwierigkeiten sowohl für die Gänsepelle zuhause als auch für den Liveauftritt auf dem nächstbesten Metalfestival eignet. Ab dieser Stelle haben mich WINTERSUN bereits in ihren Bann gezogen, aber anstatt den Pompfaktor weiter Richtung Himmelreich eskalieren zu lassen, macht "Eternal Darkness (Autumn)" einen spannenden, erfrischenden Cut und verwandelt sämtliche Orchestrierungen in beunruhigende Hintergrundgeräusche, während die Saiter eine schwarzmetallische, vom Drumgewitter angepeitschte Sturmböe nach der anderen auf den Hörer einhämmern lassen, der auf der Suche nach Deckung verzweifelt nach Luft ringt und diese nur in kurzen Episoden finden soll, diese dann aber spätestens in "Loneliness (Winter)" auch in reichlicher Quantität vorfinden wird. Man findet sich in einem schneeverhangenen Wald wieder, in dem DISSECTION-Akustikparts und dramatischer, fast schon an Devin Townsend erinnernder Klargesang auf die wunderbar elegischen Vibes folgen, die die zuvor angewandte Raserei des Herbstes entschleunigen und "The Forest Seasons" einen mitreißenden, würdigen Abschluss bescheren.

Kritik habe ich nach meinen ganz persönlichen Maßstäben schlichtweg keine. Objektiv könnte man vielleicht bekritteln, dass "The Forest Seasons" überproduziert ist und vielleicht auch, dass man an einigen Stellen nur allzu gerne die Songwriting- und Skillmuskeln spielen lässt, aber: Das hier ist epischer Extreme Metal in Formvollendung und dann gehören solche Faktoren womöglich auch dazu, um ein einzigartiges Erlebnis stemmen zu können. Nichtsdestotrotz ist "The Forest Seasons" auch ein Album, dass der klassischen Metalband-Instrumentierung enorm viel Raum zur Entfaltung lässt und sich seine rauschenden Breitbandpassagen für die passenden Augenblicke und Stimmungen aufhebt. Den Beweis, dass sie ihr gesamtes Können, also ohne gleichzeitige Kompromisse und sonstige Limitierungen, dem eigentlichen Konzept unterordnen können, blieben WINTERSUN nach dem tollen Debüt auf "Time I" desöfteren schuldig, aber mit "The Forest Seasons" ändert sich das zu meiner Verwunderung und ich bin selbst nach dem hundertsten Besuch in der WINTERSUN'schen Natur immer noch genauso begeistert wie beim ersten Mal. Jari Mäenpää und Co. eignen sich also nicht nur als QVC-Mitarbeiter des Jahres, Basarhändler und finnische Marktschreier bestens (es gäbe in der Damenwelt der Fanbase sicherlich auch Exemplare, die den Herren bereitwillig eine Brustvergrößerung durch Handauflegen abkaufen würden), sondern vor allem auch als Musiker, die hier endgültig den Nachweis abgeliefert haben, dass sie sich selbst eben nicht komplett überschätzen, sondern zu den eigenständigsten, kreativsten und schlichtweg begnadetsten Musikern in ihrem Genre zählen, die ihre Fans (und mich) hoffentlich nicht wieder so lange warten lassen. Aber selbst wenn: mit der Zeit pflückt man Rosen.

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Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Christian Wiederwald
Seite 3: Laichster
Seite 4: Christian Wilsberg
Seite 5: Sonata
Seite 6: Pascal Staub
Seite 7: Daria Hoffmann
Seite 8: Anthalerero
Seite 9: Fazit


WERBUNG: Hard
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