Flusensieb #17 – 10 mal Metal

Text: Jazz
Veröffentlicht am 01.02.2018

Das Flusensieb feiert mit der #17 am 1. Februar 2018 seinen einjährigen Geburtstag. Jazz Styx dankt allen Lesern, Autoren und vor allem den Bands, indem er zehn weitere Platten in aller Kürze vorstellt. Von klingonischen Instrumentalklängen, Gorilla-Testosteron und Keyboard-Alice über sonnige Facetten, kognitive Dissonanzen, Winterwindtraumklänge und vulgären Spaß-Deathcore bis hin zu französischem Spitzenmetal, deutschem Live-Punk und alaskischem Alternative Metalcore. Die Palette ist bunt und reicht von uff bis yeah! Viel Spaß!

 

THE KAHLESS CLONE – Our Never-Ending Loneliness

Kahless ist größter Krieger und Gründer des Klingonischen Reichs. Sein Klon wird für den zurückgekehrten Kahless selbst gehalten. Eine recht wertvolle Täuschung für die Kriegerrasse. (Siehe „Star Trek: The Next Generation“, 6x23: „Reightful Heir“.) Die Band aus Chicago erzeugt nicht, wie die Klingonen vor allem, tumben Krach und singt erst recht keine klingonischen Arien, sondern macht leicht düstere, gefühlvolle Instrumentalmusik, die manchmal Züge von Atmospheric bis Cascadian Black Metal trägt und manchmal in den Post-Rock eintaucht. „Our Never-Ending Loneliness“ ist eine gelungene, wenn auch nicht unbedingt überwältigende zweite EP von THE KAHLESS CLONE. (jazz)

 

S-TOOL – Tolerance 0

Ville Laihala, bekannt durch SENTENCED und POISONBLACK, lässt seine neue Band S-TOOL nun mit dem Album „Tolerance 0“ debütieren. Seine hervorstechende Stimme dominiert den modernen, rockigen Heavy bis Thrash Metal, wirkt aber auch ein wenig festgefahren. Der Sound tut es ihm gleich: Zwar treibt die patriarchale Gorillabrust-Rockigkeit munter die Testosteronproduktion an, aber am Ende klingt die ganze Platte nach nichts Neuem und nichts Besonderem. Mehr Ecken, mehr Kanten, mehr Eigenständigkeit hätte die Finnen aus dem Einheitsbrei herausfischen können, in dem die kurzen 36 Minuten von „Tolerance 0“ vor sich hinschwimmen. Solide, mehr nicht. (jazz)

 

TNNE – Wonderland

2011 wurde NO NAME aufgegeben, aber es bildete sich bald THE NO NAME EXPERIENCE, kurz TNNE. Auch die neue Luxemburger Formation macht Progressive Rock bzw. Neo-Prog. Das zweite Album seit der Neugründung hört auf den Namen „Wonderland“ und klingt auch so, ohne sich dabei zu tief in Alices Welt zu verirren: verspielt, aber nicht verrückt. Der wundervolle Song „Katrina Killed The Clown“ höhepunktiert die Platte, deren Keyboardspiel man lieben oder leicht over-the-top finden kann. Leichter zu rauchen sind die Saxophon- und die Gitarrenspiel-Pfeife. Für Prog-Lover ist eine Reise ins „Wonderland“ quasi Pflicht, für viele andere ist es sicherlich auch einen Trip wert. (jazz)

 

NUMP – Sun Is Cycling

Morgens geht die Sonne auf, eröffnet einen jungen, verspielten und lebhaften Tag – Progressive Rock/Metal. Gegen Mittag kommt ihr Licht strahlend auf der Erde an, leuchtet jeden Winkel aus und lockt die meisten Menschen aus den Häusern – poppiger Rock. Gegen Abend wir die Stimmung etwas zwielichtiger und rauer, eine kühle Brise zieht auf, ein Bierchen kommt auf den Tisch – Alternative Rock/Metal. In der Nacht ist es dunkel, grau ziehen Gestalten umher, irgendwo Schreie – grooviger Modern Metal. Und dann geht sie wieder auf, die vielfältige Sonne von NUMP. „Sun Is Cycling“ zeigt so viele verschiedene Facetten und bleibt trotzdem in sich konsistent. Glückwünsche nach Würzburg! (jazz)

 

