Flusensieb #33 – 10 kurze Platten-Reviews

Veröffentlicht am 02.05.2020

Seit mehr als drei Jahren fängt das Flusensieb nun schon jene Platten auf, die bei den fleißigen Stormbringer-Redakteuren von den Schreibtischen rutschen. Hier folgen nun also Mini-Reviews Nummer 558 bis 567. An dieser Stelle reiche ich den Staffelstab an meine Kollegen weiter und bedanke mich bei allen Lesern für die schöne Zeit, die ich dieses Projekt leiten durfte. Ein letztes Mal noch kündige ich euch den heißen Stoff an: Erst wird aufs Lebensglück eingeprügelt, es gibt Apothekenalkohol mit Tollkirsche und Schwarzpulver und ein Kaninchen wird aus dem Hut gezaubert. Darauf folgt der Movie-Score von „Fear and Loathing in Art Vegas“, ein Oldschool-Leckerbissen, eine Winterwanderung und etwas, wo man sich mehr Tony wünscht. Den Abschluss bilden eine verbogene, rostige Schraube, Live-DVD-Material und die Headbang-Abzappel-Ungewissheit. Viel Spaß!

 


 

SVRM – 7

„7“ ist das erste Demo von den ukrainischen SVRM, das immer wieder und wieder – auch als Reissue, als EP – durch die schreibende Metalwelt geschickt wird. Nun landet es im Flusensieb und löst einen selten gefühlten Grad an Verzweiflung aus. Die schiere, hässliche Gewalt, mit der auf dieser Atmospheric-Black-Metal-Platte auf jegliches Lebensglück eingeprügelt wird, erstickt jeden Lichtblick mit mehr Schmerz als es die meisten Depressive-Suicidial-Black-Metal-Alben könnten. Stell dir einen wohligen Ort der Freude vor, aber dort musst du mit so lange über grobes Holz kratzen, bis sich Splitter unter deine abplatzenden Fingernägel bohren. SVRM verletzen die Psyche! (jazz)

 


 

RUIN LUST – Choir Of Babel

Sie fühlen sich von Ihren Nachbarn gestört? Vogelscheuchen basteln ist Ihnen zu aufwändig? Die Tür des Kinderzimmers ist nicht schallisoliert? Sie finden eine knappe halbe Stunde einer Geräuschkulisse aus Gerölllawinengerumpel, Müllpressengeschepper und heiserem Bärengebrüll eine akzeptable Geräuschkulisse? Dann holen Sie sich jetzt das dritte Album von den New Yorker Black-Deathern RUIN LUST und entdecken Sie eine neue Dimension des Krachs. „Choir Of Babel“ macht sicher nur den martialischsten Metallern mit den kaputtesten Gehörgängen Freude, aber Tequila mit Salz und Zitrone kann ja jeder. RUIN LUST sind Apothekenalkohol mit Tollkirsche und Schwarzpulver – ins Auge! Schön geht anders! (jazz)

 


 

VERITATES – Killing Time

Kölleeee allaaaf – ah falscher Kontext, aber lieben tu ich diesen Neuling jetzt schon. „Killing Time“ hat derzeit eine beruhigende Wirkung auf mich und die Stimme von Andreas v. Linpinski zieht einen in die Songtiefen geradezu hinein. VERITATES ist eine Koop von Musikern mit Wurzeln, die von GRAVE DIGGER und WOLFEN bis hin zu verschiedenen Gastmusikern des Metalgenres reichen. Bisserl Oldschool darf mit „Jerusalem Syndrom“ auch nicht fehlen. Pure Steel Records haben hier ein großartiges Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Heavy mixed mit Power Metal, einer gehörigen Portion Bums auf die Ohren und mit „Awakening“ auch etwas für die zarteren Momente (so für 5-6 sek.). (SV)

 


 

GHOST TOAST – Shape Without Form

Manchmal wird bei GHOST TOAST – ungarisch – gesprochen, unterdessen Gesang eher folkig, selten und nicht aus dem Kreise der wurzelsechzehnköpfigen Band ist. Progressiv (wahrlich!), verlautbaren Stimmen, welche sich nicht irren, und experimentell sei der Rock bis Metal auf der exzellent benannten Platte „Shape Without Form“. Klanglandschaften mit Potenzial zur freiwilligen Entführung breiten sich in einer Komplexität aus, die Konzentration und/oder Fallenlassen und/oder Substanzmissbrauch erfordert/nahelegt. Trip Trip Hurra! Fear and Loathing in Art Vegas – der Movie Score. Für Fans von Progressive Rock, Klassik, Jazz, Folk, Oper, altem Kino und Rührei. Und, nicht oder! (jazz)

 


 

