Jahresrückblick 2020

Jahresrückblick von Lord Seriousface

2020 - ein Jahr, das in vielerlei Hinsicht in die Geschichtsbücher dieser Welt eingehen wird, winkt zum Abschied. Als ich derweil im frisch angebrochenen Januar wegen eines viralen Infekts in den Seilen hing (ein seltenes Ereignis, das sich glücklicherweise nur alle paar Jahre bis Dekaden ereignet), ahnte noch keiner, was da eigentlich auf uns zukommen sollte. Wenige Wochen später befand sich die ganze Welt im Ausnahmezustand. Das neuartige Coronavirus - zweifelsohne der unangefochtene Scheißdreck des Jahres (wenn nicht des Jahrzehnts) - schlägt um sich und stellt die Menschheit als Ganzes auf eine harte Bewährungsprobe. Und während die einen die Rebellion der Maschinen in Form von Mikrochips und 5G prophezeien (manche glauben wohl sogar, Skynet sei ein Zäpfchen - Obacht bei der Behandlung von Fieber!), wird die Pandemie für andere zu einer echten Existenzkrise - allen voran für den Veranstaltungssektor mit all seinen großen und kleinen Akteuren auf, neben und hinter den Bühnen dieser Welt. Der Ausgang ist ungewiss.

Doch nicht alles ist schlecht in diesem Jahr. Auch wenn dieser Zustand nicht von Dauer sein dürfte, wird uns unsere Erde dennoch dankbar sein für diese kurze Verschnaufpause. Und nachdem die vergangenen Monate bereits im Leben des Verfassers einige sehr positive Entwicklungen mit sich brachten, erwies sich auch die globale Metal-Gemeinschaft wieder einmal als unumstößliches Kontinuum, als Hort der Vernunft, Freundschaft und Solidarität. Deshalb wollen wir uns auch nicht weiter mit den Problemen dieser Zeit befassen, lieber gleich zum Thema kommen und den musikalischen Highlights, Aufsteigern und Obskuritäten des Jahres Gehör verschaffen - auf dass in diesen Zeiten, in denen Vernetzung und Fan-Support wichtiger sind denn je, möglichst wenige ins Bergfreie fallen mögen.

Ebenso möchte ich die Gelegenheit nutzen, meinen geschätzten Kolleg(inn)en in der Stormbringer-Redaktion für die tolle Zusammenarbeit, viel Spaß und den beachtlichen Berg von Lesestoff, den wir dieses Jahr gemeinsam geschaffen haben, danken. Mit den vielen neuen und alten Gesichtern an Bord brummt das Office derzeit außerordentlich gut. Bis zu fünf Reviews am Tag und eine stattliche Anzahl wortreicher Gangbang-Reviews sprechen für sich und können dem weitgehenden Fehlen von Livereports zumindest passabel entgegenwirken.

Auch, wenn das Jahr kein leichtes war und Silvester nicht zurück nach 2019 führt, so wünsche ich mir doch, dass ihr alle gesund und munter durch diese Zeit kommt und dass ihr genauso viel Spaß in unserem Element hattet wie ich selbst.

Und nun zu meinen musikalischen Rückblicken des Jahres 2020!


Die besten Alben im Heavy Metal

AMBUSH - Infidel

Dass AMBUSH zu den großen Hoffnungsträgern im Traditionsstahl gehören, dürfte wohl keinen Connaisseur mehr wundern. Wenn immer in Fachnetzwerken gefragt wird, welche guten Tipps die Gemeinde in puncto traditionellem Heavy Metal hat, schallt es wie aus der Pistole geschossen: "AMBUSH und SCREAMER"! Dass Album Nummer drei demnach direkt unter die Lupe genommen werden musste, verstand sich von selbst. Und ähnlich wie es AC/DC mit "Power Up" angestellt haben, machen auch die Schweden mit "Infidel" alles richtig: keine Experimente, kein Schnickschnack, kleinere Nachjustierungen im Sound und fertig ist das gute Eisen. Dass sich die Jungs dabei wie selbstverständlich gute Tracks aus dem Ärmel schütteln, die sofort ins Ohr gehen und zu keiner Zeit als lauer Aufguss durchgehen, ist die besondere Stärke dieser aufstrebenden Band, die ihre Qualitäten damit erneut unter Beweis gestellt hat. Dazu kann man nur sagen: weiter so!

ARMORED SAINT - Punching The Sky

Manche halten John Bush für den besten Sänger der bisherigen ANTHRAX-Historie, andere sehen in seiner Hauptband ARMORED SAINT eine der unterbewertetsten Bands im Heavy Metal. Manchmal treffen sogar beide Sichtweisen in Personalunion aufeinander. Und wann immer in diesem Jahr diese und ähnliche Diskussionen vorzufinden waren, war "Punching The Sky" als durchschlagendes Argument nicht fern. Nicht zu Unrecht, denn fernab der bekannteren Namen des Genres lieferten die Amis erneut ein Werk, das nicht nur eine knappe Stunde beste Unterhaltung bietet, sondern auch in gesanglicher wie stilistischer Hinsicht eine Klasse für sich bleibt. In den Genrefavoriten der Kategorie "Heavy Metal 2020" haben die Panzerheiligen damit ganz klar ihren festen Platz - und wem dieses Eisen bisher am Radar vorbeigeflogen ist, sollte sich unbedingt die besagte Stunde Zeit einräumen. Es wird nicht umsonst sein.

BURNING WITCHES – Dance With The Devil

Manche mögen mich dafür mit Eiern bewerfen wollen, aber ich feiere die neue BURNING WITCHES Scheibe bis heute und stehe voll und ganz zu meinem singulären Votum mit 4,5 Punkten. Kaum eine Scheibe habe ich dieses Jahr so oft drehen lassen (was mich als eingeschworenen Extrem-Fanatiker und Tellerrandverweigerer ein wenig beunruhigt). Gut die Hälfte der Tracks sind für mich Hits und Ohrwürmer, die sich nach schätzungsweise 100 Durchläufen noch nicht abgenutzt haben. Laura Guldemond, die neue Stimme der Hexen, mag bei manchen Kolleg(inn)en pathologische Veränderungen in Gehörgängen, Nieren und Nebenhöhlen hervorrufen, doch für mich macht ihr verrückter und vielseitiger Gesang den Reiz der Platte erst aus. Dass die Damen dieser Tage schon einen Nachfolger zusammenköcheln, erfüllt mich insoweit mit einer gewissen Vorfreude...aber auch mit Unsicherheit in Anbetracht der kurzen Zeit, die seit dem Release von "Dance With The Devil" erst vergangen ist. Wir werden sehen...oder besser: hören.

GLACIER - The Passing Of Time

Na, was ist denn da passiert? Eine Band, die 1979 gegründet wurde und in den 80ern mit einer EP und zwei Demos hausierte, debütiert anno 2020 mit ihrem ersten Album? Sänger Michael Podrybau, der damals den überwiegenden Teil der Releases eingesungen hatte, hat die Truppe in den letzten Jahren von Grund auf reformiert und schickt sie nun mit ihrem ersten regulären Langspieler ins Rennen. Die Resonanz liest sich blendend, denn nicht nur im Stormbringer-Loft hagelt es Lob und Höchstnoten für das Album mit der Eisversion von Castle Grayskull im Artwork. Nicht zu Unrecht, den bis auf den etwas gewöhnungsbedürftigen und manchmal aneckenden Gesang gibt es an "The Passing Of Time" nichts auszusetzen - guter Stoff nach bester NWoBHM-Machart, beinharte Gitarren und Hits der Marke "Into The Night". Wenn das Gefüge Bestand haben und die nächste Platte das Niveau halten sollte, könnten sich GLACIER zu einem weiteren Geheimtipp für jeden Traditonsstahl-Liebhaber entwickeln - wie ihre schwedischen Kollegen von AMBUSH und SCREAMER.

MYSTIC PROPHECY - Metal Division

Was für ein Start ins Jahr! Kaum sind der Kater der Silvesternacht verflogen und die Magenschleimhäute rekultiviert, ballern uns MYSTIC PROPHECY ein neues Eisen mit dem schlichten Titel "Metal Division" vor den Latz. Das erste Album, das nicht auf dem langjährigen Label Massacre Records erscheint, schlägt ein wie eine Bombe. Vom Artwork über die unglaubliche Hitdichte bis hin zur erbarmungslosen Dampfhammer-Produktion lassen R.D. Liapakis und seine Band keine Wünsche offen. Das Resultat sollte nicht weniger sein als eine Ehrung mit stolzen mit 4,5 Punkten - sowohl im regulären Review als auch im Gangbang-Kreuzverhör mit fünf Teilnehmern. Einen höheren Durchschnittsscore hatten bis dahin nur AMORPHIS erreicht, als "Queen Of Time" seinerzeit die fast unerreichbare Marke von 4,8 Punkten setzte. Wenn das nicht die Heavy Metal Scheibe des Jahres ist, was dann?

