AMORPHIS - Das 'Queen Of Time' Gangbang-Review

Unsere Gruppenreviews sind ja in erster Linie dazu da, eine etwas differenziertere Betrachtung der vorgenommenen Alben zu ermöglichen, als das bei Single-Reviews der Fall ist. Auch die Beweggründe der Teilnehmer, mitzumachen oder es sein zu lassen, unterscheiden durchaus. Bei AMORPHIS war es nun mal an der Zeit, den ewig gehypten Finnen einen Dämpfer zu verpassen. Nicht, dass ich ernsthaft der Meinung bin, AMORPHIS sei eine schlechte Band. Im Gegenteil. Werke wie "Eclipse" oder "Skyforger" beinhalten majestätisch schöne Momente. Doch wird seit "Eclipse" jedes, aber auch wirklich jedes Album aus der Feder von Eso Holopainen, Tomi Koivusaari und Co. durch den Himmel gelobt, als wäre es die Erlösung. Was sie, gute Qualität hin oder her, einfach nicht sind - dafür haben sich zu viele generische Elemente und Wiederholungen über die Jahre eingeschlichen. So bin ich also Felsenfest davon ausgegangen, in diesem Gangbang-Artikel den Negativ-Michel zu spielen und miesepetrig das Notenniveau in den Keller zu ziehen. Tja, Leute, was soll ich sagen: Klarer Fall von "Dumm Gelaufen"! Auch nach langer Suche ist an "Queen Of Time" nichts, aber auch absolut gar nichts, auszusetzen. Nicht nur das, die Scheibe ist bislang der beste musikalische Output im Jahre 2018.

Nach dem guten, aber nicht überragendem "The Beginning Of Times" und einigen darauf folgenden Live-Auftritten habe ich das Interesse an AMORPHIS verloren. Mit Sicherheit habe ich mal in "Circle" und "Under The Red Cloud" reingehört, aber nichts, gar nichts blieb wirklich hängen. Das ist das Problem, was für mich persönlich bezüglich AMORPHIS über die Jahre gewachsen ist. Vermutlich kann und darf man nur ganz wenige Songs aus der inzwischen recht fülligen Diskografie als wirklich schlecht bezeichnen. Jedoch, und das war vor allem Live zu spüren, fehlte gerade zuletzt Dynamik. Und dann drückt man Play und die Opulenz des "Queen Of Time" Openers "The Bee" schmettert einem dermaßen entgegen, dass man an seinem eigenen Verstand zweifelt. Mächtig, symphonisch, drückend, donnernd erinnert das Stück an die letzte MOONSPELL Großtat, kann diese aber auf Grund eines dermaßen eingängigen Refrains noch toppen. Der Anteil an Death Metal Vocals von Tomi Joutsen liegt auf der kompletten Scheibe geschätzt bei 70 Prozent, was sich im kompletten Songwriting manifestiert. Mehr denn je geben die Finnen Gas, komponieren bei aller Komplexität und Detailverliebtheit mit dem Song im Hinterkopf. Vorbei die experimentellen Phasen aus "Eclipse", vorbei die Melancholie aus "Silent Waters" oder die schwelgerisch-atmosphärische Dichte aus "Skyforger" - "Queen Of Time" knallt! Beim Schreiben erwischt mich die Gänsehaut, wenn ich an das folgende "Message In The Amber" denke. Habe ich vorhin fehlende Dynamik angemängelt? Das Stück brilliert mit einer reduzierten Strophe und dreht im folkigen Refrain komplett auf - das ist Dynamik in Reinkultur. Kinderchöre sind ja so eine Sache, aber wie sie hier im Finale des Stückes präsentiert werden, sucht seinesgleichen. Ein Anwärter auf den Song des Jahres! Aber damit nicht genug, "Daughter Of Hate" ist Futter für die Prog-Heads mit seinem durchgängigen Breakbeat und gleichsam eine fantastische Melodic Death Metal Nummer, wie sie DARK TRANQUILLITY hätten nicht besser schreiben können. Dazu gesellt sich das spätere "Pyres On The Coast", eine etwas getragenere Hymne zum Niederknien! Epik pur! "The Golden Elk" tarnt sich als Gothic Rock Song irgendwo zwischen SENTENCED und HIM, bevor nach dem zweiten (wieder unschlagbar massiven) Refrain erneut mit der Prog-Keule ausgeholt wird. Diesmal gesellen sich orientalische Klänge natürlich zum Gesamtbild dazu. Man denkt eventuell an ORPHANED LAND, nur verbeugen sich AMORPHIS mehr, als das der Stil direkt kopiert wird. Der größte Hit versteckt sich indes in der Mitte des Albums, eine mächtige Faust-In-Die-Höhe Hymne Namens "We Accursed"! Eingängig, verdammt eingängig. Für AMORPHIS Puristen vielleicht zu viel des Guten. Für meine persönlichen Vorlieben genau das, was bislang gefehlt hat!

Jeder einzelne der zehn Songs klingt besonders. Jeder hat seine eigene Klangfarbe. So variabel und doch so eingängig und auf den Punkt komponiert wie "Queen Of Time" war lange kein Album. Jeder Spin offenbart neue Details, die dem Hörer beim ersten Mal verborgen blieben, sei es im Arrangement oder im Songaufbau. Bei jedem Spin kristallisiert sich ein anderes Stück als Highlight heraus, sodass unterm Strich jedes einzelne Stück für sich gesehen als Highlight betrachtet werden darf. Und dennoch klingen sie am Stück gehört am allerbesten. Dazu kommt eine bombastische, aber dennoch transparente Big-Budget Produktion, die keine Wünsche offenlässt. Ich versuche nach wie vor, ein einzelnes Haar in die Suppe zu finden und scheitere an dieser Aufgabe. "Queen Of Time" ist eines der seltenen, perfekten Alben, bei denen nicht die anfängliche Euphorie überwiegt. Es ist auch keines der Alben, die erst nach dem siebten Spin zünden. Es zündet sofort und entfaltet sich über die nächsten 20-30 Spins dennoch immer weiter. Sowas gibt es heutztage selten. Ich bin kuriert, AMORPHIS ist soeben aus der persönlichen Belanglosigkeit zurück an die Spitze der Top-Player auf dem Markt marschiert.

5 / 5 – Christian Wilsberg


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Christian Wilsberg
Seite 3: Pascal Staub
Seite 4: Anthalerero
Seite 5: Lucas Prieske
Seite 6: Lisi Ruetz
Seite 7: Sonata
Seite 8: Fazit


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