WINTERSUN - das 'The Forest Seasons' Gangbang-Review

Jetzt, wo ich diesen Text niederschreibe, haben mich "The Forest Seasons" bereits wochenlang begleitet: Ständig in der Tasche, sehr oft in den Ohren und immer im Kopf. Eines der vier Jahreszeiten-Stücke passt immer, denn dort wo ich lebe, kann man sich glücklicherweise auch im Sommer abwechselnd durch herabregnende Eiswürfel oder den staubtrockenen Wind eines aufgeheizten Weizenfeldes überraschen lassen. Doch auch wenn man nur im eigenen Betonviereck lauert, benötigt man nicht viel mehr als Kopfhörer um genau dort zu sein, wo der Erschaffer war, als er seine Gedanken in Musik transformierte – zumindest vordergründig, denn Naturbilder geben auch hervorragende Metaphern für all jene Gemütszustände ab, für die die richtigen Worte zu spezifisch und laut wären – von der überbordenden Lebensfreude, die dem Wiedererwachen der Natur im Frühling gleicht, bis zu der wie verwelktes Laub im nasskalten Herbst niedersinkenden Melancholie und der gegen einen Schneesturm herausgebrüllten Verzweiflung.
 
Vivaldis "Vier Jahreszeiten" waren dabei ganz offensichtlich nicht nur Vorbild für die Gliederung und Benennung des Albums, auch die Grundidee, das lautmalerische Beschreiben von Naturphänomenen, findet sich darin wieder - umgesetzt mit den Mitteln von Mastermind Jari Mäenpää. Er mag nicht die schönste Gesangsstimme unter der Sonne sein, doch genau dieser unverstellte Charme verleiht jedem Stück seine ursprüngliche Seele. Wie auch schon auf dem Vorgänger wechseln sich mit voller Inbrunst geschmetterte Vocals, bombastische Verläufe und düster dahinrasende Black/Death-Parts mit Atempausen verträumter Melodien ab. An einigen Stellen ergänzen äußerst passend ausgewählte Naturaufnahmen die Atmosphäre. So beginnt "The Forest That Weeps" mit dem Rauschen einer Sommerbrise durch die unzähligen kleinen Blätter eines finnischen Birkenwaldes und trägt diese Stimmung durch den Song - man kann es nicht nur hören, sondern auch sehen. Wenn so etwas klappt, wenn ich als Hörer sofort Bilder und Welten vor Augen habe, wenn diese so nuanciert und abwechslungsreich sind, macht Musik wirklich glücklich.
 
Als weitere Konsequenz ist der Detailreichtum dieses Albums zu gewaltig für die begrenzte Aufnahmekapazität der Wahrnehmung eines Momentes. Dieses Album benötigt mehrere Durchgänge – nicht um es zu lieben, aber um all die verschiedenen Ebenen und Funken mitzubekommen, die da wie ein Feuerwerk um einen herum geschehen. WINTERSUN ist wieder eines dieser recht seltenen Werke gelungen, an denen man sich über lange Zeiträume nicht satt hört - weil man jedes Mal neue Facetten entdeckt, weil die Musik so gut Stimmungen beeinflusst und sich wiederum von Stimmungen beeinflussen lässt. Da ist sehr viel Offenheit und wenig Bestimmendes in diesem Album. Im Gegenschluss bedeutet dies jedoch nicht, dass es ungreifbar wäre. In jedem Teil der vier epischen Arrangements (die selbst auch wieder in ineinanderfließende Unterthemen unterteilt sind) erkennt man WINTERSUNs Charakter. Ein wunderbares, langersehntes und sehr freudiges Wiedersehen.

Wühlen muss man nach diesem Genuss aber nicht - "The Forest Season" wird trotz anspruchsvoller Komponenten nie zum elitären Vergnügen. Mit Leichtigkeit tanzen fließende Melodien um einprägsame Riffs, die man - auch ohne klassische Songstruktur mit Refrain - genau wie einen solchen als Ohrwurm davonträgt. Und plötzlich findet man sich lächelnd, wie man den erhabenen Frühlings-Chorus von "Awaken From The Dark Slumber" mitsingt und sich dabei auch selbst äußerst erhaben fühlt. Dieses Album wird mich noch sehr lange verfolgen und genau in dem Zustand geliebt werden, in dem es sich befindet.   

5 / 5


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Christian Wiederwald
Seite 3: Laichster
Seite 4: Christian Wilsberg
Seite 5: Sonata
Seite 6: Pascal Staub
Seite 7: Daria Hoffmann
Seite 8: Anthalerero
Seite 9: Fazit


WERBUNG: Hard
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