PRIMAL FEAR - Metal Commando

Zugegeben – der neue Dreher von Ralf Scheepers, Mat Sinner und Co. hatte es in den ersten Anläufen nicht leicht bei mir. Zunächst wollten nur einzelne Songs zünden, wogegen mir besonders die melodischen Refrains einiger Tracks weniger gelungen schienen. Doch am Ende sollte auf alle Zweifel Liebe folgen, weswegen "Metal Commando" schlussendlich seine verdienten vier Punkte und einen Platz in meinem geliebten Vinyl-Regal bekam. Mit "Along Came The Devil" und "My Name Is Fear" liefert das Eisen sogar zwei meiner absoluten Heavy Metal Hits des Jahres und auch die übrigen Stücke hinken nicht nennenswert hinterher. Und um die Sache abzurunden, unterzogen wir das Album noch einer profunden Gangbang-Behandlung, die das Ergebnis fast einstimmig bestätigen sollte. Sechs Sturmbringer können nicht irren, weswegen "Metal Commando" unterm Strich verdientermaßen zu den Heavy Metal Highlights 2020 gezählt werden darf. Benotungen sind immer eine Momentaufnahme und mögen hier sehr unterschiedlich wirk - aber so weit, wie es den Anschein hat, liegen PRIMAL FEAR und MYSTIC PROPHECY auf lange Sicht nicht auseinander, weswegen ich PRIMAL FEARs aktuellen Dreher gerne als Co-Headliner der Heavy Metal Alben 2020 anführen möchte.


Die besten Alben im Thrash Metal

BONDED - Rest In Violence

Ein Ende kann auch ein Anfang sein - so gründeten die langjährigen, von Onkel Tom Angelripper geschassten SODOM-Mitglieder Bernemann und Makka eine eigene Band namens BONDED. Unter diesem Banner und mit ASSASSINs Ingo Bajonczak am Mikro pflügte "Rest In Violence" im Januar durch die Lande und ließ erkennen, dass man sich zumindest um diesen Teil der langjährigen SODOM-Besetzung keine Sorgen machen muss. Der Einstand wirkt dank der markanten Inputs von Bernemann und Makka äußerst vertraut und konnte aus dem Stand überzeugen. Überdies distanzierte er sich durch einen leicht moderneren Touch und nicht zuletzt die neue Stimme von der ehemaligen Kapelle der Bandgründer. Damit entstand zu guter Letzt ein neuer und unabhängiger Player, der den vorprogrammierten Klötencontest umschifft und die Popularität seiner Vorhistorie allenfalls als Startkapital gebrauchen konnte.

SODOM - Genesis XIX

Nachdem das BONDED-Debüt inzwischen rauf und runter rotiert war, kam Ende November der Moment der Wahrheit. Quo Vadis, SODOM? Na, wohin wohl? Zurück in die Achtziger natürlich! Onkel Tom wollte bekanntlich back to the roots, zurück zu den Anfängen, zurück zur alten Schule. Was einen da erwarten würde, war von vornherein klar. Doch dass man eine Band derart authentisch um drei Dekaden zurück in die Vergangenheit schicken kann, hat mich am Ende dennoch überrascht. Der Sound der Scheibe knallt so heftig, wie es anno 2020 möglich und üblich ist, doch riecht die erdige Produktion zugleich so glaubhaft nach Gründerzeit, dass man den Unterschied kaum bemerkt. Dazu liefern die Ruhrpott-Thrasher auch in ihrer neuer Besetzung guten, souveränen SODOM-Stoff ab, der mit reichlich positiver Fan-Resonanz honoriert wird und sich seine lobende Erwähnung in diesem Format redlich verdient hat.

TESTAMENT - Titans Of Creation

Dieser ganzen Sache mit den "Big Four" wohnt - wie auch einer jeden Top-Ten-Liste, die ich aus offensichtlichen Gründen nicht dezidiert pflege - eine inhärente Ungerechtigkeit inne. Über Status und Relevanz der einzelnen Protagonisten mag man gespaltener Meinung sein, doch was hebt besagte vier Bands von bspw. EXODUS oder TESTAMENT ab (abgesehen mal von dem zugegebenermaßen gewaltigen kommerziellen Erfolg METALLICAs)? Eine plausible Antwort darauf hat wohl niemand parat. Wenn jedoch einer Band aus der "zweiten Reihe" die Ehre zuteil werden könnte, anstelle einer der vier bekannten Kapellen in diesem erlauchten Kreis genannt zu werden, dann wäre es mit Sicherheit TESTAMENT. Mit ihren letzten Alben haben Chuck Billy und Co. einen regelrechten Hattrick an hochkarätigen Releases hingelegt und auch der aktuelle Dreher "Titans Of Creation" macht dabei keine Ausnahme. Die Tracks gehen brutal nach vorne, strotzen vor virtuosen Riffs und verweisen so manchen Wettbewerber schonungslos auf den zweiten Platz. Warum die blaue Schönheit trotzdem knapp an der Thrash-Krone meines Jahresrückblicks vorbeigeschlittert ist, erfahrt ihr unter "W".

WARBRINGER - Weapons Of Tomorrow

Da ist sie nun: die alphabetisch letzte Genre-Platte im ausschweifenden Teil meines Jahresrückblicks und zugleich die Nummer eins in der Kategorie Thrash. WARBRINGERs "Weapons Of Tomorrow", die nunmehr sechste Platte der Kalifornier, legt auf das gefeierte "Woe To The Vanquished" noch eine Schippe drauf und markiert die bisher stärkste Platte der Band. Hier stimmt einfach alles: vom erbarmungslosen Sound über die jugendliche Renitenz bis hin zu Vielfalt und Virtuosität im Songwriting. Diese Band erlebt gerade eine Hochphase ihres Könnens, in der Jugend und Erfahrung in perfekter Relation zueinander stehen und ein Album gebären, das die meisten Thrash-Scheiben des Jahres mühelos hinter sich lässt und selbst das massive Opus TESTAMENTs um ein Quäntchen übertrumpft. Damit ist der Fall für mich klar: WARBRINGER liefern definitiv das Thrash-Album des Jahres 2020!

Was war sonst noch hörenswert?


Die besten Alben im Death Metal (inkl. Subgenres)

AZARATH - Saint Desecration

Wer nicht darüber wegkommt, dass BEHEMOTH inzwischen mehr ein szenebezogener Gemischtwarenhändler als ein Lieferant okkulter Künste sind, könnte mit AZARATH glücklich werden. Hier muss man weder auf das markante Drumming von BEHEMOTHs Inferno verzichten, noch sich der Frage stellen, ob die Bohnen nun "100% Satanica" sein müssen oder nicht. "Saint Desecration" markiert den Einstand von Gitarrist und Sänger Skullripper, einer regelrechten Pestbeule an der Membran, der der Band einen kräftigen Impuls in Richtung Black Metal verpasst. Wem also für diese Legislaturperiode noch ein vor Gift und Galle strotzender Hassbatzen im Regal fehlt, dem sei die polnische Heiligenschändung wärmstens empfohlen.

BENEDICTION - Scriptures

Ganze zwölf Jahre hat es gedauert, bis ein neues BENEDICTION-Album das Licht der Welt erblicken sollte. Der langjährige Frontbrüller Dave Hunt hatte kurz zuvor das Handtuch geworfen, woraufhin sein Namensvetter Dave Ingram zur Band zurückkehren und dem lange herbeigesehnten Eisen seinen Stempel aufdrücken sollte. Und das Warten hat sich gelohnt: nicht wenige attestieren dem neuen UK-Dreher Jahreshighlight-Qualitäten, die Resonanz der Fangemeinde liest sich unisono positiv. Dem ist nicht viel hinzuzufügen: "Scriptures" zählt ganz klar zu den Genrefavoriten des Jahres und zementiert den Status der alten Recken innerhalb der Szene ein weiteres Mal. Besonderes Lob gebührt dabei dem heimgekehrten Dave Ingram, dessen Growls mich wahrscheinlich noch nie so überzeugt haben wie hier.

BERZERKER LEGION - Obliterate The Weak

Zugegeben - das erste Album der Supergroup BERZERKER LEGION wurde nicht auf allen Kanälen positiv aufgenommen, auch der Verfasser tat sich mit einem finalen Votum schwer. Auf der einen Seite gab es die unterschwellige Erwartung, dass ein Zusammenschluss von Jonny Pettersson (u. a. WOMBBATH, HEADS FOR THE DEAD), James Stewart (VADER) und weiteren bekannten Personalien eine echte Granate liefern müsse. Auf der anderen Seite kennt jeder das Vorurteil, dass Supergroups zumeist mit prominenten Namen werben, aber unterm Strich Murks abliefern. Die Wahrheit fand sich hier irgendwo unterhalb der Granate...und wenn mich die Truppe nicht so brutal an AMON AMARTH erinnert hätte, hätte ich sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so vergleichsweise hart benotet. An 3,5 Punkten gibt es eigentlich nichts zu meckern, aber wenn ich die Sache heute Revue passieren lasse, erscheint mir die Scheibe rückblickend weitaus hochkarätiger und nachhallender, als es anfangs den Anschein hatte. Insofern will ich an dieser Stelle um ein aufrichtiges "horns up" nicht verlegen sein.

CARNATION - Where Death Lies

Dass ein Debütalbum mit 4,5 von fünf möglichen Punkten einsteigt, erlebt man nicht alle Tage. Was da jedoch kurz nach meinem Einstieg bei Stormbringer beinahe unter den Tisch gefallen wäre, verdiente diese Ausnahmebenotung und untermauerte das Votum im Anschluss mit einer der enthusiastischsten und stärksten Liveshows, die ich seit Langem erlebt habe. Die Erwartungen an den Nachfolger von "Chapel Of Abhorrence" waren groß, ebenso die Befürchtung an ein Nichthalten des Einstiegslevels und ein Absacken der Lernkurve dieser aufstrebenden Band. Doch zum Glück waren Angst und Bange unbegründet, denn "Where Death Lies" konnte in fast jeder Hinsicht einen drauflegen und mir - zum dritten Male überhaupt - die Höchstnote entlocken. Ausgefeilte Songs, eine saustarke Produktion und ein Exot namens "Reincarnation", der sich zu meinem bisherigen Favoriten des Band-Katalogs gemausert hat. Dazu gibt es nicht viel zu sagen außer: ganz klar das Death Metal Album des Jahres!

DARK TRANQUILLITY - Moment

"Moment" ist das erste DARK TRANQUILLITY-Album ohne Niklas Sundin, der die Band nach rund dreißig Jahren verlassen hat. Doch von Krisen und Absacken ist die Göteborger Melodeath-Schmiede weit entfernt. Aus der Not wurde eine Tugend - und so übernahmen die bisherigen Live-Gitarristen Christopher Amott (ex-ARCH ENEMY) und Johan Reinholdz (NONEXIST) das sechssaitige Ruder und zauberten auf "Moment" eine Sammlung von Riffs und Melodien für die Ewigkeit. Emotional ergreifend, fesselnd und von kompositorischer Perfektion zeugend verzückte der neue Dreher des Szene-Flaggschiffs gleich fünf Autoren unserer Redaktion und fuhr einen beeindruckenden Gangbang-Score von sagenhaften 4,4 Punkten ein. Damit dürfte das Album nicht nur in meinem Rückblick zu den heißesten Kandidaten des Jahres zählen. Und weil man DARK TRANQUILLITY nur schwerlich mit CARNATION vergleichen kann, loben wir an dieser Stelle noch guten Gewissens das Melodic Death Metal Album des Jahres aus und schicken die Blumen geradewegs nach Göteborg.

HEADS FOR THE DEAD - Into The Red

Eine meiner ersten Verlautbarungen bei Stormbringer war ein Flusensieb-Beitrag zum Debüt der damals frisch geschlüpften HEADS FOR THE DEAD. Zwei Jahre später ist das Duett aus Ralf Hauber (REVEL IN FLESH) und Jonny Pettersson (u.a. WOMBBATH) zum Trio gereift und hat ein zweites Eisen im Feuer. Mit den heißen Beats Ed Warbys (ex-GOREFEST, ex-HAIL OF BULLETS) und einer cineastisch anmutenden Produktion lädt "Into The Red" zum erneuten Ausflug ins die Dimension des Schreckens. Horrorstoff und Death Metal treffen aufeinander und bastardisieren zu einem morbiden Vergnügen, das sich von den meisten Werken des Genres abhebt und zu den interessantesten Releases des Jahres gehört. Wer das nicht kennt, hat was verpasst!

HENRY KANE - Age Of The Idiot

Wir leben in harten Zeiten - soziale Normen werden allenfalls als Richtlinien betrachtet, Diskussionskultur ist nicht mehr existent und der durchschnittliche IQ der Erdbevölkerung nähert sich asymptotisch der Temperatur eines sibirischen Kühlschranks. Insoweit trifft der Titel "Age Of The Idiot", den Jonny Pettersson für sein zweites Grind-Crust-Death-Geknüppel-Album unter dem Banner HENRY KANE erwählt hat, den Nagel auf den Kopf. Zunächst erschien mir die Kiste ein wenig sperrig und zäh, woraufhin der Genuss der infernalen Abrissparty schlussendlich wilde Phantasien eines randalierenden, bärtigen Berserkers beflügelte und mich zu einer schreiberischen Eskalation bewog. Nicht zuletzt aus diesem blieb mir dieses grün gefärbte Schlachtfest in wohliger Erinnerung und darf sich bis heute eines regelmäßigen Konsums erfreuen.

KATAKLYSM - Unconquered

Schlecht fand ich die Alben von KATAKLYSM nie, doch muss ich zugeben, dass die meisten Zeugnisse ihrer jüngeren Bandhistorie relativ kurzfristig in meinem Archiv verschwanden und dort bis heute verweilen. Umso erfreulicher war es für mich, dass "Unconquered" meine moderaten Erwartungen überstieg und mir bereits im ersten Durchgang die Vergabe der zweithöchsten Note im Stormbringer-Kosmos nahe lag. Mit einer guten Mischung aus zeitgenössischem Melodeath und alteingesessenen Northern-Hyperblast-Orgien, einigen kleinen Experimenten und frischer Würze durch instrumentelle Upgrades (Siebensaiter-Gitarre und Fünfsaiter-Bass) ließen die Kanadier keine Wünsche offen. Das obligatorische, von Maurizio Iacono persönlich gewünschte Gangbang-Ereignis wurde zwar nach Noten beurteilt so bunt wie ein Regenbogen, manifestierte aber mit einem durchschnittlichen Score von glatten vier Punkten den guten Eindruck, den "Unconquered" bis heute bei mir hinterlassen hat.

LIK - Misanthropic Breed

Ebenfalls zu den Hoffnungsträgern der Traditions-Elchmusik zählen die Schweden von LIK. Dass sie sich bereits einen Namen erspielt haben, belegt bereits ihre Plattenvertrags-Historie bei War Anthem und Metal Blade Records. Guter Oldschool Death Metal geht immer - und wenn dieses Jahr neben der zurecht gefeierten BENEDICTION eine Platte in Fankreisen angepriesen wird, dann ist es wohl "Misanthropic Breed" von LIK. Das Album ballert wie die Hölle, geht kompromisslos nach vorne und wirkt trotz allen Traditionsbewusstseins ein stückweit modern. Manchmal ist mir die Scheibe ehrlich gesagt sogar eine Ecke zu modern geraten, zumindest in Bezug auf die hochgezüchtete Produktion. Ein Highlight ist die neue LIK auch für mich, aber Details machen das Leben aus, weswegen mein uneinholbarer Genrefavorit des Jahres weiter unter "C" zu finden ist.

VADER - Solitude In Madness

VADER bleiben VADER bleiben VADER. Dies gilt heute noch wie zur jener Zeit, als die Lobeshymnen zum zweiten Langspiel-Stein "De Profundis" von verhaltensoriginellen Triceratopsen in Schiefertafeln geritzt wurden. Nun, ganz so alt sind Peter, Spider und Co. glücklicherweise nicht, aber dennoch sind die Polen bald vierzig Jahre im Geschäft. Und dass der Polenpanzer und besonders Bandgründer Peter nach so langer Zeit noch so amtlichen Druck auf dem Kessel haben, ist wahrlich ein Grund zu feiern. "Solitude In Madness" prügelt und marodiert nach allen Regeln der Kunst durch die Wallachei und verpasst seinen Hörern eine Abreibung, die man so nur von VADER erhalten kann. Der amtliche Sound, der erstmals nach langer Zeit nicht von den Wiesławski-Brüdern gezaubert wurde, verspricht hierbei eine zusätzliche Keule Eisen direkt in die Kauleiste. Muss man haben - mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

WOMBBATH - Choirs Of The Fallen & Tales Of Madness

Das schwedische Oldschool-Elch-Gespann WOMBBATH lag lange Zeit auf Eis. Umso motivierter drücken Håkan Stuvemark, Jonny Pettersson und Co. dieser Tage auf die Tube. Im Krisenjahr 2020 ließen die Schweden gleich zwei Langspieler vom Stapel, wobei "Choirs Of The Fallen" ein reguläres Album darstellt und "Tales Of Madness" aus Neuaufnahmen alter Raritäten sowie zwei neue Tracks besteht. Die Kost der Truppe ist dabei zu hundert Prozent standesgemäß und bis auf "The Fleshly Existence Of Man" wenig überraschend, doch machen die Burschen ihren Job ausgesprochen gut und spendieren dem aktgedienten HM2 einen schönen neuen Schrein.

Was war sonst noch hörenswert?


Die besten Alben im Black Metal, Folk Metal und Viking Metal

AKHLYS - Melinoë

Black Metal mit Ambiente geht nicht? Doch, es geht! Der Hybrid aus Black Metal und Dark Ambient lässt die beiden Stile nahtlos miteinander verschmelzen und induziert dem Hörer einen Albtraum der Extraklasse. Im finsteren Reich der Schattengestalt Naas Alcameth (u.a. NIGHTBRINGER, AORATOS) kann "Melinoë", die Nymphe der Angst und des Wahnsinns, ungezügelt ihren sadistischen Spieltrieb ausleben, Adrenalinergüsse verursachen und für schlaflose Nächte sorgen. Dieses Album beweist, dass man durchaus gegen den Strom komponieren und trotzdem zu 100% der Genrelinie treu bleiben kann. Denn wenn dieses auf Vinyl gebannte Schreckgespenst kein Black Metal ist, dann trägt der Deibel Lederhosen! Und wer dieses Highlight verpennt, der kann vielleicht nachts schlafen, muss sich aber mit einer großräumigen Bildungslücke abfinden.

THE COMMITTEE - Utopian Deception

Und wenn wir schon bei Alleinstellungsmerkmalen im Black Metal sind, gehen wir doch gleich zu THE COMMITTEE über. Das internationale und gut gekleidete Komitee veröffentlichte im Frühjahr sein drittes Album "Utopian Deception". Musikalisch ansprechend mit spannenden Tracks jenseits der Sechs-Minuten-Marke liefert die Truppe ein Werk, das auf den zweiten oder dritten Blick weit mehr hergibt, als man anfangs denken mag. Denn erst, wenn man sich den soliden Vinyldreher in einer ruhigen Stunde zu Gemüte führt und sich mit den zusammenhängenden Texten beschäftigt, wird einem die Größe des Gesamtwerks erst wirklich bewusst. Dann fallen Details wie die Verwendung verschiedener Sprachen, die gehobene Wortwahl und auch die Interpretationstiefe der Lyrics auf. Eine klare Empfehlung für jeden Genrefan, für die man auch guten Gewissens einen halben Punkt hätte drauflegen können.

DARK FORTRESS - Spectres From The Old World

Textlich haben auch DARK FORTRESS einiges zu bieten. Sechs Jahre nach ihrem letzten Album legt die deutsche Institution mit "Spectres From The Old World" nach und schickt ihre Hörer durch ein Wechselbad aus kompromisslosem Black Metal und verspielten, progressiven Stücken von hoher Komplexität. Lyrisch verbindet man zutiefst theoretische, wissenschaftliche Themen (wie z.B. die Thermodynamik...Leute, THERMODYNAMIK! Wenn die Wissenschaft einen BM-Zweig hat, dann ist es die gute alte Wärmelehre, jede Wette!) mit schwarzmetallischem Gedankengut. Die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz wird wissenschaftlich erklärt - dieser Geniestreich hat mich zutiefst beeindruckt und tut es noch heute. Und auch von dem brutalen wie erdigen Drum-Sound kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden - aber wie V. Santura erklärt, braucht man dazu einen gut trainierten Schlagzeuger...

ENSIFERUM - Thalassic

ENSIFERUM machen immer, was sie gerade wollen. Darum klingt jedes Album anders als das vorangegangene und deshalb können die Finnen auch aus einem Besetzungswechsel Profit schlagen. So zog mit Netta Skog jüngst eine verspielte Facette der Band von dannen, die dem mir sehr sympathischen "Two Paths" ihren markanten Stempel aufdrückte. Mit Neuzugang Pekka Montin (Keyboards, Clean Vocals) und einer sehr stringenten back-to-the-roots-Kurs navigieren sich ENSIFERUM damit für viele Fans zurück an die Spitze des Folk Metal (wir erinnern uns: nicht jeder mochte "Two Paths" so sehr wie der Verfasser). Das belegten auch die stolzen 4,1 Punkte in einem Schnitt aus sage und schreibe sieben Kritiken in unserem Gangbang-Review. Dazu wiederhole ich nur allzu gerne meinen ersten Eindruck in den Worten, die ich meiner Frau damals kundtat: "ein Rabe wollte mich nicht in den Hof lassen und die neue ENSIFERIUM ist legendär...ich scheiß’ mir gleich in die Hose vor Freude!"

ENSLAVED - Utgard

Dass sich ENSLAVED nicht in ein Korsett zwängen lassen und der reinen Lehre des Black und Viking Metal schon lange abgeschworen haben, ist nichts Neues mehr. Dafür ist es aber umso erfreulicher, dass sie ihre Wurzeln bis heute nicht vergessen haben und den eisigen Nordmanntannen-Tango ihrer Heimat noch so souverän und unverfälscht zum Besten geben können und wollen. Auf "Utgard" finden sich zahlreiche Passagen mit Frostbeulen- und Gänsehautqualitäten und ebensoviele progressive, postige oder gar vollsynthetische Momente wie im Exotentrack "Urjotun". Wo andere sang- und klanglos scheitern würden, schmieden ENSLAVED einen massiven Thorshammer und bauen Brücken zwischen Ufern, die kaum niemand zu verbinden wagt. Für ein solches Werk kann es nichts anderes als die volle Punktzahl geben, weswegen ich mich den Worten meines Kollegen nur anschließen kann.

FINNTROLL - Vredesvävd

Als wäre das Metal-Jahr 2020 nicht schon fett genug, kommen auch die verrückten FINNTROLL endlich wieder aus ihren Löchern gekrochen. Ganze sieben Jahre nach ihrem letzten Album kehren die Gummiohrenträger ein stückweit zu ihren Wurzeln zurück und liefern ein Album voll schwarzmetallischer Raserei und kontrastierender Troll-Eskalation, das es gut und gerne mit den Vorzeigealben ihrer Diskographie aufnehmen kann. Dass auch dieses Exemplar einem zügellosen Gangbang unterzogen werden musste, verstand sich von selbst. Mit 3,9 Punkten im Mittel räumten die Finnen zwar "nur" respektabel ab, aber für den durchgeknallten Troll-Metal der Truppe muss man eben gemacht sein.

HELFRÓ - Helfró

Wer über den Klang von Kälte sinnieren will, sollte das selbstbetitelte Debüt der isländischen Black Metaller HELFRÓ sein Eigen nennen. Mit diesem Duett ist Season of Mist ein wahrer Glücksgriff gelungen, denn neben der eindrucksvoll vertonten Unterkühlung überzeugen die Nordmänner mit einem gehobenen Songwriting und Spiel, das zu 120% den Reinheitsgeboten des Genres genügt und zugleich weit weg vom grauen Rauschen des Untergrunds rangiert. Da die Scheibe schon zwei Jahre zuvor in Eigenregie veröffentlicht wurde, dürfte ein Nachfolger nicht lange auf sich warten lassen - und zumindest mir ist dabei jeder Tag einer zuviel.

