TYPE O NEGATIVE - Peter Steele (4. Jänner 1962; † 14. April 2010) ein emotioneller Nachruf!

Text: Reini
Veröffentlicht am 16.04.2010

Dear Peter,

Auch wenn Du diese Zeilen, wo immer Du auch derzeit bist, wohl nie zu lesen bekommen wirst, war es mir emotional aber auch auf Grund einer sehr, sehr persönlichen Komponente wichtig, Dir meine Gedanken zu überbringen. Gedanken, die versuchen einen Musiker und sein Naheverhältnis zu mir zu charakterisieren, der mich und meine musikalische (Hörer)Leidenschaft mehr als zwei Jahrzehnte lang als immer wieder gern, wenn nicht sogar fanatisch Gehörter begleitet hat.

Meine Zuneigung zu Deinem musikalischen Schaffen passierte zufällig, aber plötzlich und ungemein heftig. Ich, ein damals 18-jähriger, schwer pubertierender Teenager, der gerade dabei war sich seine Hörner abzustoßen, entdeckte eine Band namens CARNIVORE und deren selbst betiteltes Debütalbum, welches vor exakt 25 Jahren via Roadrunner Records veröffentlicht wurde. Damals, ich besuchte gerade die vierte Klasse der Handelsakademie, war der Rebellionsgedanke vielleicht noch nicht derartig ausgeprägt wie heute, aber es gab zumindest Verbündete in der Schule, jene, die verstanden warum „der da“ so eine Musik hörte. Ich sehe mich nach wie vor in meinem geistigen Antlitz vor mir selbst stehen, die Schulgänge hin- und her rennend und die Textzeilen vom „Carnivore“ Opener „Predator“ zu singen, nein zu shouten, derartig Frauenfeindliches Material war Mitte der 80iger natürlich anrüchig und verpönt, wir bzw. ich haben es einfach nur geliebt und völlig genial gefunden:

broken splintered bones, boiling blood
torn and bleeding skin
blackened burning flesh melting fat
amputated limbs
eviscerated, lungs torn out
heart ripped from the chest
decapitated, a meal of
vagina and breasts
Eyes plucked from sockets, gaping holes
through which picking brains
phlebophilia love of blood
life spills from the veins
I detect the scent of prey by
her menstruation
you have been chosen the main course
Congratulations!

-Bon Appetite

Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass die 43:15 Minuten des CARNIVORE Debütalbums mein Leben verändert haben, entscheidend geprägt und mit dem Virus Peter Steele befallen hat es mich aber schon, ein Umstand, welcher bis zu Deinem letzten musikalischen Lebenszeichen der „Dead Again“ CD von 2007 über satte 22 Jahre hindurch eine feste Konstante geblieben ist.

Was blieb mir da noch so fest und dauerhaft in meinem Hirn wenn ich an Dich denke Peter! Natürlich die Aufregungen als Du mit CARNIVORE das zweite Album „Retaliation“ veröffentlicht hast. Zwei Jahre nach dem Debüt eine sowohl musikalisch (deutlich mehr Hardcore in vielen Phasen), als auch textlich noch extremere Ausprägung, für Songs wie „Jesus Hitler“ oder „Sex And Violence“ haben sie Dich im RockHard fertig gemacht, zur Strafe haben wir Kollektivheftzerreissungen veranstaltet, die RockHard Ausgabe Nummer 22 ist eine der wenigen, welche sich nicht (mehr) in meinem Besitz befindet, das Ding wurde zerrissen, auf den Boden zerstampft und natürlich verbrannt, Begleitmusik für diese Zeremonie(n) war – natürlich !!! – CARNIVORE und „Retaliation“!