DIABOLIC NIGHT – Beyond The Realm

Eine Mischung aus Black- und Thrash-/Speedmetal kredenzen DIABOLIC NIGHT (bestehend aus Mainman Heavy Steeler, unterstützt von Schlagzeuger Christhunter) aus Deutschland auf ihrem ersten Longplayer „Beyond The Realm“. Die Mischung ist sehr ansprechend und auch abwechslungsreich. Vor allem gitarrentechnisch und melodisch ein Leckerbissen, aber auch rundum ein mehr als als gelungenes Album (bis hin zum Artwork). Der Sound ist ziemlich oldschool, was in diesem Fall ein Bonus ist. Die drei Jahre, die am Album gearbeitet wurden, haben sich gelohnt. Anspieltipps: „Cresend Moon Rising“, „In Retribution“, „Infernal Power“. 4 von 5 Punkten. (BS)

 


 

GRIFT – Budet

GRIFT – alias der Schwede Erik Gärdefors – veröffentlicht seine dritte Platte in voller Länge: „Budet“. Der Black Metal darauf ist von reichlich Atmosphäre und Anleihen des Folk durchzogen und umgeben. Eine überwiegend ruhige, trotzdem gewaltige Stimmung zieht sich durch die 42 Minuten. Seine Stimme, die oft in die relative Stille hinein schreit, klingt verzweifelt, aber nicht schwach und vermittelt ein Gefühl von unendlicher Bedeutungslosigkeit. Wie eine tagelange Wanderung durch den nordischen Schnee in einer monatelangen Winternacht, die die Grenzen von Zeit und Raum und Existenz verschwimmen lässt. Hervorragend komponiert wird die Zartheit einer natürlichen Brutalität eingefangen. (jazz)

 


 

ELEGY OF MADNESS – Invisible World

Symphonic Female Fronted Metal aus bella Italia. Bereits seit 2006 ziehen ELEGY OF MADNESS durch die Lande und mit „Invisible World“ kommt ihr neues Album auf den Plattenteller. Ein sehr gutes Beispiel für das Zusammenspiel von weiblicher Clean- und männlicher Growl-Gesangsstimme. Glücklich wird mit diesem Album, wer keine bahnbrechenden Neuerungen erwartet, ansonsten bieten EOM astreinen Symphonic Metal mit hohem Entspannungswert, klaren Textstrukturen, guten Geschichten und entsprechend hübscher Verpackung. „Believe“ it or not, Anja ist eine wahnsinnig gute Sängerin, mehr Tony würde aber das ganze auf ein anderes Level heben. (SV)

 


 

WELLS VALLEY – Reconcile The Antinomy

WELLS VALLEY versöhnen den Widerspruch, behauptet jedenfalls der Titel ihrer zweiten LP „Reconcile The Antinomy“. Ungefähr so anstrengend klingt das Werk dann auch. Während seine Wucht schnell packen will, zerstreuen die wilden Strukturen wieder. Während der starke, böse Gesang die Nervenenden reizt, lullt die durchdringende Langsamkeit ein. Blackened Doom Post-Metal trifft die verbogene, rostige Schraube auf den Kopf, sodass sie durch die Schläfe eines wahnsinnigen Philosophen dringt. Die Portugiesen machen es dem Hörer nicht leicht, beweisen aber durchgängig, dass sie kreatives wie technisches Können über ästhetische Freuden stellen. Wer meint, Kunst möge schön sein, höre anderes! Stark! (jazz)

 


 

TRIBULATION – Alive & Dead At Södra Teatern

Zehn Jahre nach ihrem Debütalbum „The Horror“ präsentieren TRIBULATION ihr erstes Livealbum mit „Alive & Dead At Södra Teatern“. Passend zum Theatersetting wird der Auftritt in zwei Akte unterteilt. Der erste besteht aus den Songs des letzten Albums „Down Below“, während sich der zweite vor allem aus Songs von „The Formulas Of Death“ und „The Children Of The Night“ zusammensetzt (jedoch keinem vom Debüt). Solide, aber, wer die Band schon mal live gesehen hat, weiß, dass bei einem rein akustischen Medium der ganze Reiz der theatralischen Livedarbietung der Band fehlt. Die Doppel-CD bzw. die Doppel-LP kommen aber mit einer DVD, die das Erlebnis zumindest etwas näher zu bringen scheint. (BS)

 


 

THE INHIBITOR – The End Is Near

Der Gesangsstil klingt mir deutlich zu alkoholisiert. Sind die Stimmbänder des Hauptsängers Jára irgendwie angeschwollen? Irgendwas zwischen zu gepresst und zu lässig. Ansonsten aber ist die musikalische Mischung aus EDM und Metal verschiedener Spielarten durchaus gelungene Kost für jene, die nicht wissen, ob sie headbangen oder abzappeln sollen. In dieser Zerrissenheit liegen sowohl die Stärken der Tschechen als auch ihre Schwächen. Der Alleinstellungswert ist hoch, aber irgendwie scheint das Ganze auch ein wenig verwaschen und ziellos. Wer Lust auf etwas Ungewöhnliches hat, aber nicht gleich die Avantgarde-Schiene fahren will, kann mal in „The End Is Near“ von THE INHIBITOR reinhören. (jazz)

 


 

Mehr Flusensieb!


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