MÖRK GRYNING - Hinsides Vrede

Das Rennen um die Black Metal Krone ist eng und kann in Anbetracht der unterschiedlichen Stilausprägungen kaum fair ausgetragen werden. Wenn es jedoch um Black Metal im eigentlichen Sinne geht, dann passieren HELFRÓ mit MÖRK GRYNING zusammen Schnauze an Schnauze die Ziellinie. Mit "Hinsides Vrede" kehrt die schwedische Kultband nach fünfzehn (!) Jahren zurück ins Rampenlicht und beschert uns eine der Überraschungen des Jahres. Selten habe ich nach dem ersten Durchgang eines Albums einen derartigen Wasserstand in den Augen - und das bei einem BM-Album. Und wenn ich mir mal nicht ganz sicher bin, wer dieses Jahr ganz oben auf dem Treppchen steht, hilft mir "A Glimpse Of The Sky" weiter. Damit kommt das Black Metal Album des Jahres mit knappem Vorsprung aus Schweden.

PANZERFAUST - The Suns Of Perdition - Chapter II: Render Unto Eden

Obwohl die kanadische Band in kaum einer Weise mit AKHLYS zu vergleichen ist, so haben beide doch eine Sache gemeinsam: sie erschaffen ein verstörendes und beklemmendes Klangkonstrukt, das in stilistischer Hinsicht ein Alleinstellungsmerkmal bildet. Es ist heutzutage nicht mehr leicht, etwas Eigenständiges zu schaffen, doch PANZERFAUST ist genau dieser Kunstkniff gelungen. Ihre Kompositionen haben einen unverwechselbaren Charakter, der aus Tausenden herauszuhören ist. Und mit dem zweiten Teil ihrer "The Suns Of Perdition"-Quadrologie (!) konnte die Band noch einen auf das meisterliche erste Kapitel drauflegen. Jetzt bloß nicht die Puste verlieren - die Hälfte dieses imposanten Werks ist bereits in trockenen Tüchern!

Was war sonst noch hörenswert?


Die besten Alben im Rock, Punk und Hardcore

AC/DC - Power Up

Wer hätte das gedacht? Dass sich Angus und Stevie Young nach all den Vorfällen, Ausfällen und Problemen der letzten Jahre überhaupt noch einmal in der langjährigen Besetzung mit Brian Johnson, Cliff Williams und Phil Rudd zusammenraufen würden, hielt wohl nicht nur der Verfasser für unwahrscheinlich. Daher bietet die aktuelle Scheibe "Power Up" gleich in mehrerlei Hinsicht Grund zur Freude: darüber, dass das Album überhaupt aufgenommen wurde, darüber, dass AC/DC auf ihre alten Tage keine Lineup-Peinlichkeiten wie Axl Rose am Mikro für die Nachwelt konserviert haben und auch darüber, dass man das Lebenswerk und Erbe des seligen Malcolm Young in sehr würdiger und angemessener Art und Weise zu fortzuschreiben wusste. "Power Up" bietet vielleicht keine Überraschungen, dafür aber reihenweise urtypische und starke Songs und eine Band, die in den letzten drei Dekaden scheinbar keinen Tag gealtert ist. Mehr kann ich mir von einem AC/DC-Album nicht wünschen.

ANTI-FLAG - 20/20 Vision

2020 war nicht nur ein Drecksack von einem Jahr. Nein, es war auch ein Jahr, in dem viele meiner alten Helden neue Musik veröffentlichten und mir in entsprechenden Reviews Anekdoten aus vergangenen Tagen abrangen. Dazu zählten auch US-Politpunker ANTI-FLAG, die ich erst im letzten Jahr nach langer Abstinenz wieder live erleben durfte und die mich für etwa dreißig Minuten zurück in meine Schulzeit katapultierten. So wenig schienen sich Justin Sane und Co. verändert zu haben...und auch das im Januar erschienene Album "20/20 Vision" macht dabei keine Ausnahme. OK, die poppigen Anleihen in manchen Songs führen stellenweise zu Verwirrung - sei es aus Prinzip oder auch wegen des Kontrasts zwischen der Musik und der visualisierten Kampfansage auf dem Cover, das einen entsprechende Rhetorik und Rhythmik erwarten lässt. Doch wie an anderer Stelle bereits erwähnt sind diese Merkmale eher Randerscheinungen, woneben ANTI-FLAG auch 2020 vorwiegend das tun, was sie am besten können...und damit liegen sie goldrichtig.

DIE ÄRZTE - Hell

Eigentlich hatte ich sie schon fast abgeschrieben, DIE ÄRZTE...eine Band, die mich schon fast so lange begleitet, wie ich denken kann und der ich gewissermaßen meine ersten Gehversuche auf der Gitarre zu verdanken habe. Acht Jahre ohne neues Album oder sonstige interessante News, dazu wenig Livepräsenz und der fade Nachgeschmack zweier Alben, die zwar nicht wirklich mies waren, aber gegenüber des letzten Meilensteins "Geräusch" merklich Federn gelassen hatten. Aber nachdem ich nun in bescheidener Erwartung die neue Platte der Berliner Spaßpunker auflegte und den neuen Liedern lauschte, erschien mir der allmächtige BelaFarinRod wie Phönix aus der Asche und es wurde "Hell". Unverhofft kommt oft - und wenn man es am wenigsten erwartet, kommen DIE ÄRZTE um die Ecke und lassen darüber sinnieren, wo man sich wohl so schonend einfrieren und unbeschadet wieder auftauen lassen kann. Nicht nur, dass die "Super Drei" keinen Deut ihrer handwerklichen Fertigkeiten eingebüßt haben...vielmehr scheint mir, dass die kreative Pause der notwendige Schritt war, um zu alter Stärke zurückzufinden - mit einem guten Händchen für catchy Tracks, einem musikalischen Querschnitt durch die Landschaft und den zündenden Ideen, die in den Jahren zuvor scheinbar eingerostet waren.

BLUES PILLS - Holy Moly!

Es mag sein, dass das schwedische Bluesrock-Ensemble BLUES PILLS großen Zuspruch und Bekanntheitsgrad erlangt hat, weil es seit jeher unter der Flagge von Nuclear Blast segelt und damit die nötige Reichweite genießt. Das alleine kann aber nicht die Quelle allen Erfolgs sein. Dazu gehören zumindest starke Songs und idealerweise eine prägnante Stimme, die für die nötige Ohr-Affinität sorgen. "Holy Moly!" hat all das und trifft mit seinem vollends gelungenen Retro-Flair einen Nerv, der im Dschungel zeitgenössischer Musik brach liegt. Dass sich der Stil wieder mehr den Anfängen annähert, tut der Sache ausgesprochen gut und gipfelt in einem Album, das ich selbst als ausgemachter Scheuklappenfetischist immer wieder auflegen musste. So konnte man aus dem schmerzhaften Weggang von Gitarrist Dorian Sorriaux schließlich das Beste machten und Stimmwunder Elin Larsson wieder ein musikalisches Gewand bieten, das keinerlei Wünsche offen lässt, wenn man ein Herz für Bluesrock hat.

DIE TOTEN HOSEN - Learning English Lesson Three: Mersey Beat! The Sound Of Liverpool

Nachdem sich die HOSEN bereits zweimal als Neuinterpreten von mehr oder weniger bekannten, englischsprachigen Punk-Gassenhauern versucht hatten, entführen die Jungs von der Opelgang im dritten Anlauf in die Sechziger. "Learning English Lesson Three: Mersey Beat!" trägt den Namenszusatz "The Sound Of Liverpool" und verschreibt sich den Liedern der "Mersey-Sound-Ära", zu denen auch die frühen Werke der BEATLES zählen. Wie schon in "Lesson One" und "Lesson Two" meistern die HOSEN erneut den Spagat zwischen ihrer eigenen musikalischen Schlagseite und dem Sound der Originale (bzw. den damals gecoverten Versionen der Stücke). Aber im Gegensatz zu den ersten beiden Teilen traut sich die Band hier weiter aus ihrer gelebten Komfortzone heraus und bleibt auch auf diesem Parkett souverän und überzeugend.