Dann war plötzlich Schluss. CARNIVORE waren Geschichte! Du hast damals beim Parkamt des Staates New York gejobt, liest Dich aber von Sal Abruscato dazu überreden eine neue Band zu gründen. Mit Kenny Hickey und Josh Silver, der zuvor schon mit Dir in den Bands AGRESSION und FALLOUT gespielt hatte, war die Bandbesetzung komplett, allein ein passender Name war gar nicht so einfach zu finden. Nach Repulsion und Sub-Zero habt ihr Euch für TYPE O NEGATIVE entschieden und was dann kam ist für mich noch immer eines der besten je veröffentlichten Alben. „Slow, Deep and Hard“ hatte noch die zeitweise Rotzigkeit von CARNIVORE und driftete noch nicht zu sehr in den Gothic-Pathos späterer Veröffentlichungen ab, ein Kleinod im Metal Bereich, den auch Du Peter, nie wieder in Deiner musikalischen Karriere erreichen solltest. Zugegeben, Du warst erfolgreicher, aber besser als auf „Slow, Deep and Hard“ war TYPE O NEGATIVE und damit natürlich auch Du nie wieder! Allein der Refrain aus „Unsuccessfully Coping With The Natural Beauty Of Infidelity” der da kurz und pregnant lautete: “I know you're fucking someone else” hat mich monatelang begleitet und wird auch heute noch in ohrenbetäubender Lautstärke mitgegrölt. Peter, innerhalb von nur sechs Jahren hattest Du es zweimal geschafft mich musikalisch mehr als zu berühren, mir vor Augen zu halten, dass ich wahrscheinlich einer derjenigen bin, der für den Genuss Deiner Musik geboren zu sein scheint. Klingt pathetisch, war und ist aber immer so ein unterschwelliges Gefühl von mir gewesen.

Ein weiterer mehr als emotionaler Moment der mich mit Dir verbindet Peter, betrifft den 17. Dezember.1996 als Du und TYPE O NEGATIVE zusammen mit MOONSPELL und MANHOLE in der Stadthalle zu Offenbach aufgegeigt habt. Du, ein auf die Bühne torkelnder, mit einer Doppelliter Flasche Rotwein bewaffneter Hüne ließest während dieses Gigs der „October Rust“ Tour die Gänsehaut auf meinem Körper verrückt spielen. Nicht nur meine, sondern auch die meines Begleiters, mein bester Freund aus Jugendtagen, der nach Deutschland ausgewandert mir ganz neue Möglichkeiten erschloss was Konzertbesuche anbelangte. In Österreich war zu dieser Zeit nicht wirklich sehr viel zu holen, Deutschland hingegen das Schlaraffenland an Tourneen und Künstler, ohne meinen guten Freund hätte ich in dieser Phase meines Lebens Dich und TYPE O NEGATIVE wohl kaum livehaftig gesehen.

Die Ironie des Schicksals Peter, gerade jener wirklich über Jahrzehnte treue Freund verstarb nahezu exakt ein Jahr vor Dir, auch viel zu jung, auch an Herzversagen, wohl der Hauptgrund warum ich hier und heute diese Zeilen verfassen musste, auch weil ich mir nichts sehnlichster wünsche, als dass ihr zwei vielleicht irgendwo, in Raum und Zeit die für uns so überhaupt nicht vorstellbar sind, einander begegnen werdet, über alte Zeiten palavern werdet, Du ihm vielleicht sogar ein paar der unzähligen wunderbar genialen Songs Deiner über 25 Jahre anhaltenden kompositorischen Geniestreiche vorspielen wirst. Möglich auch, dass Du dabei vielleicht sogar einen Song wie „Life is Killing Me“ auswählst, ihm jene Zeilen vorträgst, die heute in Gedanken an Dich (und bei mir persönlich natürlich auch an ihm!) einfach nur eine gewisse Leere, einen deutlich spürbaren Schmerz auslösen:

Just let me die, with dignity
It's not suicide, simply mercy
Life is killing me

Peter Ratajczyk wo immer Du jetzt auch sein mögest, ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Dein innerer Friede Dich auf Deinem zukünftigen Weg begleiten wird, R.I.P. Peter!


WERBUNG: Leprous – Pitfalls
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE