Jahresrückblick 2020

Jahresrückblick von Pascal Staub

Man kennt mich, zum Beginn meines Jahresberichts schweife ich sehr gerne aus. Diesen Monolog erspare ich euch, zum Jahr 2020 gibt es ohnehin nicht viel zu erzählen, was man nicht schon weiß und für die alltägliche Dosis des allumfassenden Pandemiegeschehens genügt es, die Flimmerkiste oder den Radio einzuschalten. Daher möchte ich mich bei allen Lesern für die Stormbringer-Treue bedanken, gleichzeitig für das Zitatrecycling in folgendem Bericht entschuldigen (auch bei mir ist der Akku schlichtweg leer) und stattdessen einfach besinnliche Feiertage sowie einen guten Rutsch in ein hoffentlich besseres Jahr 2021 und nun erstmal - trotz allem - viel Spaß beim Lesen wünschen!

Sólstafir - Endless Twilight Of Codependent Love

Nachdem der Vorgänger "Berdreyminn" bei mir erst Monate nach dem eigentlichen Release allmählich begann, sich in Wohlgefallen aufzulösen, war ich bezüglich "Endless Twilight Of Codependent Love" dementsprechend verhalten in der Erwartungshaltung. Waren SÓLSTAFIR vielleicht sogar endgültig entzaubert? Nö, natürlich nicht. Vielen Hörern reichte es schon aus, dass man heuer wieder härter agierte, was dezentere Erinnerungen an "Köld" weckte; was mir letztlich aber den Zugang vereinfachte, war der wieder etwas kauzigere und noch depressivere Grundton. Dafür hätte man keinen idealeren Release-Zeitpunkt wählen können.

Oranssi Pazuzu - Mestarin kynsi

Ich weiß mittlerweile gar nicht mehr, wie ich ORANSSI PAZUZU überhaupt noch lobpreisen soll, ohne mich dabei zu wiederholen. War "Värähtelijä" schon komplett geisteskrank, legt "Mestarin kynsi" da noch mal einen guten Schuss Acid (Rock) drauf und schwebt grenzenlos in seiner technokratischen Dystopie, dass man staunend zuhört und nach Worten ringt. Aus Erfahrung ist mir bekannt, dass etliche Hörer immer noch Respekt davor haben, den Finnen eine echte Chance zu geben, aber lasst euch eines gesagt sein: Anfangs mag das noch überfordernd sein, doch wenn man zum ersten Mal realisiert, was dieses Quintett da eigentlich fabriziert, kommt man aus dem Modus "Diabolisches Grinsen" einfach nicht mehr raus.

Enslaved - Utgard

ENSLAVED sind eine meiner unumstrittenen Lieblingsbands und "Utgard" erklärte mir einmal mehr, warum das so ist. Ja, ich habe noch meine Probleme mit "Monumension", aber ansonsten kann ich einfach jedes Album der Norweger einlegen und werde umgehend in ihr Universum gesogen. Nachdem mit "In Times" und "E" die Kritik lauter wurde, dass man doch den Stil eines "Axioma Ethica Odini" lediglich wiederholen würde, was ich übrigens nicht nachvollziehen kann, hebt sich "Utgard" nicht nur mit seiner wesentlich kompaktere Spielzeit von jenen ab, sondern implementiert auch ganz alte, folkloristische Elemente und ergänzt diese mit modernen Psychedelika, die einen enthemmt mit Riesen und Trollen tanzen lassen.

Lamp Of Murmuur - Heir Of Ecliptical Romanticism

Man kennt es: Jedes Jahr erscheinen gefühlt 39847239472937498237498273942 Black-Metal-Alben, -Demos und -EPs. Ich tue mir zusehends schwerer damit, das alles angemessen zu filtern. Wenn sich dabei in den letzten Jahren aber ein Projekt festgebissen hat, dann war das zweifelsohne LAMP OF MURMUUR, das bereits letztes Jahr mit beiden Demos alles zerstört hat und mit dem heuer erschienenen "Heir Of Ecliptical Romanticism" den Trümmerhaufen noch einmal zertrümmert, um auch wirklich sicherzugehen. Scheppern wollen im Endeffekt viele, aber aktuell kann das in Kombination mit dieser herrlich ekligen Atmosphäre kaum jemand so grandios wie M. aus Olympia, Washington. Geil produziert ist das natürlich auch, eh klar.

