Grabenzecken II - Don't mess with the photographer!

Veröffentlicht am 15.02.2020

„Wer sowas unterschreibt, muss doch komplett bescheuert sein“

„Da fotografier ich lieber gar nicht!“

„Wie kommt man auf solche Ideen?“

„Die sollen sich das Papier bitte dorthin stecken, wo die Sonne nicht scheint.“
 

Das sind nur einige Reaktionen von Fotografenkollegen auf die diversen Modalitäten der Fotoverträge, die ihnen in den letzten Jahren vorgelegt wurden. Teilweise Tage vor der Show unterfertigt per E-mail an Management/Veranstalter zu schicken, vor Ort in zwei ausgedruckten und unterzeichneten Ausgaben mitzuführen oder überhaupt erst kurz vor der Show unter Zeitdruck und in bestem Juristenenglisch formuliert vor die Nase gehalten bekommen. Ihr fragt euch jetzt, warum zur Hölle sollte man so einen Wisch unterschreiben, mit Klauseln wie in unserem ersten Teil beschrieben, wenn man einigermaßen klaren Verstandes ist?

Das wissen wir auch nicht. Jedoch macht es die zunehmend höhere Anzahl an Verträgen, nicht nur bei den wirklich dicken Fischen, sondern teils sogar bei reinen Spartenbands (zu denen viele Metal-Acts, wenn wir mal ehrlich zu und selbst sind, noch immer gehören) zunehmend schwierig, als Magazin vernünftige Berichterstattung zu betreiben. Durch die daraus folgende Limitierung ist teils eine zeitnahe Veröffentlichung kaum möglich, was sowohl für Leser ärgerlich ist, als auch für mitgereiste Redakteure, die ihre zeitgerecht abgegebenen Artikel viel zu lange unveröffentlicht herumliegen sehen, und nicht zuletzt für die Fotografen selbst, denen ebenfalls etwas an einigermaßen zeitgerechter Publikation liegt. Wenn man dann, aufgrund vertraglicher Reglementation, den Artikel nicht einmal aktiv über weitere Kanäle (z.B. in Sozialen Medien) weiterverbreiten kann und überdies noch fürchten muss, dass man durch die Verbreitung durch Dritte zur Verantwortung gezogen wird, kann einem schnell die Lust am Fotografieren generell vergehen.
 


(GHOST, Zenith München, 2017)
 

Einöde im Graben

Vielen wird es schon, gerade bei unseren geliebten Metal-Shows, aufgefallen sein: Die Gräben werden immer leerer. Die Schwemme an unterdurchschnittlichen Hobbyknipsern und den dank Wordpress in Heerscharen aufploppenden (und ebenso schnell wieder verschwindenden) Online-Magazinen führte nach kurzzeitiger Überfüllung der Photo-Pits zu stärkerer Auswahl seitens der Veranstalter und daraus folgend deutlicher Redaktion der akkreditierten Fotografen - was auch freie Kollegen ohne größeres Netzwerk oder Magazine im Rücken schwer traf. Vom verbliebenen Rest wurden nicht wenige Kollegen bei größeren Shows von den immer mehr in Mode kommenden und teils immer abstruser werdenden Verträgen vertrieben und verloren in der Folge auch das Interesse an den mittelgroßen und kleineren, schlechter beleuchteten Shows, die kaum Reputation versprachen oder wanderten (wie der Verfasser dieses Artikels) fast komplett in den Untergrund ab, um sich fern von irgendwelchen Vorgaben oder gar Verträgen in den Dienst unbekannter Undergroundbands zu stellen, bei denen genauso wenig Lohn, aber wenigstens noch ein „Danke“ herausschaut.

