Das Metalmuseum: TOOL - Lateralus

Veröffentlicht am 05.04.2018

Als wäre es gestern gewesen. Ich stiefle gelangweilt und nichts ahnend an einem Freitagnachmittag in den damals noch existenten Virgin Megastore auf der Wiener MaHü und krame in den CD-Neuigkeiten. Sofort sticht mir eine Box in schwarzem Plastik ins Auge, ich ziehe den ominösen Schuber von der CD, entnehme das Booklet aus durchsichtigem PVC mit den chirurgischen Darstellungen von Alex Grey und bin wie hypnotisiert: wenn sich jemand solche Mühe mit der Aufmachung gibt, muss die Musik wohl auch halbwegs interessant sein denke ich, und kaufe das Teil um damals wohlfeile 160 Schilling. Ich kannte TOOL, hauptsächlich aber von der ständig auf MTV rotierenden Single „Stinkfist“ vom „Aenima“-Album. Als damals noch stolzer Besitzer eines bis auf weiteres unverwüstlichen CD-Walkmans ward das Teil Tags darauf in selbigen gewuchtet, ich von einem auf den anderen Moment sprachlos, und die Welt danach nicht mehr wie vorher – vor allem meine musikalische.

Die Gemütszustände, die „Lateralus“ selbst 17 Jahre nach Erscheinen in mir auslöst, kann ich immer noch nicht in Worte fassen, ebenso wenig wie dieses ominöse Gesamtkunstwerk. Was beim Artwork beginnt, setzt sich unweigerlich in der Musik fort. TOOL sind immer mysteriös und schaffen es bis heute, ihr zentrales Werk in einer Art Halbschatten zu halten, niemand wird dieses Stück Musik jemals komplett erschließen, dieses Enigma der progressiven Musik. Schon der Opener „The Grudge“ ist alles andere als zugänglich, im Gegenteil. Der fast neunminütige Track scheint ständig auf eine Art Höhepunkt zuzusteuern, nur um von jetzt auf gleich die Richtung zu ändern, den Beat zu demontieren oder einfach nur ein Thema unendlich lange auszuwälzen. Was anderen Alben gleich zu Beginn den Todesstoß verpasst hätte, funktioniert hier wie eine Art „Magical Door“: Ist man erst mal hindurch, illuminiert sich das TOOL’sche Obskuritäten-Kabinett erst so richtig, und wie von selbst. Das vom unheilschwangeren Übergang „Aeon Blue Apocalypse“ vorbereitete „The Patient“ beginnt zart, fast schüchtern, aber dennoch hypnotisch. Auch hier verstehen es die Herren Carey, Keenan, Jones und Chancellor nahezu perfekt, Spannung aufzubauen, die Taktung gleichzeitig ungerade zu halten, um nach zwei Minuten in einem Gefühls-Ausbruch zu gipfeln – „Wait It Out, Be Patient!“ orakelt Maynard, dessen markantes, manchmal nölig klagendes Organ zumindest ein Drittel der TOOL-Magie ausmacht. Ein Motto, das diesem Album zu Gute kommt, denn hier wird Geduld belohnt.

Das vom Walgesang-artigen „Mantra“ (in Wirklichkeit ist es angeblich Keenan‘s Katze beim Schnurren in halber Geschwindigkeit!) eingeleitete „Schism“ ist wohl die sperrigste Single-Auskopplung aller Zeiten, und gleichzeitig der wohl ungelenkeste Tanzboden-Kracher in Metal-Discos vom Ural bis zu den Anden. Nichtsdestotrotz schafften es die Kalifornier mit diesem von einem unverkennbaren Bass-Riff getragenen Siebenminüter in die Hirne und Herzen so ziemlich aller Hartwurstfreunde. Wer noch nie um drei Uhr früh im Halbsuff und mit feuchten Augen in der biergeschwängerten Luft einer Kellerdisco „Between Supposed Brothers!“ geplärrt hat, hat sein Leben wohl versäumt und die Musik von TOOL nicht kapiert. Danach beruhigt „Parabol“ ein wenig unsere aufgewühlten Gefühle, nur mit ganz minimaler Instrumentierung und quasi ohne Rhythmus fungiert es vielleicht nur als Übergang in seinen großen Bruder „Parabola“, der das Thema weiterspinnt, wenngleich auch mit angezogener Härte. Hier zeigen TOOL, daß sie auch „gerade“ Takte können und klingen dabei fast so kommerziell wie zu „Aenima“-Zeiten. Da kommt die perkussiv vorbereitete Hass-Tirade „Ticks & Leeches“ gerade recht, dieser Zorn-Batzen, der mindestens jeder ungeliebten Ex-Freundin auf Lautstärke elf die Gehörgänge freilegen sollte. Der interessante Teil kommt aber in der zweiten Hälfte, wenn der Song abrupt abbremst und in windig-sphärische Gefilde driftet, bevor er in einen finalen Moment der absoluten, instrumentalen Ekstase mündet.

