Flusensieb #15 - 10 kurze Reviews

Veröffentlicht am 19.12.2017

Willkommen im Flusensieb, dem Ort, an dem immer wieder zehn Platten hängenbleiben, die im Stormbringer bisher keine Aufmerksamkeit erhalten haben. Diesmal begleiten wir Super Mario auf Abwegen, eine bluesige Groove-Röhre zu einem rauschenden Wasserfall, eine Hasswalze nach Dresden 1917, einen Sternhagelvollen auf eine transzendentale Elektro-Reise und eine Obskurität in die Durchschnittlichkeit. Das reicht dir nicht? Was willst du denn noch? Was? Sorry, das haben wir nicht! Aber wie wäre es mit einer Grindecore-Zuckerkirsche obendrauf? Viel Spaß!

 

HEPTAEDIUM – How Long Shall I Suffer Here?

Mario und Peach lebten eben nicht glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende, sondern Mario merkte schon bald, dass er rennen und springen musste, statt seiner geordneten Gas-Wasser-Scheißarbeit nachzugehen. Er fragte sich: „How Long Shall I Suffer Here?“, verließ Peach, freundete sich mit Bowser an und nahm fortan ungeheure Mengen an Pilzen zu sich. Zum Glück für den Fan interessanter Musik! Denn zu seiner Nintendo-Chiptune-Mukke gesellten sich Mathcore, Dubstep, Djent, Progressive Metal und mehr – gesangsfrei und total außer Kontrolle. Der neue, freie Metal-Mario zog nach Paris, nannte sich Florent Lambert und gründete HEPTAEDIUM, um endlich genau das zu tun, worauf die Welt gewartet hat! True Story! (jazz)

 

PRISTINE – Ninja

Wenn eine einzige weibliche Röhre mit so viel Blues-Power versehen ist, dass es für eine ganze Stadt reichen würde, und die hinter dem Rotschopf stehende Band so viel Groove zutage bringt, dass selbst das hinterste Ohrknöchelchen zu twisten, zu tanzen und zu beben beginnt, dann hat man es wohl geschafft, sich PRISTINE anzuhören. Die aktuelle Scheibe „Ninja“ schleicht sich an und haut voll rein und selbst unter den momentan hervorbrechenden weiblichen Power-Röhren tut sich PRISTINE durchaus durch noch mehr Rock und noch mehr Groove hervor. Hier wird alles auf Maximum gedreht. Und das ist gut so. (lisi)

 

GLASS MIND – Dodecaedro

Die mexikanischen GLASS MIND beweisen mit „Dodecaedro“ nicht nur, dass kein Vocalist von Nöten ist, sondern lassen vermuten, dass ein solcher sogar stören könnte. Die eher entspannt verspielte, nur hier und da ins Aufregende hineinragende Musik limitiert sich nicht durch Texte oder Gesangsarten, die die Zuhörer spalten könnten. Vielleicht ist das sogar die größte Stärke der Mexikaner, die nun nach sechs Jahren ihre zweites Album herausbringen. Einschlagen wie eine Bombe wird „Dodecraedo“ zwar eher nicht, aber eine gemütliche Bank kann man an diesem schönen Wasserfall schon aufstellen. Es kann nicht schaden, wenigstens knappe 40 Minuten darauf sitzenzubleiben. (jazz)

 

STILLBORN – Nocturnals

Nach vierzehn Jahren unterirdischer Kontemplation schwedischer Radieschen buddelt sich die Grabesstimme der Gothic-Doom-Legenden STILLBORN aus dem Torfboden ans Licht. Und zwar in Dresden. Im Jahr 1917. Auch dort war's ohne Weib schon langweilig – was liegt da näher, als Lorelei, die untote Schnackse, zu lobhudeln? Mit „Nocturnals“ gelingt eine ebenso melodische wie ironische Preisung der Finsternis, die nicht nur euer kleines, schwarzes Herz auftaut, sondern auch das Tortenbuffet der nächsten Beerdigung, auf der Onkel Gisbert das erste Mal öffentlich ein kleines Schwarzes tragen wird. Go for it, Gisbert! (DH)

 

THE CONVALESCENCE – This is Hell

Manchmal hört man sich so durch die post-post-progressiven Sounds des modernen Metals und stellt erst fest, wie sehr einem die ungebremste Hasswalze des Deathcore gefehlt hat, wenn man „This Is Hell“ von THE CONVALESCENCE mit einem gezackten Schlagring in die Ohrmuschel gepierct bekommt. Dass die Techniker dabei ihr Handwerk eher auf dem Level Mathcore beherrschen, das auch zeigen und Genregrenzgänge – viel Tech Death, aber auch Metalcore bis Screamo – nicht scheuen, hebt die Platte von „Kann man gut mal reinhören!“ auf „Sollte man sich mehr als einen Durchlauf lang geben!“. Genau so darf die nächste Generation Deathcore klingen! (jazz)

