J.B.O. - Das 'Deutsche Vita' Gangbang-Review

Veröffentlicht am 26.03.2018

Die Phase J.B.O. hat wohl jeder einmal, der mit Metal in Berührung kommt. Deswegen erfreuen sich die komödiantischen Musiker aus Erlangen auch seit eh und je anhaltender Popularität. Das letzte Album "11" ging trotz negativer Kritiken steil in den Charts und erbrachte der Truppe einen erneuten Erfolg. Die Phase des Rezensenten begann übrigens im Jahre 2004 und dauerte bis ... naja, eigentlich war sie irgendwie nie ganz vorbei. Denn obwohl Meinereins jetzt nicht in jedem Tag einen "Guten Tag zum Streben" sieht, so erfreue ich mich doch irgendwie an jeder Gelegenheit, die Franken live zu sehen bzw. neue Releases durchzuhören. Ja, ich könnte mich als Fan bezeichnen. An dem zu Grunde liegenden Konzept der Band und dem Humor gibt es also für mich nichts zu diskutieren. Allerdings ist auch mir aufgefallen, dass die Qualität der Studioalben doch sehr variabel ausfällt. Gerade zuletzt verließ man sich mehr auf Altbewährtes und zusammenhanglose Wiederholungen. Bei "Deutsche Vita" liegt nun ein loses Konzept zu Grunde, welches die Blödeleien der Rosa Armee Fraktion versucht zu kanalisieren. Das Ergebnis ist auf jeden Fall eine hörenswerte Ergänzung der eigenen Diskografie.

Das Konzept kurz umrissen: Anstatt zusammenhanglose Pop-Songs gemischt mit Sketchen und eigenen gelungenen oder weniger gelungenen Kompositionen zu kombinieren, entschloss man sich, auf "Deutsche Vita" hauptsächlich Covers zu inszenieren. Vom Grundsatz liegen wir hier mit gerade einmal zwei eigenen Stücken näher an "Explizite Lyrik", als an allen anderen Studiowerken der Band. Zudem soll dieses Mal ausschließlich deutschsprachiges Liedgut verwurschtelt werden, und zwar Stücke, welche den Bandmitgliedern persönlich etwas bedeuten. Ein interessanter Ansatz, der im Endergebnis auch zum Großteil gut funktioniert. Das PRINZEN-Cover "Alles nur geklaut" bewegt sich nahe am Original, wurde aber in einigen Details gekonnt umarrangiert und beweist lyrisch Selbstreflexion und Selbstironie. Bei "Du hast dein Smartphone vergessen" wird es dann zum ersten Mal richtig albern und im besten Sinne typisch J.B.O.. Lediglich die eingestreute Ballermann-"Lo Lo Lo"-Passage hätte nicht sein müssen. "Wer ist der Fahrer" veräppelt den SPLIFF-Klassiker "Carbonara" in perfektem J.B.O. Humor. Schön infantil, aber für Fans von einfachem Humor (wie mich) ein Fest der Lacher.

Jetzt gibt es auf "Deutsche Vita" aber auch einen Haufen an Stücken, bei dem lediglich das musikalische Grundgerüst passend zu Heavy Metal umarrangiert wurde, der Originaltext sowie die Songstruktur aber beibehalten wurden. Und hier nimmt man der Truppe tatsächlich die Liebe zum Original ab. Allen voran das "Grande Finale" von UDO LINDENBERG, welches mit seinen Riffs die Atmosphäre des Originals einfängt und verstärkt. Bitte unbedingt live bringen! Aber auch "Hurra, die Schule brennt" oder "Das Lummerlandlied" sind gelungene Hommagen, die trotz des metallischen Grundsounds wenig von ihrem originalen Charme verlieren. Das ist ein Ansatz, den J.B.O. bislang eher nicht verfolgt haben, der ihnen aber in den meisten Momenten ganz gut steht. Es erinnert ein wenig an die Bonus-Disc der TOTEN HOSEN zu "Ballast der Republik" und der dazugehörigen musikalischen Zeitreise durch deutsches Liedgut.

Auch hier ist aber leider nicht jeder Schuss ein Treffer. Die Titelmelodie von "Wickie" hätte ich jetzt nicht unbedingt als vollständigen Song gebraucht, genauso wenig wie die merkwürdige Interpretation des NDW-Hits "Blaue Augen" von IDEAL. Was soll der Gesang? Soll hier Lemmy verarscht werden oder warum das Gegröle? Bei "Nur geträumt" ist dahingehend direkt klar, welcher "Gastsänger" hier seinen Auftritt hat ("Sandmaaaaeeyyyan"). Albern wie Sau, aber Mist verdammert, ich lache! Genauso wie beim einzigen Sketch "Karneval in Sodom" und ja, als Wahlrheinländer kann ich mitfühlen.

Die beiden eigenen Stücke fallen gegen die Covers diesmal leider ab. Das Titelstück spiegelt den momentanen Songwriting-Stil der Franken wider und nervt in erster Linie mit fragwürdigen Arrangement-Ideen im Refrain. Der Text ist ganz witzig geraten, aber auch kein Schenkelklopfer. "Gewiss ist nur der Tod" ist eine simple Punk-Nummer im Stile von "Der Spatz in der Hand" vom "Sex, Sex, Sex"-Album. Tut nicht weh, ist aber auch schnell wieder vergessen.

Fazit: Nach dem "11"-Debakel geht es mit "Deutsche Vita" qualitativ wieder spürbar bergauf. Dabei ist das Konzept zur Auswahl der Coversongs, aber auch der teilweise Verzicht auf eigene Comedy-Lyrics eine echte Neuerung im Kosmos des "Bloëdsinns". So halten sich Persiflagen und Hommagen ziemlich gut die Waage. Auch wenn nicht jeder Wurf ins Schwarze trifft, so ist "Deutsche Vita" ein Beweis dafür, dass J.B.O. auch mit Album Nummer Zwölf noch immer frische Ideen ins Spiel bringen. Weiter so!

3,5/5 - Christian Wilsberg


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Walter Thanner
Seite 3: Jazz
Seite 4: Anthalerero
Seite 5: Daria Hoffmann
Seite 6: Christian Wilsberg
Seite 7: Fazit


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