Flusensieb #10 – 10 schnelle Reviews

Veröffentlicht am 18.08.2017

Das Flusensieb ist ein Ort, an dem Dinge wiederfindet, die man vor dem Waschen zum Beispiel in seinen Hosentaschen vergessen hat. Im Flusensieb des Stormbringers sammelt sich dort natürlich Metal. Metal, der in den Geigenunterricht geschickt wurde. Metal, der sich für Tijuana eignet. Metal in Star-Trek-Uniform. Untergründiger, wiederauferstandener und unsterblicher Metal. Metal, der mich hasst. Tragisch-smoother Metal und Metal, der sich weigert, klein anzufangen. Für jeden ist etwas dabei. Viel Spaß!

 

CYDEMIND – Erosion

„Mama, ich will eine E-Gitarre!“, bettelt trotzig der kleine Junge zum hundertsten Mal und wird zum Geigen- oder Klavierunterricht geschickt. Die Metallerwut auf die bösen Eltern des armen Kindes, die dieses Bild weckt, können CYDEMIND mindern. Denn die Kanadier haben die Instrumente einfach miteinander verbunden und präsentieren auf ihrem Debütalbum „Erosion“ hervorragenden angejazzten Neoclassical Progressive Metal. Dabei liegt der Fokus der sechs Songs mehr auf Eingängigkeit und der Möglichkeit, sich ganz in die Melodien fallen lassen zu können, als auf hirnüberreizenden Technikspielereien. Ein bewegend-brilliantes Album! (jazz)

 

MEXICAN CHILI FUNERAL PARTY – Mexican Warrior's Revenge

Da sage noch einer, dass die Spezialitäten von Italienern Pizza und Pasta seien. Chili können die anscheinend genauso gut. Hauptsächlich angerichtet bei speziellen Anlässen wie einer MEXICAN CHILI FUNERAL PARTY ist das Geheimnis der Rezeptur anscheinend vor allem eines: ein riesen Haufen Gras. Genau danach schmeckt "Mexican Warrior's Revenge" nämlich. Zusammen mit dem Temperament der italienischen Küche verbindet sich das musikalische Hauptgericht zu einem anfangs feurigen und im Abgang milden Soundtrack, der sich damit sowohl für romantische Gondelfahrten durch die Kanäle Venedigs als auch für einen Roadtrip nach Tijuana eignet. Mamma Mia e Arriba! (D.C.)

 

ANTIGONE PROJECT – Stellar Machine

Reichlich spacig reist die Pariser „Stellar Machine“ auf der Raumkrümmungswelle mal rockiger, mal metallischer, manchmal sogar leicht elektronisch, immer ein bisschen progressiv durch das All, verschiedene Dimensionen und die Zeit. Durch die zahlreichen Wurmlöcher, interstellare Nebel und andere Anomalien wird der Flug jedoch ein wenig holprig bis unkomfortabel. Nicht fluguntüchtig, aber schon mit angeschlagenem Deflektorschild und nicht gerade voller Energie auf den Phasern, scheint das ANTIGONE PROJEKT keine klassische Mission zu haben, sondern sich eher etwas trippig durch die endlosen Weiten treiben zu lassen. Rockt lang und in Frieden! (jazz)

 

WARRANT – Louder Harder Faster

WARRANT bekamen noch ihr Stück vom Poser/Hairspray/Hardrock-Kuchen ab. Das Debut datiert mit 1989, die „Cherry Pie“ ist auch schon längst verdrückt, Ur-Sänger Jani Lane nun schon 6 Jahre unter der Erde, da melden sich die Kalifornier nach langer Pause zurück. „Neo“-Sänger Robert Mason macht abermals einen guten Job und die Haudegen „kicken“ auch mit dem neuen Dreher mehr „Ass“ als viele ihrer ausgewhimpten oder alternden ehemaligen Mitstreiter. Der Albumtitel "Louder Harder Faster" rührt nicht von ungefähr, geiler Longplayer! (T.P.)

 

NULL POSITIV – Koma

NULL POSITIV werden mich, den Autor dieser Zeilen, hassen. Obwohl ich die metallisch moderne Musik als sehr ordentlich, vielseitig, einzigartig und interessant empfinde. Obwohl ich den Sound zwischen Rock und Metal mit Anleihen aus verschiedensten Richtungen feiere. Obwohl ich den deutschen Texten Gefühl, Gewicht und prosaisch direkte Lyrikqualitäten attestiere. Obwohl ich die unterschiedlichen Gesangsstile von Sängerin Elli mal stark, mal faszinierend finde. Obwohl ich die Debutplatte „Koma“ sehr hörenswert finde. Hassen werden sie mich, weil ich einen Vergleich aufmache: NULL POSITIV erinnern gelegentlich an TOKIO HOTEL. Allerdings meine ich das null negativ! (jazz)

 

PRIMAL FEAR – Angels Of Mercy – Live In Germany

PRIMAL FEAR sind echte Livegaranten und begeistern nicht nur vor heimischem Teutonen-Metal-Publikum. Im Laufe der mittlerweile 30jährigen Karriere brachte es die Combo um Mat Sinner und Sänger Ralf Scheepers auf eine stattliche Anzahl an Oden und Hymnen an den Metal. Längst wieder überfällig, die Präsentation des geballten Oeuvres an Testeron-Metal, gelungen auf diesem Livealbum zusammengestellt. Gitarrist Axel Beyrodt liefert das knackige Riffbrett zum gekonnten Metal Assault, frei nach dem Motto: „Metal Is Forever“! (T.P.)

 

WHITE WARD – Futility Report

Odessa 2012 – so etwa kann es sich zugetragen haben: Zum Bandtreffen düsterer Metaller kommt ein Saxofonist und sagt: „Wenn ich euch alle unter den Tisch trinken kann, machen wir ab morgen Jazz statt Black Metal!“ Die Schwarzmetall-Ukrainer stimmen ein. Weil sich am nächsten Tag jedoch niemand mehr daran erinnern kann, wer denn nun gewonnen hat, machen sie nun irgendwie beides: Post-Black-Metal. „Futility Report“ klingt mal nach düster-depressivem Ambient Black Metal, mal nach der vollen Härte des schwarzen Genres und dann wieder nach tragisch-smoothen Saxofon-Melodien. Das alles passt bei WHITE WARD wundervoll ineinander – überragend! (jazz)

 

HELKER – Firesoul

„Don`t Cry For Me Argentina“ war ein Song im Musical „Evita“ rund um die argentinischen Präsidentengattin Eva Perón. Aber wenn man Bands wie HELKER hat, muss man nicht um Argentinien weinen. Geprägt vom deutschen Powermetal à la PRIMAL FEAR und SINNER liefern sie mit „Firesoul“ wieder ein amtliches Album ab. Kein Wunder, produziert doch Mister „Tausendsassa“ Mat Sinner die Jungs um Sänger Diego Valdez, die er bei gemeinsamen Touren durch Südamerika entdeckte. Schon „Somewhere In The Circle“ wurde von den Kritikern sehr gut aufgenommen. Teilweise geht es auf „Firesoul“ etwas ruhiger zur Sache, aber die Trademarks sind die gleichen: Power vermixt mit ruhigeren Nummern. Thumbs up! (W.T.)

 

VOICES OF DECAY – Evasion

Es gibt sie also immer noch die Südtiroler Undergroundler. Alle heilige Zeiten ein Album und wie aus dem Nichts nun „Evasion“. Soundmäßiger Anhaltspunkt für bislang Unbeleckte ist melodischer Death Metal à la GRAVEWORM. Wohl kein Wunder, wenn man weiß, dass Mainman Lukas Flarer früher bei der legendären Dark/Death-Metal-Combo engagiert war und es Basser Flo bis heute ist. Wer mit diesen Infos etwas anfangen kann und sich nicht an Keyboards stößt, sollte dieses Melo-Death-Kleinod antesten! (T.P.)

 

DUALITY – Archeology

Jeder muss mal klein anfangen. So auch die französischen DUALITY. Ihre Debüt-EP „Archeology“ ist klein – keine 14 Minuten lang. Aber das ist auch alles, was daran klein ist. Der Sound ist gigantisch. Dass in diesem progressiven Ungetüm eine leicht djentige Metalcore-Basis steckt, ist irgendwas zwischen bemerkenswert und vollkommen egal. Drei Songs stellen hier eine Band vor, die zugleich detailverliebt, verspielt und roh und mächtig ist. Klein anfangen ist offensichtlich nicht der Stil von DUALITY. (jazz)

 

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