Blut, Beuschel und Romantik: Die große PUNGENT STENCH Werkschau

Veröffentlicht am 07.05.2018

Lassen Sie uns einmal über Ihre sexuellen Vorlieben reden. Sind Sie auch ein bisschen... anders? Extremer? Nehmen Sie gerne zum Zwecke der Kopulation abgetrennte Leichenteile mit ins Liebesnest, oder möchten Sie gleich in trauter Zweisamkeit mit dem vollständigen, erkalteten Kadaver versinken? Lieben Sie den Geruch von Verwesung, vermischt mit dem herben Geruch von Leder und können Sie sich nichts Schöneres vorstellen, als beim lustvollen Akt höchster Ekstase von  Ihrer Liebsten ausgepeitscht zu werden? Wo, wenn nicht zu den romantischen Klängen von PUNGENT STENCH, wären diese hochphilosophischen Fragen besser aufgehoben? (Zugegeben, Teile dieser Einleitung sind abgekupfert, aber es passte gerade so schön.)

Die Geschichte der Band ist so wechselhaft wie ihre musikalischen Ausgeburten: Vom räudigsten Todesgrind der Frühwerke bis hin zu groovigem Death'n'Roll der letzten Veröffentlichungen spannt sich der stilistische Bogen und auch textlich haben PUNGENT STENCH einiges zu bieten. Am hervorstechendsten ist hier sicherlich der hintergründige, tiefst morbide Humor, mit dem das Trio seine Lyrics immer wieder würzt und dem Hörer ein ums andere Mal die abartigsten Ausgeburten der menschlichen Psyche präsentiert – von Schlachthausfantasien bis hin zu bizarrsten SadoMaso-Praktiken.

Nicht zuletzt begründet sich die wechselhafte Geschichte von PUNGENT STENCH aber auf die mehrmaligen Auflösungen (1995, 2007) und Wiedervereinigungen (1999, 2013), aus denen Martin „El Cochino“ Schirenc als einziges Gründungsmitglied übriggeblieben ist. Aufgrund rechtlicher Streitigkeiten, beziehungsweise der Vermeidung derselben, firmiert die 2013 neu formierte Gruppe deswegen unter den Namen THE CHURCH OF PUNGENT STENCH und zuletzt SCHIRENC PLAYS PUNGENT STENCH. Trotz anderen Namens ist aber noch immer das Gleiche drin: Nämlich die liebgewonnenen Kult-Slasher in Reinkultur, die zwischen Schock und Bizarrheit erschrecken und unterhalten.


1990 - "For God Your Soul... For Me Your Flesh" (Re-Release 16.03.2018)
 

Und das wirft uns auch schon mitten hinein ins krankhaft-morbide Universum von Martin „El Cochino“ Schirencs PUNGENT STENCH, die 1990 mit dem Debüt „For God Your Soul... For Me Your Flesh“ die breite Öffentlichkeit mit einem Cover aus abgetrennten Gliedmaßen ein wenig brüskieren konnten. Herrlich räudiges Gerumpel, ohne jegliche Melodien oder gar liebliche Klänge, markierte den Beginn dessen, was später einmal zu österreichischem Kult werden sollte. Knackiger Todesmetall, gewürzt mit einer Suppenkelle Grindcore, dazu Lyrics die sich ein wenig wie das humoristische Tagebuch eines Psychopathen lesen – fertig ist ein Mix, dessen grässlicher Faszination und abgrundtiefem morbidem Charme man sich kaum entziehen kann. Auch die deutschen Behörden nicht, die das Album verspätet im Jahre 1995 indizierten...

Als Re-Release kommt das gute Stück in einer 2-CD-Edition einher, als Originalaufnahme (Lärm, Baby, feinster Lärm!) und als überarbeitete Version (ganz ehrlich - der Unterschied ist wirklich nur marginal...), beides zusätzlich mit einer unüberschaubaren Menge von 20 (!) Livesongs ausgestattet. Ob man das alles nun braucht, steht auf einem eigenen Blatt, doch die Oldschool-Fetischisten werden angesichts dessen wohl frohlocken.


1991 - "Been Caught Buttering" (Re-Release 16.03.2018)


Einen Schritt weiter gingen PUNGENT STENCH danach mit ihrem Zweitling „Been Caught Buttering“, dessen Cover den halbierten Kopf einer Leiche zeigte, drapiert in romantischer Kusspose. Nach Meinung vieler ist das zweite Album der Wiener Sicko-Gruppe auch das beste ihrer Karriere – so, wie die Essenz des Oldschool-Todesmetall klingen sollte: Räudig, ungehobelt, roh und abgrundtief gemein. Selbst die raue Produktion, mit verwaschenem und dumpfem Klang, etwas, für das man heutige Nachwuchsbands vermutlich mit dem nassen Fetzen durch die Stadt jagen würde, unterstützt die Attitüde des Albums. Dass sich das Trio hier keinen Deut um irgendetwas scherte und einfach nur einen riesen Spaß an dem Getrümmer hatte, das quillt aus jeder Ecke des Albums und bescherte der Metalwelt unvergessene Titel wie „Shrunken & Mummified Bitch“ oder „Splatturday Night Fever“.

