ENSIFERUM - das 'Thalassic' Gangbang-Review

Rückblick

ENSIFERUM sind einfach eine Sache für sich. Manche sprechen ihren Namen als "Ensifehrum" aus, andere sagen "Ensifferumm" und nochmal extrudieren ihn sogar zu einem festlichen "Ensiferium" (wie einst DIE APOKALYPTISCHEN REITER in "Passion, Proof, Power" auf "Unsung Heroes"). Doch wenn es etwas gibt, das mindestens so umfassend ist wie der Interpretationsspielraum um die richtige Betonung ihres Bandnamens, dann ist es wohl der musikalische Spieltrieb der Schwertträger. Ihre stilistische Entwicklung verlief bis hin zu besagtem "Unsung Heroes" einigermaßen geradlinig, wobei die rote Scheibe in puncto Hörergunst stark einbüßte und bis heute für viele - trotz grundsätzlich guter Songs und eines unstreitbaren Livehits namens "In My Sword I Trust" - als Tiefpunkt ihrer Diskographie zählt.

Doch schon mit dem Nachfolger "One Man Army" kehrten ENSIFERUM in alter Stärke zurück und entwickelten nebenbei die wundersame Eigenschaft, sich fortan von Album zu Album ein stückweit neu zu erfinden. "One Man Army" war ein starker Brocken, der so facettenreich wie überzeugend daherkam und einem mit dem bunten Hund "Two Of Spades" nur zu gerne ein aufrichtiges "die spinnen, die Finnen" entlockte. Auch wenn "Two Paths" abermals dazu neigte, die Anhänger der Schwertträger zu spalten und vor die Wahl zwischen "Worshipper-Pfad" und "Hater-Pfad" zu stellen, zählt die bis dahin jüngste ENSIFERUM-Platte für mich dennoch zu den starken Eisen. "For Those About To Fight For Metal", "Way Of The Warrior" und "Hail To The Victor" sind dabei lediglich die offensichtlichsten Gründe, warum mir die Wahl des Weges leicht fiel. Vielmehr verzückte mich an der Platte die erneute Verspieltheit und der Einfluss Netta Skogs, der mit dem genialen "Feast With Valkyries" (einem weiteren Scheider der Geister) seinen Höhepunkt fand.

Und nun ist es soweit - der Vorhang für das nächste Kapitel "Thalassic" fällt. Da Netta Skog das Wikingerschiff zwischenzeitlich wieder verlassen hatte, war bereits abzusehen, dass der Nachfolger von "Two Paths" nicht mehr allzu viel mit demselben zu tun haben sollte. Und weil die Finnen ohnehin nicht zu den berechenbarsten Vertretern ihrer Szene gehören, war Album Nummer acht im Prinzip wieder eine Wundertüte, die man am besten einfach unvoreingenommen öffnet und das emporkommende Feuerwerk genießt.

Von Raben und sanitären Missgeschicken

Das Coverartwork ist in gewohnter Manier eine Zierde und ein Fest für's Auge - und untermalt gekonnt das Leitmotiv der See. Das Intro "Seafarer's Dream" riecht gewaltig nach Epos und lässt die Erwartungen auf das Folgende in die Höhe schnellen. Und was da folgt, haut in der Tat dem Metfass den Boden aus! Als ich "Thalassic" zum ersten Mal auf dem Weg zur Arbeit hörte und anschließend meine Frau über meine Ankunft informierte, schrieb ich (O-Ton): „ein Rabe wollte mich nicht in den Hof lassen und die neue ENSIFERIUM ist legendär...ich scheiß’ mir gleich in die Hose vor Freude!" - gefolgt von einer langen Reihe an Emoticons, in erster Linie Pommesgabeln. Und ja, das zusätzliche "i" hat es mir irgendwie angetan...