DRITTE WAHL - 3D

Der Sound von DRITTE WAHL mag sich über die Jahre verändert haben, doch eine Sache kann man vorbehaltlos unterschreiben: dass kaum eine Band dieses Genres ihren persönlichen Stempel so bodenständig und souverän weiterentwickeln konnte wie die Rostocker. Gunnar Schroeder und Co. scheinen sich dabei keine großen Gedanken über Erwartungshaltungen oder Etikette im Punkrock zu machen. Sie ziehen einfach ihr Ding durch und bleiben stets sie selbst. Und weil man sich auf dieses Faktum immer verlassen kann, dichtet auch die aktuelle Scheibe "3D" nah am Puls der Zeit und nebenbei ganz vorne an der Speerspitze des deutschen Punkrock. Es legt den Finger in die Wunde, wagt Synopsen zwischen früher und heute, regt zum Nachdenken an und ist sich für einen trockenen Gag nicht zu schade. Dafür ist ein bescheidener erster Platz in der Kategorie "Punkrock" nicht mehr als angemessen.

HATEBREED - Weight Of The False Self

Ich kenne und liebe HATEBREED schon seit vielen Jahren und besitze alle Alben des Hardcore-Schwergewichts. Schlechte Platten haben Jamey Jasta und Co. nie geschrieben, gleichwohl gab es auch hier mal bessere und mal weniger spektakuläre Alben. Nach dem mächtigen "The Concrete Confessional" durfte man Großes erwarten. Der erste, nicht auf dem Album erschienene Vorgeschmack "When The Blade Drops" überraschte mit einem Gitarrensolo und hob die Spannung auf das, was sich die Amis sonst noch ausgedacht haben. Insofern war ich von der aktuellen Scheibe "Weight Of The False Self" zunächst ein wenig ernüchtert, weil die Jungs (abgesehen vielleicht von "Cling To Life") doch wieder ziemliche staighte Routine zocken und dabei an ältere Songs im HATEBREED-Universum erinnern. Doch wenn man es beim Lichte beschaut, wären ein harter Kurswechsel und Experimente für ein Konstrukt wie HATEBREED nicht der richtige Weg. Zudem muss man unterm Strich festhalten, dass nur wenige dieses Handwerk so gut beherrschen und es in diesem Jahr keinen ernstzunehmenden Konkurrenten in dieser Liga gibt. Ergo: geil.

THE HELLFREAKS - God On The Run

Nicht zu fassen – aus einer Band, die ich nicht kannte und deren News ich zunächst nur veröffentlichte, weil sie sich persönlichem Einsatz und Herzblut um die Promo ihres Albums "God On The Run" kümmerte, wurde schließlich eines meiner unangefochtenen Jahreshighlights. Kaum eine Band schafft es, einem so derbe Zucker ums Maul zu schmieren und zugleich so heftig Arsch zu treten wie THE HELLFREAKS. Es ist ein Album voller ohrwurmiger Hits, die man vorbehaltlos im Radio spielen könnte und dennoch eine wahre Wuchtbrumme vor dem Herrn. Es läuft runter wie Öl, will immer wieder gehört werden und glänzt nicht zuletzt mit einer der markantesten Stimmen, die mir dieses Jahr untergekommen sind. Mit Metal hat das Ganze wenig zu tun und auch die Einordnung im (Punk) Rock wird der Sache nicht wirklich gerecht. Doch wer gerne über den Tellerrand hinausblickt und ein Herz für extravagante Stimmchen im Rock hat, der sollte meiner Überraschungsentdeckung des Jahres eine Chance geben.

ME AND THAT MAN - New Man, New Songs, Same Shit Vol. 1

Anfangs war ich noch verhalten in Bezug auf die zweite Runde von Onkel Nergals Outlaw-Spaß. Die erste Platte hatte mich, obwohl sie grundsätzlich gut war, nicht ernsthaft vom Hocker gehauen und tat es auch nicht beim zweiten Versuch im Zuge der Synopse mit "New Man, New Songs, Same Shit Vol. 1". Doch im zweiten Anlauf traut sich der BEHEMOTH-Fronter was Neues und nutzt den Weggang seines Sangesbruders John Porter zur Einberufung einer Allstar-Konferenz. Jeder Track hat seinen eigenen Stil und keine Stimme taucht mehr als einmal auf. Das Ergebnis wird dadurch maximal abwechslungsreich und nicht weniger unterhaltsam, zumal es sich durch die Bank um Musiker aus dem hartmetallischen Spektrum handelt. Daher bin ich schon heute gespannt auf Teil zwei - und wehe, der wird nicht mindestens genauso gut!

OCEAN HILLS - Santa Monica

IGNITE ohne Zoli Téglás? An diese bittere Realität müssen sich Fans in aller Welt bis auf Weiteres gewöhnen. Was aber verbarg sich hinter den "anderen Vorhaben", zu deren Gunsten der charismatische Fronter seine langjährige Band verließ? Die Antwort hört auf den Namen OCEAN HILLS und bietet handgemachten (Stadion-)Rock von Malochern für Malocher. Den working-class-Charakter mag man den Tracks auf "Santa Monica" nicht auf den ersten oder zweiten Blick anhören, doch darauf kommt's nicht an. Was zählt, ist dass der Spaß runterläuft wie Öl und sich über eine respektable stilistische Bandbreite hinweg mit klebrigen Ohrwürmern austoben kann. Insoweit war Operation "IGNITE meets Stadionrock" ein voller Erfolg.

TERRORGRUPPE - Jenseits von Gut und Böse

Sie kamen, gingen und kamen wieder. Und jetzt gehen sie wieder...endgültig, wie es heißt. Schade, wenn man bedenkt, dass auch Bands wie DRITTE WAHL, die HOSEN oder DIE ÄRZTE nicht an Rente denken und wie treffsicher die Berliner Satirepunker noch trällern. Aber sei's drum...die freie Entscheidung mündiger Punker in allen Ehren, dürfen wir ein letztes (lila) Album der Band zelebrieren, uns ein letztes Mal über satte Tiefschläge ins gesellschaftliche Zentralmassiv freuen und irgendwann in 2021 einen letzten Pogo auf's Parkett legen. Wenn es das anschließend gewesen sein soll, dann treten Archi MC Motherfucker, Jacho und Co. zumindest in Würde und mit einem starken Abschiedsdreher in den Ruhestand. Bleibt mir nur noch, meinen Dank auszudrücken für all den Spaß, die Anstiftung zum Ungehorsam und natürlich das "Käferlied". Macht's gut Jungs bzw. bis zur Abschiedstour!

Was war sonst noch hörenswert?


Andere Genres

Natürlich gab es auch neben den vorstehenden Genreschwerpunkten wieder eine Reihe interessanter Töne aus anderen Genres, die sich nicht in das obige Raster einordnen lassen. Erwähnenswert sind dabei besonders die langsam drehenden Vertreter mit und ohne Sludge-Anteil, bei denen es sich zumeist um Undergroundbands oder Newcomer handelt.

  • APHONIC THRENODY - The Great Hatred
    Endlich mal wieder ein Death/Doom-Metal-Album, dass weitgehend in der Liga von THE DROWNING und OAK mitspielen kann!
  • EREMIT - Desert Of Ghouls
    Was diese junge deutsche Band aus ihren Gitarrenamps rausholt, ist der reine Wahnsinn. Wer braucht schon Bässe, wenn man alte Amps malträtieren kann?
  • FEUERSCHWANZ - Das elfte Gebot
    Die feurigen Glieder mochte ich schon immer, denn die Shows sind großartig und für Suff und Spaß wird man nie zu alt. Hier aber dringen FEUERSCHWANZ in gar philosophische Gebiete vor und fahren harte Klänge von stählerner Güte auf. Aber zugleich sind sie noch immer lustig und durstig. Genau so muss das!
  • FIVE FINGER DEATH PUNCH - F8
    FIVE FINGER DEATH PUNCH bleiben FIVE FINGER DEATH PUNCH und schöpfen nach den Rückschlägen der letzten Jahre neue Kraft. So geben Ivan Moody und Co. wieder deutlich härter auf die Mütze als beim Vorgänger, können aber trotzdem nur schwer an vergangene Großtaten anknüpfen. Hörenswert: ja. Pflichtkauf: jein.
  • HEAVEN SHALL BURN - Of Truth & Sacrifice
    Ein ausufernder Schinken, den ich leider nicht so oft gehört habe, wie man es sollte. Die Techno-Einlage hätten sie sich sparen können, aber der Rest ist großes Kino!
  • JUPITERIAN - Protosapien
    Brasilianischer Death/Doom/Sludge-Klumpen, der ein wenig schwerfällig aus dem Quark kommt, aber zusammen mit SUBTERRAEN, EREMIT und SEPULCROS (VÖ: 2021) einen feinen Sumpf ähnlich gepolter Kapellen bildet.
  • LIVE BURIAL - Unending Futility
    Ein blutkehliger und grandios produzierter Geheimtipp im Death Metal, der trotz seiner dezenten Sperrigkeit noch als solcher gewertet werde kann.
  • PSYCHOTIC WALTZ - The God-Shaped Void
    Ein Comeback nach 24 Jahren, und was für eins! Der Gangbang-Score von 3,6 Punkten sprach zwar nicht direkt für einen Oskar in der Kategorie "Progressive Metal", aber zumindest ich würde jederzeit erneut den Pokal für das beste Comeback des Jahres zücken.
  • SEPULCHRAL CURSE - Only Ashes Remain
    Was für ein Gegrunze! Kari Kankaanpää ist für mich der klare Gewinner, wenn es um die asozialsten Growls des Jahres geht. Wenn es mal ganz ohne Blümchen sein soll.
  • SUBTERRAEN - Rotten Human Kingdom
    Eine ähnlich gelagerte Doom-Sludgerei wie EREMIT, die ebenfalls ohne Bass auskommt, aber mehr Einflüsse aus dem Black Metal einbringt.

