ILLUMENIUM (DEFRAGE) - Im Bannkreis rufschädigender Promotion?

Veröffentlicht am 12.12.2017

I will strengthen you and help you; I will uphold you with my righteous right hand.

-Isaiah 41 10-

(Hätte aber auch von einem größenwahnsinnigen Journalisten stammen können...)


 

Schon mal was vom sogenannten Berufsethos gehört? Das ist die moralisch korrekte Ausübung der beruflichen Pflicht - und bloß ein Ideal, wenn man ehrlich ist. Es ist in nahezu jedem Berufsfeld möglich, es auf vielfältige Weise zu verletzen. Ein Beispiel: Ein Bankkaufmann würde als Langfinger auf seinem Arbeitsplatz nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er gegen das Gesetz handelt, unmoralisch agieren, sondern besonders deshalb, weil er das Vertrauensverhältnis zu Arbeitgeber und Kunden verletzt. Ihm aber zu unterstellen, dass er dadurch bereitwillig das Leben oder die Gesundheit eines anderen Menschen aufs Spiel setzte, würde zu weit gehen. Würde er hingegen in seiner Freizeit eine Bank ausrauben, bräche er zwar ebenfalls mit seinem Berufsethos, doch durch die Schwere der Tat träte es in den Hintergrund, dass er durch sein Handeln kein Anhänger sittlicher Vorstellungen war. In unseren Augen wäre er erst einmal einfach nur ein Verbrecher.

Nun gibt es aber Berufe wie Richter, Ärzte, Pfleger und eben Journalisten, die mit einfachen, strafrechtlich oft nicht relevanten Handlungen, ihren Berufsethos verletzen und dennoch verheerenden Schaden anrichten können. Zur Bewertung ob letztere Berufsgruppe ein gewissenhaftes Leitbildes verfolgt, reicht manchmal nur ein Blick auf ihre Artikel. Wirkt beispielsweise ein Artikel wie eine besonders einseitige Niederschrift, sollte das schon ein Indiz dafür sein, dass der Verfasser gar nicht erst um Objektivität bemüht war. Leider können solche Arbeiten in Windeseile zur Wahrheit derer werden, die daran glauben, dass Journalisten und freie Redakteure stets das Berufsethos einhalten. Wenn nun ein solcher Bericht, möge er auch noch so unreflektiert und einseitig ausgefallen sein, große Leserschaft erreicht, wird der vermittelte Eindruck von Redakteuren konkurrierender Plattformen nicht selten adaptiert, was in eine mediale Hetzjagt ausufern kann (Wettermoderator Jörg Kachelmann kann sich sogar den Kopf darüber zerbrechen, wie die Art der medialen Berichterstattung Einfluss auf sein Gerichtsurteil nahm).

Wie erkennt man aber, ob eine zielgerichtete Berichterstattung zu einem "Objekt" einer unmoralischen und unsittlichen Angelegenheit wird? Ein kleines Beispiel gefällig? Erinnert sich jemand an das DARKTHRONE Interview, das Redakteur Frank Albrecht mit Ted Skjellum (Besser bekannt als "Nocturno Culto") führte? (Rock Hard Nr. 71, April 1993) Da kamen im Gespräch allerlei Abgründe der Musiker zutage, was sich, genau wie der abschließende Boykottaufruf von Frank Albrecht, ja eher Verkausfördernd für DARKTHRONE ausgewirkt haben dürfte. Hinterher soll Frank Albrecht sogar zugegeben haben, die Aussagen Nocturno Cultos ein wenig ausgeschmückt zu haben (Verwertbare Quellen sind heute schwer zu finden.) Verletzt paradoxe Intervention also das Berufsethos, oder nicht? Immerhin litt der Verkauf der Zeitschrift auch nicht gerade unter dem vermeintlichen Skandal-Interview.

Eine krasse Verletzung des journalistischen Berfufsethos hingegen stellte 1988 der Medienrummel um die Geiselnehmer von Gladbeck dar, in dessen Verlauf der 15jährige Emanuele De Giorgie und die 18jährige Silke Bischoff ermordet wurden. Presseleute begleiteten die Verbrecher damals und gesellten sich zu einem gemütlichen Plausch zu ihnen. Beteiligten Journalisten wie Frank Plasberg und Hans Meiser schadete dieser "Journalistische Sündenfall", wie es DIE ZEIT nannte, nicht gerade. Sie wurden mit eigenen Talkshows belohnt und führten ihre Karrieren im Familien- und Unterhaltungsbereich erfolgreich weiter.