Deftones - Ohms

Wie ironisch, dass ausgerechnet im Jubiläumsjahr von "White Pony" das beste Album seit ebenjenem erscheint. Ich liebe DEFTONES seit Urzeiten und mag eigentlich auch jedes Album von ihnen, aber "Ohms" ist nunmal Next-Level-Shit, wie er im Buche steht. Moreno und Co. waren ihrer Zeit damals schon voraus, aber es ist schon beachtlich, welch famose Künstler aus den einstigen Jungspunden erwachsen sind. Modernen Metal kann man kaum virtuoser als auf "Ohms" vortragen, chapeau!

Paysage d'Hiver - Im Wald

Ein ungewöhnlich aktives Jahr für das Schweizer Ein-Mann-Projekt mit drei (!) Veröffentlichungen (darunter endlich auch die Compilation aller "Schnee"-Songs). Theoretisch ist "Im Wald" wohl das Debütalbum, weil bisher ausschließlich Demos veröffentlicht wurden, aber das spielt ja eigentlich keine besonders große Rolle. Was darf man sich davon erwarten? Eiseskälte, ganz viel davon. Und ein paar gelungene "Experimente", die man nicht von PAYSAGE D'HIVER erwartet hätte. Ach ja, ein bisschen Zeit sollte man schon mitbringen, denn mit zwei Stunden Spieldauer ist "Im Wald" schon ein echter Brocken und daher nichts für Menschen mit geringer Aufmerksamkeitsspanne.

Ulver - Flowers Of Evil

Es scheint, als würden viele weiterhin "The Assassination Of Julius Caesar" bevorzugen, doch "Flowers Of Evil" ist - meiner Meinung nach - irgendwie kompakter, kohärenter und daher stimmiger. ULVER gehören zu den wenigen Bands der damaligen Black-Metal-Riege, vor denen trotz stilistischer Wandlung nahezu jeder Respekt hat, weil man einfach auf jedem Album spürt, wie viel Herzblut hineingeflossen ist und welch großartige Künstler ihr Wirken mit der Außenwelt teilen. Experimenteller Synthpop, sphärischer Ambient, ein Hauch norwegischer Distanziertheit - ein phänomenales, beruhigendes Erlebnis. Zweifelsohne eines der großen Highlights 2020.

Dark Tranquillity - Moment

Letztlich konnten sich DARK TRANQUILLITY aber über diesen Mechanismus hinwegsetzen und mich vollends überzeugen, was sich u.A. dadurch begründet, dass man den bisherigen Weg nicht stur forcieren wollte, sondern Amott und Reinholdz Freiheiten gelassen hat, die besonders dem manchmal etwas verkopften "Construct" gutgetan hätten. Wo genau es sich platzieren wird, ist aktuell ohnehin für eine seriöse Beurteilung zu verfrüht, doch unabhängig davon ist "Moment" ein abwechslungsreiches, textlich gar herausragendes Spätwerk, dessen großartige und wesentlich zielstrebigere Songs den zuletzt eingeschlagenen Stilkurs nahbarer, greifbarer machen.

Winterfylleth - The Reckoning Dawn

Eigentlich hätte ich ausschließlich darüber philosophiert, wie großartig "The Reckoning Dawn" von WINTERFYLLETH mal wieder geworden ist, doch nach dem kürzlichen Abgang von Dan Capp (Leadgitarre und Backing Vocals), der das Album maßgeblich geprägt hat, betrachte ich dieses Meisterwerk zugleich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Klar, WINTERFYLLETH haben auch vor ihm schon grandiose Alben geschrieben und werden es vermutlich auch weiterhin, doch speziell diese Zusammenarbeit war schon ein match made in heaven, wie man so schön sagt. Bissiger UK Black Metal, gewaltige Melodiebögen, heroische Chöre -"The Reckoning Dawn" perfektionierte den charakteristischen Stil und war daher ein Dauerbrenner im Jahre 2020.