Die besten Startups


Alben mit Potenzial
(die aber mehr könnten)

BLACK STONE CHERRY - The Human Condition

BLACK STONE CHERRY kenne ich seit ihren Anfangstagen und abgesehen von "Magic Mountain" haben mich die Southern Rocker bisher nie enttäuscht. Das letzte Album "Family Tree" und die Cover-EPs "Black To Blues 1 & 2" erschienen mir sogar wie ein erneuter Höhenflug. "The Human Condition" wurde also mit Spannung erwartet, konnte aber das Niveau seiner Vorgänger nicht halten. Gute Songs sind vorhanden, doch besonders in den balladesken Parts scheint einen der Kitsch regelrecht zu ohrfeigen. Zudem hat man den Sound der Platte ggü. des Vorgängers eher verschlimmbessert als verfeinert. Eine Katastrophe ist's nicht geworden, aber besser können es die Jungs aus Kentucky trotzdem.

KVELERTAK - Splid

Sänger- und Stilwechsel sind immer ein heißes Eisen im Rock und Metal. Nachdem die norwegischen Aufsteiger KVELERTAK schon mit ihrem Drittwerk "Nattesferd" vielerorts angeeckt sind, drohte nach dem Ausstieg Erlend Hjelviks der nächste Stolperstein. Ersatz war schnell gefunden - Ivar Nikolaisen übernahm flotten Fußes das Mikro und machte auch auf der Bühne dank seiner leidenschaftlich-selbstzerstörerischen Performance einen sehr patenten Eindruck. Auf Platte jedoch konnten mich die neuen KVELERTAK trotz weitgehender Rückkehr zum alten Stil nicht vollends überzeugen. Zu glattgebügelt erschien mir der Sound, zu unaufregend die Songs. An anderer Stelle wurde und wird die Scheibe in höchsten Tönen gelobt und ich gönne der Band die Lorbeeren, aber mir persönlich reicht es nicht, um mit den ersten beiden Erfolgsalben gleichzuziehen.

REVOLTING - The Shadow At The World's End

Der Schwede Rogga Johansson zockt bekanntlich auf mehr Alben, als Gene Simmons Frauen Frauen hatte. Daher ist nicht alles, was der elchige Tausendsassa so anstellt, eine Glanztat vor dem Herrn. Da aber REVOLTING die wahrscheinlich populärste und erfolgreichste Johansson-Band neben PAGANIZER darstellt, übte ich mich entsprechend in Vorfreude und Spannung. Und...naja...schlecht ist die Scheibe nun nicht...aber leider etwas zu routiniert und berechenbar im Songwriting, weswegen sie im direkten Vergleich mit dem Vorgänger "Monolith Of Madness" nicht mithalten kann. Schade eigentlich, aber soviel steht fest: das nächste Eisen liegt sicherlich bereits im Feuer.

VOODOO GODS - The Divinity Of Blood

Victor Smolski und der Corpsegrinder müssen doch ultra-mega-geilen Scheiß fabrizieren, wenn man sie in einer Band zusammenwürfelt, oder? Um es kurz und schmerzlos zu machen: nein. Es mag sein, dass ich "The Divinity Of Blood" nach objektiven Maßstäben gut bewertet habe - gutes Handwerk soll auch jenseits persönlicher Präferenzen honoriert werden und dafür springe ich gerne mal über meinen subjektiven Schatten. Aber was man damals schon rauslesen konnte, ist zugleich das einzige, was mir heute noch zu besagtem Werk noch einfällt: gemessen am Bekanntheitsgrad der Bandmitglieder hat die Platte nichts Übermäßiges zu bieten und verpufft nach kurzer Zeit im schwarzen Loch des Vergessens.

UADA - Djinn

UADA sind für mich das beste Beispiel für ein One-Hit-Wonder. Ihre Debütscheibe "Devoid Of Light" hatte ich ihrerzeit gefressen und gierte nach mehr. Doch schon ab Album Nummer zwei schien der Zauber verflogen. Gekauft, gehört, in die Box gepackt und nie mehr angerührt. Ich würde zwar nicht so weit gehen und behaupten, die Musik sei schlecht oder langweilig, aber sie schafft es zumindest nicht, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Das galt für "Cult Of A Dying Sun" und gilt leider auch für "Djinn". Schade eigentlich.


Zwischendurch was Gesundes
(die Gurken des Jahres)

ACCIDENTAL PRESIDENT - Accidental President

Dass man auch jenseits seines persönlichen Tellerrandes gutes Futter ergattern kann, bewiesen mir THE HELLFREAKS zu Beginn des Jahres. Und weil ich diese inzwischen liebgewonnene Band per Zufall gefunden hatte, erschien mir der Name ACCIDENTAL PRESIDENT irgendwie vielversprechend. OK, die Genres passen nicht wirklich beisammen und auch das Coverartwork deutete nun nicht auf ein Jahrhundertalbum hin. Dass die Chose aber irgendwo zwischen Tonträgerverschwendung und Körperverletzung rangieren würde, hätte ich im Gegenzug auch nicht erwartet. Aber es ist nicht alles verloren: ein wenig nachjustieren im Songwriting, ein klares Bekenntnis zu Fisch, Fleisch oder Tofu und etwa vier bis achtzehn Monate Dauernachsitzen in puncto Gesangstechnik könnten die Band im zweiten Anlauf hörenswert machen. Außerdem konnte ich ihretwegen endlich mal einen Seitenhieb aus "Top Gun" (einem mir sehr ans Herz gewachsenen Film) einbringen - für diese Inspiration sei der Band gedankt.

ANCIENT BURIAL - Beyond The Watchtowers

Black Metal muss roh, ungeschliffen und ekelhaft sei - doch muss das Ganze klingen wie ein alter Zementmischer mit Lagerschaden und Darmverstopfung? Ist der Stempel "Raw Black Metal" ein Freibrief zum Absondern amorpher Lärmkonstrukte, die man nur mit Hilfe von Phantasie und psychotropen Substanzen überhaupt als Musik identifizieren kann? ANCIENT BURIAL wollen es wissen und beschenken den Raw-BM-Underground mit einem Album, das diese und sinnverwandte Fragestellungen aufwirft. Wer auf wundersame Weise Sympathien zu besagtem Zementmischer hegt, könnte mit diesem "Kunstwerk" womöglich seine Freude finden, alle anderen bekommen allenfalls Ohrenschmerzen und dünnflüssigen Stuhl davon.

ARGESK - Realm Of Eternal Night

Hand auf's Herz...einen Blumenstrauß gewinnen die Briten von ARGESK mit ihrem Debütalbum nicht. Vergleiche mit defekten Zementmischern, geschundenen CRADLE OF FILTH Demos und misshandelten Abflussrohren mussten zur Beschreibung ihrer Interpretation von Symphonic Black Metal angestellt werden. Damit ist die Monty-Python-Antwort auf Dani Filth zwar immer noch um Längen besser als ihre unsäglich trven Kollegen von ANCIENT BURIAL, kommen aber über gnädige zwei Punkte nicht hinaus. Immerhin, und das kann man der sympathischen Truppe nicht hoch genug anrechnen, nahmen sie den Verriss mit Humor und schrieben einen herzerwärmenden Kommentar unter meinen Facebook-Post. Sollte die nächste Scheibe nicht bedeutend besser ausfallen, werde ich das gute Stück so freundschaftlich und liebevoll wie nur irgendwie möglich auf die Schippe nehmen. Versprochen.