 

JACKS FULL – Jacks Full

Jack ist voll! Sternhagelvoll! Der Gute hat sich erneut in seine Stammkneipe verbissen und hält Ausschau nach hochkarätigem sonoren Zeug und hochprozentiger akustischer Destillier-Kunst. Zuerst schüttet er sich aber bis obenhin zu mit Groove-Beer und einem blues-rockigem Mix direkt aus dem Sangria-Messbecher. Dann kotzt er ganz ungeniert die volle Dröhnung an erstklassiger Rock-Party und Ohrwurm-Tracks unters Volk. Dass der kräftige Strahl die ein oder andere Schwankung zeigt, sei dem armen Jack gegönnt, rockt er sich immerhin sonst schon die Seele aus dem Leib, ohne dass das Party-Volk auch nur das geringste Mitleid hätte. (lisi)

 

PARATRA – Genesis

1968 fiel im indischen Mumbai ein zotteliger Blumen-Bus-Bewohner tief genug in den Kessel mit Halluzinogenen, sodass er bis heute trippig auf seine Gitarre sabbert. Auf seiner „transzendental-spirituellen Reise in die nächste Welt“ – das bedeutet das Sanskritwort PARATRA – bedient er sich bei „Electronic“ und „Rock“, den beiden Platten aus dem Debüt-Doppel-Album „Genesis“. Reichlich fernöstlich angefolkt – Guitar meets Sitar – macht er seinen Rausch auch für den geneigten Hörer erlebbar. Das ballert zunächst recht polychrom auf den akustischen Sehnerv, aber der Körper gewöhnt sich schnell an den weirden Elektro Metal (CD1) und es bleibt solider Rock mit Indien-Flair (CD2). (jazz)

 

MASCHARAT – Mascharat

In einem durchschnittlichen Wald bei durchschnittlichem Wetter und durchschnittlicher Beleuchtung stehen durchschnittlich knorrige Bäume mit durchschnittlich null Blättern an ihren durchschnittlichen Zweigen. Irgendwo wird Durchschnittsokkultismus betrieben. Das klingt ziemlich durchschnittlich? Mehr oder auch weniger liefern die italienischen Black-Metaller MASCHARAT auf ihrem Debütalbum „Mascharat“ nicht ab. Das ist weit entfernt von schlecht, aber auch leider so überhaupt nicht herausstechend. Überraschendes Fazit: durch und durch und durch und durch durchschnittlich. (jazz)

 

FIVE THE HIEROPHANT – Over Phlegeton

Treten Sie ein in das Zirkuszelt der Obskuritäten. Machen Sie sich bereit für eine musikalische Reise in eine fließende Welt aus Schatten und Düsternis, durchbrochen von schneidenden Neonfarben. Sie können sich fallenlassen in eine Wolke aus dichtem Psychodelic, sich betten lassen von dunklen Jazz-Deckelungen und werden lediglich von dann doch ungewöhnlich passenden Outsider-Klängen am kompletten Wegdriften gehindert. „Over Phlegeton“ von FIVE THE HIEROFHANT ist düster, ungemütlich und doch einlullend, mächtig genug, um das ganze Sein voll in seinen Bann zu ziehen. (lisi)

 

LENG TCH'E – Razorgrind

Die Platte heißt „Razorgrind“ und kommt 15 Jahre nach dem Debüt „Death by a Thousand Cuts“. Das Thema ist bei LENG TCH'E also konsistent. Der Stil allerdings weniger Grindcore, als man erwarten könnte. Ja, vereinzelt finden sich Anleihen des Genres, aber nicht wirklich weniger ist der Death Metal rauszuhören. Besprenkelt mit Hardcore und Thrash Metal. Dabei wird ohne Umwege eine ganze Elefantenherde durch den Porzellanladen geschickt, alles in Grund und Boden gekloppt, durchaus Stil beibehalten, aber nicht wirklich etwas geschaffen, was im Ohr bleiben möchte. Schade Schokolade! Erklärung für die Schokolade-Anspielung: LENG TCH'E kommen aus Belgien. (jazz)

Mehr Flusensieb!


WERBUNG: Hard
WERBUNG: Rockhouse Bar