Malokarpatan - Krupinské ohne

Auch wenn es surreal erscheinen mag - MALOKARPATAN muss man mittlerweile wohl nur noch den allerwenigsten Underground-Auskennern vorstellen und selbst die Grenzbereiche des Untergrunds dürfte man dank überwiegend herausragender Resonanz zum vor drei Jahren erschienenen "Nordkarpatenland" unlängst überschritten haben. Die Slowaken, die bei sternklarer Nacht irgendwo im dichten Geäst der Karpaten Black Metal mit NWOBHM und verschrobener, osteuropäischer Folklore in ihrem brodelnden Kessel vermengten, hatten auf diese Weise rasch einen Zauber über die Szene gewoben, der natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung für etwaige Nachfolger mit sich bringen sollte. Anstatt aber in der eigenen Komfortzone festzuwurzeln, ist "Krupinské ohne" (übersetzt: "Das Feuer von Krupina"), so der Titel des neuen Albums, alles andere als ein Auf-Nummer-sicher-Gehen - es ist eine behutsame und doch nicht ganz geringfügige Weiterentwicklung.“ Und füge noch hinzu: Ganz heißes Eisen mit eigenem Charakter und fantastischer Atmosphäre, das im Verlauf des Jahres weiter gewachsen ist.

Finntroll - Vredesvävd

Nun habe ich etliche Vergleiche gezogen, die sich logischerweise immer wieder angeboten oder gar aufgedrängt haben, aber "Vredesvävd" ist trotzdem kein lauer Aufguss zum Auftakt der finnischen Sauna-Saison. Und erst recht kein kalkulierter Fanservice. Stattdessen ist es ein großartiges Album, das einerseits zwar besagte Nostalgie beschwört, andererseits aber gut 38 Minuten so unverbraucht und unbedarft, wie man nach sieben Jahren Studioabstinenz nur sein kann, durch die Wildnis peitscht. "Vredesvävd" ist einfach zweifelsohne FINNTROLL und ich verspreche nicht zu viel, wenn ich es als lebhaften, exzellenten Querschnitt der ersten vier Alben im zeitgemäßen 2020-Gewand beschreibe.

Sodom - Genesis XIX

Fazit? Eh klar. "Genesis XIX" ist ein überraschend geiles Album mit immenser Qualitätsdichte, tollem Artwork und fantastischem Klang. Was auch immer im Hintergrund vorgefallen mag, Angelripper und Co. liefern ab. Was auf dem berüchtigten Festival-Gig beim Rock Hard eher bescheiden begann, ist mittlerweile offensichtlich ein gut funktionierendes Getriebe, das trotz aller Zweifel an die alten Zeiten anknüpfen kann und meinen persönlichen Thrash-Thron des Jahres mit Leichtigkeit erobern konnte.

Ulcerate - Stare Into Death And Be Still

Allzu lange ist es noch nicht her, dass ich ULCERATE-Alben mal stirnrunzelnd, mal resignativ zur Kenntnis genommen habe. Doch wie man an "Stare Into Death And Be Still" in dieser Liste sehen kann, kann sich Unnachgiebigkeit hin und wieder auch lohnen. 2020 gab es viele coole OSDM-Alben, wovon zwei auch in meinem Rückblick landeten, doch wenn es um Schmerz und beinahe abstoßende Gefühlskälte geht, haben sich die Neuseeländer nicht nur ihre eigene Nische gebahnt, sondern sind darin auch unangefochten an der Spitze. "Stare Into Death And Be Still" ist depressiv und finster, in seiner Verzweiflung immer wieder aggressiv und in seiner Atmosphäre damit so dicht, dass man eigentlich panisch nach Sauerstoff ringen müsste. Irrsinnig guter Stoff.