ENSNARED - Inimicus Generis Humani

OSDM-Alben werden vom Verfasser immer in den Himmel gelobt? Wer schon immer wissen wollte, was denn eine Death-Metal-Band anstellen muss, um aus meiner bescheidenen Feder abgewatscht zu werden, möge sich tiefergehend mit ENSNARED befassen. Langweilige Songs und ein großer Haufen nerviger Interludes machen's möglich. Vielleicht klappt's ja beim nächsten Mal!

MRTVI - Omniscient Hallucinatory Delusion

Manche Werke schockieren mit einer derart aufdringlichen Abwesenheit von Musikalität, dass man sich als Musiktester nahezu Fehl am Platz fühlt. Was das jetzt mit MRTVI zu tun haben soll, kann ich auch nicht genauer erklären. Aber immerhin war der Stoff inspirierend in Bezug auf mein Review...und das ist doch auch was wert.

NATTVERD - Styggdom

Im Falle von NATTVERD kann man nur noch sagen: schade um die guten Talente...denn am Handwerk oder am Sound hapert es den Norwegern nicht. Aber wenn man das ein und selbe Grundriff in allen Garstufen aufwärmt und damit die halbe Platte ausfüllt, dann stößt selbst der passionierteste Szenegänger an seine Grenzen. Einstein postulierte die Zeitdehnung, NATTVERD hingegen inspirierten mich zur Verwendung des Begriffs "Kompositionsdehnung". Kann man so machen, muss man aber nicht. An einem ähnlichen Stigma litt übrigens ARMAGEDDAs neues Album, aber nicht ganz so erdrückend wie das Opus des anonymen Quartetts aus Bergen.


Die besten Konzerte
(viele waren es ja leider nicht)

Black Metal (Circus and) Devastation from Norway - ABBATH + VLTIMAS + 1349 + NUCLEAR

Auch wenn Konzerte in 2020 eine Seltenheit waren, so hatte doch das anbrechende Jahr noch ordentlich was zu bieten. Alleine im Februar berichteten wir (meine Frau und ich) über drei Events, darunter natürlich die "ABBATH-Comebacktour", die den beliebten norwegischen BM-Pionier nach seiner oskarreif vergeigten Südamerikatour rehabilitieren sollte. Das Unterfangen wurde zu einem vollen Erfolg und zeigte Band und Chefpanda in einer Form, die man so vermutlich noch nie erlebt hat. Auch das Rahmenprogramm war hochkarätig, wobei mir neben dem hoch motivierten Auftakt der Thrasher NUCLEAR besonders die vernebelte Apokalypse der Pestbeulen von 1349 in wohliger Erinnerung blieb.

Thrash Till Lockdown – DESTRUCTION + LEGION OF THE DAMNED + SUICIDAL ANGELS + FINAL BREATH

Auf die guten alten DESTRUCTION ist immer Verlass. Dementsprechend waren die Katakomben im Mergener Hof in Trier an diesem schönen Februarabend gerammelt voll. Eine rustikale Location, vier erlesene Bands und ebensoviele leidenschaftliche und eskalative Gigs. Es war eigentlich ein ganz normaler Konzertabend, an dem einfach alles stimmte. Nicht mehr und nicht weniger. Es war ein idyllischer Hort für Geistesoriginelle wie uns, den es kurz darauf für lange Zeit nicht mehr geben sollte. Für die Verlängerung mit WARBRINGER im Gespann hat es dann leider nicht mehr gereicht...aber wir wollen zuversichtlich bleiben. Alles wird gut...oder...zumindest geht alles vorbei - und das gilt auch für diese Pottsau von Corona.

Gemetzel auf dem Tanzparkett - REVEL IN FLESH + TORMENT OF SOULS + SOULDEVOURER

Wir schreiben immer noch Februar und sind wieder in Trier. Und während im (für Metalkonzerte) wesentlich frequentierten Mergener Hof HELRUNAR gefeiert werden, verschlägt es einige Fans an einen Ort, der normalerweise für Hochzeiten, Firmenfeiern und ähnliche Anlässe genutzt wird - das Kasino Kornmarkt. Ein roter Vorhang, pompöse Architektur und ein Holzboden, der für eine Horde gestiefelter Headbanger und Bierpfützen eigentlich viel zu teuer scheint, sind Teil des Ambientes, die das von REVEL IN FLESH angeführte Schlachtfest zu etwas Besonderem machten. Hoffentlich hat man den Erfolg der Veranstaltung und das gute Betragen der Besucher nicht vergessen, bis die Ampel für ein Revival wieder auf grün steht.

Über Kult und Gestank - THE SPIRIT + CRIMSON MOON + NARVIK

Es war ein Abend, der für Black Metal wie gemacht war. Die unheilvollen Schwingungen in der Umgebung der Venue, das Verhalten einiger Lebensmüder auf der Straße, das Wetter...alle Zeichen standen auf Endzeit und Zerstörung, alle Daumen deuteten nach unten, Dunkelheit umwob uns...und das nicht nur wegen des nahenden Sonnenuntergangs. Und im Kleinen Klub der Saarbrücker Garage, einem schwarz gepinselten Kabuff, in dem gerade genug Platz für eine Bühne, eine Biertheke und einen Anfänger-Moshpit ist, war das Epizentrum aller genannten Phänomene zu finden. NARVIK drücken den Luftsauerstoff mit ihren gefühlt zwei Millionen Räucherstäbchen auf betörende sieben Prozent, CRIMSON MOON berauschen sich mit einem infernalisch stinkenden Brandsatz und THE SPIRIT lassen (ganz im Kontrast zu den ersten beiden Bands des Abends) die Musik alleine sprechen. Es war stinkig, es war morbide, es war Ende Februar und das für uns letzte Konzert bis heute. Glücklicherweise konnten wir der süßen Versuchung eines ruhigen Abends vor der Flimmerkiste widerstehen.


Was gibt es sonst noch zu sagen?

2020 ist ein Arschloch, das weiß jeder...aber in Sachen Musik war das Jahr der absolute Hammer. Die begehrte Höchstnote zückte ich "lediglich" zweimal, doch wie oft entschloss ich mich für 4,5 Punkte (von den ganzen Vieren ganz abgesehen)? Ich weiß es nicht bzw. hatte nicht die Muße, zu zählen. Aber es geschah oft und stets mit gutem Gewissen. Insofern könnte ich eine Top-Ten-Liste, die mir schon 2019 nicht ausgereicht hätte, gleich drei bis viermal füllen. Deshalb bleibe ich bei einer grob nach Genres geordneten, mit Rückblicken ausgeschmückten Auflistung, die den ein oder anderen imaginären Ehrenpreis zu vergeben hat und die jeweiligen Albumhits als Video parat hält.

Wie jedes Jahr gebührt mein Dank den unzähligen Bands, die diesen unfassbar hohen Berg an Musik, die wir jedes Jahr erkunden dürfen, erschaffen und unseren Alltag damit ein Stück unbeschwerter machen. Der Heavy Metal bzw. die Musik und Kultur im Allgemeinen sind ein unterschätztes Gut, dessen Wert die Regierungen dieser Welt bis heute nicht begriffen haben. Deshalb wünsche ich mir für unsere Musiker, Veranstalter, Tontechniker und alle, die Live-Events überhaupt möglich machen und unsere Szene am Leben halten, dass sie diese verquere Zeit mit einem blauen Auge überstehen. Und dass wir in unserer Funktion als Berichterstatter zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen konnten, den Bekanntheitsgrad und Fan-Support besonders für die kleineren Akteure unserer Szene zu steigern. Und ich hoffe, unsere Leser hatten ab und zu ein kleines bisschen Spaß mit unserem bescheidenen Verein.

In diesem Sinne: bleibt alle sauber und gesund, unterstützt eure Bands, tragt eure Masken und seid ein gutes Vorbild! Und anstelle eines negativen, sarkastischen Zitats, von denen man für dieses komische Jahr mehr als genug viele finden würde, schließe ich mit einer relativierenden Zeile, die da sagt: regt euch nicht auf und nehmt's leicht - am Ende werden wir doch alle eins mit der Entropie!

"We stir the coalescence
The second law will never fall
We stir the coalescence
The second law creates it all"

(DARK FORTRESS, "Coalescence", 2020)


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
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