Der erste Eindruck bleibt bestehen

Zum Glück wurde aus diesem spontanen Ausdruck von Begeisterung weder eine Ehekrise noch ein autodidaktischer Kursus im Reinigen von Alltagskleidern - doch der erste Eindruck sollte sich auch nach mehreren Durchläufen als sehr statt- und standhaft herausstellen. Aber warum weiß "Thalassic" so sehr zu begeistern? Dafür fallen mir nach dem Intro ungefähr acht Gründe ein...

"Rum, Women, Victory" und "Run From The Crushing Tide" zählen zu den flotten Brechern der Scheibe und sind so hochtourig, schneidend und oldschool wie schon lange nicht mehr. Die beiden Nummern sind astreine Hits, destillieren den ureigensten Charakter ENSIFERIUMs heraus und hätten ohne Mühe ihren verdienten Platz auf "Victory Songs" gefunden - dem Album, das meiner Meinung nach Oldschoolvibe und High-End-Kompositionen am besten unter einen Hut brachte. Neu-Keyboarder Pekka Montin macht neben seinem eigentlichen Amt auch eine gute Figur am Mikro und steuert mit seinem hochkarätigen, Heavy-Metal-tauglichen Klargesang eine neue Note bei, die sich wie aus einem Guss in die Klangwelt der Finnen einfügt. So lässt "Run From The Crushing Tide" den guten, alten Traditionsstahl in einer Weise durchblitzen, die ich bestenfalls von "Deathbringer From The Sky" ("Victory Songs") kenne.

Auch die epische Seite der Finnen kommt auf "Thalassic" nicht zu kurz. Nachdem "The Defence Of The Sampo" und "One With The Sea" bereits den Ofen und die Tränendrüsen kräftig vorheizen, wartet mit "Cold Northland (Väinämöinen Part III)" noch einmal großes Kino, das ein grandioses Albumfinale beschert und zudem an den "Väinämöinen"-Zweiteiler des Debutalbums "Ensiferum" (2001) anknüpft - back to the roots at its best!

Mit "For Sirens" bietet der neue Dreher ein leichtfüßiges Melodiemonster und mit "Midsummer Magic" einen weiteren - aber irgendwie schon wieder typischen - Exoten. Das geigenschwangere Folkgelage ("Midsummer Magic") ist vielleicht nicht so unberechenbar und bekloppt wie einst "Two Of Spades", tanzt aber in einer huh-hah-ähnlichen Weise aus der Reihe und macht neben reichlich guter Laune ordentlich Durst - wie es sich für die finnischen Bräuche anlässlich der Mitsommer-Festivitäten gehört.

Wer auf ENSIFERUM steht, kommt um "Thalassic" nicht herum

Dass ENSIFERUM keine zwei Mal hintereinander dasselbe Album aufnehmen, war von vornherein klar. Dass "Thalassic" aber derart oldschool, ausgefeilt, zielgerichtet und ENSIFERUM wird, hätten wohl nur die wenigsten erwartet. Alle, die von "Two Paths" enttäuscht waren und die sich seit Jahren mehr "Victory Songs" und Wurzeltreue wünschen, erleben mit diesem epochalen Werk eine Balsam-Behandlung für beide Ohren. Doch damit nicht genug - back to the roots ist mehr als nur das Kopieren des alten Stils. Die Kunst liegt darin, starke Assoziationen in Richtung der Frühwerke zu wecken und sich zugleich weiterzuentwickeln, alte Tugenden aufleben zu lassen und dabei authentisch zu bleiben. Und in dieser Hinsicht ist die achte Finnenrille eine unangefochtene Glanzleistung. Der Platz in meiner ohnehin schon beachtlichen Bestenliste für 2020 ist ihr sicher.

4,5/5,0 - Lord Seriousface


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Anthalerero
Seite 3: Christian Wiederwald
Seite 4: Ernst Lustig
Seite 5: Hans Unteregger
Seite 6: Lord Seriousface
Seite 7: Pascal Staub
Seite 8: Sonata
Seite 9: Fazit


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