Das Metalmuseum: KREATOR - Violent Revolution

Veröffentlicht am 25.02.2019

Die 1990er waren in gewisser Weise schon eine seltsame Dekade. Viele namhafte Metalbands kämpften gegen das „Außermodekommen“ ihrer Tonkunst oder zeigten schlichtweg Verschleißerscheinungen. Bei IRON MAIDEN verabschiedete sich Kult-Sänger Bruce Dickinson für fast ein Jahrzehnt und katapultierte das NWoBHM-Flaggschiff quasi an den Rand des Abgrunds. METALLICA veröffentlichten mit dem Duo aus „Load“ und „Re-Load“ zwei unter Fans eher mäßig beliebte Langspieler und DESTRUCTION legten sich in weiser Voraussicht quasi selbst auf Eis. Und während so manche Kapelle im Metal irgendwie ausgebrannt schien, brannten im verschlafenen Norwegen plötzlich Kirchen und eine neue extreme Spielart entdeckte die Finsternis der Welt (begleitet von schrecklichen Ereignissen um Brandstiftung, Mord und Totschlag). Aber das ist, wie die Tatsache, dass die unverwüstlichen MOTÖRHEAD nach wie vor allen Widerständen trotzten, eine andere Geschichte.

Und wie das Leben so spielt, gingen diese „verflixten 90er“ auch nicht an den Essener Thrash-Pionieren KREATOR vorbei. Seit ihrer Gründung 1982 zeigte die Band zunächst eine geradlinige Entwicklung und trampelte mit Alben wie „Pleasure To Kill“ oder „Extreme Aggression“ neue Pfade in der extremen Musik frei. Mit „Coma of Souls“ spielten sie 1990 einen weiteren Meilenstein ihrer Zunft ein und manifestierten ihren ureigenen Stil, dessen logische Fortsetzung noch bis heute andauert. Aber so geradlinig sich der Weg von 1990 bis heute vielleicht auch darstellen lässt, so kurvenreich und holprig verlief die Strecke zwischen 1990 und 2001 in Wahrheit. KREATOR suchten mit „Renewal“ neue Wege, ruderten mit „Cause For Conflict“ zunächst (mit mäßigem Erfolg) zurück und beschritten mit „Outcast“ und „Endorama“ unkonventionell zahme Wege. Allen vier Alben ist gemein, dass sie unter Anhängern der Essener Institution nicht zu den populärsten Werken zählen. Wer aber die Band deswegen vorschnell abschreiben wollte, der irrte gewaltig. Denn so wie sich dieses eigenartige Jahrzehnt dem Ende neigte, schufen KREATOR einen Befreiungsschlag, mit dem womöglich keiner mehr gerechnet hätte und von dem sie bis heute – 18 Jahre nach seiner Veröffentlichung - profitieren.

„Violent Revolution“ schlug die unter Fans wohl lange herbeigesehnte Brücke zum – überspitzt formuliert – letzten richtigen KREATOR-Album „Coma Of Souls“. Die Aggression, die „Endorama“ schmerzlich fehlte, war plötzlich zurück und mit ihr die guten Ideen, die man auf „Cause For Conflict“ oder „Outcast“ vergebens suchte. Motiv und Komposition des Frontcovers verdeutlichen die stilistische und inhaltliche Parallele zum 1990er Vorzeigewerk auch auf der visuellen Ebene. Der Opener „Reconquering The Throne“ zeigt direkt, wo der Thrash-Hammer anno 2001 hängt. Die Nummer begeistert mit brettharten Gitarren, ungestümen Prügelpassagen und angepissten Vocals, aber auch gleichermaßen mit einer ausgeklügelten Arbeit an der Leadgitarre. Die gelungene Symbiose aus Aggression und Melodie, die sich auf „Coma Of Souls“ erstmals deutlich zeigte, wird hier wieder aufgegriffen und auf neue Ebenen gehoben. Auf diesem Fundament erwuchsen Kracher wie „All Of The Same Blood“, „Replicas Of Life“ oder der zeitlose Titelsong. Ob zu Beginn oder am Ende des Sets – „Violent Revolution“ zieht immer und mobilisiert auch den letzten müden Nackenmuskel.

Beeindruckend ist auch die durchgehende Qualität des Liedguts, bei der die zuweilen inflationär verwendete Phrase „All Killer, No Filler“ endlich mal mit Recht ausgesprochen werden kann. Mit Neuzugang Sami Yli-Sirniö sicherten sich KREATOR nicht nur einen großartigen Gitarristen, sondern auch das letzte Mitglied der bis heute stabilen Besetzung. Welche Einflüsse auf welche Weise zum Entstehen von „Violent Revolution“ beigetragen haben mögen, das weiß wohl nur die Band selbst. Sei es die teilweise Rückbesinnung auf die alte musikalische Identität, seien es gewachsene Fähigkeiten und Erfahrung, der neue Mann im Sechssaiterteam, Impulse aus der experimentellen Phase der Band usw. usf. Auf alle Fälle ist es KREATOR gelungen, nach fast 20 Jahren des Bestehens einen Stil zu kreieren, den es in dieser Form kein zweites Mal gibt und der zum Aushängeschild der Band geworden ist. Ganz gleich, ob man nun „Violent Revolution“, „Coma Of Souls“ oder „Gods Of Violence“ bevorzugt, der besondere Stellenwert des 2001er Werks dürfte unbestritten bleiben. Denn alles, was danach geschah, passierte hörbar auf den Grundfesten dieses Albums. Dass sich der eingeschlagene Weg als goldrichtig und sich die seit diesen Tagen stabile Besetzung als „Winning Team“ erweisen sollte, belegen gut gefüllte Hallen und Front-of-Stage-Bereiche.

„Violent Revolution“ war ein bitter nötiger Impuls für eine zuweilen eingeschlafene und existenzbedrohte Szene. Für KREATOR war es der Start in eine blühende Zukunft, in der bis heute ausnahmslos starke bis bockstarke Alben folgen sollten. Das 2001er Werk der Essener erschien wie der logische und lang ersehnte Nachfolger von „Coma Of Souls“, nachdem sich die Band schnurgerade, stringent und progressiv bis in die Gegenwart entwickeln sollte.


KREATOR - Violent Revolution:
VÖ: 25.09.2001
Label: Steamhammer

Tracklist:
1. Reconquering the Throne
2. The Patriarch
3. Violent Revolution
4. All of the Same Blood
5. Servant in Heaven - King in Hell
6. Second Awakening
7. Ghetto War
8. Replicas of Life
9. Slave Machinery
10. Bitter Sweet Revenge
11. Mind on Fire
12. System Decay

Lineup:
Vocals, Guitars: Mille Petrozza
Guitars: Sami Yli-Sirniö
Bass: Christian Giesler
Drums: Jürgen "Ventor" Reil

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