Als Re-Release lockt „Been Caught Buttering“, neben den neun bekannten Trümmerwerken, überdies mit zwei Bonustracks und sechs Live-Songs. Das Remastering sorgt für einen nur etwas klareren Klang als am Original, lässt aber noch genügend Raum für die Bedienung der Krawalllegionen und scheppert selbstverfreilich wie Sau.


1993 - "Dirty Rhymes & Psychotronic Beats" (Re-Release 16.03.2018)


Weiter ging die Geschichte 1993 mit der EP „Dirty Rhymes & Psychotronic Beats“ und einem neuen kontroversen Cover, mit einer wohlgeformten Venus von Willendorf im Psychomodus – nackend und blutverschmiert, natürlich. Sonst wären es ja nicht PUNGENT STENCH, die da sieben weitere Sicko-Songs auf die Menschheit losließen.

Im Re-Release gibt es sechs Bonus-Tracks auf die Rübe, davon fünf Live-Songs, das ganze natürlich erneut remastered, etwas geklärt, aber nicht poliert.


1994 - "Club Mondo Bizarre - For Members Only" (Re-Release 16.03.2018)


Den endgültigen Schritt in die lustvollen Abgründe des menschlichen Sexualverhaltens taten PUNGENT STENCH auf „Club Mondo Bizarre – For Members Only“ , aufgrund dessen geschmackvollen Covers (rückwirkend betrachtet – faszinierend, womit man vor mehr als 20 Jahren noch für Aufregung sorgen konnte...) die deutsche Zensurbehörde schon vor Veröffentlichung des Albums das Messer wetzte. Die mörderischen Midtempo-Death-Walzen des Albums transportieren dabei auch weiterhin die bodenständige Schlichtheit, für die PUNGENT STENCH bekannt sind. Und man merkt auch weiterhin, dass die drei bösen Buben aus Österreich höllischen Spaß bei dem haben, was sie da fabrizieren... nämlich morbide Ästhetik vom Feinsten, dieses Mal mit thematischem Schwerpunkt auf die Fetische Amelotatismus (Deformationsfetischismus) und Apotemnophilie (Sexuelle Vorliebe für Amputationen). Wofür es alles Fachausdrücke gibt... man lernt eben nie aus.

Wie schon bei den vorherigen Re-Releases, gibt es auch hier wieder eine Latte an Bonustracks obendrauf, vornehmlich aus dem Live-Sektor. Als Komplettist gibt es hier also absolut nichts zu meckern, zumal das Remastering hier einigermaßen gegriffen hat und dem Scheibchen doch mehr Druck als dem Original spendiert hat.


2018 - "First Recordings" (Release 16.03.2018)


Nach den „First Recordings“ werden sich die Freunde gepflegten Retro-Krawalls vermutlich alle zehn Finger schlecken, gibt es doch hier, nebst den unvermeidlichen Live-Bonustracks, die komplette prä-90er-Breitseite von PUNGENT STENCH – sowohl den STENCH-Beitrag zur Split-EP mit DISHARMONIC ORCHESTRA als auch die „Extreme Deformity“-EP und das komplette „Mucous Secretion“-Demoalbum von 1989. Ein wahres Trümmerfest also, ein Titel räudiger als der andere, aber immer mit dem morbiden Humor, für den PUNGENT STENCH bekannt sind und der ihnen auch ihren Kultstatus einbrachte – nicht nur im heimatlichen Österreich.


2001 - "Masters Of Moral, Servants Of Sin"


Im Re-Release-Reigen klafft jedoch eine (unverständliche) Lücke – denn sowohl die 1997 als angekündigtes letztes Kapitel der Bandgeschichte veröffentlichte Compilation „Praise The Names Of The Musical Assassins“, als auch das kurz nach der Wiedervereinigung 2001 veröffentlichte „Masters Of Moral, Servants Of Sin“ sind hier nicht vertreten. Fairerweise muss  man allerdings sagen, dass sich ein Gutteil des Materials (wenn nicht sogar alles) von „Praise The Names Of The Musical Assassins“ in den „First Recordings“ und den Bonustiteln der einzelnen Re-Releases wiederfindet. Dennoch ist es um das zwar etwas sperrig geratene, aber durchaus ordentlich einfahrende „Masters Of Moral, Servants Of Sin“ schade, da es ebenfalls einen maßgeblichen Teil der PUNGENT STENCH-Diskografie darstellt und somit in diesem Re-Release-Massaker nicht fehlen dürfte. Die Komplettisten wird diese Tatsache besonders ärgern.


