NIGHTWISH - das "Human. :||: Nature." Gangbang-Review

Zwar kann ich nun nicht behaupten, dass ich diesem Release mit Hochdruck entgegen gefiebert hätte, dennoch bin ich ein Fan von Tuomas Holopainens songwriterischer und vor allem soundmalerischer Art, Musik zu gestalten, weswegen ich am Ende dann doch sehr gespannt auf den Release von „Human.:II: Nature.“ war.

Gleich vorweg: Seit „Endless Forms Most Beautiful“ habe ich begonnen, die Musik von NIGHTWISH nicht mehr rein von Metal-Aspekten aus zu sehen, sondern auch den musikalisch-kompositorischen Teil hervorzuheben. Diese Herangehensweise half nun auch bei aktuell vorliegendem Album ungemein.
„Human.:II: Nature.“ soll zwar kein Konzeptalbum sein, von der ideenhaften Herangehensweise kann es allerdings als solches gesehen werden, dreht es sich immerhin um die „Schönheit“ der Schöpfung und in welcher Beziehung der Mensch dazu steht. Nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch knüpft „Human.:II: Nature.“ hiermit nahtlos an den Vorgänger an, bezog sich „Endless Forms Most Beautiful“ auf die komplette Entstehungsgeschichte, während auf dem aktuellem Album der Fokus auf die jüngste Erdgeschichte – seit Existenz der Spezies Mensch – liegt.
In diesem Zusammenhang stechen zwei Songs fast schon vorbildlich heraus: Einerseits eines der Zugpferde „Noise“, das sich im Video sehr bildhaft mit den „Lastern“ der technisierten Welt und der damit verbundenen Abkehr von Natur und Menschlichkeit  heschäftigt, während „Tribal“ - prinzipiell bestehend aus zwei Textzeilen und sehr viel Huh! Huh!-Shouts - auf archaisch-treibende Methode der Hinkehr des Menschen zu den Religionen beschreibt. (Nebenbei auch einer meiner Lieblingssongs auf der Scheibe, weil einer der kantigsten).

Die insgesamt 17 Songs sind auf zwei CDs aufgeteilt, von welchen die erste mit den eigentlichen „Songs“ und die zweite mit vornehmlich instrumentalen Werken versehen ist. Während man also auf CD1 das erhält, was NIGHTWISH ihr täglich Brot nennen, folgt auf CD2 mehr oder minder Tuomas Holopainens orchestrale und epische Exstase. Und da sich viele Reviews auf besagte CD1 konzentrieren, lege ich meinen Fokus eher auf kompositorische und soundmalerische Aspekte, also vermehrt auf CD2.

Bevor es nun aber an den Inhalt geht, noch ein Wort zu den Vocals. Gesangstechnisch hat Floor Jansen (mit ihrer Stimme steht und fällt eben einfach alles) eine Meisterleistung dargebracht. Nicht nur, dass sie versierter und facettenreicher denn je raushaut, schafft es auch nicht jeder Sänger, Songpassagen oder Intervallsprünge wie bei „Music“ oder „Shoemaker“ so einwandfrei zu intonieren. Floor Jansen ist – meiner Meinung nach – eine DER Sängerinnen im Metal-Business. Spricht man von Qualität und Können, kommt man ihr nicht vorbei.

Zu den Kompositionen

Seit „The Life and Times of Scrooge“, die Tuomas Holopainen in ziemlich cooler Weise vertont hat, höre ich bei seiner Weise, Ideen bildhaft zu vertonen, meist genauer hin. Dies hat meines Erachtens schon auf der „Endless Forms Most Beautiful“ großartig funktioniert – teilt man den „Metal-Aspekt“ auf jener Scheibe von der Art „symphonischer Dichtung“, die in einigen Songs durchaus vorherrscht.

In allen Kompositionen auf der aktuellen Scheibe scheinen sich hauptsächlich zwei Herangehensweisen breit zu machen. Entweder befindet man sich in der typischen NIGHTWISH-Komfortzone in flotter Metal-Art, wie zum Beispiel das eröffnende „Music“, das erst auf stimmungsgebende, archaische und schließlich symphonische Basis aufbaut, das schon erwähnte „Noise“ oder auch „Pan“. Herausstechend auch das lobpreisende Bombast-Finale von „Shoemaker“ oder das martialisch wirkende „Tribal“.
Herangehensweise Nummer zwei besteht eher darin, einen feinen minimalen Soundeindruck stückchenweise aufzuplustern, bis er sich am Ende in einer wahren symphonischen oder epischen Fontäne ergießt. So gut wie jeder Song auf der zweiten CD ist auf diese „In der Halle des Bergkönigs“- Weise aufgebaut, was dem Abwechslungsreichtum - zumindest im Songaufbau - leider nicht sehr viel Spielraum lässt. Nicht erwähnt sind hier natürlich die ganzen verschiedenen Elemente, die sich fein säuberlich in die Kompositionen hinein schmiegen, Akzente setzen, aber am Ende doch noch ums Verrecken zu unscheinbar sind, als dass man sich als Hörer daran festklammern könnte.