Immer wieder gibt es auch bei besonders frechen Verträgen Vorstöße von Gruppierungen die sich für Presserechte einsetzen, um kollektive Boykotte von Künstlern aufgrund unzumutbarer Vertragsbedingungen anzustoßen. Viel zu oft verlaufen solche Versuche aber im Sand oder werden trotz zahlreicher Unterstützungszusagen von einigen wenigen Leuten, die die Verträge ja trotzdem unterschreiben, zunichte gemacht. Dass alle an einem Strang ziehen ist natürlich Wunschdenken, dennoch wäre es wünschenswert, wenn das Thema öfter in den Fokus rücken würde, um nicht nur die Fotografen und Magazine selbst, sondern auch die Zuschauer ein bißchen zu sensibilisieren, weshalb ihr Lieblingsmedium vielleicht nicht von ihrem Lieblingskünstler berichtet. Und was dies vielleicht für die Zukunft der unabhängigen Berichterstattung abseits von Breitenmedien bedeutet...

Wessen Brot ich ess...

Fakt ist: Es werden noch immer viel zu viele dieser Verträge tatsächlich unterschrieben und das Spielchen vom gütigen Management und dem bösen Fotografen mitgespielt. Denn leider gibt es für jeden Fotografen, der entnervt von Auflagen und Androhung von Konsequenzen den Vertrag ablehnt, einen neuen Fotografen, der die abstrusesten vertraglichen Stilblüten mit Handkuss unterschreibt, unterwürfig einhält und hündisch ergeben hinter den Wachhunden hertrottet, nur um einmal seinen „Star“ fotografieren zu „dürfen“. Während geschätzte 200 Leute mit Handykamera in der ersten Reihe stehen und dasselbe in schlechterer Qualität, doch weitaus umfangreicher dokumentieren und selbiges mitunter in Echtzeit mit der Welt teilen. Und kriegen die Leute mit den Handys eigentlich diese lustigen Waschzettel auch vorgelegt?

Wozu braucht man also überhaupt noch Fotografen? Anscheinend: für nichts mehr. Zumindest gewinnt man im immer uferloser wuchernden Vertragsdschungel diesen Eindruck, wenn die gestalterische Freiheit immer weiter eingeschränkt und die Möglichkeit, Bilder zu machen immer weiter erschwert und damit unattraktiver gemacht wird. Von der strikten Reglementation fotografischer Dokumente und immer größerem Eingriff in die Veröffentlichungsrechte ist es nur noch ein kurzer Schritt bis zur Beschneidung der Meinungsfreiheit und der daraus erwachsenden Vorschreibung, was man als Berichterstatter bei Konzerten überhaupt noch schreiben darf. Ein kleiner Schritt, von der Kontrolle fotografischer Inhalte, bis hin zur Zensur von Texten.



(STEEL PANTHER, Zenith München, 2018)
 

…dessen Lied ich sing.

Das ist zugegebenermaßen ein bißchen extreme Schwarzmalerei - doch durchaus im Bereich des Möglichen. Wollen wir das wirklich? Seid ehrlich zu euch selbst. Wollt ihr wirklich in jedem Magazin, jeder Zeitschrift die gleichen reglementierten Fotos sehen und den gleichen lobenden, von oben abgesegneten Text? Bestimmt nicht. Ihr wollt Emotionen, ihr wollt Action, ihr wollt kontroverse Meinungen, von Verrissen bis Lobeshymnen gleichermaßen. Euch für einen Moment mitten im Geschehen wähnen, anstatt irgendwo hinten in der Halle, zwischen einem Dutzend schwitzender, einen Kopf größerer Leute – denn dafür haben die Leute mit der Kamera mitunter eine Menge Zeit und Geld hineingesteckt, um sich die Fähigkeiten anzueignen, die Energie eines Live-Konzertes in einzelne Bilder zu destillieren. Was leider, wie man dem ersten Teil dieses Artikels entnehmen konnte, nur noch selten wirklich geschätzt wird.