NEUROTIC MACHINERY – Cognitive Dissonance

Pro: Die talentierten Tschechen von NEUROTIC MACHINERY beherrschen ihre Instrumente und beeindrucken im Metal, vor allem aber im Progressiven und Experimentellen bis hin zum Jazzigen. Die vielen Tempowechsel, das Post-Metallische und die Abwechslung machen richtig Spaß. Contra: Partiell ist das deathige Grunzen nicht so stark, wie es sein könnte. Außerdem bleibt wenig hängen oder lädt dazu ein, „Cognitive Dissonance“ wieder und wieder zu hören, ohne dass es klar auszumachen wäre, woran es fehlt. Schade. Es macht richtig Laune, wird aber wahrscheinlich bald vergessen sein – leider. (jazz)

 

BATTLE DAGORATH – II – Frozen Light of Eternal Darkness

Der Weltraum, unendliche … Dunkelheit! Nichts als Dunkelheit! Knappe 80 Minuten unendlicher, leicht spaciger, tragend schwerer, monotoner Atmospheric bis Ambient Black Metal. Was fürchterlich klingen mag ist eine bedrückend-beeindruckendes Meisterwerk in der Darstellung des kosmischen Nichts. Das klingt immer noch fürchterlich? Dann sind die amerikanisch-schweizerischen BATTLE DAGORATH mit ihrem fünften – nicht zweiten – Album „II – Frozen Light of Eternal Darkness“ nicht die richtige Band für dich. Wenn eisiger Winterwind durch die blattlosen Äste einer alten Friedhofseiche rauscht, träumt er von dieser entzückend unaufgeregten Platte. (jazz)

 

BROJOB – Talk Shit Get Kissed

BROJOB – Fellatio unter männlichen Freunden – lässt sich als Band wohl am besten durch ein Zitat erläutern: „You're not a real man unless you know how to deep throat someone's balls up your ass!“ Natürlich ist das – wie schon der Bandname – Blödsinn. Aber eben nicht nur. Das sonst vorherrschenden Männlichkeitsgehabe im Deathcore wird umgekehrt und ad absurdum geführt. Schön, dass gerade bei einem solchen Projekt Genregrößen wie CJ McMahon von THY ART IS MURDER zu den Gaststars gehören. Da stört es auch nicht besonders, dass die Musik nicht überdurchschnittlich ist und das Album erhebliche Schwächen hat. „I wanna use your cock as a snorkel and swimm in the sea of your ass!“ (jazz)

 

GRAVITY – Noir

GRAVITY machen mit ihrem dritten Album „Noir“ vor, wie rund ein Album trotz großer Genrevielfalt sein kann. Ihr Trick ist es, Genres wie Progressive Metal, Djent, Metalcore, Deathcore, Melodic Death Metal und Modern Metal überwiegend einfach gleichzeitig stattfinden zu lassen. Heraus kommt eine musikalische Planierraupe, die gleichzeitig sowohl unkompliziert, stringent, konsequent und eingängig als auch vielseitig, komplex, aufregend und faszinierend über den Hörer hinwegwalzt. Frankreich macht mit GRAVITY mal wieder deutlich, in welch großartige Richtungen sich der Metal nach wie vor entwickeln kann. (jazz)

 

TERRORGRUPPE – Superblechdose

Rotziger als ein deutsch dahingebrülltes Punk-Album ist wohl nur ein entsprechendes Live-Album in 2-CD-Länge. Die TERRORGRUPPE produziert dieses leider manchmal recht stadionrockige, vokalgesanglastige, repetitive Mitsingprogramm schon seit den frühen 1990ern, hatte aber wohl von 2005 bis 2013 selbst keinen Bock mehr darauf. In den besten Momenten erinnert das musikalische Begleitprogramm zu den uninteressanten Ansagen mal an WIZO, mal an DIE ÄRZTE. Viel mehr als einen hübschen Erinnerungsauffrischer liefern MC Motherfucker und seine Truppe mit „Superblechdose“ eher nicht. Dennoch ein mindestens zu zwei Dritteln wohlgesonnenes „Fick dich, du Arschloch!“ von mir für den Punk. (jazz)

 

36 CRAZYFISTS – Lanterns

Metalcore. Mit diesem Wort kann man viele Metaller verschrecken. Bei „Lanterns“, dem achten Album der alaskischen 36 CRAZYFISTS, wäre das aber schade. Zwar hört man bei den Jackie-Chan-Fans den Metalcore noch heraus, aber vielmehr ist ihr Sound geprägt vom Alternative Metal. Das klingt stark, vielseitig, dreckig, metallisch, gefestigt und so gar nicht nach den Metalcore-Boyband-Klischees, die den Hörer vielleicht einen Bogen um diese Platte machen lassen. Hier lohnt der Sprung über den unangenehm vorausgeworfenen Genreschatten – oder wie funktionieren diese Sprichwörter noch gleich? Hier wird jedes Headbangen auch zu einem bestätigenden Zunicken! (jazz)


Mehr Flusensieb!


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