Homo Metallicus - Wenn wir einmal alt und runzlig sind...

Veröffentlicht am 13.08.2018

Kürzlich schwirrte ein Bericht durch die Medien, dass zwei Rentner, die sich augenscheinlich unerlaubter Weise auf den Weg zum Metal-Mekka Wacken gemacht hatten, auf dem Wege von der Polizei aufgegriffen wurden und in ihre betreute Wohneinrichtung zurück eskortiert wurden. Schnell verbreitete sich die Meldung auch in der Metal-Community und sorgte dort für jede Menge Erheiterung – natürlich auch in der Stormbringer-Redaktion. (Die Meldung wurde später auf vielen Portalen revidiert, da es sich um zwei psychisch Kranke Männer handelte, die aus ihrer Betreuungseinrichtung abgängig waren und sich lediglich in die Nähe von Wacken verirrt hatten, das Festivalgelände aber nie betreten hatten. Das aber nur am Rande...)

Schnell war klar: Ja, wenn der gemeine Stormbringer-Redakteur einmal alt ist, dann wird er doch genau SO sein! Aus dem gemütlichen Wohnsitz des Ruhestandes türmen und zum nächstbesten Festival pilgern! Tropfendes Zelt statt trockenes Zimmer! Isomatte statt Federbett! Bier statt Kamillentee! Und fucking verkohltes Grillfleisch statt weichgekochtem Gemüse! Ja, so stellt sich auch der kleine Schreiberling seinen Altersruhestand vor: Ohrenbetäubender Heavy Metal (bis dahin sind wir ohnehin stocktaub) statt schmalztriefender Schunkellieder! Man amüsiert sich eine Runde über diese Vorstellung, doch dann... beginnt man darüber nachzudenken. Und zwar über die Worte, mit denen diese Meldung verbreitet wurde.

Die beiden rüstigen Pensionäre wären „aus dem Altersheim ausgebrochen“, wurden von der Polizei aufgegriffen und anschließend mittels Taxi und Polizeieskorte zurück in ihre Einrichtung verbracht. Ja, das klingt im ersten Moment lustig, doch auf den zweiten Blick offenbart sich ein gänzlich anderes Bild – nämlich, dass den älteren Herrschaften auf diese Weise eigentlich jegliche persönliche Freiheit abgesprochen wird. Ist ein Altersheim denn ein Gefängnis, das man nicht verlassen darf? Weshalb ist eine Polizeieskorte für zwei harmlose Ruheständler vonnöten? Wäre es denn vollkommen in Ordnung gewesen, wenn sich die zwei Rentner für ein Helene Fischer oder Kastelruther Spatzen-Konzert aufgemacht hätten?

Zugegeben, man wusste zum Zeitpunkt der Meldung nicht viele Details über die Vorkommnisse und deren Hintergründe. Man las lediglich von einem „Ausbruch“ und dass die Beiden „verwirrt und desorientiert“ gewesen sein sollen. Gut, das ist etwas, was man von Wacken-Besuchern (wie unserem lieben Jazz zum Beispiel) ebenfalls generell behaupten kann, somit wäre das eigentlich kein Grund, gleich alle aufzugreifen, in ein Taxi zu setzen und von der Polizei heim zu geleiten. Irgendwie bereitet einem die mediale Aufmerksamkeit um die angeblich ausgebüxten Rentner aber Unbehagen, da, bei allem Spaß und unabhängig davon, ob diese Meldung nun genau in dieser Form der Wahrheit entsprach, die daraus resultierende Botschaft eine sehr trostlose ist: Ist man einmal alt, hat man gefälligst die Kontrolle über sein Leben abzugeben. Man wohnt, wo einem vorgeschrieben wird, man isst was einem vorgesetzt wird und man geht auch gefälligst nur dort hin, wo man auch hingehen darf. Das klingt weniger nach einem geruhsamen Lebensabend in Würde, denn nach einer Art Gefängnis...

Sieht man gleichzeitig Rock-Dinosaurier wie die ROLLING STONES in (beinahe) alter Frische auf der Bühne herumhüpfen, so beginnt man sich wirklich zu fragen, weshalb es einem als rüstiger Pensionist nicht erlaubt sein sollte, auf einem Festival abzuschädeln. Warum nicht den Rollator durch Staub und Schlamm schieben und die letzten Reste der Flimmerhärchen im Gehörgang mit sägenden Gitarrenklängen vernichten? Ja... warum eigentlich nicht? Zwei bemitleidenswerte psychisch Kranke in allen Ehren, doch nicht jede Person älteren Baujahrs ist automatisch senil, auch dann nicht, wenn sie vielleicht nach Wacken will.

Wo stehen wir Metalheads also, wenn wir einmal alt sind? Werden wir dann unter medialem Rummel per Polizeieskorte zurück in unsere kahlen, trostlosen Zimmer der erzwungenen Alters-WG gebracht? Oder fügen wir uns resigniert unserem Schicksal und klatschen und schunkeln debil-fröhlich zu den totgenudelten Schlagern mit denen uns unsere Pfleger beschallen um uns ruhig zu halten? Diesen kleinen Schreiberling gruselt es jedenfalls bei dem Gedanken, irgenwann einmal in einem der obigen Szenarien zu landen...

Deshalb, liebe Leute: Solltet ihr einmal auf einem Konzert oder Festival einen runzligen Menschen mit Rollator herumkurven sehen, schaut ihn nicht scheel an und fragt euch, was er/sie hier verloren hat - gebt ihm oder ihr ein fucking High Five! Und denkt daran: Irgendwann einmal, könntet ihr selbst da stehen...

Metal Forever!


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