Dieser kleine Exkurs führt uns schließlich zu der estnischen Band ILLUMENIUM, von der der eine oder andere schon gehört haben dürfte. Sie ist nämlich nicht nur regelmäßig in allen möglichen Städten Europas anzutreffen, sondern auch im World Wide Web leicht zu entdecken. Während die vermeintlichen(!) Bandmember (weiter unten mehr dazu) durchaus mal charmant auftreten können, wird die Suche nach einem positiven Artikel im Netz schon schwieriger. Aber um das Image dieser Musiktruppe von Beginn an ein wenig zurechtzurücken, formuliere ich es so: Es bedarf dringend einer kritischen Auseinandersetzung mit dieser sagenumwobenen Band. Dabei möchten wir weder grundlos die Arbeit eines Künstlers verreißen, noch die Musiker diffamieren. Aber als etwa Mitte des Jahres wieder vermehrt Geschichten über dubiose Charaktere, die als Mitglieder von ILLUMENIUM identifiziert sein sollen, an verschiedene STORMBRINGER Redakteure herangetragen wurden, entstand eine kleine Diskussion innerhalb der Redaktion, ob und wie dieses Thema behandelt werden kann. Zu groß war die Gefahr, ein Artikel der neue Vorwürfe aufgreifen würde, könnte wie eine Hetzkampagne gegen die Band wirken. Andere Redakteure vertraten die Meinung, ein weiterer Artikel könnte einer dubiousen Truppe als kostenlose Promotion dienen, während Bands, die ein wenig Promotion verdient hätten, wegen der erneuten Auseinandersetzung mit ILLUMENIUM zu kurz kämen.

Eine bewährte Methode zur Beleuchtung komplexer Sachverhalte unter Menschen bleibt das unzensierte Interview. Den Ansprüchen der Leser wird genüge getan, welche auch kontroverse Aktionen von Musikern behandelt haben möchten. Es vermeidet durch die Konversation automatisch einen womöglich rein subjektiven Artikel. Wir entschieden uns also, trotz einiger Bedenken im Team, ILLUMENIUM zu kontaktieren, woraufhin Gitarrist Kevin Presmann schließlich zu unserem Mittelsmann wurde. Um von vornherein das Aufkommen bösen Blutes zu vermeiden, erklärten wir ihm, dass wir auf die Vorwürfe eingehen würden, die gegen die Band erhoben werden. Es wäre in unseren Augen definitiv nicht korrekt, die Einwände vieler Menschen, die sich im Kontakt mit den Musikern gestört haben wollen, zu ignorieren und ein reines Promotion-Interview zu führen. Im Verlauf der Planung gab Kevin schließlich an, STORMBRINGER hätte mit einem älteren Artikel maßgeblich zu ihrem Negativ-Image beigetragen. Dieser Einwand trug nicht gerade zu allgemeiner Verwunderung bei, kam aber auch gar nicht so ungelegen, da auf dieser Annahme nun die kritischen Fragen aufgebaut werden konnten. Geplant war, ILLUMENIUM und Sänger Kari Kärner mit Berichterstattungen anderer Zeitungen und Onlineportalen und konkreten Quellennachweisen zu konfrontieren:

Wir nahmen Bezug zum Weser Kurier, der im Juli 2017 einen Artikel darüber brachte, Sander Soopold, Robert Jürvetson, Ivo Melnick und Victor Ivanov hätten sich als ILLUMENIUM vorgestellt. Da weder Aussehen noch Namen zu bekannten Bandkonstellationen passen, kam der Verdacht auf, dies sei eine neue Form aggressiver Marketingkonzepte.

Weiters sollten ILLUMENIUM zu einem Forum namens "Opfer von ILLUMENIUM" auf schwermetal.ch Stellung nehmen, in dem sich Leute über Begegnungen mit Bandmitgliedern austauschen können.

Außerdem wollten wir wegen des Artikels des "Baltikum Blatt" nachhaken, welches Bezug auf die Tiroler Zeitung nahm, als diese von Zusammenstößen zwischen Bandmitgliedern und Polizeibeamten sprach und angab, Musiker hätten Äußerungen getätigt wie, dass nur ein toter Polizist ein guter Polizist sei.

Eine weitere Frage hätte den Musikern die Chance gegeben, sich zu dem makaberen Vorfall zu äußern, über den web.de berichtete, als Bandmitglieder durch ein Missgeschick ein bereits bezogenes Hotelzimmer betraten, das Baby einer im angrenzenden Raum schlafenden Mutter vorfanden und diese Gelegenheit sofort für Promotion wahrnahmen, indem sie das Kleinkind fotografierten und, ohne die Polizei zu informieren, auf ihrer Seite hochluden.

Andere Fragen hätten sich auf irreführende Namenswechsel von CDs mit wechselnden Motiven, sowie ihre grotesken Tanzperformances TANTSHULKA, die mutmaßlich unter Einfluss von Substanzen stattfinden, bezogen.

Die Menge an Vorwürfen und skurrilen Begebenheiten in Zusammenhang mit ILLUMENIUM machte es unnötig, auf kleinere, weiter zurückliegende Anschuldigungen (man munkelt von Sachbeschädigung und Diebstahl) einzugehen. Wer sich die Mühe macht ein wenig im Internet zu recherchieren, dem wird schnell bewusst, dass Medien wie STORMBRINGER keineswegs Schuld am Negativimage der Musiker trifft.

Dennoch sollten die Interviewfragen sich natürlich nicht nur auf die unvorteilhaften Seiten der Band beziehen. Es war auch angedacht, die abschließenden Fragen auf das neue Album auszurichten, bevorstehende Touren anzusprechen und somit den Grundstein für ein positiveres Image zu legen. Nachfolgend sollte auch schon ein zweites Interview für 2018 vereinbart und angekündigt werden, in dem von dem ganzen vorangegangegen Kram nicht mehr die Rede sein sollte. Leider verliefen diese Pläne im Sand, da nach einigen Wochen ohne Korrespondenz Kevin Presmann auf Nachfrage unsrerseits die Nachricht übermittelte, der Producer hielte es für keine gute Idee, das Interview zu machen.

Der Künstler- und Musikerberuf bringt es nun mal mit sich, dass Tätigkeiten, die in der Öffentlichkeit stattfinden, auch von Medien begleitet werden. Und wenn man wiederholt negativ auffällt, sollte man, wenn man um ein gutes Ansehen bemüht ist, sein eigenes Handeln hinterfragen, bevor man allein die Berufsgruppe der Journalisten für schlechte Schlagzeilen verantwortlich macht. Ein Interview auszuschlagen, das endlich reinen Tisch machen sollte, war da vielleicht wieder nicht die beste Idee.

Trotzdem bedanken wir uns an dieser Stelle bei Kevin Presmann und ILLUMENIUM. Schließlich war der Umgang miteinander respektvoll und aufgeschlossen. Diese Musiker sind zwar bestimmt keine Unschuldslämmer, aber mit Sicherheit sind sie auch nicht die dunkelste Bedrohung seit Darth Vader und dem Aufstieg des Imperiums! Nichtsdestotrotz hoffen wir, dass dieser Artikel dazu beiträgt, dass verärgerte Leser selbst einen problematischen Sachverhalt von verschiedenen Seiten beleuchten. Dass sie sich fragen: "Ärgere ich mich über eine bestimmte Band, weil sie mir wirklich Schaden zugefügt hat und mir Angst machte? Oder vielmehr weil irgendwo geschrieben steht, dass sie böse und gemein sind?"

Unser STORMBRINGER Tipp des Tages lautet: Wenn ihr ILLUMENIUM Mitgliedern auf der Straße begegnet (denn sie sind ja die "All-Time-Touring"-Band Nummer eins), und sie euch ansprechen um nach eurer Meinung zu fragen, oder euch eine CD anbieten, dann nutzt diese Gelegenheit für ein ehrliches, ruhiges und respektvolles Gespräch. Wer über 38.600 (Stand: Dezember 2017) Facebook-Likes hat, der kann mit Sicherheit auch ganz charmant sein.
 

Machen bei einem melodischen Liedchen die beste Figur: ILLUMENIUM


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: ACCEPT - Symphonic Terror
ANZEIGE