MUSIK OHNE MENSCHEN - Neuronale Netze komponieren den Soundtrack der Zukunft

Veröffentlicht am 12.02.2018

 

„HAL, spiel einen Song von MEGADETH!“
„Sorry, Dave. Ich fürchte, das ist nicht gut für deinen Blutdruck – ich habe etwas Gesünderes für dich komponiert!“

 


Der will doch nur spielen...

Seit wenigen Jahren erst, wird das Thema künstliche Intelligenz (KI) auch außerhalb der Wissenschafts-Community rege diskutiert. Befeuert haben dies jüngste Entwicklungen sogenannter neuronaler Netze, die durch das Konzept des Deep-Learning in Bereichen brillieren, von denen wir Menschen lange Zeit glaubten, die unangefochtene Alleinherrschaft über sie zu besitzen. Angefangen hat alles mit den ersten Schachcomputern, die zunächst durch das Befolgen programmierter Wenn-Dann-Regeln und die Auswahl des am besten geeigneten, zur Verfügung stehenden Spielzuges reagierten. Lange Zeit wusste ein Computer, vereinfacht dargestellt, also das, was seine menschlichen Programmierer wussten und konnte diese Informationen höchstens schneller verarbeiten. Inzwischen sind neuronale Netze auch domänenübergreifend (also nicht nur spezifisch auf ein konkretes Spiel bezogen) in der Lage, sich eigene Spielzüge „auszudenken“: Im Dezember 2017 gelang es dem Programm AlphaZero binnen 24 Stunden, sich nur durch Kenntnis der Regeln und das wiederholte Spielen gegen sich selbst, übermenschliche Fertigkeiten in drei der komplexesten Spiele (Schach, Shogi und Go) anzueignen.

Echte Kunst gehorcht doch keinen Regeln, oder?

Spiele haben, mögen sie intellektuell für den Menschen noch so herausfordernd sein, eines gemeinsam: Sie folgen eindeutigen Regeln. Dies macht sie berechenbar. Die größte Herausforderung besteht für die Erschaffer künstlicher Intelligenzen bisher eher darin, in Bereiche vorzudringen, die für Menschen zwar sehr einfach sind, für die aber neben sehr komplexen Regeln scheinbar ungreifbare und typisch menschliche Phänomene wie Intuition oder Phantasie vonnöten sind, wie beispielsweise bei der Gesichts- und Spracherkennung - oder aber bei kreativen Leistungen. Hier hat sich in letzter Zeit bahnbrechendes ereignet. Wer nach den ersten, eher rumpeligen Versuchen, Computer musizieren zu lassen, kurz vom Eichhörnchen im Garten abgelenkt wurde, den trifft es nun also auch im kompositorischen Bereich:

Eigenständig von künstlicher Intelligenz komponierte Musik! Das wirklich erstaunliche ist jedoch, dass sie von aus menschlicher Feder stammender Musik nicht zu unterscheiden ist - zumindest dient dieses Versprechen als unwiderstehlicher Clickbait, wirklich erforscht ist dieser Umstand noch nicht. „FlowMachines“ (dahinter steckt das SONY CSL Research Lab) stellen drei KI-komponierte Songs zur eigenen Meinungsbildung bereit, der am meisten verbreitete davon („Daddy’s Car“) ist ein gefälliger Radiopop-Titel der sich am Stil der Beatles orientiert.

Dabei ist ein Missverständnis aufgetreten, das zum einen aus Sensationslust bewusst befeuert wurde, aber auch aufdeckt, wie sehr diese beiden Komponenten in der Vorstellung vieler Menschen miteinander verwoben sind: Viele Leser der dazu veröffentlichten Artikel scheinen davon auszugehen, alles zu Hörende wäre von einer KI erschaffen - das ist aber nicht so. Allein die kompositorische Leistung fällt in diesem Fall „dem Computer“ zu, der mit Datensätzen bestehender Musikstücke auf einen bestimmten musikalischen Stil trainiert wurde. Das Arrangement, der Gesang und die Lyrics wurden zudem von ziemlich menschlichen Individuen erarbeitet. Es gibt allerdings auch jetzt schon Programme, die tatsächlich komplette Songs und fertig abspielbare Musik produzieren. Doch dazu später mehr.

Black-Metal, Math-Rock und die Ästhetik KI-generierter Musik

Ein Großteil der modernen Popmusik, bedient sich aus einem sehr übersichtlichen Fundus möglicher Akkordfolgen - nämlich solchen die wir als „schön“ empfinden. Dieser Umstand ermöglicht es, Deep-Learning-Algorithmen in Form von Zahlenwerten beizubringen, welche Tonkombinationen allgemein als harmonisch wahrgenommen werden. Diese Regeln sind auch auf viele Metal-Stile anwendbar, egal ob dazu jemand Arien schmettert oder röhrt wie ein einsamer Hirsch. Kompliziert wird es erst bei Genres, die auf eine viel größere Bandbreite als akzeptabel geltender Ton- und Rhythmus-Kombinationsmöglichkeiten zurückgreifen können, man denke dabei beispielsweise an Jazz. Auch das klappt schon längst. Wie wäre es dann mit Black-Metal? Zack Bukowski und CJ Carr beschreiben in ihrem Paper „Generating Black Metal and Math Rock: Beyond Bach, Beethoven, and Beatles“, dass sie das folgende Album erschufen, indem Sie ein neuronales Netzwerk mit unzähligen kleinen Soundfiles der New Yorker Extreme-Metal-Band KRALLICE fütterten. Der Künstler hinter dem Albumcover ist übrigens ebenfalls ein solches Netzwerk.


Die für diese Genres typischen, langfristig angelegten Progressionen in der Komposition und schnellen Themenwechsel, konnten durch ein neuronales Netzwerk imitiert werden, dessen Komplexität sogar die eines Netzes zur Spracherkennung übersteigt. Positiv überrascht zeigten sich die beiden Entwickler von der dabei entstehenden, ganz eigenen Schönheit der KI-Musik:
Obwohl wir eigentlich eine realistische Nachbildung der Originaldaten erreichen wollen, wurden wir von der ästhetischen Qualität seiner Unvollkommenheiten erfreut. Solosänger wurden zu einem üppigen Chor gespenstischer Stimmen, Rockbands zu Cubist-Jazz, und Kreuzungen mehrerer Aufnahmen zu einer surrealistischen Klangchimäre. Wegweisende Künstler können das ausnutzen, genauso wie sie den Vintage-Sound analoger Störgeräusche in Produktionen ausnutzen.“

Die Krone der Schöpfung...der Schöpfung

Es liegt an uns Nutzern, die bald auf uns zu kommenden Technologien als Demütigung oder Chance zu begreifen. Ein Produkt der Kreativität des Menschen als Kreativitätskonkurrenz aufzufassen kann – neben dem Schmollen einiger Angstpatienten – auch genau die dringend benötigte Böe sein, die die Musiklandschaft wieder mit Sauerstoff versorgt. Vielleicht, weil wir uns entscheiden, dass KI die bessere Musikerin ist oder aber viel wahrscheinlicher, weil sich damit ganze Universen neuer Möglichkeiten für menschliche Musikproduzenten eröffnen.

Auf der nächsten Seite erfahrt ihr, in welchem Anwendungskontext sich von künstlicher Intelligenz generierte Musik geradezu anbietet und welche Software dafür schon jetzt verfügbar ist.


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: KI-Musik-Software und ihre Anwendungsgebiete


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