SODOM - das "Genesis XIX" - Gangbang-Review

SODOM – Live at Fritz Club, Wien. 15. 02. 1989

1. Agent Orange
2. Exhibition Bout
3. Christ Passion
4. Tired And Red
5. Iron Fist (Motörhead cover)
6. Nuclear Winter
7. Incest
8. Sodomy And Lust
9. Remember The Fallen
10. Blasphemer
11. Witching Metal
12. Ausgebombt
13. Don't Walk Away (Tank cover)
14. Bombenhagel

Das war die Setlist meines ersten SODOM-Konzerts das ich besuchen durfte. Auch schon eine Weile her. Eine Ansammlung adoleszenter Brasilianer namens SEPULTURA spielten damals im Vorprogramm und, man darf sagen, demolierten die Ruhrpottoriginale ziemlich. Dennoch war es für uns Jünglinge ein grandioses Konzert.

Bei uns in der subalpinen Provinz gab es so etwas nicht, selbst die einigermaßen nahe Landeshauptstadt war zu dieser Zeit eine schwermetallische Sahelzone. Hier soll kein Lamento bezüglich derzeit nicht zu durchführender Konzerte durch die Stormbringer-Towers getrieben werden, ich möchte nur aufzeigen, wie lange mich die NRW-Thrasher schon begleiten. „Agent Orange“ wurde damals betourt und das Album zählt nach wie vor zu den Höhepunkten im Schaffen SODOMs.

Mit „Genesis XIX“ gibt es nun das, inklusive dem Obergerumpel „The Final Sign Of Evil“, 16. Album im Schaffen der Mannen um Tom Angelripper. Hier gab es erneut einen Besetzungswechsel. Statt Husky spielt nun Toni Merkel Schlagzeug und das tut dem Album hörbar gut. Husky mag zwar ein netter Kerl sein der beim Bezahlen im Supermarkt gerne auch Cent-Beträge aufrundet und betagten Mitbürgern über die Straße hilft, allein sein Schlagzeugspiel ist ein immerwährender Chris Witchhunter-Tribut.

Klar, nicht jeder kann ein Thomas Lang, ein Marco Minneman oder ein Mike Portnoy sein, aber vor allem live spielte Husky gerne jenseits des Metronoms. Vergleicht „Genesis XIX“ vom aktuellen Album mit der Fassung von der „Out Of The Frontline Trench“ -EP oder von den Auftritten auf der Tour im letzten Jahr und ihr werdet hören was ich meine.

Das klingt mit dem jungen Drummer deutlich tighter. Neben dem erwähnten „Genesis XIX“ gibt es elf neue Songs, davon eröffnet mit „Blind Superstition“ ein kurzes Instrumentalintro den beinahe eine Stunde währenden Thrashhobel. Was sofort auffällt ist der authentische Sound. In Zeiten in denen man entweder mit überlauten Plastiksounds oder trven, nur schwer erahnendem LoFi-Untergrundlärm gepeinigt wird, ist die Produktion auf der neuen SODOM mehr als gelungen. So muss man ein Schlagzeug abmischen. So hört sich ein Schlagzeug ohne aus dem Ruder gelaufenes Triggering an. Der Bass haut richtig tief in den Ventriculus, leicht angezerrt und nicht nur dazu da, um die Frequenzen unter den Gitarren dichtzumachen. Das erinnert an die mächtigen BOLT THROWER, das macht Spaß und gibt dem Gesamtsound einen Schub, wie er SODOM gut zu Gesichte steht. Die beiden Opener „Sodom & Gomorrah“ und „Euthanasia“ sind typische, hochklassige SODOM-Songs.

