'Verzichtbar' - (k)eine Wutrede

Veröffentlicht am 30.04.2020

Ist es wirklich der richtige Weg, den wir gehen?

Unabhängig von der Sinnhaftigkeit oder Verhältnismäßigkeit der Verordnungen und Restriktionen, mit denen die Gesellschaft in den vergangenen Wochen zwangsbeglückt wurde, sticht aus dem Tenor dieser Tage eines hervor: Nämlich die Teilung, ja, Spaltung der Arbeitswelt in einen „systemrelevanten“ und einen „verzichtbaren“ Teil. Dass Ärzte und Pflegepersonal zurzeit deutlich wichtiger für die Aufrechterhaltung unseres Daseins sind, als jene Leute, die sich für die Freizeit anderer den Buckel krumm schuften, steht außer Frage. Dennoch ist es der Umgang mit dieser Teilung, der nachhaltig zum Denken anstößt.

Alleine der Terminus „verzichtbar“ an sich, ist nichts weiter als ein direkter Schlag ins Gesicht all jener, die ihr Leben in den Dienst anderen Freude zu bereiten gestellt haben. Es stimmt traurig und nachdenklich, mit welcher Selbstverständlichkeit ein ganzer Wirtschaftszweig (ja, auch Kunst und Unterhaltung sind alles andere als brotlos!) von der geschäftlichen Tischplatte gewischt wird und mit welch gleichgültigem Schulterzucken dies allerorts quittiert wird. Hätten wir also alle lieber „etwas Gescheites gelernt“, wären (genauso wenig systemrelevante, aber hochbezahlte) Investmentbanker geworden, oder zumindest Reinigungsfachkraft, anstatt die Herzen der aktuell im Hamsterrad feststeckenden „systemrelevanten“ Arbeitskräfte mit Freude zu füllen, ihnen Entspannung zu verschaffen und ihre mentalen Batterien wieder aufzuladen – mit Musik und Kunst. Ebenjener, die ja so „verzichtbar“ ist.

Doch die Musik- und Kunstszene wäre nicht die kreative Branche die sie ist, würden die tausenden ideenschwangeren Gehirne dahinter nicht schnell auf alternative Möglichkeiten umsatteln, um die Menschen weiterhin erreichen zu können. Reihenweise abgesagte Veranstaltungen bis (vorläufig) Ende August, fehlendes Publikum, ja sogar die fehlenden Möglichkeiten überhaupt zu proben, trieben Künstler und Musiker reihenweise auf diverse Soziale Plattformen, in denen sich die vormals in der realen Welt vorhandenen Zuschauer nun (gezwungenermaßen) tummelten. Streams aus dem geschlossenen Pub, dem Proberaum oder sogar dem eigenen Wohnzimmer bemühen sich nun, die Gunst des Publikums zu erringen. Manch einer schnappt sich sogar sein Instrument und singt einfach zum Fenster hinaus – egal ob es nun jemand hören möchte, oder nicht. (Pop-Musiker sind im Vorteil - der gemeine Todesmetaller provoziert möglicherweise einen Exekutiveinsatz mit seinen, ähem, Geräuschen.)

Es ist möglich an virtuellen Führungen durch Museen teilzunehmen, Tierpfleger erheitern die Follower der Zoo-Kanäle mit putzigen Videos ihrer Schützlinge, Pornhub bietet gratis-Premiumzugang und so manche Band möchte den tristen Alltag der in Isolation festhängenden Leute erheitern und bietet ihre Musik zum freien Download an. Eine noble Geste! Doch – Moment mal...

Die Kunst muss frei sein!

Ist es wirklich das, was wir wollen? Es ist zweifellos eine selbstlose Geste, die vielen Menschen Freude zu bereiten mag, doch wenn man denk Gedanken weiter denkt, kommt man früher oder später auf eine beunruhigende Wahrheit, gerade wenn wir über die Musik im Speziellen sprechen. Hat nicht gerade die um sich greifende Gratismentalität und der einfache, unlimitierte Zugang zu fast jeglichen auditiven Inhalten in der Vergangenheit die Musiker stark gefordert, indem die Konsumenten immer weniger bereit waren, für die Früchte oft jahrelanger zeit- und kostenintensiver Arbeit adäquat zu löhnen? Und nun, in vielen Fällen der Live-Präsentation ihres Materials, immerhin eine nicht unerhebliche Weise, das Publikum von den eigenen Qualitäten zu überzeugen und künftige Fans zu generieren, beraubt, werden die Ergebnisse intensiver Arbeit der Allgemeinheit frei zugänglich gemacht – für ein hehres höheres Ziel.

Versteht mich nicht falsch, das ist schön und gut, und es gibt auch immer wieder Künstler, die ihre Werke bewusst frei und ohne Entlohnung unters Volk bringen (auch vor der Pandemie – doch um diese Künstler geht es hier gar nicht), doch in der gegenwärtigen Situation untermauern diese Strategien nur die eingangs erwähnte und von höherer Stelle indoktrinierte Meinung, dass Kunst eben doch „verzichtbar“ ist. Denn warum sollte man die finanzielle Struktur hinter künstlerischen Aktivitäten erhalten oder gar fördern, wenn doch die Ergebnisse der Arbeit so leichtherzig gratis zur Verfügung gestellt werden können? Wie soll der Hilferuf der finanziell am Boden liegenden und derzeit ihrer kompletten Existenzgrundlage beraubten Leute in und vor allem UM die Veranstaltungsbranche gehört werden und überhaupt ernst genommen werden, wenn das Grundprodukt der Bemühungen for free ist – gerade in einer Zeit, in der der Verdienstentgang für jene die davon leben müssen, existenzbedrohend wird?

Sein oder nicht sein?

Mit Streamingkonzerten verhält es sich ähnlich – es stellt sich auch hier die Frage, ob nicht die zunehmende Übersättigung mit Inhalten letztendlich den gegenteiligen Effekt hat, die Leute anstatt heiß auf so bald leider nicht mehr stattfindende Live-Auftritte zu machen, den potenziellen Konzertgängern vor Augen führt, dass ohnehin fast alles online abrufbar ist – ohne dafür viel Geld investieren zu müssen, Fahrzeit aufzuwenden oder sich den diffusen potenziellen (wie solchen derzeit in aller Munde befindlichen) Gefahren aussetzen zu müssen. Der Versuch auf diese Weise möglichst viele Leute zu erreichen, könnte sich auch ohne weiteres ins Gegenteil verkehren – nämlich die eigenverschuldete „Abschaffung“ von Live-Konzerten, falls die Bequemlichkeit überhand nimmt und, so Veranstaltungen endlich wieder erlaubt sind, deutlich weniger Leute als sonst hingehen, und der Schaden und die bereits entstandenen Verluste noch weniger kompensiert werden können.

Zugegeben, das ist alles Spekulation, doch da niemand eine Kristallkugel parat hat um das Gedankenexperiment zu überprüfen, bleibt an dieser Stelle nur der Hinweis, sich in der gegenwärtigen Ausnahmesituation nicht in scheinbar einfache Lösungswege zu verlaufen. Es wäre zu schade, wenn sich die aktuell propagierte „Verzichtbarkeit“ von Kunst (und damit auch (Live-)Musik) in den Köpfen der Allgemeinheit verankern würde - und das nicht nur aufgrund der Meinungen hochrangiger Politiker, sondern indirekt befeuert durch die Künstler selbst.


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