SODOM - das "Genesis XIX" - Gangbang-Review

Da ist sie nun – die erste SODOM-Scheibe in neuer Formation.
Ich muss zugeben, dass ich es trotz meines Daseins als Fan der Ruhrpott-Thrasher bis dato kaum geschafft habe, mich mit den zwischenzeitlich erschienen EPs zu befassen, die nach dem Split mit Bernemann und Makka erschienen sind.

Genau genommen habe ich das ganze Ding mit "back to the roots" und "oldschool" anfangs gar nicht erst kapiert...eine Band, die auch unter dem Banner von "Decision Day" noch als oldschool bezeichnet werden kann, noch oldschooliger zu machen.

Aber wenn die Lektüre des Nachfolgers eine Sache lehrt, dann, dass man einem alten Haudegen wie Tom Angelripper immer vertrauen kann, auch wenn seine Wege manchmal sonderbar sind.
Wie jeder weiß, war es Herrn Angelripper daran gelegen, seine Band von Grund auf zu erneuern, die Uhr zurückzudrehen, mit frischem Blut drauf los zu metzeln und genüsslich in selbigem zu baden.

Denn so traditionsbewusst SODOM auf ihren letzten Platten auch waren, kleinere Spielereien und vor allem ein angemessen moderner Sound zählten stets zu ihrer Handschrift.
So wundert es nicht, dass "Genesis XIX" komplett und stilsicher mit Marshall-Röhrenverstärkern und analoger Studiotechnik eingetrümmert wurde. Und wenn man nun nicht gerade über eine Art "fotographisches Gehör" verfügt, könnte man auf den ersten Hörer glatt meinen, SODOM hätten die nächste Gelsenbahn zurück nach 1989 genommen und sich direkt an einen alternativen Nachfolger für ihr Kultalbum "Agent Orange" gemacht.

Natürlich erfreut sich das neue Opus eines Zugewinns von Fortschritt (und möglicherweise auch Geriebenem) und ballert lauter und voluminöser aus den Boxen. Was man dieser überraschend erdigen, um nicht zu sagen altbackenen Produktion allerdings attestieren muss, ist, dass sie Geist der frühen Tage des Thrash Metal so gut einfängt, wie kein anderes Album der letzten...sagen wir mal zehn Jahre.
Das hier klingt nach Proberaum, nach Schweiß und Gestank, nach Krawall im kleinen Club...oder anders gesagt: nach Teutonen-Thrash ohne Brimborium, Kompromisse und Jahrtausendwende.
Das Cover zeigt das Bandmaskottchen Knarrenheinz in Erlöserpose – mit weißem Gewand unter der Kampfkutte, schwarzen Engelsschwingen und geladener Flinte. Ringsum ein Bild von Verwüstung, Apokalypse und Untergang – ansprechend illustriert mit passendem 80er-Flair. Das Artwork deutet es an, die Produktion unterstreicht es und die Songs beweisen es: die guten alten Zeiten scheinen auferstanden. Schnelle Beats, aggressive Riffs und ein Onkel Tom, der noch immer bellt wie ein tollwütiger Straßenköter. "Back to the roots" hört man oft und regelmäßig, aber dass jemand so konsequent und glaubhaft die Zeit zurückdrehen und seine eigene Band resetten kann, habe ich so noch nie erlebt.

Den überwiegenden Teil der Songs machen schnelle Knüppler wie "Sodom & Gomorrha", "Genesis XIX" und "Dehumanized" aus, die weder nach links noch nach rechts schauen und stattdessen einfach strikt auf die Glocke geben. Mehr braucht guter Thrash im Prinzip nicht, aber trotzdem gibt’s mit dem rocklastigen "Euthanasia" und dem komplett auf Deutsch gesungenen Stampfer "Nicht mehr mein Land" zumindest kleinere Überraschungen im Kompaktformat. Interessant sind dabei die fast schon erschlagenden Parallelen im Spiel des Neu-Drummers Toni Merkel (u.a. SABIENDAS und nebenbei in Produktionsfragen nicht unerfahren) zu seinem Essener Kollegen Ventor (KREATOR). Man könnte fast meinen, Thrash aus dem Pott müsse schlicht so gespielt werden. Alle Achtung, mit dem neuen Dreher ist der alten Szeneikone (und natürlich seinen mehr oder weniger neuen Bandkollegen) mal wieder ein kleiner Geniestreich gelungen.

Für Fans der alten Alben dürfte "Genesis XIX" das Paradies bedeuten...das Land, in dem Bier und Kurze fließen. Und für Freunde der jüngeren Historie ist die Scheibe noch lange nicht so weitab vom Schuss, dass man von Kulturschock und dergleichen reden könnte. Das Album geht weit zurück in die Vergangenheit, ohne dabei die Dekaden an Bandgeschichte zu negieren und bietet keinen Grund zur Beanstandung. Und das Beste daran ist, dass die Splitterfraktionen der 2016er-Formation nun beide ihr eigenes Ding durchziehen und wegen der unterschiedlichen Ausprägungen ihrer Stile wohl kaum ein Konkurrenzkampf zu erwarten ist.

4,0/5,0 - Lord Seriousface


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Jörn Janssen
Seite 3: Christian Wiederwald
Seite 4: Ernst Lustig
Seite 5: Pascal Staub
Seite 6: Lord Seriousface
Seite 7: Hans Unteregger
Seite 8: Fazit


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