Nachdem also „Vista“ fast schon wie der Auftakt eines Konzerts vielsagend nichtssagend als Einleitung komponiert wirkt, wird sich bei „The Blue“ und „The Green“ sehr viel Zeit für die Entwicklung gelassen, um sich von einem zarten musikalischen Pflänzchen zu einem erhabenen Gesamtwerk zu erheben, das – obwohl beides in Klangfarbe und Tonalität vollkommen verschiedene Stimmungen fördern – dennoch zu ruhig bleibt, nicht aufzuwühlen schafft.
„Moors“ verdingt sich dann als Verbindungsstück, bedient sich nach einem folkloristischen Intro des Themas von „The Blue“, entwickelt dieses zu einem bedrohlichen Drama weiter, ehe es sich in anderem Gewand, aber ähnlich aufsprühendem Ambiente, im Thema von „Ad Astra“ auflöst. „Aurorae“ weicht am weitesten der bisherigen instrumentalen Stücke ab und bietet soundmalerisch auch die größte Bildsprache. Zumindest, wenn man das unverschämte Glück hatte, dieses nordische Naturphänomen live gesehen zu haben. Der anfangs majestätische Effekt, der sich in die springende Fröhlichkeit von sich stetig wandelnden und wechselnden Lichtspielen im nächtlichen Himmel verwandelt, wird hier zumindest musikalisch lebendig. Dass Holopainen Stimmung erzeugen kann, macht er spätestens bei „Quiet As The Snow“ und „Anthropocene“ klar, auch wenn beide Tracks im Aufbau zu ähnlich sind und gleichermaßen Länge mitbringen. Rausschmeißer - oder besser Rausschleicher - „Ad Astra“ arbeitet dann mit besagtem Thema, das auch bei „Moors“ schon zu Gast war, startet nach einer instrumentalen Einführung erneut mit – zugegebenermaßen sehr ergreifendem – Sprechtext, ehe sich Tuomas Holopainen auf direkten Kollisionskurs in Richtung Epic Music a la Thomas Bergersen/Two Steps from Hell aufmacht und dann doch sehr großspurig und ergreifend ausklingen lässt, was am Ende doch noch einmal einiges hermacht!

Fazit:

Ein paar letzte Worte zum musikalischen Ausdruck – oder besser Eindruck der Scheibe: Mit dem ersten Durchhören macht sich wohl durchaus eine feine Stimmung der „Enttäuschung“ breit, sind ein Großteil der Songs – generell gesehen – von musikalischer Tragweite relativ „banal“. Es fehlen frühere Instrumentalschlachten, dieE-Gitarre verschwindet fast vollständig im Rhythmusbereich, das Keyboard macht Orchester und dient mehr der Untermalung, denn als herausstechendes Merkmal (wie man es sonst von NIGHTWISH gewöhnt ist). Auch viele Wiedererkennungsmerkmale fehlen, verschwinden in einer mehrheitlichen Einheit, auch wenn die Songs für sich gut durchdacht aufbereitet sind. Knackig ist allerdings tatsächlich etwas anderes, dehnt sich der ein oder andere Song fast schon in Richtung Langeweile aus.  
Ganz so einfach ist es allerdings nicht, und das allein ist schon schwierig, in Worte zu fassen. Die Komplexität der Scheibe liegt im Detail, in einer viel beruhigteren Art, als bisher dagewesen. In verschiedenen Absätzen und Teilstücken, in mal eher poppigen, mal orchestralen, mal epischen, mal folkloristischen Zugängen. Langeweile kommt also nicht auf, geht es um die musikalischen Elemente, die man in das Gesamtwerk einflechtet. Am Ende bedient man sich aber vielleicht doch zu vieler Teilbereiche, um sich als Hörer an einem roten Faden entlang hangeln zu können. „Human.:II: Nature.“ funktioniert großartig als Begleitmusik, beim aktiven Hinhören gibt es dann aber tatsächlich Songs, die sich fast schon nervig in die Länge ziehen. Meiner Meinung nach ein großartiges Album im musikalischen Sinn – aber nicht im Sinne einer einschlagenden „Metal-Scheibe“.

3,5 / 5 - Lisi Ruetz

 


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: manfred
Seite 3: Lord Seriousface
Seite 4: Schäff Koch
Seite 5: Jazz Styx
Seite 6: Lisi Ruetz
Seite 7: Anthalerero
Seite 8: Marc F. Folivora
Seite 9: Sonata
Seite 10: Fazit


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