2004 - Ampeauty (Re-Release 13.04.2018)


Was fehlt also noch? Klarerweise das 2004 veröffentlichte „Ampeauty“, das mit höllischem Groove und seinen mitgröltauglichen Refrains punkten konnte – ohne dabei natürlich die PUNGENT STENCH Trademarks außer Acht zu lassen, die da lauten: Brachiale Riffs, derbes Gerülpse und eine große Portion direkt aus den Abgründen morbiden Humors. Alleine das Wortspiel des Albentitels spricht Bände und natürlich werden auch die diversen sexuellen Abgründe und Fetische („Got MILF?“) einmal mehr hingebungsvoll ausgelotet. Auch soundtechnisch merkt man dem Scheibchen das jüngere Baujahr deutlich an, denn gegenüber dem fiesen, kultigen Getrümmer der Frühwerke gibt der Death'n'Roll der 2000er doch um einiges mehr Schub.

Bonustracks sind beim Re-Release nicht an Bord und auch am Sound musste hier nichts nachgeschraubt werden - „Ampeauty“ knallt in seiner 14 Jahre alten Form noch immer ganz gewaltig.


"Smut Kingdom" - (Release 13.04.2018)


Und dann... passiert es. Der Schmutz, der elf Jahre in der Schublade lag, wird schlussendlich doch ans Tageslicht gezerrt: „Smut Kingdom“, seit der letzten Auflösung 2007 auf Eis gelegt, kommt verspätet doch noch zu Veröffentlichungs-Ehren. Dabei gehen PUNGENT STENCH einen weiteren Schritt vom (trotzdem noch immer vorhandenen) knarzigen Todesmetall, hin zu den rockigeren Death'n'Roll-Stücken, zu denen man schon auf dem Vorgänger „Ampeauty“ grooven konnte. Die Mischung zwischen lässig-rockigen Parts und infernalischem Death-Geballer funktioniert auch hier wieder astrein, wenngleich auch der Zahn der Zeit vor PUNGENT STENCH nicht ganz halt gemacht hat. Die bizarren und grotesten Texte, das Markenzeichen der drei bösen Buben, haben sich im Laufe der Jahre doch ein wenig abgenutzt, so erzeugt das, was früher noch für Aufreger sorgte, inzwischen lediglich ein mildes Schmunzeln ob der zur Schau getragenen morbiden Abartigkeit.

Nichtsdestotrotz haben PUNGENT STENCH aber kurz vor ihrem Split ein solides Album eingetrümmert, das auch ein Jahrzehnt später noch eine klare Kampfansage an verwässerte, zu Tode produzierte Szene-Bands darstellt. Es kotzt und groovt an allen Ecken und Enden und die stilistische Achterbahnfahrt, die geliefert wird, sucht seinesgleichen, dennoch kommt es nicht ganz an den dreckigen, räudigen Charme der früheren Alben heran – dieser Zug ist einfach abgefahren, die Zeiten haben sich geändert. Das ist nicht PUNGENT STENCHs Schuld, absolut nicht, doch die Kontroverse früherer Zeiten kann und wird nicht mehr erreicht werden können. Macht es „Smut Kingdom“ deswegen schlecht? Keineswegs! Gestandene Anhänger der Kult-Truppe und jüngere Neuentdecker werden den Rund trotzdem mögen.

 


 

Als Besitzer der Originalalben kann man eigentlich von den Re-Issues getrost die Finger lassen, da bis auf „Club Mondo Bizarre“ eigentlich kein Album wirklich zwingende Qualitäten mitbringt, die es zu einem Must-Have machen würden. Speziell was den Ton angeht, bieten die Neuauflagen keine wirklichen Vorteile, zumal auch die zahllosen Live-Bonustracks in ziemlich rumpeliger Qualität daher kommen und bestenfalls für echte Soundpuristen attraktiv sein dürften. Als Neueinsteiger oder Komplettist kann man sich die guten Stücke natürlich leisten, zumal es den kompletten Backkatalog sowohl als schicke Digipacks als auch als edle LP-Editionen gibt.

Das lange verschollene, nun endlich veröffentlichte „Smut Kingdom“ kann man dafür jedem STENCHler ans Herz legen – selbst wenn es kein absolutes Überalbum ist, oder die total überwältigende Glanztat, so ist es doch ein starkes Album aus der Schmiede von Österreichs Vorzeige-Musik-Psychopathen.


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