FINNTROLL: das 'Vredesvävd' Gangbang-Review

Wenn 2020 außer beschissen, desaströs, zum Kopfschütteln und auf den Mond auswandern nicht viel ist, dann ist es wenigstens reich an hochkarätigen Album-Releases. Der Lobeshymnen brachten die vergangenen Wochen und Monate viele hervor, die schwermetallische Euphorie läuft auf Hochtouren. Könnte es einen besseren Zeitpunkt geben für die lang herbeigesehnte neue FINNTROLL-Platte? "Vredesvävd" ist das siebte Album der Finnen und nahm sich ebensoviele Jahre Zeit, das Unlicht der Welt zu erblicken. Zwei Sängerwechsel und sogar der tragische Tod von (Mit-)Bandgründer Somnium konnten der eigenwilligen Truppe keinen Dämpfer verpassen. Ihre Alben erschienen regelmäßig, erhielten überwiegend bis durchgehend gute Kritiken und auch live genießen die Gummiohrigen nicht zu Unrecht einen ausgezeichneten Ruf. Trotzdem schien die Zeit reif für eine Pause - zumindest im Studio.

Die Spannung auf den Nachfolger der 2013er-Scheibe "Blodsvept" war groß, doch konnte man der Sache mit einer gewissen Gelassenheit entgegensehen. Die trolligen Finnen haben ihren Sound bis dato mehrmals modifiziert, Neues ausprobiert und den Schwerpunkt verlagert - sind aber trotz aller Variabilität im Komponieren stets ihrer selbst geschaffenen Nische treu geblieben. Der ureigene Charakter dieses verrückten Haufens, das geniale Zusammenspiel aus grantigem (Folk) Black Metal mit heiterem Humppa-Touch, grassierender Fröhlichkeit und offenkundiger Beklopptheit, das keine mir bekannte Band auch nur ansatzweise erreichen kann, blieb stets bestehen. Insoweit machte ich mir über das nächste Kapitel der finnischen Trollklore-Saga allenfalls homöopathische Sorgen.

"Vredesvävd" - "mit der Wut verwoben", "wutentbrannt", "fuchsteufelswild"...den Albumtitel kann man vielfach übersetzen und alle Versionen sind wahr - zumindest, so lange die Wut im Zentrum des Geschehens steht. Nachdem "Blodsvept" etwas verspielter und fröhlicher unterwegs war, geht es auf "Vredesvävd" wieder grimmiger und oldschooliger zu Werke - schwarzmetallisch und ganz im Sinne des farbenleeren Coverartworks. Dementsprechend bricht nach dem schwellbrüstigen Intro "Väktaren" ein wütender, rasender, aber zugleich vorsichtiger Hagelsturm namens "Att Döda Med En Sten" über den Hörer hinein. Vorsichtig nenne ich diesen Track, weil der Fokus auf Metal-Elementen liegt und der Trollfuß zuweilen noch auf der Bremse zu stehen scheint. Die Nummer funktioniert aber gerade deshalb als weiterer Anheizer und verlängert den mit dem Intro aufgezogenen Spannungsbogen.

Der Aufbau scheint stringent, denn schon mit "Ormfolk" eskaliert die Band wieder so ungebremst und blutrauschend, wie es eben nur FINNTROLL können. Auf so einen genialen Trollsong hat die Fangemeinde gewartet - ein deppert-bombastisches Stück Musik, das sich in einer Reihe mit "Slaget Vid Blodsälv", "Eliytres" und "Solsagan" stellen kann. Humppa und BM, heiteres, volltrunkenes Ausrasten in unbändigem Hass, hartes Feiern und der animalische Drang, irgendwelchen Elfen den Kopf abzubeißen...all das vereint "Ormfolk". Und wenn die Maschine schon so gut läuft, macht man am besten einfach genau so weiter. Klingt einfach und scheint auch einfach, denn tatsächlich hauen die meisten der folgenden Songs in dieselbe Kerbe und lassen dabei weder Härte, Spaß noch Eingängigkeit vermissen. Alleine schon der Hit-Hattrick aus "Myren", "Stjärnors Mjöd" und "Mask" verdient neben höchster Anerkennung den härtesten Trollpogo seit der Erfindung des Mets.

Klare Linie in allen Ehren, doch etwas Abwechslung muss sein. Ausnahmen und Verschnaufpausen vom unbändigen Trollrausch bieten das melancholische "Vid Häxans Härd", das schunkelige "Forsen" und der bedrohlich anmutende Quasi-Rausschmeißer "Ylaren" mit seinem schwarz-symphonisch angehauchten Finale. Ebenfalls erheiternd ist der astreine ENSIFERUM-Moment in dem sonst sehr straighten "Grenars Väg".

Sieben Jahre Studioabstinenz sind eine lange Zeit, aber manchmal eine lohnende Investition in das eigene Erbe. Vielleicht war es einfach an der Zeit, den kreativen Geist baumeln und erstarken zu lassen. Doch am Ende ist auf die Herren Vreth, Trollhorn und Co. immer Verlass, wenn auch dieses Mal etwas später. Dafür hat sich das Warten auf "Vredesvävd" definitiv gelohnt, denn Album Nummer sieben ist nicht weniger als FINNTROLL in Perfektion. Es vereint alles, was seine sechs Vorgänger hörens- und liebenswert gemacht hat und hat für mich ebenso das Zeug zum Klassiker wie "Jaktens Tid" und "Nattfödd". Da packt man gerne die alten Gummiohren aus und macht sich vorsätzlich zum Affen...ich meine natürlich zum Troll!

4,5/5,0 - Lord Seriousface


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
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Seite 3: Julian Dürnberger
Seite 4: Lord Seriousface
Seite 5: Michael Walzl
Seite 6: Pascal Staub
Seite 7: Fazit


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