Denn, es steckt etwas Wahres in dem Spruch „Don't mess with the photographer!“. Der Mensch mit der Kamera hat nicht nur die Macht, etwas gut oder schlecht aussehen zu lassen und etwas aufregend oder langweilig wirken zu lassen. Viel mehr, hat er (oder sie, damit nicht gleich wieder jemand aufschreit) die Möglichkeit, durch entsprechend komponierte Bilder Erinnerungen zu kreieren, die länger überdauern als ein verwackeltes Foto auf Facebook oder in einem Instagram-Feed, das nach kurzer Zeit im gleichförmigen Bilderstrom dutzendfacher Wiederholungen verschwindet. Warum lässt man also diese Chance verstreichen? Warum gängelt man Fotografen, die bestrebt sind qualitativ ansprechende Bilddokumente zu liefern, während gleichzeitig eine Flut von qualitativ minderwertigen Handy-Schnappschüssen, die dem Treiben auf der Bühne in den meisten Fällen kaum schmeichelt, das Konzerterlebnis zum austauschbaren Alltagstrott degradiert?

Es geht auch anders!

Zur Ehrenrettung muss man jedoch sagen, dass nicht alle Künstler/Managements so denken. Es gibt löbliche Ausnahmen im Großevent-Sektor, bei dem es im Gegenteil möglichst vielen Fotografen ermöglicht wird, das Bühnengeschehens so weit es die schiere Anzahl der Interessenten zulässt, zu dokumentieren. Notfalls auch mal in zwei Gruppen gesplittet, die zu verschiedenen Zeiten den Graben entern dürfen, oder mit der Möglichkeit nach den ersten drei Songs aus dem Publikum weiter zu fotografieren. Was aber, angesichts der um sich greifenden Vertragswut, immer weniger wird.

Für viele passionierte Fotografen stellt sich deswegen nur noch die Frage: Zähne zusammenbeißen, den Vertrag unterschreiben und darauf hoffen, dass er das Papier nicht wert ist, auf dem er geschrieben ist (zumal der Gerichtsstand dieser Verträge seltenst im deutschsprachigen Raum liegt...) – oder auf dem Absatz kehrt machen und die Sache boykottieren. Die Vermutung liegt nahe: würden mehr Fotografen zweitere Option wählen, würde früher oder später ein Umdenken einsetzen, wenn immer weniger brauchbare aktuelle Fotos verfügbar wären. Dann bliebe nur noch die Möglichkeit, sich einen eigenen Tourfotograf zu leisten und diesen auch zu bezahlen – oder die Verträge in der Luft zu zerreißen, Fotografen vor Ort zu forcieren und sich dann aus dem reichhaltigen Bilderpool die besten Shots aussuchen und dem jeweiligen Urheber die Nutzung vergelten. Und hier reden wir nicht einmal von dergestalt riesigen Summen, wie es eine für Konzerte brauchbare semiprofessionelle Fotoausrüstung verschlingen würde – sondern von einem wahrlich bescheidenen Entgelt, das in keinerlei Relation zu den Anwaltskosten steht, die das Aufsetzen und rechtliche Verfolgen von Fotoverträgen kosten würde.
 


(LIFE OF AGONY, Rockhouse Salzburg, 2018)
 

Deshalb, auch wenn ihr gerade erst am Anfang eurer Konzertfotografen-Karriere steht und die Verlockung groß ist: Tut es nicht. Unterschreibt diese Verträge nicht und fotografiert die Künstler die euch so etwas zumuten einfach nicht – auch wenn es noch so schwerfällt. Denn ihr macht damit nicht nur vielen, vielen anderen Fotografen das Leben schwer, sondern letztendlich auch euch selbst, indem ihr früher oder später immer mehr und immer restriktivere Verträge vorgelegt bekommt. Und irgendwann einen sehr realen monetären Preis dafür zahlt, für Konditionen, die ihr gar nicht erst einhalten könnt.

Wenn ihr könnt und nicht von eurem Brötchengeber dazu gezwungen werdet: Boykottiert diesen Scheiß. Echt jetzt. Denn ihr helft damit weder euch selbst noch den Kollegen, wenn ihr jedes Blatt das euch vorgelegt wird vorbehaltlos unterschreibt.
 

(In eigener Sache: Stormbringer.at empfiehlt seinen Fotografen, derartige Verträge, vor allem jene mit gravierenden Eingriffen in die Publikationsrechte, nicht zu unterschreiben. Wir stellen es unseren Mitarbeitern allerdings frei, die Konditionen von Fotoverträgen nach persönlichem Ermessen anzunehmen.)


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