ENSIFERUM - das 'Thalassic' Gangbang-Review

Verrückte Story, das werdet ihr mir nie-nie-niemals glauben: ENSIFERUM veröffentlichen bald ein neues Album. Ihr achtes, übrigens. Es heißt "Thalassic" und wurde mit der besonders heiklen Aufgabe vertraut, auf das grauenvolle "Two Paths" zu folgen. Mein herzliches und aufrichtiges Beileid. Anyway, skippen wir den mäßig lustigen Prolog und kommen zum Punkt: Ihr werdet mir wirklich nie-nie-niemals glauben, wie überrascht ich in den Sessel niedersank, als ich besagtes "Thalassic" zum ersten Mal hören durfte. Ich war sogar so sehr von der Rolle, dass ich nicht wusste, wie ich es gefühlstechnisch einordnen sollte, weil sich die Erwartungen zuvor eher darum kreisten, welches neue, noch tiefere Tief ENSIFERUM wohl dieses Mal erreichen würden. Führt man sich nun untenstehende Wertung vor Augen, was einige Leser sicherlich gerne als erstes tun, könnte man den Eindruck gewinnen, der Redakteur sei von Metal Blade Records korrumpiert worden, doch die qualitative Diskrepanz zwischen "Two Paths" und "Thalassic" ist tatsächlich so gewaltig, dass ich im Nachhinein wirklich glückselig bin, die damalige Wertung genau so gewählt zu haben.

Die positiven Veränderungen lassen sich dabei nicht nur im Detail finden, sondern übergeordnet in allen Teilen des Albums. Mit "Seafarer's Dream", das mit tosendem Meeresrauschen, wehmütigen Seemannsgesängen und dezenter Orchestrierung wohl das stimmungsvollste Intro seit "Ad Victoriam" und "By The Dividing Stream" ergibt, choreographiert man beispielsweise den idealen, atmosphärischen Einstieg, der zuletzt in den Untiefen der Ozeane versenkt den letzten Lebenshauch zu gluckern schien. Danach wird rasch klar, dass "Thalassic" prinzipiell auch als vollkommene Mischung aus "Victory Songs" und "From Afar", das ich seit kurzem endlich genießen und wertschätzen kann, umschrieben werden kann. Von charakteristischen und dennoch inspirierten, temporeich-folkigen Songs à la "Rum Women Victory", "Andromeda" oder auch "Run From The Crushing Tide" über balladesk-wehmütigeren Garn ("One With The Sea"), der an die beiden Klassiker "Ensiferum" und "Iron" erinnert, und orchestralere Epen im Stile von "The Defence Of The Sampo" bis hin zu einem vielschichtigen Longtrack wie "Cold Northland (Väinämöinen Part III)" wird man auf "Thalassic" wirklich alles entdecken können, was ENSIFERUM bis einschließlich "From Afar" auszeichnet.

So weit, so bekannt? Nicht ganz, denn: Gekrönt wird diese enorme Leistungssteigerung von Neuzugang Pekka Montin (Keyboard/Clean Vocals), der frischen Wind über die finnischen Gewässer bläst und extrem stark mit seinem neuen Kollegium, das ihm beim Songwriting offensichtlich alle Freiheiten der Welt zugestanden hat, harmoniert. Auch wenn er in den meisten Stücken stets aufwertend eingreift, habe ich für seine Nennung "For Sirens" und "Midsummer Magic", in dem man nach dem üblichen Sauna-Aufguss "freudig" (na ihr wisst schon...) durch skandinavisch-folkloristische Traditionen taumelt, aufgespart, weil man hier nicht nur sein autark-eigenständiges Stimmvolumen erleben, sondern auch den positiven, vitalisierenden Esprit, den er ENSIFERUM binnen kürzester Zeit injiziert hat, besonders gut nachfühlen kann. Anders formuliert: So komplett wie mit Herrn Montin schienen ENSIFERUM lange nicht zu sein, weswegen selbstredend die Hoffnung besteht, dass die Keyboard- und Clean-Vocals-Baustelle damit für einen möglichst langen Zeitraum geschlossen bleiben kann.

Kurzum: "Thalassic" erreicht zwar nicht ganz das Niveau zitierter Klassiker - also der beiden Erstwerke-, macht aus meiner Perspektive aber trotzdem eigentlich alles richtig, unterhält durchgehend auf sehr hohem Niveau. Aus den Residuen der eindimensionalen, verbraucht wirkenden Band von "Two Paths" oder auch "Unsung Heroes" hat sich das Kollektiv erhoben, das gleichermaßen Geschichten erzählen und folkige Ohrwürmer produzieren kann. Am Anfang war ich noch überrascht, mittlerweile bin ich vom geistigen Nachfolger zu "Victory Songs" und "From Afar" aber einfach nur beeindruckt und empfehle daher jedem, darunter natürlich auch denjenigen, die sich von ENSIFERUM und ihren letzten Werken möglicherweise vergrault fühlten, dringendst, "Thalassic" zu erwerben. Es lohnt sich nicht nur für die spürbare Kurskorrektur mit all den großartig komponierten Songs, sondern auch für den fantastischen Neuzugang Pekka Montin, der hier einen makellosen Einstand hinlegt und die Band um eine Facette erweitert.

4,5/5,0 - Pascal Staub


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Anthalerero
Seite 3: Christian Wiederwald
Seite 4: Ernst Lustig
Seite 5: Hans Unteregger
Seite 6: Lord Seriousface
Seite 7: Pascal Staub
Seite 8: Sonata
Seite 9: Fazit


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