„Lateralis“ beginnt danach nahezu versöhnlich, verwandelt sich in einen abwechslungsreichen und nachvollziehbaren Song voller Gefühl, der sich jedoch ab 7:17 wie eine Naturgewalt vor einem aufzubauen beginnt, wie ein unaufhaltsamer Vortex der Emotionen – „Spiral Out!“ – so geht großes Musik-Kino, die Band bleibt in ihrem musikalischen Rahmen und sprüht trotzdem vor Einfällen und taktisch klugen Schichtwechslen. Das fast nur mit Bass, Percussion und einigen Gitarren-Effekten umgesetzte „Disposition“ kann man als Überleitung sehen, oder als frei schwebenden, eigenständigen Song. Diese Interpretation lassen TOOL hier offen. „Watch The Weather Change“ sinniert Maynard hier, flüstert den Text oft und fast wähnt man sich an einem mitternächtlichen Lagerfeuer mit den vier Protagonisten. Interessantes Detail: die Überleitung zu „Reflection“, in der Drummer Carey eine Murmel auf das Fell seiner Snare fallen lässt. „Reflection“ bildet dann auch den unweigerlichen Höhepunkt des Albums, auf den – jetzt, wo man die Scheibe so vor sich hat – irgendwie alles zusteuert. Nie ist es einer Band besser gelungen, einen Spannungsbogen über satte elf Minuten nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern dermaßen zu steigern, dass am Ende nur noch nasse Augen und Gänsehaut zurückbleiben. Nichts Natürliches kann diesen entrückten Schamanengesang erklären, kein irdisches Gesangsbuch hat auch nur ansatzweise die Mittel, so etwas in Worte zu fassen.

Wer danach noch was zum runterkommen braucht, der wird hier umgehend geholfen. Zwar halten viele die beiden Tracks „Triad“ (ausklingendes Instrumental, kann die Spannung vom Vorgänger-Song leider nicht so ganz halten) und „Faiip De Oiad“ (Geknarze und Ge-Drone ohne zielführenden Faden: das absolute Chaos am Ende) für unnötiges Beiwerk, im Kontext von „Lateralus“ sind sie aber unverzichtbar. Und von Füllwerk zu sprechen, wäre sowieso verwegen – TOOL sprengen bereits während „Reflection“ die Ein-Stunden-Schallmauer.

„Lateralus“ hat in all den Jahren nichts von seinem Charme, seiner Ausstrahlung, seiner Mystik verloren. Was wurde nicht spekuliert um dieses Album? Da wären geheime Codes in den Songs versteckt, die Rhythmik folgt einer Fibonacci-Reihe, dazu noch die Vorab-Verulkung von Napster-Downloadern via falschem Titel und Fake-Songlist. Zu allem Überdruss galten zumindest zwei der vier TOOLsters noch während der Aufnahmen zu „Lateralus“ als tot oder zumindest als schwul, Gerüchte, die die Band gerne mal selber in die Welt setzte um die Medien zu ihren Gunsten zu manipulieren. Was bleibt sind Fragen, damals wie heute. In einem Zeitalter der Aluhüte und Chemtrails müsste „Lateralus“ eigentlich einigen so wirklich Kopfzerbrechen bereiten, Fibonacci hier und Verschwörungstheorie da. Am Ende ist es aber vielleicht einfach nur unfassbar geniale Musik, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.


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