GHOST - das 'Prequelle' Gangbang-Review

Wow, die Hüttn pickt. Jetzt ist es bei einem GHOST-Release schon von vornherein klar, dass wir uns hier nicht an der Grenze hin zum Grindcore bewegen, es ist dennoch immer wieder ein Erlebnis, wie man sich so weit in Richtung Popmusik lehnen kann und trotzdem noch als Rockmusik gelten darf. Bei uns wurden die Schweden, also Tobias Forge und seine wechselnden Mitmusikanten, mal gnadenlos zerrissen, dann aber, vor allem in letzter Zeit, hemmungslos gefeiert, als bekäme ein Vierjähriger seinen ersten "Bob, der Baumeister"-Werkzeuggürtel. Also sehr. Quasi.

Habemus Cardinal Copia dürfen wir diesmal sagen. Der Sänger und Chef der Schweden schmiegt sich abermals in eine neue Inkarnation und veröffentlicht mit "Prequelle" den nächsten Schritt zur totalen Weltbeherrschung. Der Linköpinger-Einser mit Sozien schiebt inklusive Intro und zweier Instrumentale zehn Songs über die musikalische Brustwehr und wird damit von der Nagelfeilerin über die Versicherungsinnendienstler bis hin zum verschämt in der Ecke des Stadions stehenden Black Metaller alle mitreissen.

Listig macht er das, der Tobi. Schnappt sich aus allen Nischen, Vestibühlen und Verstecken Versatzstücke der Populär- und Metalmusik und schmiedet daraus typische GHOST-Rocker. Hört man genauer hin, gibt es KING DIAMOND-light, die Stimme erinnert mich immer an die Mittelphase von AYREON, das "never to forget" in der ersten Videoveröffentlichung "Rats" hat bei HELLOWEEN noch "Time will be a toy, Time we will enjoy" geheißen und es space-rocked weiter an allen Ecken und Enden. Und ja, BEATLES natürlich. Alle drei Sekunden schießt mir "Magical Mystery Tour" durch den Kopf. Nicht die schlechtesten Einflüsse.

Es werden dann aber doch immer wieder eigene Songs daraus. Und für den Metaller gibt es immer wieder ein paar harte Riffs. Insgesamt ist das natürlich äußerst klebrig und es wird durch die massive Promomaschine, die hinter dem Produkt steht auch nicht persönlich sympathisch. Aber, wenn ich hier einem ehemaligem Kollegen widersprechen darf, ein Hype wird erst ein solcher, wenn es tatsächlich genügend Leute gibt, die sich das gehypte Zeug dann auch kaufen und zu den Konzerten gehen. Und das tut die Meute bei GHOST in rauen Mengen.

Natürlich gibt es Kritikpunkte, der nasale Gesang ist wirklich Geschmackssache und hängt verdammt knapp am Autotune. Ich glaube zwar nicht, dass hier außer Reverb noch andere Hilfsmittel verwendet wurde, aber, wie soll ich sagen, 1 mehr wäre Autotune (so knapp war ich noch nie an einer SPINAL TAP-Referenz). Die Refrains gospeln zeitweise ein wenig arg aus ("Faith" - gut, hier ist das wohl passend) und man ist wirklich einige Male geneigt, sich die Zähne putzen zu wollen, weil es so grob pickt als stünde man in einer Zuckerbäckerei. Aber es macht im gesamten Kosmos GHOST Sinn. Die Songs sind arenatauglich, sitzen sofort im Stammhirn und das muss man erst einmal können. GHOST sind mit ihrem Gesamtprodukt Musik und Inszenierung wohl DIE Konsensband der Stunde. Grad eben wurden in den Staaten zwei Arenashows gebucht und ich gehe davon aus, dass hier die Liveshow deutlich intensiver, bombastischer und ausladender sein wird. Das kann man gut finden oder auch nicht, aber sie, oder besser: er, können/kann das. Das ist Rockmusik für den Gebührenrundfunk, das sind die anderen VOLBEAT (gleiche Zielgruppe, von der anderen Seite angegriffen), das sind unter Umständen die nächsten Headliner für die großen Rockfestivals.

Das Album ist klar auf den amerikanischen Markt zugeschnitten. Aufgenommen  zwar in Stockholm mit Tom Dalgety, dann aber gemischt in West Hollywood von Andy "Freedom" Wallace. Die Produktion ist natürlich vom allerfeinsten. Breitwandsound, dynamisch und selbst das Saxophon bei "Miasma" passt, auch wenn GHOST in jenem Moment wie eine Big Band klingen. Egal. Sie schreiben Hits, machen aber auch immer mit einem kleinen Augenzwinkern eine Verbeugung in Richtung Metalszene. Und hier liegt die große Kunst von Tobias Forge: Er schafft mit GHOSTs neuem Album "Prequelle" etwas völlig Eigenständiges. Da ändern auch die eingefügten Zitate nichts. Es gibt keine Band, die, hört man sich das gesamte Album durch, so klingt wie GHOST und dabei auch noch einen Hit nach dem anderen komponiert.

Die Mystik, das Mysteriöse der Anfangstage ist natürlich nicht mehr da. Wir wissen, wer hinter GHOST steht. Tobias Forge hat es aber geschafft, durch ein immer besser werdendes Songwriting das spannende Rätselraten der Anfangstage nicht nur zu kompensieren, sondern einfach hinter sich zu lasssen. Die Nameless Ghouls sind Angestellte und damit hat es sich.
Das Album ist poppig, rockig, zeitweise heavy, manchmal artrockig, manchmal eigenartig aber immer eindeutig GHOST. Die Grätsche zwischen Eigenständigkeit und Hitfabrik kann so derzeit nur einer, respektive eine Band. Und das sind ganz klar GHOST mit ihrem neuen Album "Prequelle".

4,5 / 5 – Christian Wiederwald


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Christian Wiederwald
Seite 3: Christian Wilsberg
Seite 4: Pascal Staub
Seite 5: Sonata
Seite 6: Anthalerero
Seite 7: Fazit


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