Flusensieb #11 – 10 schnelle Metal-Einblicke

Veröffentlicht am 06.09.2017

Die Metal-Wäsche ist fertig und im Stormbringer-Flusensieb ist wieder reichlich guter Stoff hängengeblieben. Da wird brutal gerülpst, zum Headbangen verdammt und sich aus der Zivilisation zurückgezogen. Hinterm Schwarz lauern Gewinner, in einer türkischen Zisterne Todesanbeter, im Märchenland Herne-Power und in Winterwüsten Familienessen. Auch etwas über die italienische Geschichte, texanische Schlangen und metallisches Blut gibt es zu lesen. Also kopfüber rein und in aller Schnelle zehn Eindrücke von zehn Bands gewinnen! Viel Spaß!

 

DISPLEASED DISFIGUREMENT – Origin of Abhorrence

Middelburg, Südafrika, 2001 (no true story): Die letzte Runde sehr kohlensäurehaltiges Bier wird ausgegeben, bevor Dominic Vorster sich als Sieger des Rülps-Kontests hervortut. Sein Preis ist die Position als Vocalist bei DISPLEASED DISFIGUREMENT, seine Strafe für das schlechte Benehmen, er muss auch noch Bass spielen. Auf dem zweiten Album der Brutal-Death-Metaller, „Origin of Abhorrence“, ist sein Rülpsen wohl noch immer das Qualitätsmerkmal Nr. 1. Wird aber auch so jedem Gore-Fetischisten ein wohliges Kribbeln bescheren, wo auch immer Gore-Fetischisten ein wohliges Kribbeln mögen. 0,4 von 0,7 blutigen Alienkörperteilen. (jazz)

SCREAM 3 DAYS – Kolera 666

Seid gewarnt, liebe Bürger, hütet euch vor den Fängen der Teufel von SCREAM 3 DAYS! Seit kurzer Zeit verbreitet diese Band eine wahrlich diabolische Pestilenz und ich sage euch, der Horror der Krankheit, die sie mit sich führen, ist erschreckend! Eine Infektion der Ohren mit der „Kolera 666“ äußert sich meist sehr akut: Die verlorenen Seelen, die ihre harten, unwiderstehlichen Gitarrenwände erstmals zu hören bekommen, sind unwiderruflich dazu verdammt, bis zum Tode hin Headzubangen! Für die Infektion mit diesem überraschend technischen Kunstwerk des Bösen ist kein Heilmittel bekannt! Möge Gott unseren Seelen gnädig sein! (D.C.)

FREAKANGEL – How The Ghost Became

Irgendwo in Estland, verschluckt vom Wald, steht schon lange eine schmutzige Fabrikhalle leer. Rohre rosten, Splitter liegen herum und die Graffiti zeichnen ein Bild zwischen Wut und Trauer. Bäume ragen durch kaputte Fenster hinein und auf dem Boden hat jemand aus Ästen und Schrott Zeichen gelegt, die mystisch anmuten. Wer hierher kommt, sucht eine Flucht aus der Welt und findet sie. Auf FREAKANGELs viertem Studioalbum „How The Ghost Became“ untermalt EBM einen vielseitig metallischen Industrial-Sound mit allerlei Core-Anleihen: drei von vier eingeschlagenen Fabrikfenstern. (jazz)

OLD SEASON – Beyond The Black

Mit dem Stachanow-Orden wird es für die Iren von OLD SEASON nichts werden. Mit der erst dritten Veröffentlichung „Beyond The Black“ hat man allerdings einen Gewinner auf seiner Seite. Enorm epischer, traditioneller Metal mit einer Spielzeit von über einer Stunde, vom Sechser aus Athy im County Kildare auf durchgehend hohem Niveau vorgetragen: grandioser Gesang von John Bonham und abwechslungsreiche Gitarren, die immer mal gerne mit Soloduellen und Twin-Harmonien aufwarten. Alle Songs länger als sechs Minuten, das Magnum Opus „Nevermore“ lässt dann zum Abschluss auch noch die Neun-Minuten-Marke zerbersten. Und keine Sekunde Langeweile! Mit 4,5 von 5 Punkten ein herausragendes Album. (C.W.)