Horn - Mohngang

HORN waren jahrelang eine unterschätzte Randerscheinung im deutschen Black Metal, doch spätestens mit "Turm am Hang" aus dem Jahre 2017 fühlte es sich so an, als wäre doch noch ein wenig mehr für Nerrath und sein Projekt möglich - und "Mohngang" ist quasi der vorübergehende Höhepunkte. Nicht nur des "Erfolgs", sondern auch der künstlerischen Entwicklung: Ohne an Härte oder gar Schwärze einzubüßen, werden Cello, Dulcimer, Trompete, heroische Gesänge, etc. pp. glaubhaft eingeflochten und ergeben ein einzigartiges, starkes Album, das selbstverständlich auch vom metaphorisch-anspruchsvollen Sprachgebrauch profitiert, der dem plumpen Geschwätz vieler anderer deutschsprachiger Black-Metal-Bands und -Projekte um unzählige Lichtjahre voraus ist.

Gernotshagen - Ode Naturae

Reflektiert man all das eingedenk meines eingänglichen Wortflusses zu aktuellem Zeitgeschehen, kann man wohl zu dem Ansatz gelangen, dass "Ode Naturae" für mich persönlich nicht nur ein Musterbeispiel natürlicher Entstehung fernab (musik-)industriellen, kommerziellen Trubels ist, sondern (mal wieder) auch für den unermesslichen Wert künstlerischer Ausdrucksformen. Um es aber etwas pragmatischer zu formulieren: Alle acht Stücke klingen so ausgereift, als hätte man sie über neun Jahre hinweg gleichermaßen umsichtig aufgebaut und wachsen lassen - und auch wenn nicht jeder Künstler ein derartiges Umfeld für Kreativität benötigt, erweist sich diese Methodik zumindest für GERNOTSHAGEN als durchweg richtig. Dass man mit dem soundtechnischen Überbau u.A. aus der Klangschmiede Studio E auch Aspekte à la Produktion, Mix und Mastering spürbar optimieren konnte, sorgt für den letzten Feinschliff an einem bedeutsamen Album, das eine Band mit sämtlichen Markenzeichen und einem respektvollen Maß an Weiterentwicklung in Szene setzt und zudem zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht wird.

Turia - Degen van Licht

Was macht TURIA also aus? Sie kombinieren den klassischen, mystischen Geist, den man ähnlich repetitiv vorgetragen beispielsweise von BURZUM kennt (im positiven Sinne natürlich), mit ungewöhnlichen neuen Ideen bzw. Vorstellungen, die sich primär in den verschrobenen Melodien und der speziellen Atmosphäre wiederfinden. Ob sich das irgendwann in sich selbst erschöpfen wird, bleibt abzuwarten. Doch da man bisher immer wieder erfolgreich damit war, ist ein Ende bzw. eine kreative Durststrecke vorerst nicht absehbar; zumal sämtliche Künstler bzw. Bands dieser Szene ihre unterschiedlichen Eigen- und Feinheiten pflegen. "Degen van Licht" ist also ein weiteres Stimmungs-Meisterstück aus dem Nachbarland, der knorrige Charakter aber sicherlich nicht jedermanns bzw. jederfraus Gusto.

Nekrovault - Totenzug: Festering Peregrination

Zugegeben, unbeflecktes Land wird man mit dem Memminger Quartett auf "Totenzug: Festering Peregrination" nicht erkunden, gleichzeitig sind in den letzten anderthalb Jahren (oder sogar mehr) nur wenige Bands aus dem Erdreich emporgebrochen, die ranzigen Death Metal so effizient und stimmungstechnisch intensiv wie in den treibenden "Psychomanteum - Luminous Flames" und "Sepulkrator" oder dem zuweilen dissonanten "Eremitorium" zelebriert haben. Mit jedem weiteren Stück, speziell auch den kurz pointierten  "Pallid Eyes" und "Basilisk Fumes", entstehen mehr und mehr Risse in der Schädeldecke, während Interludes wie "Serpentrance" die erdrückenden Bilder, die im Cerebrum darunter unweigerlich entstehen, stützen. Eine allzu große Überraschung ist das allerdings nicht, denn erstens prangt auf der Rückseite des Tonträgers stolz das Ván-Records-Gütesiegel und zweitens waren das "Obscure"-Demo und die "Cursed By Ascended Darkness"-EP in ihren Qualitäten verheißungsvoll genug, um einen derartig unheiligen Vormarsch selbstbewusst vorherzusagen. NEKROVAULT und ihr "Totenzug: Festering Peregrination" werden den Lobeshymnen gerecht und müssen sich in diesem Gewölbe keineswegs untertänig vor der internationalen Konkurrenz verneigen.

