Das Metalmuseum: KATATONIA - The Great Cold Distance

Veröffentlicht am 22.01.2019

Als das Metalmuseum vor zwei oder drei Jahren noch mitten in der architektonischen Planungsphase steckte, bestand nach einer Art Brainstorming ursprünglich die Idee, Werke vor dem Jahrtausendwechsel zu behandeln. Dass dieses Vorhaben nicht unbedingt einhaltbar sein würde, war allerdings auch klar, da auch die nächsten Generationen im metallischen Sonnensystem Künstler mit ungeheurer Strahlkraft hervorgebracht haben und es eine Schmach wäre, diese vollständig zu übergehen. Die folgenden Zeilen widme ich daher einer Band, die für mich all die Eigenschaften eint, wegen denen ich Musik so fantastisch und fesselnd finde: Intensive Leidenschaft, aufrichtige, tiefschürfende Emotionen, beklemmende Atmosphäre und instrumentale Arrangements, die gleichermaßen eingängig sind und fordern - es geht um KATATONIAs "The Great Cold Distance".

Besonders leicht fällt mir das nicht. Der Grund: Ich habe ungeheuerlich viel Respekt vor diesem Meisterwerk aller Meisterwerke. Einen Beitrag zu diesem zu verfassen, flackerte schon 2016 bzw. 2017 zum Jubiläums-Re-Release als Ideenglimmer auf, aber es fühlte sich einfach noch nicht richtig an. Dies ist der nächste Versuch und wenn ihr ihn gerade lesen solltet, wisst ihr nun, dass ich mich mit meinen eigenen Ambitionen endlich befrieden konnte. 

Wann genau ich auf "The Great Cold Distance" gestoßen bin, lässt sich nicht zweifelsfrei festhalten. Es muss aber irgendwann im Jahre 2007 gewesen sein, als ich zufälligerweise über eine Rezension gestoßen bin, das Cover und die Schilderungen dazu gesehen habe und mich, als aufgeschlossener Metalfan, der ich damals schon war, schlussendlich dazu entschied, das Wagnis einzugehen. Und ich habe es bis heute nicht mal für eine Millisekunde bereut, nein, in mir keimte noch nicht mal unterbewusst der Gedanke auf, dass es ein Fehler gewesen sein könnte. Im Gegenteil: KATATONIA haben meine musikalische Sozialisierung nachhaltig beeinflusst. Extrem beeinflusst.

Ich verstehe, dass das Album für viele, die KATATONIA bereits weit davor kennen und schätzen gelernt oder vielleicht sogar die komplette Geschichte mitverfolgt haben, nicht das ist, was man als langjähriger Anhänger vielleicht erwarten würde oder erwartet hätte. Aber auch heutzutage noch - und nicht nur bei KATATONIA, sondern grundsätzlich - verliert man in dem Gezeter um fehlende Härte, Growls oder welche Zutaten auch immer die Kunst an sich aus dem Blickfeld. All das tut überhaupt nichts zur Sache, wenn ein Album einfach erhaben ist. Darüber kann man sich natürlich auch noch streiten, aber einem Album wie "The Great Cold Distance", das für mich perfektionierte Kunst ist, sollte man zumindest Respekt zusprechen können.

Und "The Great Cold Distance" ist nicht perfekt im eigentlichen Sinne. "The Great Cold Distance" ist perfekt, weil es schonungslos mit menschlichen Gefühlen umgeht, mit jedem einzelnen Song neue Wunden aufreißt und am Ende dennoch heilt. "The Great Cold Distance" ist ein unnachgiebiger Moloch, der abweisend-kalte, sägende Instrumentals und Renkses wortkarge, aber durchaus bedeutsame Abgesänge ausspeit. Songhighlights zu nennen wäre blanker Hohn, weil die 51 Minuten und 52 Sekunden einfach einen unnachahmlich ästhetischen, zusammenhängenden Abstieg in psychische Abgründe ergeben. Für manch einen mag das nicht nachvollziehbar sein, aber dieses Album ist genau deshalb der absolute Inbegriff von Metal, weil es von der ersten bis zur letzten Sekunde zutiefst unangenehm sein will und seine Intention definitiv nicht verfehlt. "The Great Cold Distance" ist sogar das einzige Album, dass ich mir selbst in positiveren Lebenslagen freiwillig anhöre, um mich davon runterziehen zu lassen. Einfach deshalb weil ich die Stimmung liebe, in die mich dieses Album auch nach hunderten Durchläufen immer noch versetzt.

Als ich dann mal die Chance dazu hatte, viele der Songs durch das zehnjährige Jubiläum live hören zu können, war ich einmal mehr erstaunt darüber, wie sehr sich Songs à la "My Twin", "Soil's Song" oder auch "In The White" eingebrannt haben. Das innerliche Mitsingen war ohnehin keine nennenswerte Problematik, aber die Gefühlsregungen dazu schon eine gänzlich neue Erfahrung; zumal es gerade heutzutage auch viele Bands gibt, die solche Anniversary-Shows eher aus monetärer Motivation oder wegen dem Exclusive-Wettrüsten diverser Festivals abhalten, weil sich damit einfacher Zuschauer ködern lassen. Der KATATONIA Gig hingegen war aufrichtig und authentisch, man merkte dem still genießenden Publikum an, dass hier Magie geschah. Man konnte förmlich spüren, dass "The Great Cold Distance" auch der Band selbst immer noch ungemein viel bedeutet und die Motive hinter dieser Show grundehrlich waren.

Viel mehr gibt es dann auch nicht hinzuzufügen. "The Great Cold Distance" ist für mich genreübergreifend eines der bedeutsamsten Alben und deshalb ein Kandidat für das Metalmuseum, weil es zeitlos und in einer - meiner Meinung nach - nie dagewesenen, einzigartigen Art und Weise gänzlich klischeefrei, kompromisslos, unverfälscht und roh karge Emotionen transportiert, die einen nachhaltig beschäftigen und wahrscheinlich auch nie mehr loslassen - es ist genau das, was der Albumtitel verspricht.


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