PERSECUTORY – Towards the Ultimate Extinction

Oberirdisch erklingen in Istanbul die Rufe der Muezzins, aber in einer düsteren Welt unter der Stadt erklingt PERSECUTORYs Debüt-Album „Towards the Ultimate Extinction“. Wie ein satanischer Kult in einer kühlen Zisterne hallen blackbasiert-extremmetallische Songungetüme durch die Dunkelheit. Unrund, aufgewühlt und wie auf der Flucht wirken die türkischen Todesanbeter. Möge ihr Name sich nicht auf sie umkehren! Anstrengender Krach, der nicht gerade zum Lächeln einlädt: Der Anarcho-Punk des Extreme Metals (jazz)

CUSTARD – A Realm Of Tales

Eines neu macht der Mai bei CUSTARD. An der Gitarre klöppelt jetzt Stefan ‘Absorber’ Klempnauer von FAIRYTALE. Damit ist die Grätsche hin zum lyrischen Leitmotiv der Herne-Powermetaller gemacht, ist das starke Power-Metal-Album „A Realm Of Tales“ – soundmäßig warm und differenziert – doch eine Vertonung diverser Märchen. Warum auch nicht, wurde doch vom Rest der Power-Metal-Gilde schon jedes Einhorn mehrmals durchs Dorf getrieben, jeder Drache geschändet und jede Prinzessin gerettet. Neben den alten Bekannten HELLOWEEN und JUDAS PRIEST hört man hier auch wieder RHAPSODY (of irgendwas oder ohne …) heraus, ohne bloß Kopie zu sein. Ein Höhepunkt bei Pure Steel Records mit 4,5 von 5 Punkten. (C.W.)

LASCAR – Saudade

Die perfekte Begleitmusik beim Abendessen im Kreis der Familie umgeben von Gemälden, die trostlose Ödnis und tote Winterwüsten zeigen. Die Vorhänge sind geschlossen, die Kerzen auf dem Tisch schwarz wie die Kleidung aller Familienmitglieder. Hass, Zorn, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit des Black Metals sind überwunden und es bleibt nur die fade Leere des Seins. Überraschenderweise kommt diese Familie nicht aus Nord-Norwegen, sondern aus Chile. Weniger überrascht, dass diese Familie aus nur einem einzigen Menschen besteht. LASCARs hochwertiger Post-Black-Metal auf „Saudade“ verdient sieben von neun lethargischen Blicken ins Nichts. (jazz)

ALLTHENIKO – Italian History VI

Ein galanter Cuvée aus Power, Speed, Prog und Thrash-Metal wird uns von den Mailändern ALLTHENIKO gereicht. Klassisch heftig mit reichlich großen Melodien. Der Gesang ist gewöhnungsbedürftig, mir gefällt er. Auch lässig die auf Italienisch gesungenen Songs. Knallhart der Sound, rund das Songwriting. Hier gibt es nicht viel zu bemängeln. Bei den 38 Minuten Spielzeit bleibt auch nicht viel Platz für Ausfälle. So kann man modernen Power/Thrash Metal machen! Pure Steel weiterhin auf Erfolgskurs! 3,5 von 5 Punkten für „Italian History VI“. (C.W.)

WILDSPEAKER – Spreading Adder

Leute, was soll denn das? WILDSPEAKER? Das ist doch keine Musik! Das ist klanggewordene Verachtung von Musik. Das Niederknüppeln des Notenschlüssels mit einem Schraubenschlüssel, bis nur ein brutaler, roher, hässlicher Brei aus Black und Sludge Metal übrigbleibt. Dazu kratzt die Stimme von Sängerin Natalie wie ein rostiges Skalpell durch das Trommelfell direkt auf der Hirnregion für panische Verzweiflung. Das tut weh! Und das ist sehr gut so! Die texanische Schlange „Spreading Adder“ verdient fünf von sechs Schmirgelpapierstreicheleinheiten über den ungeschützten Augapfel. (jazz)

CHASTAIN – We Bleed Metal 17

Das „Original“ vor zwei Jahren war schon saustark. Jetzt hat sich der Chef entschieden, bis auf die Gesangsspuren (göttlich!) und die Drums alles neu aufzunehmen und neu zu arrangieren. Dazu wurden noch das Coverartwork und die Trackreihenfolge geändert. Klingt deutlich näher an der Livesituation. Sagt er. Kann sein. Mir gefällt es auf jeden Fall gleich gut wie die 2015-er Version. CHASTAIN waren gut und werden wohl immer gut sein – so auch auf „We Bleed Metal 17“. Diese Stimme … (C.W.)

 

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