Nocte Obducta - Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)

NOCTE OBDUCTA sind mit "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)" wieder auf ihrem Zenit angelangt, vollenden damit und "Sequenzen einer Wanderung" und besagtem "Umbriel" die gedachte Trilogie der essenziellsten Werke seit ihrer Wiederkehr und erweitern ihre Diskografie um ein Album, das sicherlich seinen berechtigten Lobgesängen in den späten Neunzigern und dem Anfang des neuen Jahrtausends gehorcht hätte, gleichzeitig aber auch unbedarft die Gedanken an Vokabeln à la "Selbstkopie" oder auch "Altersmüdigkeit" beiseitewischt. Dabei ist der stilistische Korridor, in dem man sich mal grazil, mal rotzig, mal ruppig fortbewegt, immer noch gewaltig, [...]

Paradise Lost - Obsidian

PARADISE LOST sollen von mir aus einfach machen, worauf sie Lust haben. Und das tun sie ja auch. Manch einer mag diese Rückkehr zu den Wurzeln, die ja mit "The Plague Within" begann, als vorhersehbar und kalkuliert einstufen, aber irgendetwas kann man ja immer kritisieren, denn irgendwer weiß es ja sowieso immer besser als die Band selbst. Nachdem das fantastische "Medusa" fast ausschließlich auf schleppenden Death-Doom setzte, ist "Obsidians" multi-dimensionaler und bezieht dabei vermehrt Gothic-Elemente sowie großartige Refrains ein. Wer es nach stolzen 32 Jahren (!) immer noch schafft, relevant zu bleiben bzw. solche relevanten Veröffentlichungen zu produzieren, verdient jeglichen Respekt und sicherlich keine klugscheißerische Dampfplauderei.

Sunken - Livslede

Was SUNKEN auf ihrem erst zweiten Werk vollbracht haben, will insbesondere im Post-Black-Metal-Bereich nur selten gelingen. Auf "Livslede" geschieht nichts zum Selbstzweck, denn jedes Element findet seinen rechtmäßigen Raum, in dem es sich entfalten und gemeinsam mit den anderen ein authentisches, ja, filmisches Hörerlebnis bilden kann. Eines, in der jegliche Gefühlsregungen in einer ungeschönten, fast schon steinernen Ehrlichkeit dargestellt werden, während man gleichzeitig von einem trügerisch harmonischen Soundtrack durch den 43-minütigen Kurzfilm begleitet wird. Ich wünschte, dass weitaus mehr Künstler sich an solchen Finessen versuchen würden, doch letztlich sind es ebendiese, die die Spreu vom Weizen trennen. Damit zählt "Livslede" zu den Alben im Jahre 2020, die mich am meisten beeindruckt und - viel elementarer - auch nachhaltig berührt haben.

Draconian - Under A Godless Veil

Damit ist DRACONIAN nicht nur ihr bestes Album seit "The Burning Halo" gelungen, sondern auch eine der besten Veröffentlichungen des Jahres 2020; kompositorisch ist "Under A Godless Veil" womöglich sogar das beste in der Diskografie, weil die Schweden hierauf eine Musikalität aus ihrem Songwriting extrahieren und so konzentrieren konnten, dass man trotz aller Trostlosigkeit immer wieder eintauchen und vom Spannungsbogen belohnt werden möchte. Somit ist das Quintett heuer auf einer Stufe mit den großen Namen der Szene und beendet die Wartezeit mit einem grandiosen Output mit hohem Wiederspielwert.

Callejon - Metropolis

Wie also fühlte sich der Trip durch CALLEJONs "Metropolis" an? Phänomenal. Das Versprechen, das man einst mit "Videodrom" und "Blitzkreuz", später dann auch mit "Wir sind Angst" und "Fandigo" gab, wird hier vollumfänglich eingelöst. Oftmals spricht man in solchen Fällen davon, dass eine Band erwachsen geworden sei, was sicherlich auch hier zuträfe, doch eigentlich ist "Metropolis" einfach nur die Kulmination dessen, was man schon seit Anbeginn der Band transportieren möchte. Es ist dieses eine Album, bei dem einfach alle Sterne richtig stehen, bei dem alles zusammenkommt, bei dem sowohl der musikalische als auch der textliche Teil genau so auf den Punkt gebracht wird, wie es schon immer sein sollte. Für manch einen von euch mag es nun Haarspalterei sein, doch der vollen Punktzahl verweigern sich CALLEJON dieses Mal nur aus eigenen Stücken, weil die viel zu klinische Soundproduktion inkl. Abmischung und Mastering diesem abwechslungsreichen, filmischen, ja, herausragenden Metalcore-Erlebnis einfach nicht hunderprozentig gerecht werden kann.

Imperial Triumphant - Alphaville

Ja, meiner persönlichen Interpretation nach arrangieren IMPERIAL TRIUMPHANT auf ihrem meisterlichen Century-Media-Labeldebüt "Alphaville" eine beängstigende und zugleich hochspannende, bilderreiche Dystopie, deren Soundtrack zwischen progressivem Black Metal, Death Metal und Jazz, zwischen Wahn und beklemmender Stille schreitet. Daran erinnernd schießen Interpreten à la PORTAL, GORGUTS, VOIVOD, DEATHSPELL OMEGA oder auch ORANSSI PAZUZU in den Kopf, doch das New Yorker Trio um Zachary Ilya Ezrin lebt sich trotz unverkennbarer Parallelen in seiner eigenen Vision aus und inszeniert ein für viele Zuhörer wohl kontroverses Album, das großartig produziert wurde und mit seinen unbehaglichen und ungewöhnlichen Soundscapes sämtliche Erwartungshaltungen und Hörgewohnheiten zerschlägt. Das Prädikat Easy Listening kann hiermit seinen Erzfeind küren, aber die Extreme-Metal-Szene ist um einen innovativen Act, der auf seinen Werken sehr viel Raum für opulente Instrumentierung und unterschiedlichste Deutungen gewährt, reicher.

Pallbearer - Forgotten Days

Was mich an PALLBEARER beeindruckt, ist relativ einfach erklärt: Die vier Herren sind authentisch, auch in ihrer Kunst. Und begabt sowieso. Sie können auf jedem Album unterschiedliche Schwerpunkte setzen und bleiben trotzdem dieselbe Band, die sowohl pointierte als auch ausladende Stücke packend umsetzt und dabei Tradition und Moderne glaubwürdig verbindet, mit demselben grandiosen Sänger, der nicht nur in "Vengeance & Ruination" oder "Rite Of Passage" über sich hinauswächst, sondern durchgängig ein Level erreicht, bei dem man jeder einzelnen Silbe Glauben schenkt und die Emotionen regelrecht spüren kann. Ich höre mittlerweile immer mehr Doom und Stoner Metal, entdecke viele spannende Interpreten, aber im Jahre 2020 kommt an PALLBEARER ("Forgotten Days") und ELDER ("Omens") nichts und niemand vorbei.

Orbit Culture - Nija

Puh, also, ehm... ganz ehrlich, mich nerven diese modernen, übertrieben lauten Plastikproduktionen ja mehr und mehr (was soll ich tun, auch ich werde älter...), das habe ich ja schon desöfteren kundgetan, aber ORBIT CULTUREs "Nija" ist trotzdem einfach ein durchweg geiles Album irgendwo zwischen METALLICA (diese Vocals!), GOJIRA und Groove Metal, das zudem auch lyrisch anspruchsvoll mit düsteren Themen wie Zwangsstörungen umgeht. Wenn diese vier Schweden nicht bald ihren verdienten Durchbruch feiern, weiß ich auch nicht mehr weiter. Aber hey, gönnt euch lieber das zighundertste Metalcore-Abziehbild rein und feiert es dafür, dass sich genau eineinhalb Akkorde anders als beim vorherigen Ebenbild anhören. 