Was sofort auffällt ist der schon angesprochene neue Drummer, der gerne, einer Nähmaschine ähnelnd, ein wenig an Ventor von KREATOR erinnert und das ist beileibe nicht die schlechteste Referenz. Apropos KREATOR: die Altenessener könnten durchaus auch das Titellied von „Genesis XIX“ ihr Eigen nennen. Vor allem im und um den Refrain herum klingt der Song sehr nach Mille. Trotzdem, oder gerade deswegen ein starker Song. Mit „Nicht mehr mein Land“ gibt es danach ein Lied mit deutschem Text, den ich beim besten Willen nicht zu deuten vermag, vielleicht erfährt man diesbezüglich von Tom in diversen Interviews mehr. Der Song beginnt mit derben Blasts, wird dann aber langsamer und geht in die „Remember The Fallen“-Schiene. „Glock´n´Roll“ ist ein typischer SODOM-Klopfer. Aggressiv, zügig. Passt. „The Harpooneer“ ist dann wieder etwas länger, etwas abwechslungsreicher und mit ein paar netten Spielereien versehen. Toni Merkel ist, wie schon mehrfach erwähnt, ein wirklicher Gewinn für die Band. Nicht auszudenken, was einige der ehemaligen Schlagzeuger hier für Probleme gehabt hätten (zwinkernder Emoji). „Dehumanized“ hat wieder diesen leichten KREATOR-Einschlag ist im Endeffekt aber wie „Glock´n`Roll“ ein gnadenloser SODOM-Song, der im Refrain schön durchgeblasted wird. „Occult Perpetrator“ beginnt sehr ruhig. Schön, dass man hier ein leichtes Rauschen im Hintergrund hört, das beinahe an eine Proberaumaufnahme erinnert. Hier fällt erneut der wirklich gute Sound auf. Thrash Metal ist im Moment wieder mächtig angesagt, aber einen solchen Sound bekommen wohl nur die Gelsenkirchner hin. Das klingt nicht modern, schon gar nicht gewollt retro, „Genesis XIX“ klingt genauso, wie es klingen muss, als ob nie ein anderer Sound in Frage gekommen wäre. Schöne Mille-Screams von Tom Angelripper, der eine, das muss hier angefügt werden, äußerst abwechslungsreiche Leistung am Mikro abliefert. SODOM haben mit ihrem Chef ja einen Sänger an Bord, den man wirklich nach wenigen Sekunden erkennt. Sein Ruhrpott-Englisch- bzw. Deutsch und seine Phrasierung sind völlig eigenständig und geben der Band ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Das weiß man zwar schon seit ewig, aber es ist auch schön und gut, das immer wieder einmal anzumerken. „Waldo & Pigpen“ handelt von zwei Piloten im Vietnamkrieg, nicht der erste Song der Band zu diesem Thema, man erinnere sich nur an „Magic Dragon“ vom „Agent Orange“-Album.

Der Song ist etwas länger, variabler aber wie bei jedem der längeren Songs auf dem Album kehrt auch hier nie Langeweile ein. Der Einfluss von Frank Blackfire tut dem Album auf jeden Fall gut.

Das soll keineswegs heißen, dass die langjährige Zusammenarbeit mit Bernemann und Makka auch nur in irgendeiner Art und Weise qualitativ schlechter gewesen wäre. Das möchte ich hier nur anfügen! Mit „Indoctrination“ und „Friendly Fire“ landet man zum Abschluss noch einmal drei bis vier Minuten lange Wirkungstreffer. Damit rundet man ein beinahe eine Stunde langes Album noch schön ab. Wie ordnet man das Album nun im Pantheon der SODOM-Veröffentlichungen ein? Ich bin geneigt, zu sagen, dass wir es hier mit einem organisch klingenden, gut durchkomponierten Album zu tun haben, sicher in der vorderen Hälfte des Schaffens der Band einzuordnen, mit ein paar Überraschungen (die KREATOR-Einsprengsel und die Blasts), einer zwingenderen Ausführung, die vor allem Toni Merkel geschuldet ist, der hier ein grandioses Debüt abliefert.

Insgesamt ein starkes SODOM-Album, kein absoluter Klassiker der Band, aber nach all den Jahren muss man so etwas auch erst einmal zusammenbringen.

3,5/5 Punkte - Christian Wiederwald


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Jörn Janssen
Seite 3: Christian Wiederwald
Seite 4: Ernst Lustig
Seite 5: Pascal Staub
Seite 6: Lord Seriousface
Seite 7: Hans Unteregger
Seite 8: Fazit


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