AMORPHIS - Das 'Queen Of Time' Gangbang-Review

Mit „Queen Of Time“, dem vierzehnten Album der finnischen Metalgötzen, beweisen AMORPHIS eindrucksvoll, dass an ihnen keineswegs der Zahn der Zeit nagt, sondern Progression, Experimentierfreudigkeit und Mut auch nach fast 30 Jahren Bandgeschichte noch an der Tagesordnung stehen. Etwas weniger finster, dafür aber um einiges epochaler als der Vorgänger „Under The Red Cloud“, präsentiert sich „Queen Of Time“ als eines der besten, wenn nicht sogar als das beste Machwerk ihrer gesamten Karriere. Besonders als Konzeptalbum funktioniert es wunderbar als zusammenhängende Erfahrung, in der der Hörer als stiller Begleiter einer epischen und stellenweise wundervoll verträumten, mythischen Reise beiwohnen darf.

Auch wenn es fast einer Todsünde gleichkommt, einzelne Songs aus diesem dicht verwobenen Gesamtwerk herauszupicken, drängen sich einige Höhepunkte aber unüberhörbar in den Vordergrund. Allein „The Bee“, welches die Eröffnung bildet und unverkennbar das musikalische Äquivalent zum Cover-Artwork darstellt, überrollt den Hörer förmlich mit seiner Vielschichtigkeit und seiner dichten Atmosphäre: Wenn sich raumfüllende Kehlkopfgesänge mit einer tragenden Frauenstimmte, einem treibenden elektronischen Thema und unmenschlichen Growls paaren, ist das allein das Intro. Nicht nur hier, sondern generell auf „Queen Of Time“ schaffen AMORPHIS erneut einen ausgeglichenen Spagat zwischen wohldosierter Härte und engelsgleichen Passagen, beides getragen von Tomi Joutsens unglaublicher Stimmweite. Jeder Song setzt hier andere Schwerpunkte, auch wenn „Queen Of Time“ insgesamt einen kohärenten roten Faden verfolgt. „Message In The Ember“ entführt uns beispielsweise mit seinem mittelalterlich anmutenden Hauptthema in märchenhafte finnische Wälder, „The Golden Elk“ konfrontiert uns mit einer nahezu göttlichen Präsenz. Generell stellt „The Golden Elk“ für mich sowohl musikalisch als auch dramaturgisch einen absoluten Höhepunkt der Platte dar. Einen weiten Abstand zu den restliche Songs gibt es allerdings nicht: Titel wie „Wrong Direction“, „Heart Of The Giant“ (allein diese Eröffnung macht Gänsehaut!) und „Amongst Stars“ müssen sich in keiner Weise hinter anderen Tracks verstecken.

Eine Tiefenanalyse einzelner Songs wäre hier weder möglich noch angemessen, da der Prozess des Entdeckens mit das Beste an „Queen Of Time“ ist. Die Begriffe ‚Vielschichtigkeit‘ und ‚Detailverliebtheit‘ kratzen hier nur an der Oberfläche dessen, was AMORPHIS uns mit Album Nummer 14 präsentieren. Die Experimentierfreudigkeit der Finnen erstreckt sich hier über alle Bereiche der Musik, vom Songwriting bis zur Auswahl der Instrumente (auch ein Saxophon findet Platz) – wirklich alles an „Queen Of Time“ ist von Grund auf außergewöhnlich. Um den Lobeshymnen noch eine weitere Facette hinzuzufügen, dürfen AMORPHIS sich darüber hinaus rühmen, hier nicht nur eines der originellsten Alben ihrer Geschichte, sondern auch eines der zugänglichsten produziert zu haben. Wie in einem gesunden Organismus greifen wirklich alle Elemente von „Queen Of Time“ naht- und mühelos ineinander; nie hat man als Hörer das Gefühl, von Details und den progressiven Ambitionen der Band überfordert zu werden. Alles, was mir hier noch bleibt, ist eine uneingeschränkte Hörempfehlung des wahrscheinlich besten Melodic-Death-Albums unseres Jahrtausends (bis jetzt).

5 / 5 – Lucas Prieske

 


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Christian Wilsberg
Seite 3: Pascal Staub
Seite 4: Anthalerero
Seite 5: Lucas Prieske
Seite 6: Lisi Ruetz
Seite 7: Sonata
Seite 8: Fazit


WERBUNG: K:O:A 2020
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE