VADER - The Darkest Age - Live '93

Veröffentlicht am 29.06.2020

Kinder wie die Zeit vergeht! Es werden nicht mehr allzu viele Silvesterpartys vergehen, bis das polnische Death-Metal-Flaggschiff VADER seinen vierzigsten (!) Geburtstag feiern wird. Und wie jeder Fan der Truppe, ganz gleich welchen Alters, bezeugen kann, ist die Band um das einzige verbliebene Gründungsmitglied Piotr "Peter" Wiwczarek eine einhundertprozentige Liveband. Ich kenne kaum eine Gruppe, die sich derart fleißig und ohne nennenswerte Pausen dem beachtlichen Tourrhythmus des seligen Mr. Rock'n'Roll Lemmy Kilmister annähert und dabei zugleich mit einer so bestechenden Trefferquote überzeugt. Broterwerb hin oder her: diesem Gespann und besonders Frontmann Peter sieht man die Freude und Leidenschaft, die für das Dasein als Musikschaffender von essentieller Bedeutung sind, in jedem live dargebotenen Stück an. Und nach fast vier Dekaden im Geschäft sitzt dabei jeder Handgriff wie einprogrammiert - doch wie jede Kapelle begannen auch VADER mal im Kleinen.

Einen Einblick in diese Zeit bietet VADERs 1994 erschienenes, erstes Livealbum "The Darkest Age - Live '93", das während eines Konzerts ein Krakau aufgenommen wurde. Die Band als solches existierte bereits seit zehn Jahren, hatte jedoch erst ihr 1992er Debutalbum "The Ultimate Incantation" und eine Handvoll Demos am Start. Dass das Erstwerk demzufolge den Löwenanteil des Sets ausmachte und zudem beinahe in Gänze aufgeführt wurde, ist sicherlich dem damals noch jungfräulichen Backkatalog der Polen geschuldet, wirkt jedoch aus dem Blickwinkel eines 2020er-Metalheads fast schon wie eine Jubiläumsshow zum nahenden runden Album-Geburtstag. Jetzt mag man heute, knapp dreißig Jahre später, gerne und mit Recht behaupten, VADER (bzw. Peter - denn außer ihm ist schließlich niemand mehr aus der damaligen Besetzung in der Band; Drummer Doc ist zudem bereits 2005 verstorben) seien jung geblieben und haben ihren Stil über die Jahre ohnehin eher überschaubar modifiziert.

Das mag alles stimmen, doch spielt eine Bande junger Hüpfer einfach anders als eine Truppe, die länger die Bühnenplanken dieser Erde poliert, als die Mitglieder einer Endzwanziger-Knüppelkombo überhaupt auf der Welt sind. Aus diesem Blickwinkel ist es gerade für Hörer um die dreißig, die das Schaffen der Polen vornehmlich während der letzten beiden Dekaden aus erster Hand aufgesogen haben, eine interessante Erfahrung, den Chronographen noch etwas weiter zurückzudrehen als zu "Litany" und Co. Denn obwohl VADER schon anno 1993 eine sehr potente Liveband mit markanten Trademarks waren, hat die ungestüme Rumpel-Performance auf ihrer ersten Liveplatte noch einen ganz anderen Charakter als das, was man heute von ihnen gewohnt ist. Die bereits angesprochene minutiöse Akkuratesse in Gesang und Spiel sind das Ergebnis jahre- oder gar jahrzehntelanger Routine. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren Peter und seine Mitstreiter selbst noch keine dreißig und zählten eher zu den vielversprechenden Newcomern. Dementsprechend anders ist die Erfahrung beim Auflegen der Platte im Vergleich zum Besuch einer zeitgenössischen VADER-Show. Besonders jüngeren Fans dürfte es weniger bekannt sein, dass "Decapitated Saints" eigentlich ein uralter Schinken vom Debut ist, der für das famose "Welcome To The Morbid Reich" lediglich neu eingespielt wurde. Der Vergleich beider Versionen dokumentiert die Band-Evolution und offenbart, wie weitreichend diese trotz hoher Stiltreue sein kann. Was Coverversionen angeht, konnte ich den Polen stets etwas abgewinnen - sei es VENOMs "Black Metal", METALLICAs "Fight Fire With Fire" oder eben dem hier live heruntergeknüppelten SLAYER-Klassiker "Hell Awaits" (damals selbst noch fast neu und entfernt vom Status eines Klassikers).

Man kann also als geneigter Fan viel Interessantes finden auf "The Darkest Age - Live '93", wobei der eigentliche Mehrwert des Re-Releases natürlich in der erstmaligen und neu gemasterten Ausgabe auf Vinyl sowie dem schmucken Klappcover mit antiken Live-Fotos liegt. In Zeiten, die konventionelle Liveperformances aus höheren Gründen nicht erlauben, erhalten Live-Zeugnisse in gewisser Weise neuen Wert. Und wenn man sich ohnehin schon in Substitution, Ersatzhandlungen und Home-Banging [Anm. d. Verf.: Home-Banging...ein Ferkel, wer hierbei Säuisches denkt!] übt und obendrein ein Herz für Sammlerstücke hat, ist die Gelegenheit für einen kleinen Abstecher in die frühen 1990er günstig. Denn auch damals schon war die Hölle für neue Jünger bestens vorgeheizt.

Tracklist "The Darkest Age - Live '93":

1. Macbeth (Intro)
2. Dark Age
3. Vicious Circle
4. The Crucified Ones
5. Demon's Wind
6. Decapitated Saints
7. From Beyond (Intro)
8. Chaos
9. Reign-Carrion
10. Testimony
11. Breath Of Centuries
12. Omen (Outro)
13. Hell Awaits (SLAYER)

Zuerst erschienen:

  • Baron Records: CD + Kassette

Re-Release 2020:

  • Witching Hour Productions (alle Releases remastered):
    • 7. Mai 2020: digital
    • 20. Mai 2020: CD + Digipak + Kassette (2 Farben)
    • 15. Juni 2020: 2 x 12'' Vinyl (3 Farben)

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