Myrkur - Folkesange

"Folkesange" ist ein Werk, auf das ich schon gewartet habe, als noch nicht einmal klar war, dass ein reines Nordic-Folk-Album von MYRKUR in der Entstehung sei. Die Dänin Amalie Bruun ist nicht nur eine Meisterin des Not-a-single-fuck-auf-das-Geschwätz-von-sich-in-ihrer-Männlichkeit-verletzt-fühlenden-Schwarzmetall-Elitisten-Givens, sondern - viel wichtiger - ein künstlerisches Multitalent, das die zuvor schon vorhandenen skandinavischen Folk-Einflüsse auf dem Drittwerk in den Vordergrund stellt und mit einem Schuss Pop zu einer ziemlich genialen wie eingängigen Mischung vermengt. Wohltuend in vielerlei Hinsicht, zumal das inmitten all der beliebigen Klone der ohnehin mittelmäßigen DANHEIM-Dudelei auch zum richtigen Zeitpunkt erschien.

Heaven Shall Burn - Of Truth & Sacrifice

Dass HEAVEN SHALL BURN und Doppelalbum funktionieren würde, hätte ich wirklich nie für möglich gehalten. Nach dem endgültigen Durchbruch mit "Iconoclast" schwankte die musikalische Qualität oftmals, weswegen mir seither eigentlich nur "Veto" in seiner Gänze gefiel. Doch vier Jahre Schaffenspause zwischen "Wanderer" und "Of Truth & Sacrifice" zahlten sich offenbar aus, denn so stark geflasht war ich von HSB seit längerem nicht mehr. Letztlich ist "Of Truth & Sacrifice" gar nicht das Meisterwerk der Diskografie, hier und da sicherlich sogar eine Spur zu lang, doch die Vehemenz, mit der die Thüringer hier zahlreiche wichtige Themen verarbeiten, gleicht einer unaufhaltbaren Naturgewalt und damit auch die ein oder andere Macke aus. Zusätzlich gelingen auch die Experimente, die man insbesondere im zweiten Teil verbaut hat, weitestgehend bravourös, was neben gewohnten Granaten auf hohem Niveau auch für Überraschungen und ungeahnte Abwechslung sorgt.

Nightwish - Hvman. :||: Natvre.

Wenn ich länger darüber nachdenke, haut es mich immer noch um, dass es NIGHTWISH nach dem eher mäßigen "Endless Forms Most Beautiful" doch noch einmal geschafft haben, mich zu begeistern. Auch "Hvman. :||: Natvre." brauchte seine Zeit, ja, aber machte einfach vieles richtig, was bereits damit beginnt, dass man wesentlich weniger Pomp implementiert hat. Zumindest ich habe das Gefühl, dass es im Schreibprozess verstärkt um eine stabile Songarchitektur ging und eben nicht darum, wie man einzelne Bausteine so verschieben kann, dass man noch ein Orchester reinquetschen kann. Andere empfanden es wohl als Stückwerk, was hierauf in manchen Liedern präsentiert wird, aber ich halte dagegen und behaupte, dass intuitive Wendungen wie in "Shoemaker" oder "Tribal" das Album erst so erfrischend machen, weil man NIGHTWISH auf "Hvman. :||: Natvre." zwar immer noch zweifelsfrei erkennt, aber eben nicht in dieser zutiefst formulaischen, von A-Z durchkonstruierten und -dachten Form des Vorgängers. Und Floor Jansen... puh. God-Tier-Vocals, mehr kann ich dazu nicht sagen. Ob das schon die komplette Entfaltung ihrer Stimmgewalt ist, möchte ich nicht beurteilen, aber wir kommen der Sache SEHR nahe. Die zweite CD eignet sich übrigens bestens zum Lesen.

