NIGHTWISH - das "Human. :||: Nature." Gangbang-Review

NIGHTWISH zählen zu jenen Bands, die mir seit Ewigkeiten geläufig sind und zu denen ich seit ebenso langer Zeit nur schwer Zugang finde. Die alten Hits mit Tarja Turunen hatten unbestreitbar ihren unverwechselbaren Charme. Die Phase mit Anette Olzon beäugelte (bzw. beöhrelte) ich vorsichtig bis flüchtig, wogegen ich die abermalige Mikroübergabe an die bis dato amtierende Sängerin Floor Jansen lediglich zur Kenntnis nahm und mich nie ernsthaft mit dem Schaffen der Band seit dieser Zeit befasste. Soweit ich mich erinnere, ereignete sich mein einzig nennenswerter NIGHTWISH-Kontakt der letzten Jahre am Summer Breeze 2015 und überdauerte ungefähr zwei Lieder...bis ich mich zur benachbarten Black-Metal-Messe ins vernebelte T-Stage-Zelt verabschiedete.

Warum also überhaupt beim diesem „Human. :||: Nature.“-Gangbang mitmachen? Nun...zum Einen, weil ich sowieso nur selten meine vorlaute Klappe halten kann und zum Anderen, weil doch gerade die von unterschiedlichsten Musik-Charakteren geprägte Gruppenarbeit die vielschichtigsten und interessantesten Besprechungen abliefert. Wenn es also neben dem wochenendlichen Stammtisch ein Forum gibt, wo sich der mäßig im Genre verwurzelte Hörer einbringen kann, dann hier.

NIGHTWISH wollen viel...

„Human. :||: Nature.“ indes ist ein schwerer Brocken - ein komplexes Werk, das mit seinen 80 Minuten nicht nur im übertragenen Sinne Zeit braucht. Das Album ist nicht nur physisch, sondern auch musikalisch zweigeteilt und besteht aus dem regulären Album (erste CD) und einem zweiten, instrumentalen Teil (zweite CD).

Der reguläre Albumteil ist eine saubere Sache und dürfte die Fans nicht enttäuschen. „Music“ führt mit seinem dramaturgisch sinnvollen Aufbau zielsicher durch seine sieben Minuten Laufzeit und belegt, dass NIGHTWISH nicht zu Unrecht zu den populärsten Bands ihrer Zunft gehören. Mit „Noise“ werden die musikalischen Motive finsterer und die Finnen schaffen es, den Hörer mit überzeugenden Arrangements mitzureißen. Interessanterweise wird bei dieser Nummer schlagartig deutlich, wie zutreffend manch bissiger Kommentar zur aktuellen DIMMU BORGIR-Scheibe war – man stelle sich Meister Shagraths Organ in diesem schönen Stückchen Musik vor...könnte ein „Interdimensional Summit 2.0“ so oder so ähnlich klingen? Und sollte das den Eisbären in Schwarz zu denken geben? Alles Fragen, auf die niemand eine Antwort weiß...

Nach dem straighten Einstieg wird es mit den folgenden Songs vielschichtiger und abwechslungsreicher. „How's The Heart“ wartet mit großen Emotionen auf und „Tribal“ überrascht mit einem sehr exotischen Flair, das man wohl am Besten als „effektiver Regentanz in fünf Lektionen“ umschreiben könnte. „Harvest“ treibt die cineastischen Allüren der Finnen auf die Spitze – was man hier geboten bekommt, erinnert eher an „Der König der Löwen - Teil 12“ als an NIGHTWISH oder Symphonic Metal im Allgemeinen. Der musikalische Ausflug wirkt im Kontext der übrigen Lieder polarisierend und ein stückweit befremdlich, wird allerdings mit seiner folklastigen zweiten Hälfte zusehends sympathisch.

Unterm Strich bietet der Album-Teil von „Human. :||: Nature.“ überwiegend starkes Material, das darf man vorbehaltlos eingestehen. Vereinzelt kämpfen die Stücke dennoch mit Längen – „Pan“ bspw. zündet erst nach der Halbzeit richtig und auch „Procession“ sowie „Endlessness“ laufen eher zähflüssig vom Band. Zudem erhärtet sich hin und wieder der Verdacht, dass sich Floor Jansen gesanglich unter den Scheffel stellt. Dass diese Frau eine wahrlich hochkarätige Stimme hat und diese auch makellos beherrscht, wird in jedem Song deutlich – doch bleibt der unwohle Eindruck, dass sie nur einen Bruchteil ihrer Bandbreite voll ausspielt.

...manchmal zu viel.

Was Teil zwei angeht...naja. Vielleicht ist der Verfasser einfach nicht mit der nötigen Auffassungsgabe gesegnet, um dieses zusammenhängende Instrumental-Mysterium zu ergründen, aber Tuomas Holopainens „Liebesbrief an diese Welt“ bleibt für mich eher „nice to have“. Das halbstündige Spektakel mag äußerst entspannend - fast schon einschläfernd - wirken, doch wo ist die Brücke zum Album? Würde man diesen Teil des Werks mit NIGHTWISH oder auch nur ihrem Genre in Verbindung bringen, wenn der Bandname nicht auf dem Cover stünde? Abgesehen davon, dass mir schlichtweg der Reiz fehlt, den Spaß bis zum Ende zu hören, erscheint das Konzept als Ganzes doch arg verkopft und sperrig - wie der verkrampfte Versuch, Neues zu schaffen und den Gipfel der musikalischen Schöpfung zu erklimmen.

Es mag engstirnig wirken, aber ich behaupte, dass man aus „Human. :||: Nature.“ hätte mehr rausholen können, wenn man sich eingehender auf die Stärken des Albums fokussiert und sich den überfrachteten zweiten Teil gespart hätte. So hat man anstelle des Monuments, das man aus der konzentrierten Potenz des Liedguts hätte schmieden können, ein gutklassiges Album mit kleinen Schwächen und einem fragwürdigen Anhang. Und weil man das Gebotene als Gesamtwerk begreifen sollte, kommt man um gewisse Einschnitte in der Bewertung nicht herum.


3,5 / 5 Lord Seriousface


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: manfred
Seite 3: Lord Seriousface
Seite 4: Schäff Koch
Seite 5: Jazz Styx
Seite 6: Lisi Ruetz
Seite 7: Anthalerero
Seite 8: Marc F. Folivora
Seite 9: Sonata
Seite 10: Fazit


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