The Black Dahlia Murder - Verminous

Machen wir es kurz: "Verminous" wird schon bald mein persönliches Lieblingsalbum seit "Nocturnal" sein, da es in den letzten Wochen nicht nur ein unglaublich hohes Replay-Value offenbarte, sondern gleichzeitig auch rasch ganzheitlich im Gedächtnis haften blieb. Das ist insofern interessant, weil THE BLACK DAHLIA MURDER bisher immer zuverlässig ablieferten, hier aber ein noch kompletteres Melodeath-Kunstwerk erschaffen haben, bei dem vom Artwork über den Sound bis hin zu den hervorragend durchkomponierten Songs quasi alles stimmt.“ Und es ward so gekommen wie es geschrieben stand. Brandon Ellis FTW!

Undeath - Lesions Of A Different Kind

Nein, hierbei handelt es sich nicht um einen Schreibfehler, das Wort Lesions existiert tatsächlich und bedeutet im Deutschen so viel wie Wunden oder Läsionen. Netter side fact: Der Bandname UNDEATH ist tatsächlich nur zweimal in Nutzung; eigentlich sogar nur ein einziges Mal, wenn man bedenkt, dass die gleichnamigen Dänen seit ihrem Demo aus dem Jahre 1989 nicht mehr aktiv waren. Nun aber zu den Amerikanern, die mit "Lesions Of A Different Kind" ein durch und durch geiles Debüt abgeliefert haben, das sich nebst Anlehnung an die finnische und britische Szene auch ein bisschen im Stile klassischer CANNIBAL CORPSE und damit eine Spur technischer als viele andere OSDM-Vertreter austobt. Auch hier wird man natürlich mit Schmutz, abgetrennten Leichenteilen, Eiter usw. beworfen, nur eben mit einem verspielten Twist. Lohnenswert!

Neaera - Neaera

Viele haben es sich gewünscht und wollten ebenjene Re-Union deshalb auch immer wieder aus den vereinzelten Konzertauftritten lesen, doch die eigentliche Rückkehr NEAERAs erfolgte dann relativ unerwartet und prompt mit einer explosiven Single, die halt einfach nur geil war und Bock machte. Genauso wie das Album übrigens, auf dem ein gewaltiges Feuer lodert. Die Münsteraner waren ja sowieso immer pissig und bissig, doch es lässt einen das Gefühl nicht los, dass "Neaera" diesbezüglich trotzdem zulegen konnte und so wird man hier 43 Minuten und ein paar Zerquetschte lang mit einem bösen Hitfeuerwerk bearbeitet, das wirklich alles bietet, was man von NEAERA hören möchte und gleichzeitig mit einer fast schon jugendlichen Aggression agiert, die man selten in einer über viele Jahre gereiften und natürlich auch gealterten Band hört.


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Lesercharts: Die meistgelesenen Artikel des Jahres 2020
Seite 3: Jahresrückblick von Angelika Oberhofer
Seite 4: Jahresrückblick von Anthalerero
Seite 5: Jahresrückblick von bender
Seite 6: Jahresrückblick von Brigitte Simon
Seite 7: Jahresrückblick von Christian Wiederwald
Seite 8: Jahresrückblick von Daniel Hadrovic
Seite 9: Jahresrückblick von Ernst Lustig
Seite 10: Jahresrückblick von Franziska Anson
Seite 11: Jahresrückblick von Hans Unteregger
Seite 12: Jahresrückblick von Joel Feldkamp
Seite 13: Jahresrückblick von Julian Dürnberger
Seite 14: Jahresrückblick von Lord Seriousface
Seite 15: Jahresrückblick von Martin Weckwerth
Seite 16: Jahresrückblick von Pascal Staub
Seite 17: Jahresrückblick von Sandy
Seite 18: Jahresrückblick von Sonata
Seite 19: Jahresrückblick von Tobias
Seite 20: Jahresrückblick von Werner Nowak


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